Land im Aufbruch "Literatur ist auch eine Waffe"

Yasar Kemal über die Macht der Mythen und den Einfluss Europas auf sein Werk


Vor elf Jahren wurde ich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Meine Dankesrede begann ich mit dem Satz: "Ich bin ein Mann der Dichtkunst, und seit ich mich mit dieser Kunst befasse, habe ich mich bemüht, das mir Bestmögliche zu tun."

 Autor Kemal: "So wie das Fleisch fest mit dem Knochen verbunden ist, will ich nicht, dass sich meine Kunst loslöst vom Volk."
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Autor Kemal: "So wie das Fleisch fest mit dem Knochen verbunden ist, will ich nicht, dass sich meine Kunst loslöst vom Volk."

Ich sagte: Seit ich mich mit Dichtkunst befasse - und nicht: Seit ich schreibe. Ich habe ja nicht mit der Dichtkunst begonnen, seit ich schreibe. Denn das sind zwei verschiedene Welten.

Ich habe Gedichte verfasst, lange bevor ich Romane geschrieben habe. Und meine Lyrik war beeinflusst von der Volkskunst des Erzählens, wie sie bei uns früher sehr gepflegt wurde und mit der ich großgeworden bin. Bis zu meinem 17., 18. Lebensjahr war ich ein Sammler und Erzähler solcher Sagen.

Seit der Gründung der Republik 1923 durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater der Türken, besannen wir Künstler uns auf unsere eigene Kultur und Sprache. Dabei halfen die neugegründeten Volkshäuser und die sogenannten Dorf-Institute. Durch diese Bildungseinrichtungen und die offiziellen Übersetzungen lernten wir aber auch die Klassiker der Weltliteratur kennen: Goethe, Schiller, die Gebrüder Grimm, Stendhal, Balzac, Tolstoi, Dostojewski, Faulkner wurden unsere Lehrmeister.

Wir müssen uns zwar weltweit an allen kulturellen Werten orientieren, aber dies sollte geschehen auf dem soliden Fundament unserer eigenen Kultur, mit der wir aufgewachsen sind.

Meines Erachtens beginnt unsere zeitgenössische Literatur mit Nazim Hikmet. Der 1902 im damals osmanischen, heute griechischen, Thessaloniki geborene Dichter ist für mich der Vater der türkischen Lyrik. Er hat die Schönheit unserer Sprache entdeckt. Aber auch er ist eigentlich nur ein Glied in einer Kette, fügt dem Ring des großen Barden Dadaloglu, unseres letzten großen Volksdichters, einen weiteren Ring hinzu.

Der zeitgenössische türkische Roman, die Lyrik und die darstellende Kunst nehmen weltweit einen Rang ein, auf den wir stolz sein können. Anatolien, das wegen seiner geografischen Lage Heimstatt vieler Kulturen gewesen ist, kann als eine Quelle der Weltkulturen betrachtet werden. Und wenn der Druck, der auf den Kulturschaffenden dieser Region lastet, aufgehoben wird, werden wir wie früher die Kulturen der Welt beeinflussen.

Unsere Literatur hat sich aus ihren eigenen Wurzeln entwickelt. Trotzdem brauchen wir Vorbilder auch aus fremden Kulturen. Die Wurzeln der französischen Literatur beispielsweise reichen ins Lateinische und Altgriechische, und dennoch entstand daraus eine eigenständige Literatur. Bei Stendhal etwa findet man das Erbe eines Homer: das Verständnis für die Sage. Stendhal hat einmal gesagt: "Ich schreibe wie ein Straßenschreiber." Homer erzählt, als säße er in einem Straßencafé. Das ist die Tradition des Epos. Stendhal hat sie erspürt, deshalb erzählt er wie ein Straßenschreiber.

Im Alter von etwa 20 Jahren habe ich zum ersten Mal Stendhal gelesen, und er war mir seither immer nahe. Bevor ich anfange, einen Roman zu schreiben, lese ich Stendhals "Die Kartause von Parma" oder "Rot und Schwarz". Außerdem lese ich Nazim Hikmet. Bei beiden suche ich Inspiration: Nazim schreibt ein großartiges Türkisch, und zusammen mit Stendhals einzigartigem Gefühl für den Erzählverlauf ergibt sich bereits eine festgefügte Romanstruktur.

Dass ein Schriftsteller immer von sich selbst erzählen muss, bezweifle ich. "Ich bin Madame Bovary", sagte Flaubert. Aber ich, Yasar Kemal, muss deshalb noch lange nicht Memed sein, die Hauptperson meines Romans "Memed mein Falke". Ein Roman erschafft eine völlig neue Welt, auch wenn sie angelehnt ist an die reale Welt, aus der wir unsere Themen beziehen.

In unserer Zeit herrscht ein Durcheinander menschlicher Beziehungen. Sie werden von Tag zu Tag verwickelter, werden fast zum gordischen Knoten. Es ist ziemlich schwer, sich aus diesen Verflechtungen zu lösen, aus diesem Gewirr von Lügen, Unterdrückung, Entfremdung, Verwilderung, Ausbeutung, Erniedrigung, Grausamkeit.

Außer in der realen Welt lebt der Mensch aber auch in einer Welt, die er sich selbst schafft: einer Welt der Mythen und Träume. Damit wendet er die Qualen der realen Welt ab, wendet sich der Liebe zu, der Freundschaft, der Schönheit. Gerade weil ich die Realität bewusst mit Mythen und Träumen angereichert habe, verstehe ich mich als Schriftsteller.



© SPIEGEL special 6/2008
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