Belletristik Schriftsteller im Wartestand

Thomas Glavinic vergnügt mit dem selbstironischen Roman "Das bin doch ich".

Von Doja Hacker


Mit einem Roman gerade fertig geworden zu sein ist für einen Schriftsteller kein wirklich schöner Zustand. Er muss sein Werk nun einer beim Schreiben ausgeblendeten Instanz übergeben - dem Literaturbetrieb. Ob dieser es gut meint mit dem Manuskript, das wird sich in zäher Zeit ganz langsam herausstellen.

Dieser Wartezeit hat der Wiener Autor Thomas Glavinic ("Der Kameramörder", "Die Arbeit der Nacht") seinen neuen Roman gewidmet. Der Titel "Das bin doch ich" verdankt sich einem Artikel in der "Süddeutschen Zeitung", in dem der mit Glavinic, 35, befreundete Schriftsteller Daniel Kehlmann ("Die Vermessung der Welt") als der Beste seiner Generation bezeichnet wird. Glavinic liest es im Internet und zuckt zusammen: Der Beste - das bin doch ich! Spätestens hier hat er den Leser auf seiner Seite.

Das Buch ist durchzogen von Selbstironie, einer fein justierten, denn zum Verschwinden vor lauter Bescheidenheit bringt sie den Ich-Erzähler nicht. Der Mann hat seinen Stolz. Viele Literaturbetriebswichtige werden im Buch beim Klarnamen genannt, und wo sie, wie der ARD-Kritiker Denis Scheck, ihr Fähnlein nach dem Winde hängen, auch vorgeführt.

Dennoch ist "Das bin doch ich" kein Literaturbetriebs-Entlarvungsroman. Glavinic ist kein Berserker, der sich in aller Öffentlichkeit die Stirn aufschlitzen würde, eher ein "Knecht seiner Idiosynkrasien". Man muss ihm aber deshalb nicht gleich mangelnden Mut vorwerfen wie die Kritikerin der "Frankfurter Rundschau", die offenbar lieber ein Gemetzel gelesen hätte. Dabei sagt er es doch selbst: "Das Heroische will nicht mein Fach sein."

Der Roman ist ein Kunststück in mehrerlei Hinsicht: Hier wird ein Familienleben angepriesen, in dem die Aufgaben himmelschreiend ungerecht verteilt sind: Der Ich-Erzähler, Vater eines kleinen Jungen, gönnt sich nach Fertigstellung seines Romans "Die Arbeit der Nacht" eine Auszeit, betrinkt sich beinahe jeden Abend auf literarischen Veranstaltungen, seine Frau hält den Laden zusammen und stellt dem Verkaterten morgens eine Thermoskanne mit Kaffee hin. Als tieferen Grund für diese Notizen kann man also annehmen, dass Glavinic sich mit dem Buch bei seiner Frau bedanken möchte - dafür, dass sie noch da ist.

Zum Glück für den Leser bleibt sich der Ich-Erzähler treu. Selbsterkenntnis ist beim Schriftsteller keinesfalls der erste Schritt zur Besserung, sondern Material für seine Arbeit am Tonfall: Zu zerknirscht darf der nicht sein, als zu schlecht darf der Erzähler sein Gewissen nicht beschreiben, dann würde das Buch kippen, und der Leser könnte sich vor der Zeit verabschieden.

Hier aber bleibt er sogar länger: Denn der Tonfall ist von so vollendetem Understatement, dass der Leser sich nach Beendigung des Romans noch Stunden mit sich selbst in diesem Tonfall unterhalten kann. Einfach um auszuprobieren, ob er darin gut zurechtkommt.

Glavinic hält sich Seite für Seite auf jenem schmalen Grat zwischen Zerknirschung und Angriffslust. Hier gelingen ihm wundervoll nüchterne Beschreibungen zunehmender Alkoholisierungen, köstliche Verlaufsprotokolle von Restaurantbesuchen mit Bestseller-Autoren und Bürgermeistern; hinreißende Familienfeierszenen, in denen der Ich-Erzähler sich klarmachen muss, dass ihm das, womit er handelt - die Sprache -, nicht gehört. Wenn ihm zum Beispiel seine Oma in eines seiner Bücher eine Widmung diktiert: "Für Herrn Primarius Doktor Weinstödl, mit innigem, herzlichem Dank für die Pflege, die Sie meiner Großmutter Judith Schneider im Krankenhaus haben angedeihen lassen. Hochachtungsvoll Thomas Glavinic, Schriftsteller." Auf die Hinzufügung seines Berufs legt sie Wert.

Auch dies ein Motiv seiner Selbstironie: Der Schriftsteller hat nicht Macht über seine Familie, bloß weil er über sie schreibt. Familien sind vital genug, ihren sie beschreibenden Mitgliedern das klarzumachen. Erst recht, wenn der Schreibende einen Freund wie Daniel Kehlmann hat, der mit seinen Romanen ein Vielfaches verdient und der damit der Mutter Gelegenheit gibt zur Frage: Wann schreibst denn du mal so was?

"Hell is empty, / And all the devils are here." Diese Shakespeare-Zeile ist dem Roman vorangestellt. Aber die Hölle, das sind für den Schreibenden nicht nur die anderen. Die Hölle lauert auch noch im eigenen Leib, der voller Überraschungen steckt, und Ärzte sind auch nur Handwerker, die im allergünstigsten Fall gerade keine eigenen Probleme haben.

Vor allem den Freunden des gehobenen literaturbetrieblichen Klatschs wird dieses Buch Spaß machen. Aber nicht nur ihnen.


Bücher, Bücher, Bücher - alles, was Sie zu den Neuerscheinungen des Herbstes wissen müssen, erfahren Sie in dem aktuellen SPIEGEL SPECIAL "Neue Bücher 2007 - Biografien & Co.". Jetzt am Kiosk



© SPIEGEL special 5/2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.