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Fächerreport Sprach- und Kulturwissenschaften Talent zum Dienen

Sprach- und Kulturwissenschaftler, die sich für Pressearbeit in Verlagen interessieren, brauchen Liebe zur Literatur, Sinn fürs Geschäft - und vor allem gute Nerven.

Anna-Luisa Stadelmann, 28, hat gerade das Buch "Die Lebenspraktikanten" gelesen. Die Lektüre hat die junge Literaturwissenschaftlerin geärgert. Das Werk sei larmoyant, sagt sie, ein Klagegesang darüber, dass Studienabgänger sich heute von Praktikum zu Praktikum hangeln müssten. "Ach Gott, wir Armen, keiner will uns!" Diese Attitüde gefällt Stadelmann nicht.

Jeder dürfe sich schon mal beschweren, sagt sie, müsse aber wissen, was er tut. Sie macht gerade ein halbjähriges Verlagspraktikum beim renommierten Münchner Antje Kunstmann Verlag, nachdem sie eine Buchhändlerlehre, ein Studium der Komparatistik, der Buchwissenschaft und der Publizistik absolviert hat. Nach diesem Praktikum sei Schluss, sagt Stadelmann entschieden. "Danach wird Geld verdient." Entweder in der von ihr anvisierten Verlagsbranche oder woanders. Sich als Langzeitpraktikantin verwursten zu lassen kommt für Stadelmann nicht in Frage.

Haben sie es tatsächlich so schwer, die Sprach- und Kulturwissenschaftler, die mit Eifer und Elan studiert haben und nun auf den Arbeitsmarkt drängen? Jürgen Mittelstraß, Präsident der Academia Europaea in London, emeritierter Konstanzer Philosophieprofessor und Leiter des Österreichischen Wissenschaftsrats, ist zuversichtlich. "Ich habe den Eindruck, dass Geisteswissenschaftler nach wie vor gut unterkommen, ihr Betätigungsfeld ist weit und anspruchsvoll."

Mittelstraß ist unbedingt dafür, das zu studieren, "woran man ein echtes Erkenntnisinteresse hat". Das sieht Anna-Maria Engelsdorfer, Beraterin für akademische Berufe bei der Münchner Agentur für Arbeit, ebenso. Wenn Geisteswissenschaftler nicht nur "pure Theoretiker" sind, sagt sie, seien die Aussichten viel besser, als die jungen Leuten erwarteten. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit bei Geisteswissenschaftlern zwar noch immer höher als in anderen Studienfächern - aber immer noch wesentlich niedriger als bei Nichtakademikern.

"Die wissen viel, sind aber sehr unsicher"

Häufig kommen die Studenten zu spät zu Engelsdorfer. Gut wäre ein Jahr vor Abschluss des Studiums, eher noch früher, sagt sie. Dann bliebe Zeit für eine genaue Zielfindung. Engelsdorfer sieht ihre Aufgabe in Beratung und Coaching, denn häufig herrsche gerade bei Sprach- und Kulturwissenschaftlern große Ratlosigkeit. "Die wissen viel", sagt Engelsdorfer, "sind aber sehr unsicher." Die angehenden Berufsanfänger hätten den Kopf voller Informationen und Ideen, könnten sie aber nicht zu einem konkreten Beruf in Beziehung bringen. "Ratsuchende" nennt Engelsdorfer ihre Klienten. Sie ermuntert sie, initiativ zu werden, gibt nützliche Adressen weiter sowie Tipps für Vorstellungsgespräche.

Als Wegbereiterin räumt sie auch mit Vorurteilen auf in Sachen Praktika: "Viele glauben, die Menge macht's." Falsch. Zu viele unterschiedliche Praktika lassen kein klares Profil erkennen, sind also Zeitverschwendung. Die anspruchsvolle Aufgabe für Sprach- und Kulturwissenschaftler sei, sagt Engelsdorfer, das eigene Ziel zu finden, sei es in der Werbung oder Medienarbeit, im Kulturmanagement oder in der Verlagsbranche.

Wie Stadelmann würden viele gern Pressearbeit bei einem Buchverlag machen. Die weitverbreitete Ansicht dazu: Pressereferenten organisieren Lesungen bedeutender Autoren, sonnen sich in deren Ruhm, gondeln durch die Welt und halten die Verbindung zwischen Autoren, Medienvertretern und Lesern.

Stimmt - aber nur teilweise. Eva Brenndörfer, Pressechefin beim Münchner Piper Verlag, hat etwa den amerikanischen Starautor Michael Moore ("Stupid White Men") auf seiner Deutschlandtour begleitet. Der kam mit elf Leuten, Familienangehörigen und Security-Personal, und Brenndörfer organisierte Stretchlimousinen, Hallen, Hotels und die Rundumbetreuung für alle.

