Architektur Zwang zum Spektakel

Der Niederländer Rem Koolhaas über neue Trends in Architektur und Städtebau, das Ende der europäischen Stadt sowie den Unterschied zwischen Architekten und "Stararchitekten"

SPIEGEL: Herr Koolhaas, Sie bauen in Europa, in den USA, am Golf und in China. Aus welchem Teil der Welt erwarten Sie künftig die stärksten Impulse für Architektur und Städtebau?

CCTV Tower von Rem Koolhaas in Peking (Ende 2007): "Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus"

CCTV Tower von Rem Koolhaas in Peking (Ende 2007): "Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus"

Foto: AFP

Koolhaas: Da müssen wir unterscheiden: Was die Erfahrung des Bauens angeht, wird der stärkste Impuls mit Sicherheit aus China, aus dem Nahen Osten, wahrscheinlich auch aus Indien kommen. Komplexer ist es mit dem Denken: Noch dominiert ja die intellektuelle Kraft des Westens, doch die anderen Kulturen werden stärker. Ich erwarte, dass wir in Architektur und Städteplanung ein neues Denken entwickeln werden, das weniger von unseren Modellen ausgehen wird. Es gibt viele junge, gute Architekten in China. Offen ist die Frage, ob sich aus unserer Zusammenarbeit, aus dieser Internationalisierung, eine gemeinsame Sprache der Architektur ergeben wird, ob wir zwei verschiedene Sprachen sprechen - oder ob es eine Mischung wird.

SPIEGEL: Bei einem Vortrag in Dubai haben Sie unlängst zwei Dias an die Wand geworfen: erst eine Aufreihung ikonischer Wolkenkratzer, die Sie selbst, Zaha Hadid und andere Stararchitekten entworfen haben - und dann eine Sammlung von Hochhäusern, deren Schöpfer unbekannt sind. Die Bilder sahen sich zum Verwechseln ähnlich.



Koolhaas: Ich tue mich furchtbar schwer mit dem Wort "Stararchitekt". Denn es macht den Eindruck, als bezeichne es Menschen, die kein Herz haben, Egomanen, die immer nur ihr Ding machen, völlig losgelöst von jedem Kontext. Ich finde, das ist eine groteske Beleidigung für einen Berufsstand, der sich - soweit ich meine Kollegen kenne - sehr viel Mühe gibt, für jeden einzelnen Fall das Richtige, das Passende zu finden. Gleichzeitig werden wir natürlich vom Markt angetrieben - und von Bauherren, die uns auf gewisse Formen festlegen wollen. Ich denke seit langem darüber nach, wie es uns vielleicht gelingt, dieser Festlegung auf das rein Formale zu entgehen. Deshalb habe ich das einfach mal gezeigt: Es gibt in Wirklichkeit gar keinen so großen Unterschied zwischen den Bauten der "Stararchitekten" und denen anderer.

SPIEGEL: Wie viel Zeit bleibt Ihnen eigentlich bei großen Projekten, sich auf einen Ort, auf einen konkreten Kontext einzulassen? In Dubai haben Sie gerade in nur einem Jahr eine Stadt für 1,5 Millionen Einwohner entworfen, genannt Waterfront City.

Koolhaas: Es ist weniger Zeit zur Recherche da, so dass eine Tendenz zur Nachahmung entsteht. Eine unserer Theorien ist, dass man diesen exzessiven Zwang zum Spektakulären durch Rückkehr zur Einfachkeit kontern kann. Das ist ein Effekt der Geschwindigkeit. Ein anderer ist die mittlerweile universelle Forderung, alles müsse nun "nachhaltig" sein. Uns hat diese Idee seit den sechziger Jahren interessiert, insofern fühlen wir uns bestätigt. Doch inzwischen ist Nachhaltigkeit eine so politische Kategorie, dass es immer schwieriger wird, wirklich ernsthaft darüber nachzudenken. Die Nachhaltigkeit ist zu einem Ornament geworden. Immer häufiger gewinnen Entwürfe in Wettbewerben, weil sie buchstäblich grün sind und sich irgendwo an ihnen eine kleine Windmühle dreht.

