Die Deutschen im Ausland Auf Socken unter Fremden

Exportschlager Witzbold: Mit viel Selbstironie haben es zwei Deutsche in Finnland und Polen zu Starruhm gebracht. Ihr Rat an die deutschen Landsleute: Seid lustiger und bescheidener.

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Finnlands berühmtester Deutscher, Roman Schatz, bewohnt drei luftige Zimmer eines Jugendstilhauses, in Helsinki, im schönen Stadtteil Katajanokka. Er ist ein großgewachsener, breiter Mann mit dunklen Haaren. Schon an der Tür beginnt für Besucher die landeskundliche Einweisung: "Schuhe aus! Mit Straßenschuhen in fremden Wohnungen herumzutrampeln, das bringen nur die Deutschen."

Vor 22 Jahren ist Schatz einer schönen Finnin von Berlin, damals noch West, nach Helsinki gefolgt. Seitdem hat er Finnisch gelernt und ist vom Hilfspfleger im deutschen Altersheim über Stationen im Journalismus zum Showstar aufgestiegen. Schatz moderiert Fernsehsendungen, schreibt Kolumnen und tanzte mit Promis bei der finnischen Version von "Let's dance". Der 48-Jährige kann kaum noch vor die Tür treten, ohne von begeisterten Fans erkannt und angesprochen zu werden.

Auch hinter Steffen Möller, vor 14 Jahren von Wuppertal nach Warschau gezogen, sind Autogrammjäger her. Er schlug sich als Deutschlehrer durch, wurde als Keller-Kabarettist zum Geheimtipp und avancierte als Kartoffelbauer in der polnischen Seifenoper "M jak Milosc" ("L wie Liebe") zum Star. Derzeit gilt er als Polens beliebtester Deutscher - ausgenommen vielleicht Papst Benedikt XVI.

Wie Schatz musste auch Möller erst lernen, dass man die Wohnungen seiner Wahl-Landsleute auf keinen Fall mit Straßenschuhen betritt. Im Unterschied zu den Finnen halten die Polen aber Gästeschlappen bereit. Zur Not klingeln sie gar beim Nachbarn, borgen ein Paar Pantoffeln aus, notiert Möller verwundert in seinem Buch "Viva Polonia". Das 368 Seiten dicke Werk ist jüngst auf Deutsch erschienen und brachte es zum Bestseller.

Roman Schatz setzt jetzt nach, sein Buch heißt "Der König von Helsinki". Auch dieses Werk ist schräge Biografie, Reiseführer und gut beobachtete Landeskunde in einem.

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Roman Schatz: "Der König von Helsinki". Eichborn Verlag AG, 254 Seiten, 14,95 Euro

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Schatz spricht so gut Finnisch, dass er sogar Gedichte schreibt, die Fülle der Vokale und die grammatischen Raffinessen der Sprache haben es ihm angetan. "Das Verb naida ist toll, es kann entweder heiraten oder bumsen heißen", begeistert er sich. Und Möller ist verliebt in die unübersichtlichen Konsonanten-Ketten des Polnischen: W Szczebrzeszynie chrzaszcz brzmi w trzcinie (In Szczebrzeszynie zirpt ein Käfer im Schilf) - so lautet ein Zungenbrecher, den ihn die Polen gern aufsagen lassen.

Beide haben als Außenseiter angefangen - eine Rolle, die weder die Finnen und schon gar nicht die Polen von den Deutschen gewohnt sind. "Die Deutschen werden bewundert und gefürchtet, sie sind die Siegertypen, zu denen man aufschaut", sagt Schatz. "Während die Finnen tief überzeugt sind, dass kein Mensch auf der ganzen Welt sich einen feuchten Kehricht um sie schert."

Schatz und Möller lösen in ihren Wahlheimaten eine Art kollektives Aufatmen aus: endlich mal ein Deutscher, der nicht so anstrengend ist. Möller spielt im Fernsehen den Kartoffelbauern Stefan, einen Trottel, dem dauernd die polnischen Frauen - natürlich Schönheiten - abhanden kommen. "Ich bin so hilflos, süß und knuffig. Ein ganz anderer Deutscher", sagt Möller.

Die Finnen lieben ihren Roman Schatz: "Weil ich ironisch bin, damit durchbreche ich das Klischee. Das erwartet man nicht vom Deutschen", sagt Schatz. Zudem redet er freizügig von seinen amourösen Wirrnissen mit Finninnen - Sex gilt nirgendwo im Ausland als ein typisch deutsches Gesprächsthema.

"Wir sind nicht locker, bei uns greift unfreiwillige Selbstkontrolle", hat Schatz notiert: "Der Deutsche trinkt ein paar Bier, der Finne säuft bis zum Umfallen - dabei will er sich mit dir anfreunden."

Der Wahl-Finne bewegt sich in einem historisch viel weniger belasteten Umfeld als sein polnischer Kollege Möller - schließlich haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg in Finnland nicht wie in Polen schreckliche Verbrechen begangen. "Die Finnen haben lange an der Seite der Deutschen gekämpft. Aber trotzdem ist das Klischee, Deutscher gleich Nazi, auch hier verbreitet." Die Menschen vom südlichen Ufer der Ostsee gelten am finnischen Meerbusen aber als stets fleißig, zuverlässig und überaus strebsam: "Wenn die Deutschen was machen, dann machen sie es richtig - eben nicht nur Kriege, gleich Weltkriege, keine Autos, sondern Mercedes. Und deshalb glauben sie hier, dass die Deutschen alles besser können", analysiert Schatz.

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Steffen Möller: "Viva Polonia". Scherz Verlag GmbH, 256 Seiten, 14,90 Euro

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Möller hat im Lauf der Jahre ein beachtliches "deutsches Element" bei seinen Polen festgestellt: "Die Sehnsucht nach Ordnung." So schütteln zwar die Polen innerlich den Kopf, wenn sie merken, dass sich in Deutschland das Gros der Autofahrer an die Verkehrsregeln hält - doch insgeheim genießen sie es, der anarchischen Hektik auf polnischen Straßen entgangen zu sein.

Vor allem Humorlosigkeit ist oft ein deutsches Handicap. "Herzlichkeit statt Sachlichkeit, Emotionen statt Argumente", empfiehlt Möller seinen Landsleuten im Umgang mit den östlichen Nachbarn. Schatz sagt: "Wer einen robusten Sinn für Humor hat, dem liegen die Ureinwohner hier im Norden zu Füßen."

Die beiden dürfen verallgemeinern, sie haben es sich verdient. Sie sind eben nicht als Manager oder Diplomaten entsandt worden. Viele Jahre haben sie unter Völkerschaften verbracht, über die in Deutschland gewöhnlich nur Vorurteile bekannt sind.

Aus der politischen Debatte halten sich Schatz und Möller heraus. Möller hütet sich, den Polen ihren Nationalismus oder den Deutschen Geschichtsvergessenheit vorzuhalten. Dabei hat er für das schwierige deutsch-polnische Verhältnis so viel getan, dass ihm vor drei Jahren das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Und Roman Schatz haben die Leser einer finnischen Frauenzeitschrift sogar zum viertsexiesten Mann des Landes gewählt.


Dieser Artikel erschien im Spiegel Special 5/2008 "Made in Germany"



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