Der SPIEGEL

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25. März 2008, 00:00 Uhr

Toleranz & Terror

Hetze im Netz

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Zwei Deutschtürken betreiben eines der größten deutschsprachigen Internet-Portale für Muslime. Sie sind bekennende Fundamentalisten, werden vom Verfassungsschutz beobachtet und werben für einen Islam nach Art des iranischen Mullah-Regimes.

Yavuz und Gürhan Özoguz wollen - so sagen sie - Brücken bauen zwischen Orient und Okzident, zwischen Muslimen und Christen. Die Möglichkeit, dies massenwirksam zu tun, haben sie. Schließlich sind sie die Betreiber von "Muslim-Markt", einem der größten deutschsprachigen Internet-Portale islamischer Prägung.

Rund 100.000 Besuche, nach Auskunft der Brüder, haben sie monatlich auf ihrer Web-Seite, auf der der "Dialog der Kulturen" als "Dialog für Frieden" gepriesen wird. Doch die Art und Weise, wie die Delmenhorster den Dialog - oder das, was sie dafür halten - führen, hat mitunter realsatirische Züge.

Etwa wenn der katholische Fürst Hans-Adam II. von und zu Liechtenstein im Interview bekennt, dass muslimischen Lehrerinnen, die in seinem Zwergstaat mit Kopftuch unterrichten wollten, keine Steine in den Weg gelegt würden: "In meiner Kindheit haben noch viele Frauen Kopftuch getragen, und niemand hat sich darüber aufgeregt." Ihm persönlich gefielen Frauen mit Kopftuch ohnehin "sehr viel besser als solche mit Nasenringen und violetten Haaren".

Auch der Versuch, Weihnachtsmelodien mit muslimischen Texten zu koppeln, kann unfreiwillig komisch sein. Beispielsweise wenn in der Rubrik "Muslim-Lieder" dazu aufgefordert wird, zur Melodie von Jingle Bells zu singen: "Ramadan, Ramadan/Das ist unsre Welt/Beten, Fasten, Gutes tun/Ist was Gott gefällt."

Doch wer ein wenig länger in dem Muslim-Markt surft, begreift schnell, warum der niedersächsische Verfassungsschutz, der die Aktivitäten von Yavuz Özoguz seit Jahren beobachtet, in seinem letzten Bericht den "Internet-Auftritt in seiner Gesamtheit als ein Integrationshemmnis" ansieht.

Denn in vielen Bereichen erweist sich der Muslim-Markt als Wegweiser in eine islamische Parallelgesellschaft. Beispielsweise mit Diensten wie der Single-Börse "Muslim-Heirat" oder "Muslim-Firmen", wo von A wie Acrylglas bis Z wie Zahnpasta geschlossen muslimisch gewirtschaftet werden kann. Auch Boykottaktionen gegen Produkte und Unternehmen, denen mit abenteuerlichen Argumenten islamfeindliches Verhalten vorgeworfen wird, belegen den Trend zur Abschottung.

So sollen bei "Muslim-Heirat", der - nach Auskunft der Betreiber - "mit Abstand am häufigsten besuchten Seite im Muslim-Markt", nur fromme Anhänger Allahs ebensolche Partner suchen. Eine Form der Apartheid, die Soziologen als Indikator für vormoderne Strukturen und Denkweisen gilt, denn in modernen westlichen Gesellschaften spielen Kriterien wie Rasse, Schicht oder Religion bei der Partnerwahl kaum mehr eine Rolle.

Auch Liebe, Wohlstand und Schönheit scheinen bei der "Suche nach einem geeigneten Lebensgefährten" eher zweitrangige Kriterien zu sein - zumindest, wenn man die Betreiber der Web-Seite und ihre "Ratschläge" wörtlich nimmt. "In Anlehnung an eine Überlieferung des Heiligen Propheten", so die Özoguz-Brüder, "empfehlen wir jedem unserer Geschwister bei der Auswahl des Lebensgefährten im Wesentlichen auf dessen Gottesehrfurcht ... zu achten."

Zudem findet sich "zum Thema Ehe, Ehevertrag, Heirat usw." ein Link zu der von Yavuz Özoguz betreuten "Enzyklopädie des Islam". Klickt man dort das Stichwort "Ehevertrag" an, wird klar, dass es den selbsternannten Brückenbauern im Kern darum geht, Mauern zu errichten, um mitten im säkularen deutschen Rechtsstaat Räume zu schaffen, in denen eine vom Islam bestimmte moralische Ordnung gilt. "Die Ehefrau kann das Eheheim nicht ohne Erlaubnis des Ehemannes verlassen, es sei denn, es werden Ausnahmen vereinbart", heißt es dort lapidar.

Damit sich Frauen derlei gefallen lassen, ist eine frühe Konditionierung gerade in Ländern, in denen Anders- und Ungläubige den Alltag prägen, offenbar unerlässlich. Da trifft es sich gut, dass die Delmenhorster Muslim-Brüder in ihrem Markt auch einen "Mustertext" für einen "Brief an Klassenlehrer und Schulleitung" anbieten. Mit dem können muslimische Eltern beantragen, ihre Töchter vom koedukativen Schwimmunterricht freizustellen.

