Spuren der Geschichte Tore zur Unterwelt

Ein geflutetes Höhlenlabyrinth durchzieht auf Hunderten von Kilometern die mexikanische Halbinsel Yucatán. Forscher suchen hier nach den Hinterlassenschaften der Maya - ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn der Bauboom in der Touristenregion lässt Eingänge und Tunnel zusammenstürzen.


Der Einstieg ist nur knapp einen Meter breit, ruhig schimmert der Wasserspiegel wie in einem kleinen Teich. Arturo González zwängt sich im Neoprenanzug als Letzter hindurch. In der dahinterliegenden dunklen Wasserhöhle sieht er bereits beruhigend die Lampen seiner Kollegin Carmen Rojas im glasklaren Wasser leuchten, die dort mit dem Profi-Taucher Robert Schmittner auf ihn wartet.

Doch dann macht der Archäologe González, 41, hektische Gesten. Er wedelt mit den Händen, formt sie zu einem Kasten und drückt mit dem Zeigefinger auf einen imaginären Auslöser. Mit einem Flossenschlag taucht Schmittner, 31, an ihn heran. González macht ihm im Schein seiner Lampe klar: die Kamera! Die Kamera ist noch oben, über Wasser. Und ohne Kamera keine Fotos, und die Fotos sollen doch die Beweise sein. Kaum eine Gegend auf dem Planeten ist derart unterkellert und durchlöchert wie die mexikanische Halbinsel Yucatán, das ehemalige Reich der Maya. Und kaum ein Labyrinth birgt noch so viele Geheimnisse und Geschichten wie diese Unterwelt. Das System aus Gängen, Höhlen, Spalten und Röhren steht unter Wasser - und niemand weiß, wie groß es wirklich ist, und was sich dort noch alles verbirgt.

Yucatán ist ein Eldorado für Archäologen, Anziehungspunkt für Forscher aus aller Welt, denn das Volk der Maya hinterließ Tempel, Pyramiden und Städte im Dschungel. Unter der Erde liegt noch mehr - was Unterwasserarchäologen aber erst seit wenigen Jahren erforschen.

Vor rund 65 Millionen Jahren schlug im Golf von Mexiko ein Meteorit ein, der das Weltklima veränderte und damit vermutlich die Dinosaurier auslöschte. Und nachdem Millionen Jahre später die Halbinsel Yucatán aus dem Meer auftauchte, bildete sich ein Gewirr aus Höhlen, Wasserlöchern und unterirdischen Flüssen, ein einzigartiges Ökosystem mit kristallklarem Süßwasser, das mit dem Karibischen Meer verbunden ist. Über Tausende von Kilometern durchzieht es die Unterwelt, ein weitestgehend unerforschtes Archiv, das sich nur auf abenteuerlichen Wegen erschließen lässt.

Diese Wege beginnen am Ufer der sogenannten Cenotes - rund 3000 kleine Wasserlöcher, irgendwo im Dschungel versteckt, durch die sich nur wagemutige oder besessene Taucher mit Spezialausrüstung in die Unterwelt zwängen. Und dort dann liegen sie, die Fundgruben für Archäologen und Grabräuber.

Es ist eine gefährdete Welt, denn oben brummt die Gegenwart Mexikos. Yucatán ist Tourismusschwerpunkt, mit Tequila und Traumstränden. Oben klingt alles anders. Der Eingang zur Höhle, die González, Schmittner und Rojas nun erkunden, liegt zwar im Dschungel, dennoch hört man die Fernstraße 307. Die Zukunft kündet ihr Kommen mit lautem Poltern an, es wird gerodet und gebaut. Auf den Straßen Yucatáns donnern Lkw über die holprigen Pisten und bringen den Beton für die Bettenburgen der Zukunft.

Nur wenige Meter darunter schlafen die Götter der Maya in ihren nassen Grotten, seit langer Zeit ungestört, unentdeckt. Jahrhundertelang nahmen die Höhlen Knochen, Pflanzen, Ablagerungen und Zeugnisse urzeitlicher Menschen auf. Eiszeiten sind in ihre Wände eingeschrieben, Sedimente konservierten die Knochen prähistorischer Tiere.

Carmen Rojas, 29, entdeckt zwei Krüge am Boden und taucht näher heran. Es sind zwei sehr guterhaltene Exemplare aus der Maya-Zeit, aber hier unten nichts Besonderes. Rojas, Maya-Expertin des Nationalinstituts für Archäologie und Geschichte (INAH), weiß, dass das Kulturvolk die Cenotes als "heilige Quellen" nutzte. Die Löcher im Karst waren mystische Stätten, Maya-Pyramiden sind oft in der Nähe von Cenotes gebaut.