SPIEGEL: Ihnen passt offenbar der Begriff der Nachhaltigkeit nicht.

Koolhaas: Weil er zu einer hohlen Formel geworden ist - und es deshalb immer schwieriger wird, über Ökologie nachzudenken und nicht ironisch zu werden. Auf der anderen Seite hat es natürlich auch einen Vorteil, dass die Etikette der Nachhaltigkeit heute so populär ist: Wir versuchen schon seit langem so zu bauen, dass wir so weit wie möglich ohne Klimatisierung auskommen, dass wir unnötige Sonneneinstrahlung vermeiden, dass wir eine Dichte herstellen, die Schatten wirft. Früher gab es dafür kaum Interesse, heute zahlen Kunden dafür.

SPIEGEL: Nachhaltig soll auch Ihre Waterfront City in Dubai werden - worauf genau wollen Sie mit diesem Projekt hinaus?

Koolhaas: Es geht mir darum, in Dubai einen Stadtteil zu etablieren, der eine wirkliche Metropole ist. Dazu gehört vor allem ein echter öffentlicher Raum - nicht die Karikatur eines öffentlichen Raums, also Shopping Malls. Ich bin der Regierung in Dubai sehr dankbar, dass wir dort ein Gericht haben werden, Krankenhäuser, die Endstationen zweier U-Bahn-Linien. Es wird also eine erkennbare Identität dieses Raumes geben: Zutaten dessen, was Dubai ausmacht, aber auch echtes städtisches Leben ...

SPIEGEL: ... das im Augenblick noch fehlt?

Koolhaas: Es fehlt nicht, es ist eher konfus. Wir haben dort einen Stadtteil namens Deira, der absolut urban ist, unglaublich dicht, gemischt, aufregend und schön - von einer Art Schönheit, die wahrscheinlich bald unseres Schutzes bedarf. Wie wir als Städteplaner in Zukunft überhaupt mehr darüber nachdenken müssen, wie wir gleichzeitig planen und konservieren.

SPIEGEL: Die gewachsene europäische Stadt, wie wir sie kennen, ist also bald eine historische Reminiszenz, ein Fall fürs Weltkulturerbe?

Koolhaas: Genau. Wobei wir uns von der europäischen Stadt nicht verabschieden müssen - sie ist ja noch da. Aber als Norm, als einziges Modell ist sie eben schon zu lange da. Und das ist gewissermaßen die Tragödie der vergangenen 20 Jahre. Weil sie als Norm so dominant ist, weil sie der zeitgenössischen Architektur so fest im Kopf steckt, hebt sich alles andere negativ dagegen ab: Wir sind gegen China, wir sind gegen Dubai - weil das alles nicht europäisch ist. Womit vielleicht auch im weiteren Sinn ein Problem Europas bezeichnet ist: Wir sind so geprägt von unserem Modell, dass es uns oft schwerfällt, in anderen Welten zu denken.

"Der Wettlauf um das höchste Gebäude der Welt ist lächerlich!"

SPIEGEL: Der Vorwurf gegen die Entwicklung am Golf lautet sinngemäß: "Alles Disney-Land."

Koolhaas: Die ewige Wiederkehr dieser Disney-Fatwa sagt in Wahrheit mehr über die Stagnation der kritischen Vorstellungskraft des Westens aus als über die Städte am Golf. Was unser Büro baut, wird überall kontrovers diskutiert, aber mir fällt auf, dass Leute, die tatsächlich in China oder am Golf leben, meistens etwas mit unseren Ideen anfangen können. Sie sind eben draußen im Felde, und im Felde hat man ein anderes Bild.

SPIEGEL: Lässt sich das, was in Dubai entsteht, mit dem vergleichen, was Sie in Hamburg entworfen haben - dem aus Containern zu einem spektakulären Ring gestapelten "Science Center"?

