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Job & Karriere

Fächerreport Sport Abschied vom Freibad

Lange galt Sportwissenschaft als Spaßstudium, doch allmählich werden die Hobby-Akademiker von Karriereplanern abgelöst. Die Absolventen drängen in die Leistungsdiagnostik, ins Management oder in den Journalismus. Günstig sind die Jobaussichten vor allem für jene, die frühzeitig wissen, wohin sie wollen.
Von Daniel Pontzen

Wichtig war damals vor allem ein guter Liegeplatz fürs Handtuch. Natürlich habe er ab und zu auch pauken müssen, der Grundkurs Anatomie zum Beispiel war eine Qual, aber die meiste Zeit seines Studiums hat Sebastian Hellmann in bester Erinnerung. "Zwischen den Vorlesungen und Seminaren haben wir Fußball, Tennis oder Basketball gespielt", sagt der 39-jährige Sportjournalist, und "sobald die ersten Sonnenstrahlen zu sehen waren, ging es für alle ab Richtung Freibad". Wenn Hellmann von seiner Zeit an der Deutschen Sporthochschule in Köln (DSHS) erzählt, klingt er, als habe er sie nicht als dröge Pflicht erlebt, sondern als nettes Hobby.

Auch eine genaue Vorstellung davon, was er mit dem Studium anfangen wolle, habe er anfangs nicht gehabt, sagt Hellmann. Im zweiten Semester habe ihm ein Bekannter ein Praktikum im Sportarchiv des WDR vermittelt, es folgte eine freie Mitarbeit in der Fußball-Redaktion, später der Wechsel zu RTL. Seit 1999 arbeitet er nun als Fußball-Moderator für Premiere. "Eines resultierte aus dem anderen", sagt Hellmann im Rückblick.

Den Weg zum Traumjob, der sich bei dem Bielefelder scheinbar zufällig ergab, versuchen viele seiner potentiellen Nachfolger inzwischen akribisch zu planen. "Eine große Gruppe der jetzigen Sportstudenten unterscheidet sich in ihrer Einstellung deutlich von den Vorgängergenerationen", hat Oliver Lohmar beobachtet, der Sportstudenten an der DSHS berät und ihnen dabei hilft, den Schritt ins Berufsleben vorzubereiten. Seine Eindrücke speisen sich aus Hunderten Gesprächen. "Weil viele ahnen, dass speziell für Sportwissenschaftler ein Hochschulabschluss allein keine Garantie mehr für einen guten Job ist, planen sie ihr Studium von Anfang an durch", sagt Lohmar. "Sie sind zielstrebiger und wägen stärker ab: Was bringt mich weiter, was nicht?"

Dass gerade Sportstudenten den Blick frühzeitig auf den Arbeitsmarkt richten, anstatt ziellos Semester an Semester zu reihen, hat einen konkreten Hintergrund: Fast nirgendwo ist das Spektrum möglicher Beschäftigungsfelder so breit wie hier. Die Absolventen organisieren internationale Golfturniere, managen Fußball-Bundesligaclubs, betreuen Reha-Patienten, arbeiten als Zirkus-Pädagogen oder schreiben für den "Kicker". "Ein klassisches Berufsbild des Sportwissenschaftlers gibt es nicht", sagt die Sportsoziologin Ilse Hartmann-Tews, die seit Mitte der achtziger Jahre die Werdegänge von Sportwissenschaftlern untersucht.

Um Spezialisten für die unterschiedlichen Bereiche auszubilden, bieten die meisten Universitäten, die Sport im Fächerkanon haben, unterschiedliche Spezialisierungsrichtungen an. Die bedeutendsten sind Management, Publizistik, Trainingslehre und Rehabilitation. "Für Sportstudierende ist die Wahl eines solchen Studienschwerpunktes die zentrale Weichenstellung für die spätere Karriere", so Hartmann-Tews. "Oft fällt schon hier, nach Ende des Grundstudiums, die Vorentscheidung über die spätere Art der Beschäftigung und die Gehaltschancen."