An den Rändern der tiefen Becken hielten sie ihre Opferrituale ab. Für die Maya waren die Cenotes Eingänge nach Xibalba - dem Jenseits. Und das Reich der Toten nahm in ihrer Vorstellung Einfluss auf die Lebenden.

Für die Maya war alles miteinander verbunden, ihr Weltbild glich einem Baum: In der Mitte die Menschen, die Äste trugen den Himmel, und unter der Erde ragten die Wurzeln in das Reich der Toten. Dort regierte der Regengott Chac, dem man Opfer darbringen musste.

Manchmal schnitten sich die Maya-Priester mit Klingen in Zunge oder Penis und ließen das Blut in die Cenotes fließen. Manchmal versenkten sie auch größere Gaben, verstaut in schweren Tonkrügen. Und oft töteten sie am Rand der Cenotes Sklaven oder Gefangene und ließen dann deren Körper ins Wasser der Unterwelt gleiten.

Sehr lange glaubten Wissenschaftler, dass nur Jungfrauen in den Cenotes ihr Ende fanden - lebend hineingestoßen oder vorher zur Ader gelassen und dann in den Löchern versenkt. "Doch jetzt können wir nachweisen, dass nicht alle Toten dort unten Menschenopfer waren - und dass auch nicht nur Frauen da unten liegen", sagt Rojas.

So haben sie, González und Schmittner jüngst bei einem Tauchgang das guterhaltene Skelett einer alten Frau gefunden, die in einer tiefgelegenen Nachbarhöhle wie in einer Unterwasser-Grabkammer aufgebahrt worden war - ohne Spuren von Gewalteinwirkung. Das bestätigt die These, dass die Cenotes nicht nur Opfer- sondern auch Grabstätten waren.

DER SPIEGEL
Gleichzeitig stellt es die Forscher jedoch vor neue Fragen: Wie ist die Tote dahin gekommen? Das INAH-Team konnte feststellen, dass der Fundort bereits zur Zeit der Maya unter Wasser stand. Zugleich liegt die Höhle so weit weg vom nächsten Zugang, dass man ohne Tauchtechnik, ohne Luftschläuche beispielsweise, unmöglich dorthin gelangen konnte. Weil Rojas und ihre Kollegen auch ausschließen konnten, dass der Körper von irgendeiner Strömung dorthin getragen wurde, suchen sie nun nach weiteren Belegen für eine These, die in der Maya-Forschung eine Sensation wäre: Hatte das Kulturvolk bereits Tauchgerätschaften erfunden?

Die Maya erlebten ihre Blütezeit zwischen 300 und 900 nach Christus. Sie beherrschten ein Gebiet, das große Teile Mittelamerikas umfasste. Sie hatten eine hochentwickelte Kunst und Architektur, sie kannten viele Gesetze der Mathematik und der Astronomie. Doch bis heute ist ungeklärt, warum diese Hochkultur um 900 nach Christus dann an Bedeutung verlor und schließlich unterging.

Deshalb seien die guterhaltenen "Unterwasserarchive von unschätzbarem Wert für uns", sagt González. Die Unterwasserarchäologie in den Cenotes ist noch eine junge Disziplin, erst seit einigen Jahren dringen wagemutige Wissenschaftler in das dunkle Nass vor, auf der Suche nach Knochen, Gefäßen, Werkzeugen, nach stummen Zeugen also, die ihnen helfen könnten, eine längst vergangene Zeit zu verstehen.

Doch sie sind nicht allein. Grabräuber haben auf Yucatán bereits in großem Stil geplündert. "Die Objekte werden im Internet für mehrere tausend Dollar gehandelt", klagt Rojas. Für sie eine Katastrophe: "Mit jedem Stück fehlt uns ein Teil des Puzzles."

Männer wie der Deutsche Robert Schmittner und sein Tauchkollege Jim Coke aus den USA sind deshalb Glücksfälle für die Wissenschaftler. Während die Profi-Taucher ständig auf riskanten Ausflügen nach neuen Wegen und Verbindungen zwischen den einzelnen Höhlen- und Tunnelsystemen suchen, gleiten sie unterwegs immer wieder über "altes Zeug", wie Schmittner die Funde nennt.

So fanden sie Beweise für ein Lagerfeuer, das vor über 10.000 Jahren in einer der seit Jahrhunderten schon gefluteten Höhlen gebrannt haben muss. Es scheint, als wäre diese Höhle die älteste bisher bekannte menschliche Behausung auf der Halbinsel. Noch älter sind viele Fossilien, ein Riesengürteltier, Knochen einer längst ausgestorbenen Urpferd-Rasse, Knochen von Verwandten der Mammuts. Alle stammen aus einer Zeit - dem Pleistozän - als Yucatán noch eine karge Steppe war.



© SPIEGEL special 3/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.