Koolhaas: Vergleichbar ist, dass wir es in beiden Fällen mit großen, von Immobilien-Entwicklern angetriebenen Projekten zu tun haben, also mit einer sehr abstrakten Substanz. Das führt dazu, dass man den Unterschied solcher Projekte oft nicht erkennt. Völlig unterschiedlich aber sind die Bedingungen in Hamburg oder in Dubai, das politische Umfeld, die Freiheit, auch der Spielraum eines Architekten. Womit wieder ein Charakteristikum zeitgenössischen Bauens deutlich wird: Wir versuchen im Grunde überall die gleiche Masse in eine örtlich vorgegebene Form zu gießen.

SPIEGEL: Sie beklagen, dass moderne Architektur sich dem Primat des Ikonischen unterordne und dadurch beliebig werde. Auf der anderen Seite haben Sie selbst einige der einprägsamsten Ikonen überhaupt geschaffen, allen voran das Gebäude für den chinesischen Fernsehsender CCTV in Peking.

Koolhaas: Ich bin ein kritischer Geist und ein Architekt zugleich, und ich fühle mich nicht verpflichtet, in meiner konkreten Arbeit immer meine eigenen Theorien zu bestätigen. Es gibt Widersprüche, und die Möglichkeiten, die sich uns heute bieten, fordern solche Widersprüche heraus. Trotzdem versuchen wir Gebäude zu errichten, deren Identität instabil ist, die also Tiefe haben. Nehmen Sie den CCTV-Komplex: Jetzt, wo er fast fertig ist, wird deutlich, wie er funktioniert. Wo immer Sie stehen - er sieht von überall anders aus. Permanent verschieben sich Vordergrund und Hintergrund. Wir haben nicht eine einzige, sondern 400 Identitäten geschaffen. Das ist es, was wir wollten: Zweideutigkeiten, Unübersichtlichkeiten herstellen, um dem Zwang des Expliziten zu entgehen.

SPIEGEL: Heißt das, dass die Ikone des 20. Jahrhunderts, der Wolkenkratzer, die schiere Vertikale, damit auf ihr Ende zugeht?

Koolhaas: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es sehr viele Typologien des Bauens, heute haben wir im Grunde nurmehr zwei davon: das Haus und den Turm - und nichts dazwischen. Ich sehe wenig Anzeichen dafür, dass sich das ändert. In Russland und China erleben wir ja geradezu eine Apotheose des Turms. Vielleicht erleben manche Typologien ihre Mystifizierung aber auch erst, wenn sie in Wahrheit schon tot sind.

SPIEGEL: Was halten Sie von den Türmen, die sich um den Titel des höchsten Gebäudes der Welt balgen? Gefällt Ihnen einer davon?

Koolhaas: Ich finde es lächerlich. Nüchtern betrachtet, mag ich den einen oder anderen sogar - den Burj Dubai zum Beispiel, einfach, weil er so irrsinnig aussieht, ein Gebäude das weit höher ist als jedes andere, das es je gab. Ganz kann ich diesem Reiz auch nicht widerstehen, aber intellektuell bin ich durchaus in der Lage, diesen Wettlauf abzulehnen.

SPIEGEL: Was kommt denn nach dem Wolkenkratzer?

Koolhaas: Es geht inzwischen immer weniger um Höhe, es geht immer mehr um Größe, um "Bigness". Im Mittelalter hatte ein großes Gebäude, sagen wir, 200 Quadratmeter, in der Renaissance mögen es 10.000 gewesen sein, im 19. Jahrhundert 40.000. Heute bauen wir Komplexe von 500.000 Quadratmetern. Die Veränderung der Quantität hat Folgen: Eine davon ist, dass wir es mit multifunktionalen Gebäuden zu tun haben, weil sich mit einer einzigen Funktion eine solche Fläche gar nicht mehr füllen lässt.

SPIEGEL: So dass wir dann, wie im Burj Dubai, 50 Etagen Büros, 50 Etagen Hotel, und 50 Etagen Wohnungen haben.

