Belletristik Kabuler Nachtblumen

Nach dem Welterfolg "Drachenläufer" legt Khaled Hosseini einen Roman über das Schicksal von zwei afghanischen Frauen vor.


In San José, am Südufer der San Francisco Bay, führt Khaled Hosseini mit seiner Frau, einer Anwältin, und den beiden Kindern das komfortable Leben einer kultivierten amerikanischen Mittelklassefamilie. Seit 27 Jahren lebt der 42-Jährige in den USA, schon lange im gediegenen kalifornischen Ambiente mit den großen Bungalows, den Drei-Auto-Garagen und den weißen Motorbooten.

Dabei war der soziale Abstieg zunächst tief, als die Familie Hosseini 1980 in die USA immigrieren und dort von staatlicher Hilfe leben musste. Nach der Besetzung Afghanistans durch die Sowjets hatte Hosseinis Vater, der zuvor Diplomat in Paris war, in den Vereinigten Staaten um Asyl gebeten.

Für Khaled Hosseini hat sich der amerikanische Traum vom Aufstieg erfüllt, und doch lässt ihn seine afghanische Herkunft nicht los. Jeden Morgen um halb sechs, wenn die Familie noch schläft und die Jalousien noch geschlossen sind, treibt es ihn an den Schreibtisch, seine Gedanken kehren in die alte Heimat zurück, und er konzentriert sich als Erzähler auf das Land am Hindukusch und seine Menschen: auf Armut und Angst, Hass und Gewalt, Unglück und Erniedrigung. In dieser Welt als Frau geboren zu sein, ist eine zusätzliche, schwere Bürde.

"Lass dir das eine Lehre sein, meine Tochter", lässt Hosseini eine Mutter gleich am Anfang des Buchs warnen: "So wie eine Kompassnadel immer nach Norden zeigt, wird der anklagende Finger eines Mannes immer eine Frau finden. Immer."

Mariam, der dies gesagt wird, ist eine der beiden weiblichen Hauptfiguren in Hosseinis zweitem Roman "Tausend strahlende Sonnen". Er erscheint vier Jahre nach dem Erstling "Drachenläufer", der weltweit acht Millionen Mal verkauft worden ist und der Anfang nächsten Jahres als Film in die Kinos kommt. Auch dieses sensationelle Debüt des Autors, den zuvor niemand kannte, spielt in Afghanistan - in einem Land, mit dem die meisten kaum mehr assoziieren als Krieg, Armut, religiösen Fanatismus und verstörende Bilder total verhüllter Frauen.

Seinen neuen Roman hat Hosseini dem Schicksal zweier Afghaninnen gewidmet. Mit Sorgfalt wählte er schon die Namen seiner Heldinnen: Mariam und Laila, das heißt die Nachthyazinthe und die Nachtschönheit - Anmut, die im Verborgenen blüht.

Die beiden Frauen ertragen Zwangsheirat samt der damit verbundenen sexuellen Nötigung durch einen Jahrzehnte älteren Mann, Schläge bis zum Kieferbruch und zur Beinah-Erdrosselung, Operationen ohne Betäubung, Hunger bis zum Delirium. Sie verlieren fast sämtliche geliebten Menschen - Brüder, die im Kampf gegen die Sowjets fallen, Eltern, die von Taliban-Granaten zerfetzt werden, ein Kind, das ins Waisenhaus muss, um die Not zu überleben.

Spielte der Roman in einer anderen Weltgegend, wäre so viel Unglück und Schrecken auf so engem Raum zu dick aufgetragen, um noch glaubhaft zu wirken. Doch Afghanistan erlebt seit 30 Jahren eine fatale Kette von Bürgerkriegen und Invasionen, Kriegen und Hungersnöten, Flächenbombardements und Terrorakten, von den speziellen Leiden seiner Frauen ganz zu schweigen. Und der Roman ist ganz von dieser Welt.

Als uneheliches Kind, das ein reicher, polygamer Kaufmann aus Herat nebenbei mit einer Dienstbotin gezeugt hat, ist Mariam ein sozial geächteter Bastard, ein "Harami". Ganz allein mit ihrer verbitterten Mutter wird das phantasievolle Mädchen in einer Lehmhütte groß; sie träumt davon, zur Schule zu gehen - und einmal wenigstens das Kino zu besuchen, das ihrem Vater gehört.

