Fächerreports Kannibalen in Öl

Deutsche Kunsthochschulen bieten weltweit anerkannte Ausbildungen. Obwohl nur ein Bruchteil der Absolventen von der Kunst leben kann, drängen Studienanfänger scharenweise in künstlerische Berufe. Wer Erfolg haben will, braucht eine Qualität, die auf keinem Lehrplan steht: Persönlichkeit.

Der erste Blick im Atelier der Frankfurter Städelschule fällt auf ein Klavier. Der Rundblick durch den fünf Meter hohen, lichterfüllten Raum endet auf dem Sofa bei Benjamin Saurer, der sich gerade eine Zigarette dreht.

So sieht ein Künstler aus: Die schwarze Strickmütze mit einem silbrig punktierten Totenschädel trägt er tief in die Stirn gedrückt. Schwarz die Jeans, schwarz die Jacke. Das Klavier gehört dem jungen Mann, der im sechsten Semester an Deutschlands kleinster und vielleicht feinster Kunsthochschule "Freie Bildende Kunst" studiert.

Es ist sein zweites Studium. Saurer ist schon was. Nach abgeschlossener Ausbildung zum Kirchenmusiker darf er sich Diplom-Organist nennen. So finanziert sich der 29-Jährige die Malerei. "Nur die Orgel", sagt er, "das wäre mir auf Dauer zu einseitig geworden." Jetzt malt der Kunststudent kleine Kannibalen auf rosa Pünktchentapete, die an einem Grill winzige Menschenbrüstchen, einen Penis und ein Schenkelchen drehen. Zur Abwechslung erholt er sich bei Bach und Chopin. "In zehn Jahren", sagt Saurer und schiebt sein schiefes Lächeln zwischen Mundwinkel und Zigarettenfilter, "in zehn Jahren bin ich reich und berühmt."

Der Mann hat Humor. Den kann er gut gebrauchen, denn es ist ihm ernst mit der Kunst. Mit seiner Totenkopfmütze will er nicht in irgendeinem Büro vor sich hindämmern. Nach bestandenen Aufnahmeprüfungen an angesehenen Hochschulen, Studienjahren in Freiburg, Madrid und Frankfurt, abgeschlossenem Examen und dem Verkauf etlicher Bilder ist der Sohn eines Sozialarbeiters aus dem Schwarzwald zuversichtlich, dass er es als Künstler irgendwie schaffen wird. Aber wie?

Mit seinem Optimismus ist Saurer nicht allein. In der heutigen Zeit der Unsicherheit und weitverbreiteter Arbeitslosigkeit, in der niemand mehr weiß, was es genau heißt, etwas Vernünftiges zu studieren, fallen halbwegs risikofreudige Naturen in Scharen bei den brotlosen Künsten ein, sei es Musik, bildende oder darstellende Kunst. Die Künstlersozialkasse, in der selbständige Künstler und Publizisten staatlich gefördert kranken- und rentenversichert sind, bewegt sich am Rande der Zahlungsunfähigkeit, weil ihre Mitgliederzahl in den vergangenen 15 Jahren von 48.000 auf 154.000 gestiegen ist.

Nur ein winziger Prozentsatz der Künstler schafft es, von einem breiten Publikum wahrgenommen zu werden - zu wenig für die Statistik. Aber verglichen mit Juristen, Ärzten und Naturwissenschaftlern, die sich heutzutage auch nicht mehr sicher sein können, ob sie nach dem Examen eine Anstellung finden, strahlen Erfolgsstorys wie die des Leipziger Kunstmarktstars Neo Rauch, Geigenvirtuosin Julia Fischer oder des Oscar-Preisträgers Florian Henckel von Donnersmarck wenigstens den Charme von Glamour und Glück aus.

Entsprechend eng wird es auf der künstlerischen Laufbahn. Über 5000 Studierende bevölkern allein die Kunsthochschulen Berlins, wo jedes Jahr etwa 700 Absolventen entlassen werden, darunter viele Meisterschüler. Wenn Saurer mit Anfang dreißig seinen Abschluss schaffen sollte, wird er einer von knapp 56.000 Art-Genossen in Deutschland sein, die nach eigenen Angaben durchschnittlich 10.000 Euro verdienen - im Jahr.

Daniel Birnbaum, 44, Direktor der Städelschule, kennt den Studenten Saurer, seit er bei einer Akademiefete eine ganze Nacht lang Bach gespielt hat. Seit seinem Amtsantritt 2001 hat der schwedische Philosoph und Kunstkritiker das Frankfurter Institut, das Ende der neunziger Jahre in die Krise geraten war, zu einer "der spannendsten Kunsthochschulen Europas" (so die Zeitschrift "Art") entwickelt. 40 Prozent der Studenten stammen aus fremden Ländern. Wer es bei so einer Kaderschmiede versucht, weiß schon vor der Aufnahmeprüfung, ob er bei dem berühmten Fotografen Wolfgang Tillmans, dem Bildhauer Tobias Rehberger, Architekturstar Ben van Berkel, Videokünstler Mark Leckey oder Turner-Preisträger Simon Starling lernen will.