Denn "gemäß den religiösen Geboten des Islam erreicht ein Mädchen spätestens mit neun Mondjahren die religiöse Reife", erläutern die Brüder Özoguz, und deshalb müsse schon ein Grundschulkind "seinen Körper (bis auf Gesicht und Hände) vor fremden Männern und Jugendlichen" verhüllen.

Damit die Befreiung vom Schwimmunterricht auch wirklich klappt, enthält der Briefentwurf Verweise auf Urteile deutscher Verwaltungsgerichte, die Ausnahmegenehmigungen für den Schwimmunterricht befürwortet hatten. Sollte es dennoch Probleme mit der Schule geben - der Muslim-Markt bietet auch dann einen Ausweg. Bei "Muslim-Firmen" findet sich unter dem Stichwort "Anwälte" der Bonner "Rechtsanwalt/Avukat" Yahya Martin Heising - "Arbeitsschwerpunkte: u. a. Muslime an deutschen Schulen".

Schutz für Frauen vor den Blicken fremder Männer ist, dank "Muslim-Firmen", auch beim Friseur gewährleistet. Hier bieten Berliner Coiffeure wie Gülüm oder Tekbir ihre Dienste an - "für muslimische Frauen geeignet, da nicht einsehbar". Im Gelsenkirchener Salon Image by Funda gibt es gar "einen extra großen schön eingerichteten Raum für Musliminnen mit Kopftuch".

Wer sich trotz solcher Angebote noch immer vor unerwünschten Blicken fürchtet, hat zumindest in Hannover und Umgebung eine Alternative: Tanja, eine deutsche Muslimin mit Hidschab-Ganzkörperabdeckung und "seit zwölf Jahren Friseurmeisterin", betreibt, Allah sei Dank, "einen mobilen Heimfriseurdienst".

Auch für Unternehmen, die nach Ansicht der Özoguz-Brüder "offen gegen den Islam und die Muslime" agieren, gibt es im Muslim-Markt eine eigene Rubrik: "Muslim-Boykott". Neben der "Ablehnung aller israelischer Produkte", von Coca-Cola und McDonald's fallen auch Zeitungen wie die "taz" dem Dschihad in Delmenhorst zum Opfer.

Die "taz" hatte auf ihrer Satireseite eine Meldung, der zufolge indische Muslime das Fernsehen für ein Erdbeben verantwortlich machten, mit dem Satz kommentiert: "Allah ist groß, Allah ist mächtig, er hat einen Arsch von drei Meter sechzig." Für den Muslim-Markt war dies eine "unverschämte, perverse und abartige Beleidigung gegen Allah", die "selbst die aggressiven Attacken Rushdies gegen den Propheten in den Schatten stellt".

Dass neben vermeintlichen auch nur eingebildete Beleidigungen des "Erhabenen" zum Boykottaufruf führen können, zeigt das Beispiel des Sportartikelherstellers Nike. Der habe "in einem seiner Schuhe angeblich den Namen eines seiner Stars", des Basketballspielers Michael ,Air' Jordan, eingedruckt. Das kalligrafisch verfremdete Wort "Air" sei jedoch "für einen Arabischkundigen unzweifelhaft als Allah ... zu erkennen, wodurch "die Prächtigkeit Allahs mit Füßen getreten werden soll".

Die Frage, wie in Deutschland aufgewachsene Söhne liberaler türkischer Eltern, beide promovierte Ingenieure und deutsche Staatsbürger, sich zu solchen Thesen versteigen können, haben die Brüder in ihrem Buch "Wir sind 'fundamentalistische Islamisten' in Deutschland" beantwortet.

Darin schildern sie, wie sie als junge Männer zunächst mit einem politisch verstandenen Christentum sympathisierten. Dann aber, 1979, kam die Revolution in Iran - für die Özoguz-Brüder war dies eine Art muslimisches 1968. Ein Kampf gegen das korrupte Schah-Regime und dessen Schutzmacht USA, mit einer islamischen Lehre der Befreiung und einem Greis als Helden: Ajatollah Chomeini. Yavuz Özoguz las dessen Schriften und fand "den frischesten Kämpfer für Gerechtigkeit, der je mein Herz berührt hat".

Offenbar hat der inzwischen verstorbene Revolutionsführer auch Yavuz Özuguz' Umgang mit Autoren geprägt, die er für Feinde des Islam hält - wie der Fall des Orientalisten Hans-Peter Raddatz zeigt.

Raddatz hält den Islam für gefährlich und expansiv und sieht ihn als eine strukturell gewalttätige Religion, in der eine mehr oder minder gerade Linie von Allah zum Terror führt. Das ist eine These, gegen die es viele Argumente gibt, theologische und historische.