Im Kölner Stadtteil Müngersdorf macht sich Anfang März allmählich der Frühling bemerkbar, der Wind fegt Laub über die Tennisplätze der "Spoho", und obwohl Semesterferien sind, herrscht auf dem Gelände reger Betrieb. In der knapp fußballplatzgroßen, mit hellblauen Matten ausgelegten Halle 21 brummt HipHop aus einem Laptop, drei Studentinnen proben für ihre Kür in Rhythmischer Sportgymnastik. Daneben schwingt sich Stefan Schulz auf den Barren, der drahtige Langstreckenläufer aus Rostock lernt für die Fachprüfung Turnen, die Oberarmstemme klappt schon ganz gut. Schulz zählt zu jenen, die präzise wissen, was sie mit ihrem Sportstudium anfangen möchten. Er hat den Studienschwerpunkt "Training und Leistung" gewählt, der zwar selbst manch konditionsstarken Bewegungsspezialisten überfordert, doch gerade deshalb sieht Schulz hier die besten Perspektiven: "Es gibt nicht so viel Konkurrenz wie in anderen Bereichen, das erhöht später die Chancen auf dem Arbeitsmarkt."

Nebenbei jobbt der 23-Jährige im Institut für Trainingswissenschaft, wo er Probanden Blut aus dem Ohr zapft und es mit Hilfe einer Zentrifuge analysiert. Nach dem Studium will er Leistungsdiagnostiker werden und Profisportler bei der Konditionsarbeit betreuen. Dass er eine Ahnung davon hat, wie man Ausdauer verbessert, deutet seine eigener sportlicher Werdegang an: Vor drei Jahren erst hat er mit dem Langstreckenlauf begonnen, letzte Saison war er unter den fünf schnellsten Deutschen im 10 000-Meter-Lauf. Wenn er seine Leistung stabilisiert, schafft er es vielleicht sogar noch in den Olympiakader.

Für Sportstudenten ist die Wahl eines Schwerpunktes die zentrale Weichenstellung für die Karriere

Falls es dazu nicht reichen sollte, könnte sich Schulz bei erfolgreichem Studienabschluss mit Gehaltsaussichten trösten, die deutlich über dem Schnitt seiner Kommilitonen liegen: Hartmann-Tews' in Kürze erscheinender Studie zufolge verdienten die Diplomanden des Studienschwerpunktes "Training und Leistung" in den ersten Berufsjahren durchschnittlich 2223 Euro netto im Monat - im Bereich "Prävention und Rehabilitation" waren es nur 1347 Euro, bei den Sportpublizisten immerhin 1584 Euro.

Sportökonomen liegen mit 1739 Euro an zweiter Stelle, doch dieser Bereich verzeichnete in den vergangenen Jahren den größten Zulauf. "Viele sehen hierin den Arbeitsmarkt der Zukunft", sagt Berufsberater Lohmar, "da die gesellschaftliche und damit die wirtschaftliche Bedeutung des Sports rapide zugenommen hat." Die Zahl professionell organisierter Wettkämpfe und Großereignisse wächst ebenso wie die der Sportvereine, die inzwischen lieber gelernten Sportökonomen vertrauen als ehrenamtlichen Schatzmeistern.

Da indes immer mehr Sportstudenten in diesen Bereich drängen, ist der Wettbewerb groß. Wohl auch deshalb sei vielen Absolventen gerade dieses Studienschwerpunkts die Laisser-faire-Attitüde früherer Generationen von Sportstudenten fremd, so Ulrich Benz, der für den Finanzdienstleister MLP angehende Sportökonomen bei der Karriereplanung unterstützt. Für jene Studenten, "die eher freizeitorientiert" sind, so Benz, gestalte sich "der Einstieg in den Arbeitsmarkt zunehmend schwierig". Auf dem Vormarsch sei dagegen die Gruppe der "dynamischen und kommunikationsstarken Typen, die nach dem Studium beispielsweise bei Agenturen mit dem Schwerpunkt Sportmarketing arbeiten".

In diesem Bereich sieht auch Carsten Schönefeld, 24, seine berufliche Zukunft. Der Thüringer spielte in der Regionalliga-Mannschaft der Offenbacher Kickers Fußball, als er ein Fernstudium im Bereich "Sport-Management" aufnahm. Nach erfolgreichem Abschluss bewarb er sich für ein Praktikumsstipendium, das ihm nun Einblicke in einen asiatischen Medienkonzern ermöglicht. Dort soll er ab Juli drei Monate lang bei der Organisation eines der größten Tennisturniere des Kontinents, der China Open, mitarbeiten. "Zu meinen Aufgaben wird vor allem die Zusammenarbeit mit deutschen Sponsoren zählen", berichtet Schönefeld, der sich vorstellen kann, "eines Tages eine eigene Agentur für Sport-Events zu gründen".