Jede Menge Lesearbeit

Letztes Jahr betreute sie eine Lesereise sowie Pressekontakte für den TV-Komiker und Bestsellerautor Hape Kerkeling. Dessen Buch "Ich bin dann mal weg" schildert höchst unterhaltsam Kerkelings Pilgerweg nach Santiago de Compostela und verkaufte sich bislang über 1,5-millionenmal. Welchen dieser beiden Spitzenautoren hat sie lieber betreut? Netter Versuch - Brenndörfer lacht, und natürlich sagt sie dazu nichts.

Stattdessen verweist sie auf ihre Mitarbeiter: "Ohne mein Team geht nichts." Brenndörfer hat zwei Referentinnen an ihrer Seite sowie eine Stellvertreterin und eine Praktikantin. Autorenbetreuung, sagt sie, sei nur ein Teil des Aufgabenbereichs. Dazu kommt jede Menge "unsichtbare" Arbeit: Intern kommuniziert sie mit allen Verlagsabteilungen, extern mit Zeitungen, TV-Anstalten, Radiostationen und freien Journalisten. Wie die meisten ihrer Kollegen spricht Brenndörfer schnell und auf den Punkt.

Brenndörfer ist direkt dem Verleger unterstellt. Daraus folgt: Sie redet mit, welche Bücher gemacht werden und welche nicht. Planungssitzungen finden wöchentlich statt - mit dem Verleger, dem kaufmännischen Leiter, mit den Lektoren, der Marketing- und Werbeabteilung sowie der Herstellung.

Die Treffen sind zeitraubend, sagt sie, aber wichtig. Dazu kommt jede Menge Lesearbeit: Manuskripte, Presseberichte, Gutachten über Bücher. Das alles liest sie zu Hause. Rund 170 Bücher bringt der Piper Verlag pro Halbjahr heraus. Dazu kommen Jubiläumsfeste, Präsentationen und andere Aktionen, die der Imagepflege des Verlags dienen. Des Weiteren: das phantasievolle Ersinnen von Pressekampagnen.

Brenndörfers Rat an alle, die sich für die Branche interessieren: Praktika machen, egal, wo, Hauptsache, man lernt einen Verlag von innen kennen. "Und wenn man in der Poststelle aushilft." Ihr gefalle es, sagt Brenndörfer, wenn jemand mit anfasse, wo immer es notwendig sei. Sie joggt regelmäßig, um den Kopf freizubekommen, und rät jedem Neuling: "Suchen Sie sich einen Ausgleich, und wenn es Klöppeln ist nach Feierabend."

"Wir sind auch eine Art Bankettabteilung" - aber dafür bietet der Beruf ausgesprochen viel Abwechslung

Sie freut sich, wenn sie mit ihrer Arbeit dazu beiträgt, gute, anspruchsvolle Bücher zu verkaufen. Die gelernte Sozialpädagogin erhielt gleich zu Beginn ihrer Karriere die Chance, in einem Fachverlag die Pressearbeit aufzubauen, wechselte als stellvertretende Pressechefin zu Piper und übernahm einige Jahre später dort die Leitung.

In den Presseabteilungen der Verlage finden sich viele Quereinsteiger und auffallend viele Frauen. Was den Frauenüberschuss angeht, heißt es: Die sind belastbarer und diplomatischer als Männer - was offenbar notwendig ist im Umgang mit Autoren, Verlegern und Journalisten, von denen viele als selbstbezogen und eitel gelten.

"Talent zum Dienen ist nötig", sagt eine Pressefrau, die seit 25 Jahren dabei ist und ungenannt bleiben möchte. Starke Nerven seien wichtig, man müsse sich zurücknehmen können und stets freundlich bleiben. "Wir sind auch eine Art Bankettabteilung", sagt sie und meint damit die Abendessen und Empfänge in Nobelhotels, wo ihr die Wein- und Menüauswahl obliegt. Aber, fragt sie: "In welchem Beruf begegnet man derart vielen interessanten Leuten und neuen Themen?"

Das sieht Ruth Geiger, 47, Pressechefin beim Zürcher Diogenes Verlag, ähnlich. Geiger studierte Germanistik, Geschichte und Psychologie in Zürich und arbeitet seit fast 20 Jahren bei Diogenes. Sie betreut international berühmte Autoren wie John Irving, Donna Leon, Paulo Coelho oder Ian McEwan. Geiger ist zuständig für die gesamte Medienpräsenz des Verlags und seiner Autoren und ist die maßgebliche Ansprechpartnerin für alle Medienvertreter.

Sämtliche deutschsprachigen Medien zu beobachten gehört ebenso zu ihrer Arbeit wie Marketingkonzepte zu erstellen in Zusammenarbeit mit Geschäftsleitung, Lektorat, Werbung und Vertrieb. Die Pflege des Beziehungsnetzes zu Redaktionen und freien Journalisten sei sehr wichtig, eine Arbeit, sagt Geiger, die viel Zeit erfordere. Sie organisiert Interviews, koordiniert Termine auf Buchmessen, betreut Lesereisen und Buchpräsentationen sowie Presseempfänge. Geiger ist außerdem zuständig für Vorabdrucke und kümmert sich um die entsprechenden Honorarvereinbarungen und Verträge.