Die hübsche, begabte Laila, die jüngere der beiden Frauen, wächst 15 Jahre später heran, in bürgerlich geordneten Verhältnissen, allerdings im sowjetisch besetzten Kabul. Ihre Eltern sind liberale Akademiker, der Nachbarsjunge Tarik ist ihr Schwarm. Dass der aufgeweckte Junge eine Beinprothese trägt, tut seiner Attraktivität in Lailas Augen keinen Abbruch - im minenübersäten Afghanistan sind Prothesen so normal wie Zahnklammern.

Doch erwachsen geworden, ergeht es Laila nicht besser als Mariam. Die neuen Herrscher, die Taliban, zwingen auch sie unter die Burka und verbieten ihr, zu studieren und einen Beruf auszuüben. Nachdem Mariam ihrem Haustyrannen, von Beruf Schuhmacher, nicht den gewünschten Sohn gebiert, holt der sich als Zweitfrau die junge Laila ins Haus. Deren Geliebter ist inzwischen mit seinen Eltern aus dem von rivalisierenden Warlords zerbombten Kabul geflohen.

Hosseini ist kein Mann der Andeutungen. Er buchstabiert jedes Gefühl seiner Figuren aus und malt die Szenen so plastisch, als habe er die Verfilmung schon vor Augen. Ein Kritiker des britischen "Guardian" bemängelte anlässlich des "Drachenläufers", Hosseini schlage "zu viele Eier in den Nachtisch". Doch die meisten seiner Leser werden solche Einwände kaltlassen. Mögen die Geschichten, die Hosseini erzählt, auch nicht zur Weltliteratur gehören, so werden sie doch in aller Welt gelesen. Und das hat gute Gründe: Dieser Autor langweilt nie, er erzählt immer farbig, spannend und glaubwürdig. Er setzt auf drastischen Realismus, nicht auf billige Knalleffekte. Er zeigt auch die inneren Widersprüche und menschlichen Schwächen seiner Heldinnen und zieht seine Leserschaft unwiderstehlich in einen fremden Mikrokosmos. In eine Fremde, die Hosseini gekonnt nah rückt.

Auch dort wollen die Menschen bei den Großereignissen des Medienzeitalters dabei sein: Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt einer langen, schlimmen Dürre, kursiert in Kabul der Spielfilm "Titanic". Obwohl sogar der Besitz von Fernsehern und Videos unter dem Taliban-Regime verboten ist, avanciert der Film zum heimlichen Hit jenes Sommers. Tagelang phantasiert sich Lailas Tochter in die Rolle des Liebhabers Jack Dawson, während ihre Quasi-Tante Mariam Jacks Geliebte Rose mimen muss; für Lailas kleinen Sohn bleibt die Rolle des Eisbergs.

Kabul verwandelt sich in "Titanic"-City. Fliegende Händler bieten "Titanic"-Deos, "Titanic"-Zahnpasta, "Titanic"-Parfüm und sogar "Titanic"-Burkas. Die Menschen lechzen nach der Musik, dem Luxus, dem Schiff, den Sexszenen: Gerade unter der Schreckensherrschaft religiöser Fanatiker bricht sich der Traum von einem ganz anderen Leben Bahn.

Der Diplomatensohn Khaled Hosseini war als Kind in Kabul von Dienern umgeben und besuchte erstklassige Schulen. Durch die frühe Emigration seiner Eltern entkam er den Kriegen in seiner Heimat. In Amerika konnte er trotz des exilbedingten sozialen Abstiegs seiner Familie studieren. Der gutaussehende Mann lernte eine schöne Afghanin kennen, ließ seinen Vater nach altem Brauch um sie anhalten, feierte sechs Wochen später Hochzeit mit 600 Gästen, wurde Arzt und bekam zwei Kinder. Von außen führt er ein beneidenswertes Leben.

Im Frühling 2003 kehrte Hosseini zum ersten Mal nach über 20 Jahren in die Heimat seiner Kindheit zurück. "Ich fühlte mich wie ein Außenseiter, denn ich hatte nicht gelitten wie die anderen", sagte er danach. "Ich spürte das, was man die Schuld der Überlebenden nennt." Von solchen Empfindungen haben diejenigen berichtet, die dem Holocaust entkamen.

Als Erzähler bringt Hosseini der Welt das Schicksal seiner Landsleute so nah wie niemand zuvor. Schon der Titel "Tausend strahlende Sonnen", der einem alten persischen Gedicht über Kabul entstammt, intoniert ihre Sehnsüchte nach einem menschlichen Leben. Mehr muss und kann ein Autor nicht von sich verlangen.


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