Weltmacht Fußball Der Krieg der Elefanten

ELFENBEINKÜSTE: Politik, sagt man, sei das eine, Fußball das andere. Die Nationalelf aber glaubt, den Bürgerkrieg im Land beenden zu können.

Von Ullrich Fichtner


Es sind Flugzeuge über der Stadt, vierstrahlige Uno-Maschinen, sie zeigen ihre grauen Bäuche im Tropenhimmel, sie überfliegen Abobo im Norden, seine erdigen Slums und Märkte, sie überfliegen die Prachtbauten der Reichen und Mächtigen von Cocody, das große Wasser der Lagune Ébrié, sie überfliegen Frankreichs Kasernenstadt Port-Bouët im Süden, sie landen Schlag auf Schlag in Abidjan, und wenn gerade Sonntag ist, später Nachmittag, dann passieren sie im Sinkflug grob geschätzt 2000, 3000 zeitgleich laufende Fußballspiele.

Kinder füllen die Straßen, Halbstarke sind auf den Plätzen, wenn aus der ausladenden Vier-Millionen-Stadt an der zerfransten Atlantikküste langsam die größte Hitze weicht, dann beginnt das große Spiel, überall, in den Vierteln Adjamé und Attecoube, in Treichville und Vridi, in Plateau und Rivera, sie spielen am Hafen, an den Stränden, auf Parkplätzen, unter Palmen, sie spielen auf zwei oder nur auf ein Tor, auf Hockeygehäuse, auf Kleiderhaufen, sie schießen auf Tore, markiert von Ästen, Mülltüten, Waschpulvertonnen.



Olympic Sport Abobo spielt, die Junioren in Gelb-Blau, sie treiben den Gegner von Etoile Sportive in die Enge auf einem Spielfeld aus welliger, senfbrauner Erde, ein Schulhof eigentlich, in den die Regenzeit tiefe Rinnen gegraben hat. Die Bälle springen so unkontrollierbar auf wie Rugby-Eier, bei Pfostenschüssen wollen die morschen Tore stürzen, und es sind ständig, weil auch am Spielfeldrand überall Knäuel von Kindern ihre Turniere spielen, zwei, drei Bälle auf dem Feld, aus Plastik, aus Leder, aus verknoteten Lumpen.

Die Tout-Puissants aus Koumassi spielen, die "Allmächtigen" in Rot-Weiß, sie waren schon einmal Meister der Fußballschulen von Abidjan, sie haben es mit Esperance 2005 zu tun, im wütenden Kampf verschwindet der Ball in Wolken aus Staub, der Platz ist so uneben wie ein umgepflügter Kartoffelacker, umstanden von räudigen Betonbauten, Omo-Plakatwänden und Hütten, mit Wellblech gedeckt.

Bei Torschüssen zischt der Ball durch die löchrigen Netze, so dass nach jedem Treffer diskutiert werden muss, im Pulk um den Schiedsrichter, ob überhaupt ein Tor gefallen sei. Das Spielfeld endet nicht an Linien, sondern dort, wo die Füße des Publikums beginnen, und die Zuschauer tragen Sonntagskleidung, frische Trikots, die doppelt hell leuchten im Ocker, im Umbra, im fahlen Braun westafrikanischer Luft: Juventus Turin. Paris St. Germain. Arsenal London. Bayern München. Ajax Amsterdam. FC Barcelona.

Es ist weit nach Europa von Abidjan, weit nach Europa von Yopougon, das ist der westlichste Teil Abidjans, ein Viertel wie ein afrikanischer Bilderbogen voller Kleinstläden für Batterien oder Schwämme oder Bonbons entlang den Straßen, voller Märkte, auf denen sich faustgroße Schnecken finden, Buschwild, Ananas, Kokosnüsse wie haarige Tierschädel zu Bergen aufgetürmt. Auch hier spielen sie, die Kinder, die Männer, sie spielen barfuß oder mit Korodjos an den Füßen, das sind weiße Riemchenschuhe aus Plastik, das Paar zu 700 Franc, macht einen Euro, fünf Cent.

