Die Täter Der Professor und der Terrorist

Bei Dittmar Machule hat Mohammed Atta studiert. Nun ringt der Hochschullehrer damit, was diese Erfahrung für ihn bedeutet.


Die Tür zu seinem Büro unterm Dach steht offen. Wie damals vor fünf Jahren, als die Journalisten kamen, um Dittmar Machule zu fragen, wie er gewesen sei, der Student Mohammed Atta. Und wie er, Machule, sich fühle, als Lehrer eines Massenmörders.

Wissenschaftler Machule: Satz für Satz auf Warnzeichen überprüft
Wilfried Bauer

Wissenschaftler Machule: Satz für Satz auf Warnzeichen überprüft

Mit mehr als 50 Journalisten hat er damals gesprochen. Die meisten saßen auf dem Platz, an dem oft auch Mohammed Atta gesessen hatte. An dem abgeschabten roten Küchentisch, der mitten in Machules Zimmer an der Technischen Universität Hamburg-Harburg steht, eingerahmt von Stapeln angegilbter Akten.

Machule beschrieb, wie er besonderen Gefallen an diesem "höflichen, intellektuellen und frommen Studenten" gefunden hatte. Mühsam rang er mit der Realität: "Das Wort Massenmörder? Ja, es ist Fakt, natürlich ist es Fakt."

Der Professor für Stadtplanung ist ein feingliedriger Mann mit Lesebrille, die er an einem Band um den Hals trägt. Eigentlich wäre er im April schon pensioniert worden, aber er hat seinen Vertrag noch einmal verlängert, weil er zu sehr hängt an seinen Forschungsprojekten und seinen Studenten. Er ist einer, der alle seine Studenten duzt. Einer, der sich der Welt über den Verstand nähert.

Ob er sich betrogen fühle, hatte ihn damals jemand gefragt. "Natürlich, natürlich", hat er geantwortet. Mit bebender Stimme und mit Formulierungen, die sich krampfhaft um Distanz bemühten: "Man hat ihn unterrichtet, man war interessiert, man hat ihn unterstützt. Was fühlt man, wenn man hört, dass dieser Mensch ein Mörder ist?" Zwei-, dreimal überwältigten ihn damals seine Gefühle.

Heute sagt er, all diese Gespräche habe er auch für sich selbst geführt. Um besser zu verstehen. Um sicher zu sein, dass er nichts übersehen habe, kein Warnzeichen, bei dem er das Schreckliche hätte ahnen können. Inzwischen ist er sicher: "Ich habe nichts übersehen." Erst vor einigen Monaten hat er Mohammed Attas Diplomarbeit über die Altstadt des syrischen Aleppo noch einmal gelesen, Satz für Satz, "dezidiert mit dieser Fragestellung".

Er holt die alten Seminararbeiten aus der Schreibtischschublade. In einer schreibt Atta: "Tradition ist nicht notwendigerweise altmodisch und ist nicht gleichbedeutend mit Stagnation. Darüber hinaus muss eine Tradition nicht althergebracht sein, sondern kann erst kürzlich begonnen haben." Bedeutete das etwas? Machule hat auch notiert, dass Atta mürrisch reagierte, als der Professor einmal erwähnte, Tourismus könne ein Motor für islamische Regionen sein.

Aber sonst? Erst kürzlich hat Machule die Kopie eines Briefes gefunden, den er Atta für ein Studienprojekt in Kairo mitgegeben hatte: "Ich kenne ihn sehr gut und bürge für Mohammed in jeder Beziehung", schrieb er dort. Zweifelnd blickt er auf das Blatt Papier: "In jeder Beziehung", er macht eine Pause, "einen solchen Brief würde ich heute nicht mehr schreiben".

Aber sein Leben verändert habe Mohammed Atta nicht, sagt er - und erzählt dann lauter Dinge, die nahelegen, dass genau das doch geschehen ist. Erzählt, wie er in den Monaten nach dem 11. September Alpträume hatte und dass ihm Atta noch heute immer wieder in den Sinn kommt, wenn er in Ruhe ein Buch liest oder in den Momenten kurz vorm Einschlafen. Dann sieht er seinen Studenten vor sich sitzen und erinnert sich an seine Hoffnung, Mohammed Atta könne vermitteln zwischen dem Westen und der arabischen Welt.

Anschließend kommen gleich die anderen Bilder - Menschen, die aus den brennenden Türmen springen, Feuerwehrleute, die die Treppen hochlaufen und nicht zurückkehren.

Machule sagt, heute fühle er sich nicht mehr betrogen, das sei ein zu starkes Wort, er fühle vor allem, "Erschrecken davor, was in den Menschen auch stecken kann. Jeder könnte in der Lage sein, die schlimmsten Dinge zu tun". Er traue den Menschen viel mehr zu, sagt er und meint damit Grausamkeiten. Menschlich, dass sei eben auch zu handeln wie der Ingenieur des Holocaust, Adolf Eichmann, oder wie der Stasi-Mann, der die eigene Ehefrau verrät - oder wie eben Mohammed Atta.

Wenn bei Ausgrabungen in arabischen Ländern Einheimische etwa Hitler loben, "nehme ich das viel ernster als früher, sehe eher die Gefahren". Vor allem will Machule dazu beitragen, dass die "Spielregeln einer freien Universität und Gesellschaft, die ich für richtig halte, auch eingehalten werden. Da bin ich missionarisch geworden." Und manchmal, bekennt der Hochschullehrer, ertappe er sich auch dabei, seine Studenten skeptischer zu sehen als früher.

Machule redet lange und viel, wenn man ihn auf Atta anspricht. In seiner Dachstube 201 am Rande des Harburger Campus ist der 11. September noch nicht vorbei. "Ich leide nicht, aber sowie mich jemand antickt", sagt Attas Professor, "kommt es raus."



© SPIEGEL special 6/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.