Aller Weltläufigkeit und Promidichte zum Trotz erkennt die Städel-Nachwuchselite allerdings schnell, dass Privileg und Prekariat nah beieinander liegen. Für Sommerfeste, Ausstellungen und Rundgänge putzen die Studenten ihre Schule selbst.

Eleven wie dem orgelspielenden Saurer mit seinen kleinen Kannibalen, Jägern und Geräteturnern in Öl attestiert Rektor Birnbaum Zielstrebigkeit und Originalität - Qualitäten, die der Hochschulmanager für erfolgversprechender hält als alle Marktforschung und Anpassung an künstlerische Moden. Dennoch: "Ob einer ein großer Künstler wird, ob er sich in der Galerien- und Museumswelt durchsetzt, das kann niemand vorhersagen."

Bei den Schauspielern und Musikern sieht es nicht viel anders aus. Dabei gilt es schon als Auszeichnung, an einer der 46 staatlich anerkannten Hochschulen für die schönen Künste in Deutschland studieren zu dürfen.

468 Bewerber zwischen 17 und 24 Jahren haben etwa im vergangenen Jahr an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule für die Aufnahme zum Schuljahr 2006/2007 Figuren und Rollen vorgespielt und mit Professoren an dramatischen Szenen gearbeitet; sechs junge Frauen und sieben Männer durften im September mit der vierjährigen Ausbildung zum Schauspieler an der begehrten Akademie beginnen, die sich rühmt, fast alle Absolventen an deutschsprachigen Bühnen unterzubringen. Was haben die Prüfungssieger, was andere nicht haben?

Roter Teppich unter den Füßen oder rote Zahlen auf dem Konto: Was ist im künstlerischen Gewerbe Erfolg?

Julia Jelinek und Markus Boniberger, zwei Studenten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, lernen im zweiten Jahr an der Traditionsakademie, aus der Stars wie Mario Adorf, Katja Riemann, Edgar Selge oder Franka Potente hervorgegangen sind. Die Österreicherin Jelinek (nicht verwandt mit der Nobelpreisträgerin) drängte - enttäuscht von einer privaten Schauspielschule in Wien und zwei vergeblichen Vorsprechen an staatlichen Instituten - unbeirrbar nach München. Hier kriegt sie nun 30 Stunden die Woche, "was ich hundertprozentig wollte": Sprechen, Singen, Monologisieren, Szenen spielen, Improvisieren, Theatertheorie und jeden Tag anderthalb Stunden Körpertraining.

Bei ihrem Kommilitonen Boniberger findet sich hingegen von der klassischen Berufung zu den Brettern, die so viel bedeuten, keine Spur. Witzbold bei Familienfesten? Klassenclown? Theater AG? Alles Fehlanzeige. Als kleiner Junge hat er mal Winnetou gesehen und nachgespielt. Aber zu den Münchner Kammerspielen, zu denen die Falckenberg-Schule gehört, war der Weg aus seinem bayerischen Heimatdorf dann doch irgendwie zu weit. Nach dem Abitur hat der Apothekersohn zunächst seine Eltern glücklich gemacht und Medizin studiert. Erst als ihm das nicht mehr gefiel, bewarb er sich an der Falckenberg-Schule, und nur hier, denn er wollte keinesfalls weiter weg von zu Hause.

Was, außer dem Alter, verbindet Studenten, die bei aller Gegensätzlichkeit einen der begehrten Ausbildungsplätze erringen? Und sagt das, was sie vielleicht gemeinsam haben, etwas darüber aus, ob sie eines Tages vom Künstlerdasein leben oder nur träumen können?

Aufrecht sitzt Jelinek im Übungsraum, die Schenkel wie ein Raubein gespreizt. Heinrich von Kleists Figur des "Starken Jonas", der Herausforderer buchstäblich vom Kampfplatz schleudert, liegt der zierlichen Arzttochter ungefähr so im Blut wie der Rambo dem Dornröschen. "Als Julia kam, war sie auf den Typ süßes Madl abonniert", sagt Sprecherzieher Andreas Sippel, 47. Jetzt setzt die angehende Darstellerin eine entschlossene Stimme und resolute Gesten ein. "Sie hat in kurzer Zeit", sagt Sippel, "einen Riesensprung in der Persönlichkeitsentwicklung gemacht."