Koolhaas: Eine andere Folge ist, dass das Augenmerk sich auf das Innere verlegt - denn je größer ein Gebäude ist, desto weniger Kontakt hat es mit der Außenwelt. Im Inneren solcher Komplexe aber haben wir es jetzt mit unterschiedlichen Zonen zu tun, die mit ganz unterschiedlichen Geschwindigkeiten bewohnt werden, einen ganz anderen Stoffwechsel haben, ständig in Bewegung sind, umgebaut oder repariert oder einem neuen Zweck zugeführt werden.

SPIEGEL: Vor ein paar Jahren waren Sie in Lagos, der größten Stadt Nigerias, und kamen mit einer Botschaft der Demut zurück: Architekten, lasst den Dingen ihren Lauf, passt euch der Realität an!

Koolhaas: Als ich mich zum erstenmal mit Lagos befasste, fand ich eine völlig dysfunktionale Stadt vor, die ihre zehn Millionen Einwohner zwang, Wege zum Überleben zu finden. Mir erschien das als ein Prozess schierer Selbstorganisation - ein Begriff, der damals sehr in Mode war. Inzwischen habe ich die Geschichte dieser Stadt eingehend studiert und mir ist klargeworden, dass diese Selbstorganisation tatsächlich im Rahmen einer Struktur stattfindet, die eine Reihe moderner Denker, Architekten und Städteplaner geschaffen haben.

SPIEGEL: In Lagos haben Sie den Ausdruck "Junk Space" geprägt - was bedeutet dieser in Europa?

Koolhaas: Der Ausdruck beschreibt den Effekt, den Kommerz auf Architektur hat, wie er sich auf die Schönheit, auf die Authentizität und die Akzeptanz eines Gebäudes auswirkt. Die Ironie ist, dass gerade im Westen uns die Überbewertung des Ökonomischen in ein permanentes Chaos zwingt: Früher war ein Flughafen stolz darauf, wenn seine Wege von der Zufahrt zum Gate kurz und direkt waren. Heute sind die Flughäfen durch die Vielzahl der Ladenpassagen zu Labyrinthen geworden. Vom Paradigma der Klarheit ausgehend, sind wir also in nur 20 Jahren beim Paradigma des Chaos gelandet.

SPIEGEL: Können Architektur und Städtebau etwas gegen die Zwänge ausrichten, die Sie beschreiben - gegen die Allmacht der Ökonomie, gegen die Atomisierung der Gesellschaft?

Koolhaas: Als wir in Hollywood ein Hauptquartier für die Universal Studios planten, hatten wir das Problem, dass alle einzelnen Komponenten der Firma über ein weites Areal verstreut waren - also haben wir dieses Gebäude als eine Art Maschine konzipiert, die diese Komponenten wieder zusammenführt. So etwas Ähnliches haben wir jetzt auch beim CCTV-Gebäude gemacht. Dort sprechen wir von einem "Visitors' Loop", einem Durchlauf, in dem sich alle Leute begegnen werden, die sonst disparat vor sich hinarbeiten würden.

SPIEGEL: Nehmen Sie damit auf moderne Art einen Gedanken auf, den der US-Architekt Louis Sullivan auf den Begriff "form follows function" gebracht hat?

Koolhaas: Manche unserer Gebäude erfüllen diesen Grundgedanken zu hundert Prozent, und das Ironische ist, dass dieser funktionalistische Gedanke heute so vergessen, so unbekannt ist, dass er wieder völlig neu erscheint. Die Moderne ist letztlich vom Gedanken der Aufklärung bestimmt, vom Fortschritt. So wacklig uns diese Begriffe heute erscheinen mögen - es wäre absurd, sich von ihnen zu verabschieden, denn erst heute sind wir in der Lage, sie als Europäer mit der Welt zu teilen. Und das wiederum macht die Glaubwürdigkeit europäischer Architektur im Zeitalter der Globalisierung aus: dass wir unsere Formeln weniger formelhaft umsetzen können als andere, dass wir uns genauer auf die Umstände einlassen können, unter denen andere leben.

SPIEGEL: Herr Koolhaas, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten die Redakteure Stephan Burgdorff und Bernhard Zand.