Denken und fühlen Zwei Leben lang Liebe

Alle träumen von glücklicher Dauer-Partnerschaft. Aber wie einen tauglichen Gefährten finden? Die Wissenschaft bestätigt beide Volksweisheiten: Gleich und gleich gesellt sich gern, und Gegensätze ziehen sich an.

Strahlend schön ist die junge Frau, ein erotisches Wunderwesen. Sonnenblonder Vamp, die blauen Augen mandelförmig, der Mund mal erotisches Versprechen, mal ein Kinderlachen. Ihr Auftritt bringt ein Lokal zum Schweigen und ein Stadion zur Raserei. Ungewöhnlich ist, dass ihre Erscheinung bei Männern wie bei Frauen Beschützerinstinkte weckt. Denn der ganze Glamour kann nicht verbergen, dass die Schöne schüchtern und leicht verletzlich ist. Als sie den Mann ihres Lebens trifft, ist sie 24, geschieden, kinderlos.

Glückliches Paar: Wie findet man die ewige Liebe?

Glückliches Paar: Wie findet man die ewige Liebe?

Foto: Corbis

Der erfolgreiche Schriftsteller, 35, groß, schlank, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Intellektuell kann er mit der Blonden nicht viel anfangen. Aber auch in ihm rührt sie etwas Unwiderstehliches an. Jahre später verschlingen sich die beiden in einer Amour fou. Er macht ihr einen Heiratsantrag - übers Fernsehen. Mit seiner neuen Frau wolle er nach England reisen, sagt Arthur Miller und nennt ihren Namen: Marilyn Monroe.

Natürlich nahm die Leinwand-Ikone die Werbung der Geistesgröße an. Fasziniert und irritiert zugleich schaute das Publikum den beiden zu, die sich als Geist und Körper perfekt zu ergänzen schienen, obwohl ihre Welten kaum näher beieinander lagen als Venus und Mars. Miller und Monroe waren das Traumpaar der fünfziger Jahre, jeder für sich höchst erfolgreich, Schmuckstücke jeder Jetset-Party, die überdies im streng antikommunistischen Nachkriegsamerika den Glanz der Moviestars verbanden mit einer politisch verfolgten liberalen Intelligenzia. Gerade weil die beiden kaum unterschiedlicher hätten sein können, verkörperten sie perfekt einen unsterblichen Menschheitstraum: die Idee von der absoluten Liebe, die alle Gegensätze überwindet.

Uneingeschränkt und rein soll sie sein, diese eine Liebe, die endlich die Sehnsucht stillt, sich in einem anderen ganz und gar aufgehoben zu fühlen. Wie vom Schicksal füreinander bestimmt, driften die amourös Infizierten aufeinander zu, um das Unmögliche möglich werden zu lassen: sich quasi aufzulösen in Gemeinsamkeit und zugleich als Individuum ganz zu sich zu finden, als folge die Liebe einer naturwissenschaftlichen Formel. Ich plus Du gleich Wir.

Bekanntlich scheiterte die Verbindung aus Miller und Monroe. Und zwar derart gründlich, dass der Schriftsteller nach dem Selbstmord seiner Ex nicht mal zu deren Beerdigung erschien. Und natürlich haben es jene, die den beiden einst verzückt beim Sich-Paaren zusahen, hinterher von Anfang an gewusst, dass eine solche Liaison niemals gutgehen kann - eine Behauptung, so probat wie ungerecht. Denn erstens hat es mit der Liebe zwischen den beiden offensichtlich funktioniert; nur mit der Lebenspartnerschaft wurde es nichts. Und zweitens scheitern Beziehungen auch in weniger prominenten Kreisen bestürzend oft.

Statistisch gehört jener Typus, der auf Anhieb kurz nach der Geschlechtsreife den Mann oder die Frau fürs Leben findet, zu einer irrelevanten Minderheit. Selbst wer die Neugier auf erotische Erfahrungen zu zügeln versteht, erhöht so keineswegs die Wahrscheinlichkeit, rascher im sprichwörtlichen Hafen zu landen. Und da auf Dauer festzumachen.

