Fächerreport Sprach- und Kulturwissenschaften Talent zum Dienen

Sprach- und Kulturwissenschaftler, die sich für Pressearbeit in Verlagen interessieren, brauchen Liebe zur Literatur, Sinn fürs Geschäft - und vor allem gute Nerven.

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Anna-Luisa Stadelmann, 28, hat gerade das Buch "Die Lebenspraktikanten" gelesen. Die Lektüre hat die junge Literaturwissenschaftlerin geärgert. Das Werk sei larmoyant, sagt sie, ein Klagegesang darüber, dass Studienabgänger sich heute von Praktikum zu Praktikum hangeln müssten. "Ach Gott, wir Armen, keiner will uns!" Diese Attitüde gefällt Stadelmann nicht.

Buchmesse: Jedes Jahr im Oktober ist die Mainmetropole Frankfurt Schauplatz der größten Bücherpräsentation der Welt. Im vergangenen Jahr kamen rund 287.000 Besucher. Für die Pressesprecher der Verlage bedeutet die Messezeit Dauereinsatz: Termine koordinieren, Autoren betreuen, Empfänge vorbereiten
DPA

Buchmesse: Jedes Jahr im Oktober ist die Mainmetropole Frankfurt Schauplatz der größten Bücherpräsentation der Welt. Im vergangenen Jahr kamen rund 287.000 Besucher. Für die Pressesprecher der Verlage bedeutet die Messezeit Dauereinsatz: Termine koordinieren, Autoren betreuen, Empfänge vorbereiten

Jeder dürfe sich schon mal beschweren, sagt sie, müsse aber wissen, was er tut. Sie macht gerade ein halbjähriges Verlagspraktikum beim renommierten Münchner Antje Kunstmann Verlag, nachdem sie eine Buchhändlerlehre, ein Studium der Komparatistik, der Buchwissenschaft und der Publizistik absolviert hat. Nach diesem Praktikum sei Schluss, sagt Stadelmann entschieden. "Danach wird Geld verdient." Entweder in der von ihr anvisierten Verlagsbranche oder woanders. Sich als Langzeitpraktikantin verwursten zu lassen kommt für Stadelmann nicht in Frage.

Haben sie es tatsächlich so schwer, die Sprach- und Kulturwissenschaftler, die mit Eifer und Elan studiert haben und nun auf den Arbeitsmarkt drängen? Jürgen Mittelstraß, Präsident der Academia Europaea in London, emeritierter Konstanzer Philosophieprofessor und Leiter des Österreichischen Wissenschaftsrats, ist zuversichtlich. "Ich habe den Eindruck, dass Geisteswissenschaftler nach wie vor gut unterkommen, ihr Betätigungsfeld ist weit und anspruchsvoll."

Mittelstraß ist unbedingt dafür, das zu studieren, "woran man ein echtes Erkenntnisinteresse hat". Das sieht Anna-Maria Engelsdorfer, Beraterin für akademische Berufe bei der Münchner Agentur für Arbeit, ebenso. Wenn Geisteswissenschaftler nicht nur "pure Theoretiker" sind, sagt sie, seien die Aussichten viel besser, als die jungen Leuten erwarteten. Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit bei Geisteswissenschaftlern zwar noch immer höher als in anderen Studienfächern - aber immer noch wesentlich niedriger als bei Nichtakademikern.

"Die wissen viel, sind aber sehr unsicher"

Häufig kommen die Studenten zu spät zu Engelsdorfer. Gut wäre ein Jahr vor Abschluss des Studiums, eher noch früher, sagt sie. Dann bliebe Zeit für eine genaue Zielfindung. Engelsdorfer sieht ihre Aufgabe in Beratung und Coaching, denn häufig herrsche gerade bei Sprach- und Kulturwissenschaftlern große Ratlosigkeit. "Die wissen viel", sagt Engelsdorfer, "sind aber sehr unsicher." Die angehenden Berufsanfänger hätten den Kopf voller Informationen und Ideen, könnten sie aber nicht zu einem konkreten Beruf in Beziehung bringen. "Ratsuchende" nennt Engelsdorfer ihre Klienten. Sie ermuntert sie, initiativ zu werden, gibt nützliche Adressen weiter sowie Tipps für Vorstellungsgespräche.