Der Bedarf für Sportökonomen sei in den letzten Jahren gestiegen, so MLP-Mann Benz: "Viele Unternehmen im Sportbereich sind inzwischen der Ansicht, dass sie als Spezialisten in der Regel besser geeignet sind als reine Wirtschaftswissenschaftler." Selbst in Branchen, die Jahrzehnte bevorzugt im eigenen Saft schmorten, steigt das Ansehen der gelernten Sportmanager: Martin Bader etwa, Absolvent des Studiengangs Sportökonomie in Bayreuth, managt seit drei Jahren den Fußball-Bundesligisten 1. FC Nürnberg.

Dass Bader den Posten schon als 35-Jähriger erhielt, hing auch mit der Vielzahl seiner vorherigen Stationen zusammen. Nach Einschätzung junger Sportwissenschaftler, die in den letzten Jahren ihr Diplom erlangt haben und sich seither im Markt beweisen müssen, sind Erfahrungen im angestrebten Arbeitsbereich mit Abstand wichtigstes Einstellungskriterium. Als vergleichsweise belanglos, so die Kölner Studie, beurteilten die Absolventen die Examensnote.

Viele haben gleich bei jenem Arbeitgeber, bei dem sie zuvor hospitiert oder gejobbt hatten, auch ihren ersten Arbeitsvertrag unterschrieben - mitunter noch vor dem Studienabschluss. So ähnlich war es auch bei Premiere-Moderator Sebastian Hellmann: "Wenn man schon als Student einen Job hat, der Spaß macht, sieht man schnell keine Notwendigkeit mehr, das Studium zu beenden." Nachdem Hellmann seine akademische Laufbahn lange Zeit vor sich hin plätschern ließ, trieb ihn erst eine spitze Bemerkung seiner Frau dazu, doch noch die Diplomprüfung in Angriff zu nehmen. "Das bringst du doch eh nicht mehr zu Ende", hatte Frau Hellmann gesagt.

In seinem aktuellen Job trifft der Moderator nun täglich auf alte Bekannte: Nahezu jedes zweite Mitglied der Fußball-Redaktion von Premiere studierte an der Kölner "Spoho". Viele von ihnen sind als freie Mitarbeiter beschäftigt, was ebenfalls einem Trend unter Sportwissenschaftlern entspricht: Der Anteil derer, die heute in einem klassischen Beschäftigungsverhältnis tätig sind, nimmt ab.

Vor zwei Jahrzehnten etwa waren noch rund zwei Drittel der DSHS-Absolventen, die einige Jahre zuvor ihre Diplomprüfung abgelegt hatten, fest angestellt gewesen - inzwischen ist es nur noch etwa jeder Zweite. Die Arbeitslosenquote unter Sportwissenschaftlern ist im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte zwar von zehn auf drei Prozent gesunken, doch zeitgleich müssen sich immer mehr ihr Einkommen mit mehreren Jobs zusammenarbeiten.

In ein Berufsfeld mit höchst fragilen Beschäftigungsverhältnissen drängt es auch den Sportstudenten Mirco Schüller. Der 22-Jährige aus Hannover kickt neben seinem Studium in der Verbandsliga und plant, im Rahmen des Studiums die begehrte Fußballlehrer-A-Lizenz zu erwerben. "Klar ist es unwahrscheinlich", sagt Schüller bescheiden, "aber ein Traum wäre es natürlich schon, eines Tages eine Bundesliga-Mannschaft zu trainieren."

Ob das tatsächlich so traumhaft ist? In der Bibliothek seiner Sporthochschule wird in der Abhandlung "Psychologie und Pädagogik in der Trainerausbildung" ausdrücklich davor gewarnt, "dass ein Bundesligatrainer unter hohem Erfolgszwang steht" und sich ständig mit "Konkurrenzdruck auf dem 'Trainermarkt', Starallüren von hochdotierten Spielern, dem Erfolgsdruck von Seiten der Medien, des Publikums, des Vereins usw." herumplagen müsse.

Damit zurechtzukommen ist selbst dem Autor dieser Diplomarbeit nicht immer gelungen. Obwohl auch der, Christoph Daum, sehr früh wusste, wohin er will.

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