Warum nur?

Warum nur gelingt es heutzutage allenfalls zwei von drei verheirateten Paaren hierzulande, aus dem hoffnungsfrohen Auftakt einen glücklichen und haltbaren Bund zu schmieden? In den USA, deren gesellschaftlichen Strömungen Deutschland gewöhnlich nacheifert, scheitert sogar schon jede zweite Ehe. Mehr und mehr Singles müssen wieder und wieder auf die Pirsch, obwohl in postfeministischen und neuväterlich bereicherten Zeiten Frauen und Männer nun wirklich langsam zueinander passen könnten. Stets aufs Neue geraten gestandene Weibsbilder und geläuterte Clooney-Machos an die falschen Partner oder in dieselben unlösbaren Beziehungskatastrophen.

Dies erscheint umso unverständlicher, als kaum ein Lebensbereich ähnlich durchleuchtet wird wie Liebe und Partnerschaft. Das Geschäft mit der Ratgeberliteratur lebt ausgezeichnet vom Suchen und Finden der oder des Richtigen. Elektronische Kontakthöfe verzeichnen rasante Zuwachsraten. Eheberater, Paartherapeuten, Partnerschafts-Coachs konkurrieren im Psycho-Business um Beziehungsopfer. In der Wissenschaft streiten Evolutionsbiologen, Hirnforscher, Philosophen, Soziologen, Psychologen darum, welchen Anteil Hirn, Hormone, Elternhaus oder Sozialbiotop daran haben, wenn zwei bessere Hälften einfach nicht zueinanderfinden, obwohl beide keine Party, keine Ausstellungseröffnung, keinen Speed-Dating-Versuch und keine Selbsterforschungsgruppe scheuen.

Wer nach Erklärungen für das häufige Scheitern sucht, nimmt allen Einsichten zum Trotz verbale Anleihen beim Vokabular der Verhaltensforschung - wie so oft, wenn die Ratlosigkeit groß ist. Beuteschema heißt das Schlagwort, das zeigen soll, wie instinktgesteuert, also hilflos der moderne Homo sapiens rund 200.000 Jahre nach seinem ersten Auftreten handelt, wenn es darum geht, die große Liebe zu finden und zu bewahren.

Menschenweibchen gehen der Nase nach, wenn sie ein Mannsbild suchen

Der Ausdruck legt nahe, Männer und Frauen jagten wie von Sinnen nur der Gier gehorchend einem Freiwild nach, hungrigen Löwen auf Beutezug gleich. Als setze ein vom Verstand unbeeinflussbares Gesetz, das die Paarwahl steuert, alles außer Kraft, was das Gehirn zu korrigieren vermag. Das klingt zwar etwas unreif, aber wer schon einmal verliebt war, weiß, wie schwer es ist, sich kühl zu erinnern, was aus wildfremden Leuten ein Liebespaar macht.

Manchmal ist es eine Klatschspalte, auch wenn nichts dran ist. Die Ex-Verlobte des Ex-Tennischampions Boris Becker, schrieb die Münchner "Abendzeitung" über Partyblondine Sandy Meyer-Wölden, passe "genau ins Beuteschema" des italienischen Fußballstars Luca Toni. Haare blond, Augen blau, Taille schmal, Körbchengröße noch zu ermitteln - fertig ist das Bild einer weiblichen Trophäe der Disco-Kicker-Szene. Bei Männern gehören Schwerenöter-Charme und Geldbeutel ins Erotik-Gepäck.

Gewiss ist es kein Zufall, dass der Ausdruck Beuteschema an jener Börse zum Sprachgebrauch gehört, an der die äußeren Werte besonders hoch gehandelt werden. Dabei geht es womöglich selbst den Anrainern von Laufstegen und Beauty-Konkurrenzen tief innerlich darum, einen tauglichen Lebensgefährten zu finden. Geistbetonte Naturen verweisen zwar auf Eigenschaften wie Humor, Intelligenz und Persönlichkeit, was aber auch nichts anderes ergibt als ein Fahndungsprofil zum Abhaken.

