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Jobsuche "Hier kämpft jeder gegen jeden"

Julian Roos* über seine Erfahrungen als Bewerber in einem Assessment Center.

Ich hätte nie gedacht, das einmal sagen zu können, aber ja, auch Assessment Center werden zur Routine. In den vergangenen Monaten habe ich Dutzende Bewerbungen geschrieben und zwei Dinge festgestellt. Erstens: Wer sich um einen Job bemüht, landet früher oder später zwangsläufig in einem Assessment Center. Zweitens: Die einzelnen Assessment Center unterscheiden sich kaum voneinander. Ich kann das beurteilen, schließlich habe ich bereits fünf hinter mir.

Aber am eindringlichsten in Erinnerung geblieben ist mir das Assessment Center des Autozulieferers Continental. Ich habe mich dort um eine Trainee-Stelle beworben. Zum Zeitpunkt meiner Bewerbung studierte ich Ingenieurwissenschaften in den Vereinigten Staaten und schrieb am California Institute of Technologie (Caltech) in Pasadena, Kalifornien, gerade an meiner Abschlussarbeit.

Continental sitzt in Hannover, hat jedoch auch eine Dependance in Detroit. Dorthin reiste ich zum Assessment Center. Den Flug bezahlte der Konzern. Zehn Kandidaten aus aller Welt hatte Continental nach Detroit geladen. "Herzlich willkommen, die nächsten zwei Tage werden kein Spaziergang werden", begrüßte uns ein Manager. Er sollte recht behalten.

Dabei begann alles ganz entspannt. Nicht wir Bewerber mussten uns präsentieren, sondern der Konzern präsentierte sich. Continental hatte ein gewaltiges Buffet aufgetischt. Es gab Riesen-Burger und Puten-Sandwiches. Ich vermute, bereits das war ein erster Test: Übertreibt man es am Buffet? Wie verhält man sich in lockerer Atmosphäre?

Nach dem Essen führte uns eine Frau aus der Personalabteilung in den Konferenzraum, ein Zimmer ohne Fenster, der Linoleum-Boden schimmerte speckig im kalten Neonlicht. Hier also sollten wir uns messen. Zunächst stellten Continental-Manager die einzelnen Unternehmensbereiche vor. Sie sprachen schnell und in simplem Englisch. Immer wieder fielen die Worte "opportunities" und "competition". Ich versuche in einem Assessment Center möglichst früh auszuloten, nach welchen Regeln gespielt wird. Probleme, so die erste Lehre, gibt es bei Continental nicht, höchstens Herausforderungen. An der Wand leuchteten Powerpoint-Folien mit bunten Bildern und Wachstumskurven auf.

Dann waren wir an der Reihe. Vier Personaler saßen uns gegenüber und lächelten herausfordernd. In einem kurzen Interview sollte sich jeder von uns vorstellen, seinen bisherigen Werdegang zusammenfassen, erläutern, was man mit dem Unternehmen verbindet und wie man sich seine Zukunft vorstellt.

Ich erzählte von meinem Studium in München, von meinen Auslandsaufenthalten in Bologna und Madrid, dass ich in einem deutsch-spanischen Elternhaus aufgewachsen bin und deshalb gern international arbeiten würde. Auch über meine Praktika bei Porsche und Siemens, über meine Abschlussarbeit am Caltech und sogar über meinen Zivildienst bei den Johannitern sprach ich mit den Juroren. Schließlich erläuterte ich, dass ich bei Continental gern als Ingenieur anfangen würde und mir sehr gut vorstellen könne, später ins Management zu wechseln.

Das alles war nicht sonderlich spektakulär, aber es reichte, um die erste Runde zu überstehen. Von den zehn Bewerbern, die am ersten Tag antraten, lud Continental nur die Hälfte zur zweiten Sitzung ein. Das zeigt: In einem Assessment Center zählt nicht nur die fachliche Qualifikation, sondern ebenso das Auftreten.

Nur wer sich gut verkaufen kann, hat eine Chance. Es beginnt schon beim Äußeren. Ich habe mich für einen dunklen Anzug entschieden, ein Hemd mit Kentkragen und eine dunkle Krawatte mit einfachem Windsorknoten, dazu schwarze Lederschuhe. Das ist Standard, erfüllt aber seinen Zweck: Man wirkt seriös und kompetent. Als Bewerber sollte man sich von seiner besten Seite zeigen. Schauspielen ist okay, solange man sich nicht völlig verstellt. Ein älterer Herr aus der Jury fragte mich nach meinen Schwächen. Wer darauf ehrlich antwortet, ist selbst schuld. Die Frage schreit geradezu nach Heuchelei. Wirkliche Schwächen zu gestehen, wäre ein Fehler. Also antwortete ich: Perfektionismus. Das ist eine gute Schwäche, denn sie signalisiert Einsatzbereitschaft. Ein Assessment Center ist eben auch Show.