Doch Yavuz Özoguz wollte gegen Raddatz offenbar mehr als nur argumentieren. In einer Diskussion über den Islamkritiker im Muslim-Markt-Forum hatte er den Teilnehmern im Spätsommer 2005 vorgeschlagen: "Lassen Sie uns folgendes Gebet beten: Wenn der Islam so ist, wie Raddatz es immer wieder vorstellt, dann möge der allmächtige Schöpfer alle Anhänger jener Religion vernichten! Und wenn Herr Raddatz ein Hassprediger und Lügner ist, dann möge der allmächtige Schöpfer ihn für seine Verbrechen bestrafen."

Kurz danach fällten Unbekannte im Garten des Orientalisten einen Baum. Raddatz nannte den Özoguz-Vorschlag einen "geschickt in ein Gebet verpackten Mordaufruf". Die Staatsanwaltschaft Oldenburg holte bei drei Islamwissenschaftlern Gutachten ein und erhob im Frühjahr 2006 Anklage wegen öffentlicher Aufforderung zu Straftaten - die Muslim-Markt-Betreiber hätten zumindest billigend in Kauf genommen, dass Raddatz durch Straftaten bis hin zum Mord geschädigt werden könne.

Alles Unsinn, verteidigte sich Yavuz Özoguz. Das Gebet sei kein Mordaufruf, sondern eine "Mubahala", eine Art gegenseitige Verwünschung. Weil der Streit mit Raddatz auf Erden nicht zu lösen sei, solle eben Gott irgendwann den Fall entscheiden. Außerdem habe er nach der Baum-Attacke auf seiner Web-Seite klar Position bezogen: "Wer Raddatz etwas antut, schadet dem Islam."

Im Gespräch mit Journalisten der "Zeit" zeigten sich die Muslim-Brüder sogar ansatzweise reuig. "Ausdrücke wie Vernichtung oder Gottes Strafe können falsche Assoziationen wecken", räumte Gürhan Özoguz damals ein. Sein Bruder Yavuz wird mit den Worten zitiert, "wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es nicht noch einmal machen". Die Reporter rätselten: "Sind die Brüder zur Besinnung gekommen, oder reden sie nur deshalb so, um einer Strafe zu entgehen?"

Sicher ist: Yavuz Özoguz ging in Sachen Raddatz straffrei aus. Das Landgericht Oldenburg lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens ab - mit der Begründung, eine Verurteilung des Beschuldigten sei nicht wahrscheinlich, das Bundeskriminalamt (BKA) halte den Text lediglich für eine Verwünschungsformel, die in der arabisch-islamischen Kultur im Alltag weitverbreitet sei.

Doch das Taktieren im Fall Raddatz legt den Verdacht nahe, dass die zur Schau gestellte Einsicht bloß Fassade ist. Denn Hetzparolen werden offenbar nur dort zurückgenommen oder relativiert, wo rechtliche Konsequenzen drohen.

Wo dies nicht der Fall ist, bleiben sie einfach stehen. Etwa in einem offenen Brief an "Goebbels' Schreiber" - westliche Journalisten, die die Welt anders sehen als das Muslim-Markt-Team: "Sie schreiben mit der Tinte ihrer eigenen Jauche und suhlen sich im Morast des Blutes Tausender und Abertausender unschuldiger Frauen und Kinder." Der Brief schließt mit der Formel: "Der Friede Gottes sei mit denen unter Ihnen, die der Wahrheit folgen, und der Fluch Gottes sei auf denen, die im missbrauchten Namen der Freiheit die Wahrheit mit Füßen treten."

Ob dies nur eine weitere jener Verwünschungsformeln ist, die laut BKA in der arabisch-islamischen Kultur alltäglich sind, steht dahin. Sicher ist, dass auch nichtalltägliche Verwünschungen Yavuz Özoguz keine allzu großen Bauchschmerzen bereiten.

Chomeinis 1989 gegen den Schriftsteller Salman Rushdie ausgesprochene Fatwa, die einem Mordaufruf gleichkam, verharmloste er 2003 als "religiöses Rechtsurteil für eine beliebige Fragestellung" - nicht ohne zu erwähnen, dass "die allermeisten Muslime" dessen Buch "Satanische Verse" als "schlimmste Entgleisung der westlichen Welt gegenüber dem Islam empfanden".

Später behauptete er, die Fatwa sei "ein Schutz für Rushdie" gewesen: "Sein Leben war gefährdet durch Millionen empörter Muslime, die seine 'Satanischen Verse' hassten. Aber als die Fatwa gesprochen war, da war klar: Der Mann ist bedroht. Er wird Schutz bekommen, und den bekam er auch."

Ob Yavuz Özoguz den Auftrag, einen Menschen zu töten, noch immer für eine Schutzmaßnahme hält, kann nur vermutet werden. Ein Gespräch mit dem SPIEGEL hat er verweigert. Er bat "höflichst um Verständnis" dafür, "dass für mich eine Unterstützung der Arbeit des SPIEGEL nicht in Betracht kommt". Grund: Das Blatt sei "hetzerisch gegen den Islam und die Muslime".

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