Gibt es also wirklich so etwas wie ein Beuteschema? Wenn ja, was ist das? Wie entsteht es? Und vor allem: Wenn es immer wieder in die Irre führt - lässt es sich ändern?

Ob es die Formel 90-60-90 oder die fixe Idee ist, ausschließlich auf blonde oder brünette, blasse oder dunkle, breitschultrige oder schmalhüftige Gattungsexemplare anzuspringen: In Zeiten, in denen jede TV-Quasselbude einen Seelenmasseur für die Lebenshilfe anbietet, haben griffige Erklärungsmuster wie das Beuteschema Konjunktur. Endlich ein neues Wort für die gut abgehangene Strategie, jegliche Verantwortung für ein gelungenes Zusammenleben dem Zufall und Fortuna zu überlassen. Ist es doch einfach bequemer zu glauben, Beziehung müsse schicksalhaft gelingen - oder eben nicht -, als sich bewährten, aber unpopulären Wahrheiten aus dem Erfahrungsbuch der Zweisamkeit zu stellen: Erstens ist niemand Opfer, und zweitens macht die Liebe leider lebenslang Arbeit.

Wer sich mit dem Thema Partnerschaft ernsthaft beschäftigt, dem ist schon der Ausdruck Beuteschema zuwider. "Der Begriff gehört in die Tierwelt", sagt der Psychoanalytiker Andreas Hamburger, 55, der an der Universität München Beziehungsphantasien an Träumen von Paaren erforscht hat.

Was in der Partnerwahl instinktgeleitet war, sei "in der Evolution erfolgreich ausgemendelt" worden. Der Mensch, biologisch "eine Frühgeburt", benötigt bekanntlich "eine längere Programmierungsspanne als andere Primaten". Genug Zeit für die Eltern, das Individuum sozial nach Kräften zu formen. Danach tragen Freunde, Ex-Geliebte und sonstige Artgenossen zum individuellen Profil aus Ängsten vor und Sehnsüchten nach Zweisamkeit bei - "ein Vorrat an Beziehungsphantasien", so Hamburger, mit dem Paarungswillige "an jede neue Begegnung herangehen".

"Nordfrau mit Hund sucht grauhaarigen, kuscheligen Rollkragenpullover." Ein "realistischer Romantiker" bewirbt sich für "eine tragfähige Partnerschaft", die wenig Lustigkeit verspricht: "Du wünschst dir eine Rose, lauf vor den Dornen nicht davon."

Beziehungsphantasien, die es bis in die Eheanbahnung schaffen, vereinfachen zwar auf den ersten Blick die Auswahl; kaum zu erwarten, dass der Rosenzüchter mit dem Kuschel-Frauchen Gassi geht. Über die Chancen jedoch, ob sich zwei verlieben, geschweige denn miteinander leben könnten, sagt die gute alte Annonce oder Parship.de ungefähr so viel aus wie der Wetterbericht über die Lottozahlen. Wenn sich Nordfrau und Rollkragenpullover schließlich gegenübersitzen, kann es durchaus sein, dass sie sich lieber mit dem Schlips am Nachbartisch verabredet hätte.

Moderne Paarwahlhelfer mühen sich, eine höhere Trefferquote herbeizudaten, in dem sie jeweils rund ein Dutzend paarungswilliger Partner im Minutentakt aufeinander loslassen - mit durchaus unterhaltsamen Ergebnissen. Bei einem wissenschaftlichen Speed-Dating im Kontaktlabor der angesehenen Tufts University im US-Bundesstaat Massachusetts erklärte eine Veronica, dass ihr die Karriereaussichten eines Kandidaten außerordentlich wichtig seien. Als sie dann mit den anwesenden Herren sprach, verliebte sich die Ehrgeizige nicht etwa in einen der sieben Betriebswirte, sondern in einen ziemlich mittellosen Posaunisten. Typisch Frau?

