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Job & Karriere

Berufsstart "Generation des Weniger"

Der Münchner Soziologe Ulrich Beck über Unsicherheit als kollektive Erfahrung

SPIEGEL: Unbezahlte Praktika für Hochschulabsolventen, befristete Verträge und Teilzeitstellen für Berufseinsteiger - sind das Symptome einer Krise auf dem Arbeitsmarkt, die auch wieder vorübergeht?

Beck: Nein, der Übergang zu unsicheren Arbeitsverhältnissen ist ein richtiger Generationsbruch und sogar etwas, das eine neue Generation konstituiert. Überall in der industrialisierten Welt nimmt der Anteil prekärer Arbeitsverhältnisse erheblich zu.

SPIEGEL: Mussten sich die Jungen, die am Anfang eines Berufslebens stehen, Karriere und Wohlstand nicht schon immer hart erkämpfen?

Beck: Es war zwar stets so, dass es eine Zeitspanne der Unsicherheit gab, zwischen Abschluss und festem Arbeitsverhältnis. Aber heute müssen sich immer mehr junge Menschen damit abfinden, überhaupt keinen festen Vertrag mehr zu bekommen. Allerdings gilt auch: Je geringer die Ausbildung, desto größer die Unsicherheit.

SPIEGEL: Sind Flexibilität und Mobilität nicht auch Ausdruck größerer Freiheit, von der junge Menschen profitieren?

Beck: Wir haben es mit einer Generation von Lebenskünstlern zu tun, die mobil, flexibel und häufig auch schöpferisch sein will und gerade deswegen eher bereit ist, sich auf Arbeitsbedingungen einzulassen, die eigentlich nur als Ausbeutung gelten können. Kreative junge Leute machen heute viele Dinge gleichzeitig, aber kommen oft auf keinen grünen Zweig. So entsteht eine neue "kreative Armut", ein Proletariat der Selbstverwirklicher.

SPIEGEL: Das gilt sicher für die neuen Bohemiens, die in Stadtteilen wie dem Berliner Prenzlauer Berg mit Laptops in Cafés sitzen und Drehbücher schreiben. Aber bei diesen Kreativen handelt es sich doch um eine relativ kleine Gruppe?

Beck: Die Selbstverwirklichung ist für eine ganze Generation zur Voraussetzung geworden. Gerade höherqualifizierte junge Menschen wollen heute etwas tun, das auch dem eigenen Selbstverständnis entspricht. Viele hangeln sich deshalb von einem mehr oder weniger illusionären Teiljob zum nächsten. Die Paradoxie ist, dass sie damit den Arbeitgebern unendlich entgegenkommen: Hochfliegende Träume, aber keine festen Vertragsverhältnisse mehr, keine Kontrollen, das machen die jungen Leute heute alles selbst. Sie sind Selbstunternehmer, Selbstausbeuter, die sich auch noch selbst anklagen, wenn etwas schiefläuft. Und große Firmen nutzen das aus. Von prekären Arbeitsverhältnissen sind ja inzwischen auch Betriebswirte, Volkswirte und Naturwissenschaftler betroffen, von denen man immer dachte, die sind gut ausgebildet und kommen gut an.

SPIEGEL: Vor allem im Westen des Landes sind die meisten jungen Leute in wirtschaftlich stabilen Verhältnissen aufgewachsen. Ein hohes Maß an persönlicher Freiheit auch auf dem Weg ins Berufsleben erschien geradezu als selbstverständlich. Eine Illusion?

Beck: Bisher mussten die Jungen weder für die Demokratie noch für Wohlstandsperspektiven kämpfen. All das wurde ihnen sozusagen geschenkt. Doch nun müssen sie erkennen: Es geht nicht nur aufwärts, diese Gesellschaft fährt im Fahrstuhl nach unten, und wir sind die Generation des Weniger.

"Wir haben es mit einer Generation von Lebenskünstlern zu tun, die mobil und flexibel sein will."

SPIEGEL: Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind aber doch für Arbeitnehmer aller Altersgruppen gestiegen. Mobilität und Flexibilität werden heute auch von Älteren erwartet. Warum ergeben sich für die Jungen besondere Probleme?

Beck: Weil sie in einer Phase sind, in der man Sicherheit braucht, um eine Familie zu gründen. Der Knackpunkt ist dann erreicht, wenn sich die eigenen Hoffnungen auf Partnerschaft, auf Kinder, auf all das, was man eigentlich auch haben will, nicht mehr verwirklichen lassen. Die schwarz-rote Regierungspolitik ist skandalös widersprüchlich: Man will Familien und den vollflexiblen, vollmobilen Arbeitnehmer, also den vollmobilen Vater, die vollmobile Mutter. Kann mir jemand verraten, wie die Kinder in die Welt setzen sollen?

SPIEGEL: Aber fiel die Familiengründung zeitlich nicht schon immer mit wichtigen Karrierephasen zusammen?

Beck: Ja, für berufstätige Väter schon, aber heute ist es auch für Frauen notwendig, eine eigene berufliche Existenz aufzubauen. Mütter wollen und müssen berufstätig bleiben, auch weil sich das klassische Ehemodell allein aufgrund der Scheidungsraten überlebt hat.

SPIEGEL: In Frankreich begehrt die "génération précaire" auf. Schüler, Studenten und Gewerkschaften erreichten durch ihre vielfältigen Proteste im Frühjahr vorvergangenen Jahres einen Stopp der damals geplanten Arbeitsmarktreformen, die eine zweijährige Probezeit für Berufsanfänger vorsahen. In Deutschland hingegen hält sich der Protest der akademischen Verlierer noch in Grenzen.

Beck: In Frankreich sind Proteste Bestandteil des nationalen Selbstbewusstseins. Aber auch hierzulande kann ein Protestfunke zünden. Wenn die schwierige Integration in die Arbeitswelt für eine Generation als Kollektivproblem sichtbar wird, kann das sofort zum politischen Thema werden.

Das Interview führte Julia Bonstein

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