Auf dem Schulweg "Ich fordere Kinder heraus"

Der britische Star-Choreograf Royston Maldoom, 65, lehrt Kinder Tanz und Disziplin.

SPIEGEL: Herr Maldoom, Ihr Motto ist: "You can change your life in a dance class" - du kannst dein Leben in der Tanzstunde verändern. Welche Veränderungen haben Sie bei Ihren Schülern erlebt?

Maldoom: Mehr Selbstvertrauen, ein viel besseres Körpergefühl, weniger Ängste. Stellen Sie sich den Fall eines typischen Klassenaußenseiters vor: Bei mir tanzt so einer plötzlich ein Solo. Er steht zum ersten Mal im Mittelpunkt; die anderen fangen an, ihn zu bewundern. Oder die Zappelphilippe, die nervigen, lauten Kinder, die, die angeblich an Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden ...

SPIEGEL: ... angeblich?

Maldoom: Das ganze Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist doch bloß eine Erfindung der Pharmaindustrie! Ich habe noch nie ein Kind kennengelernt, das sich nicht konzentrieren konnte. Ich habe allerdings Hunderte erlebt, die nicht aufmerksam waren. Es liegt nicht an den Kindern! Es liegt am schlechten Lehrer, es liegt am Erziehungssystem. Wieso übt dasselbe Kind, das sich morgens keine fünf Minuten im Klassenraum konzentrieren kann, nachmittags fünf Stunden lang Tricks auf dem Skateboard?

SPIEGEL: Lehrer sind oft skeptisch, dass Sie Ihre Schüler überfordern ...

Maldoom: ... weil sie in der Schule ständig Kinder erleben, die aus purer Langeweile, aus Mangel an Begeisterung, müde und unkonzentriert sind. Man muss Kinder fordern! Je mehr ich ihnen sage: Hey, ihr könnt das noch besser, desto mehr blühen sie auf. Sie merken, hier ist einer, der ihnen viel zutraut. Das puscht ihr Selbstbewusstsein enorm. Sie sind dann sogar bereit, sich diszipliniert zu verhalten.

SPIEGEL: Und Disziplin ist im Tanz oberstes Gebot.

Maldoom: Genau. Disziplin ist eine Überlebenskompetenz. In Peru oder Äthiopien, in allen Entwicklungsländern, in denen ich gearbeitet habe, muss ich das Kindern nicht erst beibringen: Die wissen längst, dass sie nur mit Disziplin vorankommen. Die sind gierig nach Bildung. Kindern die Vorstellung zu geben, die Dinge kämen schon von allein, ist grundfalsch. Sie kommen, wenn du bereit für sie bist und daran arbeitest. Disziplin bringt dich nach vorn. Wobei ich es nicht Disziplin nenne, sondern: Fokus.

SPIEGEL: Wie bringen Sie Fokus bei?

Maldoom: Ich verlange immer nur, das zu tun, was das Stück, den Tanz, am besten macht. Das ist das ganze Geheimnis. Ich kümmere mich nicht darum, wo die Kinder herkommen und was sonst in ihren Leben alles los ist; sie wollen auch nicht daran erinnert werden. Sie wollen was Neues, Aufregendes. Und der Tanz ist aufregend. Da beginnen die sozialen Beziehungen, und zwar in Abhängigkeit von dem, was die Choreografie verlangt. Und das entlastet die Kindern von ihren Problemen. Sie müssen was riskieren, und sie schaffen etwas, sie schaffen es sogar gut, und dadurch machen sie sich ein neues Bild von sich: Wow, ich kann das, ich bin viel besser, als ich dachte. Ich bin gar nicht das Opfer, ich bin nicht die Dicke, ich bin nicht das arme Kind arbeitsloser Eltern.

SPIEGEL: Wie kriegt man Jungen zum Tanzen? In "Rhythm Is It!"  sagt ein Jugendlicher: Ich hasse es, jemanden anzufassen. Und dann sieht man ihn in Umarmungen mit anderen! Wie schafft man das?

Maldoom: Indem man den Protest ignoriert. Sein Problem geht viel tiefer als "ich mag nicht anfassen". Ich tue so, als hätte ich den Protest nicht gehört, und sage einfach: Die Choreografie verlangt das. Dann wird er sicherer. Er sagt sich: Ich mache das ja gar nicht, sondern Royston verlangt es von mir, also bin ich es nicht selbst, der es tut. Dann merkt er, es ist gar nicht so schrecklich. Manchmal dauert es ein, zwei Tage, bis so ein Kind sich überwindet.

SPIEGEL: Lassen Sie es diese zwei Tage lang in Ruhe?

Maldoom: Nein. Ich sage: Also wenn du nicht mitmachst, müssen wir sehen, wie wir dich so lange von der Bühne bekommen. Du kannst ja nicht danebenstehen und niemanden anfassen, während es die anderen tun, das passt nicht in die Choreografie. Ich gehe das Problem rein von der künstlerischen Seite an. Das wirkt befreiend. Ich zeige durchaus Mitgefühl, aber ich versuche dann, eine praktische Lösung für mein Problem zu finden. Ich werde nicht der Sozialarbeiter, der die Probleme oft noch verschlimmert, indem er sie angeht und das Kind darauf festlegt. Ich fordere es heraus, Neues zu entdecken.

SPIEGEL: Kann Tanzen Gewalttätigkeit vorbeugen?

Maldoom: Und wie! Wenn Kinder physischen Kontakt nur im Kontext von Gewalt oder Missbrauch kennenlernen, dann erkennen sie in allem nur den Gewaltanteil: beim Sport, beim Boxen, beim Raufen. Wobei Raufen normal ist - für junge Tieren wie für junge Menschen. Aber beim Tanz ist es anders: Da gibt es physischen Kontakt ohne kämpferische Absicht.

SPIEGEL: Wenn Sie mit Gruppen arbeiten, merken Sie, wer eine Opferrolle einnimmt und wer ein Bully, ein herrischer Typ, ist?

Maldoom: Nach einer Weile schon. Oft ist es das Beste, genau die beiden zusammenzutun. Und zwar mit Hinweis auf die Choreografie: Hey, ihr beiden, stellt euch mal zusammen, arbeitet zusammen. Und wenn es dann rumpelt, frag ich: Was ist das Problem? Wenn sich dann der eine über den anderen beschwert, dann provoziere ich: Warum tust du das? Ich mag diese Art von Verhalten nicht. Beim Tanzen ist das nicht erlaubt.

SPIEGEL: Hört es dann auf?

Maldoom: Nicht sofort, aber nach einer Zeit. Denn wenn sie zusammenarbeiten, dann wollen sie - wie alle anderen Teams auch - besser sein als die anderen. Und dabei bricht gewöhnlich der Damm.

Das Interview führte Annette Bruhns

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