Am zweiten Tag waren noch zwei Amerikaner, ein Inder, ein Chinese und ich übriggeblieben. Wir sollten uns noch einmal vorstellen - diesmal allerdings anhand einer Powerpoint-Präsentation und über ein Projekt.

Ich wählte als Thema: "The mountains and me, die Berge und ich." Ich erzählte von meiner Kindheit am Starnberger See, dass mich die Landschaft prägte, von den Bergtouren, an denen ich als Jugendlicher teilgenommen hatte. Es war ein sehr persönlicher Vortrag. Die Leute von Continental nickten, aber wie sie meinen Auftritt einschätzten, war aus ihren Gesichtern nicht abzulesen. Mein Mitbewerber aus China hatte über seine Doktorarbeit referiert, das fand ich zu emotionslos.

In einem Assessment Center achtet man selbstverständlich nicht nur auf sich selbst, man beäugt ebenso die anderen Kandidaten - und zwar ständig. Wie antworten meine Konkurrenten auf knifflige Fragen? Wie treten sie auf? Kann ich da mithalten? Bin ich besser als sie? Man spürt sofort, wenn jemand nervös ist - an seinen Haaren nestelt, rot wird, mit dem Kugelschreiber spielt. Gleichzeitig weiß man, dass man selbst beobachtet wird, dass sich die anderen dieselben Fragen stellen. Es ist ein Nonstop-Vergleich in alle Richtungen.

Nach der Selbstdarstellung sollten wir gemeinsam an einer Präsentation arbeiten. Es ging darum, eine gewaltige Menge an Texten und Zahlen zu analysieren und die Kernbotschaft herauszufiltern. Allerdings hatten wir dafür nur 45 Minuten Zeit. Die Masse an Informationen war in diesem Rahmen unmöglich zu bewältigen. Also mussten wir uns verständigen: Wie gehen wir vor? Wer macht was? Und welche Prioritäten setzen wir? Die konkrete Aufgabenstellung ist bei einer solchen Prüfung ohnehin fast nebensächlich; ich hatte den Eindruck, die Juroren achteten mehr darauf, wie sich ein Bewerber in der Gruppe verhält, was er zur Lösung eines Problems beiträgt.

In einem Team spielt jeder eine Rolle. Bei uns gab der Inder den Eigenbrötler, der sich kaum einbrachte und lieber für sich arbeitete. Eine amerikanische Mitbewerberin hingegen war sehr forsch und laut. Ich versuchte, zu vermitteln und war sehr auf Einigkeit bedacht, vielleicht zu sehr. Man kann sich nie sicher sein, was den Personalern wirklich wichtig ist, wen sie gerade suchen. Will die Firma einen kooperativen, zurückhaltenden Mitarbeiter? Oder braucht sie einen Leader, der durchsetzungsfähig ist? Ich informiere mich deshalb auch stets im Vorfeld: Wofür steht das Unternehmen, bei dem ich mich bewerbe? Gibt es eine Firmenphilosophie?

Während des Verfahrens selbst muss man schnell sein. Man braucht eine gute Menschenkenntnis, um einschätzen zu können, wie der jeweilige Juror tickt. Danach richte ich mich im Gespräch. Bei Continental mussten wir zusammenarbeiten, um zu einem Ergebnis zu kommen. Gleichzeitig war uns bewusst, dass wir in Konkurrenz zueinander stehen.

Letztlich kämpft in einem Assessment Center jeder gegen jeden. Besonders knifflig war das bei der Abschlussbesprechung. Jeder Kandidat musste erläutern, wie er seine Mitbewerber wahrgenommen hat. Da darf man nicht unverhältnismäßig hart oder gar verletzend sein, aber man muss offen Kritik äußern. Das klingt selbstverständlich, ist aber doch ein schwieriger Balanceakt.

Überhaupt schlaucht ein Assessment Center mehr als ein gewöhnliches Bewerbungsverfahren. Man steht seinen Konkurrenten direkt gegenüber. Für die Unternehmen ist das eine effektive Methode, um eine größere Zahl von Bewerbern sehr schnell und sehr intensiv kennenzulernen.

Bereits wenige Tage nach dem Assessment Center bekam ich von Continental eine E-Mail: "Wir bedauern sehr, Ihnen mitteilen zu müssen ..." Weiter habe ich gar nicht gelesen. Ich glaube, ich konnte der Jury nicht glaubhaft genug versichern, dass ich für den Job bei Continental alles geben würde. Aber man sollte sich von einer Absage nicht entmutigen lassen. Schließlich werden nicht immer die besten Bewerber ausgewählt, sondern die, die am besten zum Unternehmen passen.

Aufgezeichnet von Maximilian Popp


* Name geändert.

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