Frauen in grellem Tuch kreuzen die Spielfelder mit gewaltigen Kopflasten, Eselskarren ziehen durch die Tore, Ziegenmärkte ufern aus in den Strafraum, es weht Wäsche hinter jeder Szene, vor jedem Haus, und vor jedem fünften steht ein verwitterter, handbemalter Kickertisch. Die Metzgerläden hier heißen "Gottes Wille geschehe", und Bäckergeschäfte nennen sich "Der Herr sei mein Hirte", hier, in einem verwinkelten Viertel aus einstöckigen, fensterlosen Betonbauten, auf einem Platz von vielleicht 20 mal 30 Metern, zwischen Großmüttern, die Getreide stampften, und Tanten, die die Wäsche walkten, trat Didier Zokora, den sie den "Maestro" nennen, zum ersten Mal gegen einen Ball.

Zokora trägt die Nummer 5 der Nationalmannschaft von Côte d'Ivoire. Mit 17 schon, vor 8 Jahren, machte er sein erstes Spiel für die Elefanten, es war ein 2:2 gegen Tunesien, 1998 in Abidjan. Zokora kam damals zur Halbzeit, und er wurde seitdem nicht mehr oft ausgewechselt.

Es gibt Mittelfeldspieler, die eigentlich Stürmer sind, und solche, die besser Verteidiger wären. Zokora ist für die Mitte geboren, er ist für das Kraftzentrum des Fußballs gemacht, für das mittlere Drittel des Geschehens, wo sich ständig zehntausend Optionen bieten, wo das Spiel keinen Rand hat, wo die Mannschaft im Angriff in Splittersekunden die wesentlichen Entscheidungen zu fällen hat.

Die Zuschauer tragen Sonntagskleidung - Trikots von Juventus Turin, Arsenal London, FC Barcelona.

Zokora ist schnell, und er war es von klein auf. In den Straßen um sein Elternhaus finden sich Augenzeugen dafür in Scharen, Freunde von damals, gealterte Talente, die mit ihm spielten im Staub der Straßen. Er war nicht nur ein schneller Läufer, sondern schnell vor allem in den Hüften, in den Schultern, im Becken, er ist es geblieben bis heute, und das bringt ihm, Mann gegen Mann, endlose Möglichkeiten der Täuschung.

Zokora kann eine Bewegung seines Körpers binnen eines Wimpernschlags zurücknehmen und in die Gegenrichtung drehen, er gibt seinen Gegnern Rätsel auf, über die sie noch grübeln, wenn er schon, längst an ihnen vorbei, seine Mitspieler mit schnurgeraden Pässen bedient.

Seine Karriere lässt sich auf viele Weisen erzählen, die einfache Variante ist die Geschichte vom Kind aus armer afrikanischer Vorstadt, das durch Talent und Fleiß und Gottesglauben seine Ziele erreicht. Er wurde entdeckt erst in seiner Straße, dann in seinem Viertel, dann in Yopougon, dann kannte man ihn bald in ganz Abidjan. Er spielte für ASEC Mimosas, das ist das Bayern München Westafrikas, er wurde gezogen für die Nationalmannschaft der Junioren, reiste mit ihr zu Turnieren, wurde entdeckt, wurde gekauft, und jetzt findet um ihn, in diesen Wochen und Monaten vor der WM 2006, ein Bietergefecht statt, in dem es um Millionen geht.

Es geht für Zokora, den im Moment noch unersetzlichen Regisseur des AS St. Etienne, um den Durchbruch in die Champions League, es geht um Namen wie Chelsea. Wie Manchester. Wie Lyon. Turin. Mailand. Es geht darum, dass sich Lebenskreise wunderbar schließen, darum, dass Zokora die Trikots, die er als Kind in Abidjan an Sonntagen an jeder Ecke sah, in naher Zukunft selbst, auf einem Fußballfeld, wird tragen dürfen.

Seine Eltern wohnen jetzt in einem großen Haus in Yopougon, das aussieht wie ein Bunker hinter hohen Mauern, ein Geschenk des erfolgreichen Sohns, bezahlt vom ersten Geld, das er als Profi in Europa verdiente. Der Bau steht in einem Zug besserer Straßen, dort parken schöne Autos vor Garagen, und kein Marktbetrieb stört die Ruhe der Tage.



© SPIEGEL special 2/2006
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