Wichtig ist der Sinn fürs Geschäft

"Man braucht ein gutes Team mit klarer Aufgabenteilung", sagt sie. Ein Studium sei Voraussetzung für den Beruf. Außerdem sei Organisationstalent und Begeisterung für Literatur notwendig. Dazu diplomatisches Geschick. Denn man müsse die Interessen des Verlags wahrnehmen, gleichzeitig die der Autoren sowie der Journalisten.

Wichtig ist aber auch der Sinn fürs Geschäft. Wer - wie Brenndörfer oder Geiger - Pressearbeit für Bücher macht, weiß: Der Konkurrenzdruck im Verlagswesen ist hart. Die Zahl der produzierten Titel steigt seit einigen Jahren, der Arbeitsaufwand der Pressereferenten erhöht sich zwangsläufig. Also besser nicht ästhetisch und elitär, sondern auch ökonomisch denken und handeln, Umsatz- und Verkaufsquoten berücksichtigen und, als Vor-Leser der Nation, die Trennung zwischen Unterhaltungsliteratur und sogenannter ernsthafter Belletristik, zwischen kultureller Welt und Kommerz aufweichen. "Kein Pressechef", sagt Geiger, "sollte sich für korrupt halten, weil er Literatur auch vermarkten will."

Zur Arbeit gehört mitunter auch: sich lästigen Autoren beugen, die Starstatus besitzen und den Verlagsleuten mit narzisstischem Gezeter das Leben schwermachen. So gibt es Autoren, die sich nur von weiblichen, bildschönen Journalistinnen und nur in ihrer Landessprache interviewen lassen wollen. Für solche Schriftsteller braucht man Geschick, Geduld und gute Nerven.

"Bodenständig muss jemand sein und über ein ausgeprägtes Servicebewusstsein verfügen", erklärt Claudia Limmer, 41, Pressechefin beim Münchner Heyne Verlag. Günstig für das Anforderungsprofil sind auch: robuste Gesundheit und ein strapazierfähiger Partner, der nicht eifersüchtig wird, weil man das fünfte Wochenende in Folge arbeitet. "Ein guter Pressechef", sagt Limmer "trägt vielleicht zu Ruhm und Ehre des Verlags bei, hält sich aber im Hintergrund."

Kommunikativ stark ohne Selbstdarstellungsdrang

Klingt nach permanenter Selbstausbeutung? Ja, Limmer lacht, nur empfinde sie es nicht so. Limmer jobbte nach dem Abitur bei der damaligen Zeitschrift "Transatlantik" mit Hans Magnus Enzensberger zusammen, arbeitete dann bei einem Männermagazin, volontierte beim Bayerischen Rundfunk und war in der Redaktion der "Vogue". Nach weiteren journalistischen Stationen landete sie beim inzwischen verstorbenen Verleger Karl Blessing, für den sie acht Jahre lang als Pressereferentin arbeitete. Sie begleitete Literaturstars wie Michael Crichton und Benoîte Groult sowie den ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin.

Nachdem sie die Presseabteilung beim Ratgeberspezialisten Gräfe und Unzer wieder aufgebaut hatte, wurde Limmer mit Mitte 30 Pressechefin bei Heyne - inzwischen zur Verlagsgruppe Random House gehörend - und ist für sieben Verlage zuständig. Seit zwei Jahren betreut sie zusätzlich die Unternehmenskommunikation und fungiert als Sprecherin von Random House.

Sie hat zehn Mitarbeiter unter sich. Sie müsse "Leute motivieren, ihre Potentiale sehen und zur Entfaltung bringen, viele Entscheidungen treffen, regelmäßig Führungsseminare besuchen". Sie müsse, sagt sie, "kommunikative Stärken haben ohne Selbstdarstellungsdrang", also etwa eine Lesung moderieren können und dabei den Autor gekonnt in den Mittelpunkt stellen.

Auch sie empfiehlt ein Studium der Germanistik oder der Literaturwissenschaft sowie Praktika im Verlagsbereich, um sich auszuprobieren. Bei Heyne bleiben die Praktikanten in der Regel drei bis sechs Monate. In ihrem Bereich, sagt Limmer, sei Kommunikationsfähigkeit das A und O.

So gesehen muss Anna-Luisa Stadelmann für ihren Traumberuf nur wenige Eigenschaften mitbringen: Pressereferenten sind Fürsprecher und Komplizen der Autoren, ob diese nun Stars sind oder nicht, sie dienen als eine Art Doppelagent dem Verleger und den Medienvertretern und benötigen dafür das kaufmännische Verständnis eines Wirtschaftsfachmanns und das Einfühlungsvermögen eines Psychologen.

Das wär's schon. Eigentlich eine Kleinigkeit.

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