Als Wegbereiterin räumt sie auch mit Vorurteilen auf in Sachen Praktika: "Viele glauben, die Menge macht's." Falsch. Zu viele unterschiedliche Praktika lassen kein klares Profil erkennen, sind also Zeitverschwendung. Die anspruchsvolle Aufgabe für Sprach- und Kulturwissenschaftler sei, sagt Engelsdorfer, das eigene Ziel zu finden, sei es in der Werbung oder Medienarbeit, im Kulturmanagement oder in der Verlagsbranche.

Wie Stadelmann würden viele gern Pressearbeit bei einem Buchverlag machen. Die weitverbreitete Ansicht dazu: Pressereferenten organisieren Lesungen bedeutender Autoren, sonnen sich in deren Ruhm, gondeln durch die Welt und halten die Verbindung zwischen Autoren, Medienvertretern und Lesern.

Stimmt - aber nur teilweise. Eva Brenndörfer, Pressechefin beim Münchner Piper Verlag, hat etwa den amerikanischen Starautor Michael Moore ("Stupid White Men") auf seiner Deutschlandtour begleitet. Der kam mit elf Leuten, Familienangehörigen und Security-Personal, und Brenndörfer organisierte Stretchlimousinen, Hallen, Hotels und die Rundumbetreuung für alle.

Jede Menge Lesearbeit

Letztes Jahr betreute sie eine Lesereise sowie Pressekontakte für den TV-Komiker und Bestsellerautor Hape Kerkeling. Dessen Buch "Ich bin dann mal weg" schildert höchst unterhaltsam Kerkelings Pilgerweg nach Santiago de Compostela und verkaufte sich bislang über 1,5-millionenmal. Welchen dieser beiden Spitzenautoren hat sie lieber betreut? Netter Versuch - Brenndörfer lacht, und natürlich sagt sie dazu nichts.

Stattdessen verweist sie auf ihre Mitarbeiter: "Ohne mein Team geht nichts." Brenndörfer hat zwei Referentinnen an ihrer Seite sowie eine Stellvertreterin und eine Praktikantin. Autorenbetreuung, sagt sie, sei nur ein Teil des Aufgabenbereichs. Dazu kommt jede Menge "unsichtbare" Arbeit: Intern kommuniziert sie mit allen Verlagsabteilungen, extern mit Zeitungen, TV-Anstalten, Radiostationen und freien Journalisten. Wie die meisten ihrer Kollegen spricht Brenndörfer schnell und auf den Punkt.

Brenndörfer ist direkt dem Verleger unterstellt. Daraus folgt: Sie redet mit, welche Bücher gemacht werden und welche nicht. Planungssitzungen finden wöchentlich statt - mit dem Verleger, dem kaufmännischen Leiter, mit den Lektoren, der Marketing- und Werbeabteilung sowie der Herstellung.

Die Treffen sind zeitraubend, sagt sie, aber wichtig. Dazu kommt jede Menge Lesearbeit: Manuskripte, Presseberichte, Gutachten über Bücher. Das alles liest sie zu Hause. Rund 170 Bücher bringt der Piper Verlag pro Halbjahr heraus. Dazu kommen Jubiläumsfeste, Präsentationen und andere Aktionen, die der Imagepflege des Verlags dienen. Des Weiteren: das phantasievolle Ersinnen von Pressekampagnen.

Brenndörfers Rat an alle, die sich für die Branche interessieren: Praktika machen, egal, wo, Hauptsache, man lernt einen Verlag von innen kennen. "Und wenn man in der Poststelle aushilft." Ihr gefalle es, sagt Brenndörfer, wenn jemand mit anfasse, wo immer es notwendig sei. Sie joggt regelmäßig, um den Kopf freizubekommen, und rät jedem Neuling: "Suchen Sie sich einen Ausgleich, und wenn es Klöppeln ist nach Feierabend."

© SPIEGEL special 2/2007
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