"Frei bleiben im Sprachzentrum", lautet die Anweisung, während Einsneunzig-Lulatsch Boniberger beim Körperdehnen seine langen Glieder zentimeterweise Richtung Knie bewegt. Schnalzen, seufzen, gähnen, stöhnen, grunzen wie die Tiere - der wohlerzogene Lockenkopf kommt sich bei solchen Übungen sichtlich albern vor. Alles an diesem seltsam altmodischen Jungen, dem es "irgendwie zu jugendlich wäre, den Romeo zu spielen", scheint wie stehen geblieben in einer Zeit, die ohne Selbstdarstellung auskam. Und genau das macht inmitten eines glattgegelten, gespreizten Möchtegern-Künstler-Milieus womöglich die Wirkung eines unkonventionellen Bewerbers aus: dass er sich der anziehenden Wirkung seiner Naivität und seiner aquamarinblauen Augen nicht einmal bewusst ist.

Hochkultur-Karriere oder Freizeitkünstler, roter Teppich unter den Füßen oder rote Zahlen auf dem Konto, durchstarten oder durchfallen: Schon bei der Frage, was Erfolg im künstlerischen Gewerbe ist, driften die Definitionen auseinander. Geht es vorrangig ums schnelle Geld oder um die Haltbarkeit einer beruflichen Entwicklung?

"Frischfleischmakler" nennt Kammerspiel-Intendant Frank Baumbauer, 61, die Castingagenturen, die Anfänger mit Blitzstart-Versprechen von der anstrengenden Ensemblearbeit an Theatern in Kinofilmchen und Fernsehserien locken. Dabei plädiert der erfahrene Theatermanager durchaus für Seitensprünge mit Niveau. Aber das Format einer Jungdarstellerin wie Julia Jentsch, die in dem Oscar-nominierten Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" die Hauptrolle spielte, da ist Baumbauer sicher, lasse sich dauerhaft nur auf der Bühne erarbeiten: "Wer im Film weltberühmt wird, muss noch kein guter Schauspieler sein."

Mehr als alle anderen Karrieren sind die künstlerischen abhängig von etwas, das weder mit Noten, Statistiken und Begabtenprüfungen, noch mit Kassenschlagerqualitäten zu messen ist. "Schüler, die im Meer des Ideellen, im Tal des Unsinnigen und im Himmel des Genialen zu Hause sind", wünscht sich der berühmte Maler und Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, Markus Lüpertz. Etwas vereinfacht gesagt: Wer bildender Künstler, Musiker, Schauspieler werden oder sonst einen der Berufe zwischen Leinwand, Staffelei und Bühne ergreifen will, braucht außer Talent, einer exzellenten Ausbildung und einer Portion Glück eine zwischen Selbstbewusstsein und Demut schillernde Persönlichkeit, die jede Herausforderung, ob Hobby, Lehramt oder Hollywood, verkraften kann.

Jahrelang hat die Pianistin Mariya Yankova in ihrer bulgarischen Heimat nach dem Abschluss des Konservatoriums Klavierunterricht erteilt, bis sie es wagte, sich an einer der weltweit anerkannten deutschen Musikakademien zu bewerben. Seit 2002 studiert die dunkle Schönheit an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater. In diesen Wochen legt sie ihr mehrteiliges Konzertexamen ab. Am ersten Abend steht außer Haydn, Debussy und Rachmaninow eine Chopin-Sonate auf dem Programm.

Die Kandidatin tritt im schwarzen Spaghettiträgerkleid vor ein Publikum aus Professoren und Freunden. Das Prüfungsstudio liegt im Souterrain der Hochschule. Ein paar Notenständer sind flüchtig zur Seite geräumt. An die Tafel hat jemand einen Violinschlüssel gemalt, mit einem Herz in der Mitte.

Es könnte auch die Philharmonie in Berlin, das Royal Opera House in Covent Garden oder die Metropolitan Oper in Manhattan sein. Die junge Frau am Steinway-Flügel nimmt nur wahr, was sich in ihrem Inneren abspielt. Die schmalen langen Finger fliegen, tanzen, streicheln über die Tasten. "Sie ist Weltklasse", stellt Hochschulpräsident Elmar Lampson, 55, sachlich fest. "Von ihrer technischen Brillanz haben wir derzeit fünf an der Schule." Fünf bis sechs weitere Institute hierzulande bringen regelmäßig eine ähnliche Exzellenz hervor.

Die meisten dieser Spitzenkünstler arbeiten später als Musiklehrer an Schulen, geben Privatunterricht oder kehren als Professoren an eine Hochschule zurück. Einer oder zwei pro Generation schaffen vielleicht den Sprung in die Konzertsäle und Aufnahmestudios des internationalen Klassikbetriebs.

Eine Strähne löst sich aus dem Callas-Knoten der Klaviervirtuosin. Die schmale Person bebt im Rhythmus des Allegro maestoso, scheint abwechselnd mit dem Instrument zu flirten, es zu trösten und in den Armen zu wiegen, wie ein Kind.

Ein gewöhnliches Privatleben liegt der Künstlerin ebenso fern wie jene Selfpromotion, die in diesem Gewerbe mehr und mehr zum Anforderungsprofil gehört. "Mariya lebt für die Musik", sagt Lampson, "und das hört man."

Mit so viel Seele und ein bisschen Glück kann sie hoffentlich eines Tages auch von ihr leben.

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