Deutsch-Türkische Welten "Wie ein Blumenbeet"

Interview mit fünf jungen Türken, die in Deutschland leben, über nationale Kultur und Wertvorstellungen im Land ihrer Herkunft, das Erbe Atatürks und den Streit um das Kopftuch


SPIEGEL: Frau Aydemir, Frau Özdemir, Herr Sahin, Herr Sargur, Frau Yildirim, was ist für Sie türkische Kultur?

Yildirim: Essen, Wetter, Klima, die Art der Unterhaltung. Ansonsten fällt mir nicht viel ein.

Özdemir: In der Türkei gibt es bestimmte Wertvorstellungen, wie Ehre, Achtung und Respekt ...

Yildirim: ... diese Werte würde ich auf die Frage nach der türkischen Kultur nie nennen!

Sahin: Ich finde, Tradition und Religion gehören zur Kultur dazu.

Özdemir: Ja, der Islam gehört auch zur türkischen Kultur.

Aydemir: Die türkische Kultur kann man mittlerweile gar nicht mehr von der islamischen Kultur trennen. Dieser Einfluss ist schon seit vielen Jahrhunderten vorhanden. Trotzdem gibt es in der Türkei viele Menschen, die keine Muslime sind, und die muss man ja auch berücksichtigen.

Yildirim: Ja, mich zum Beispiel. Ich bin zwar formal Muslima, aber nicht gläubig.

SPIEGEL: Worauf könnten Sie sich einigen?

Sahin: Zeichnet sich gerade die türkische Kultur nicht dadurch aus, dass sie wie ein Blumenbeet ist? Es gibt Rosen, ein bisschen Lavendel, ein bisschen Unkraut ... kunterbunt gemischt.

Sargur: Wie ein Mosaik. Sicherlich gibt es nicht die typische türkische Kultur.

Özdemir: Ich stimme euch nicht zu. Es gibt natürlich eine türkische Kultur.

Sargur: Ich würde eher von Basics sprechen, auf die sich die Türken einigen können.

SPIEGEL: Welche gemeinsamen Grundüberzeugungen könnten das sein?

Özdemir: Familie zum Beispiel. In unserer Kultur ist Familie sehr wichtig.

Yildirim: Die ist allgemein in der asiatischen Kultur wichtig – die Türken haben das übernommen.

Özdemir: Egal, aber in meiner Kultur ist es wichtig.

SPIEGEL: Frau Yildirim, Frau Özdemir, Sie sind in der Türkei aufgewachsen. Ist Ihre Kultur eine andere als die der in Deutschland großgewordenen Türken?

Yildirim: Die Türken hier sind wirklich ganz anders. Als ich in Deutschland auf der Sprachschule war, hat einmal eine Türkin gesagt: "Wenn die hier in Deutschland Türken sind, dann bin ich keine davon. Und wenn ich Türkin bin, sind die keine."

Özdemir: Türken, die in der Türkei aufgewachsen sind, sind offener. Der große Teil der Türken in Deutschland ist sehr traditionsgebunden, in der Türkei geht man mit der Zeit.

Aydemir: Meine Cousins und Cousinen in der Türkei haben auch ständig Vorurteile: "Ihr Türken in Deutschland habt so ein schlechtes Bild von uns verbreitet." Mit der neuen Generation ändert sich das aber gerade.

Sahin: Nein, ich finde, es wird noch krasser.

SPIEGEL: Welche Unterschiede sehen Sie?

Sargur: Die Türken in Deutschland zeigen ein klassisches Diaspora-Verhalten. Man schottet sich ab und bewahrt seine Werte, die man vor 40 Jahren aus seinem Dorf oder seiner Stadt mitgebracht hat.

Aydemir: Aber mein Vater war nicht besonders religiös, als er nach Deutschland kam. Hier ist er viel religiöser geworden, auch weil seine Freunde aus der Türkei damals gesagt haben: "Etwas müssen wir doch gemeinsam haben, irgendwo müssen wir uns treffen." Das war dann das Freitagsgebet.

Yildirim: Dieses Land hat ihn religiös gemacht.

© SPIEGEL special 6/2008
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