Experimente amerikanischer Evolutionsbiologen zeigen, dass die scheinbar unlogische Verhaltensweise etwas für sich hat. Demnach gehen Menschenweibchen buchstäblich der Nase nach, wenn sie ein Mannsbild suchen. Unbewusst achten sie darauf, einen abzukriegen, dessen MHC dem eigenen nicht zu ähnlich ist. "Major histocompatibility complex" heißt die immunologische Disposition, die bei potentiellen Eltern im Interesse einer gelungenen Fortpflanzung genetisch voneinander abweichen sollte - wozu sonst verliebt sich der Mensch? Man könne diese MHC-Abweichler riechen, versichern Forscher. Dummerweise verwirren Eisprung und Pille den Geruchssinn der Geschlechter, so dass die Fachzeitschrift "New Scientist" ihren Leserinnen empfiehlt, "erst an dem Herrn zu schnuppern und dann die Pille zu nehmen".

Die Frage, wen man warum abkriegt

Schon lange wissen Biologen, dass die Sexualität gar nicht nötig ist, um Nachwuchs zu zeugen. Manche Lebewesen vermehren sich ungeschlechtlich durch Teilung, Sprossung, Knospung, Abschnürung oder gar eingeschlechtlich wie manche Echsen, durch Jungfernzeugung.

Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther, der seit Jahrzehnten zwischen Kortex, Hirnanhangdrüse und gesundem Menschenverstand das Zusammenspiel von Geist, Gefühl und Verhalten ergründet, wartet mit Erkenntnissen auf, die das Liebesleben auch nicht einfacher machen. "Die unterschiedlichen Geschlechter", so Hüther, "sind nicht für den Sex gemacht, und der Sex dient nicht der Fortpflanzung." Verliebtheit und Liebe will Hüther ungern in einem Atemzug nennen. "Das eine", sagt der Wissenschaftler leise mit fast zorniger Entschiedenheit, sei "eine narzisstische Befriedigung". Und das andere? Der Mann senkt noch einmal die Stimme: "Ist ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Schutz, ein Gefühl der Bindung, ein natürlicher Kitt, das, was unser Menschsein ausmacht."

Zweifellos. Dennoch ist nicht jeder seriell monogame Herzensbrecher ein Casanova aus Überzeugung und nicht jede erotisch neugierig gebliebene Jungseniorin mit purer Lust ein nymphomaner Single. Selbst die bestens erhaltene Ehe hat hoffentlich irgendwann mit Schmetterlingen im Bauch angefangen. Egal, ob Liebeshungrige erst mal schnuppern oder, wie angeblich FC-Bayern-Stürmer Luca Toni, mit dem unteren Schnipsel der Krawatte winken - auch der strengste wissenschaftliche Beziehungsforscher muss sich in die Niederungen zwischenmenschlicher Anbahnung begeben, wo Herzen brechen, Köpfe verdreht werden und Emotionen bis über beide Ohren oder Hals über Kopf entstehen.

Denn alles beginnt mit jenem ozeanischen Gefühl, das einen scheinbar unterhalb der Bewusstseinsantenne erwischt und augenblicklich in einen Zustand zwischen Zwangsneurose und geistiger Umnachtung versetzt. Beim bloßen Gedanken an den Geliebten überzieht ein Ausdruck der Verblödung das Gesicht. Spätestens jetzt kann einem der Rest der Welt bis auf den einen gestohlen bleiben.

Neurobiologisch ist der verliebte Mensch einem Drogenabhängigen verwandter als einem vernunftbegabten Wesen, was zum Teil erklärt, warum die Verliebtheit wenig aussagt über die Haltbarkeit einer Verbindung. Adrenalin, Dopamin, Endorphine und natürlich Testosteron: Ein wilder Mix aus Botenstoffen schlägt im Körper von Verliebten Alarm, sorgt für Euphorie und Energie, bremst den Hunger und verführt die Patienten, sich fast zwanghaft dem Geliebten zu nähern. Aber warum diesem?

Die Frage, wen man warum abkriegt, hat Kurt Tucholsky in fröhlicher Demut beantwortet: "Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke, Ssälawih!"

Natürlich spielen Äußerlichkeiten eine Rolle. Wer wollte bestreiten, dass es leicht wäre, sich in Penélope Cruz oder Scarlett Johansson, in Brad Pitt oder David Beckham zu verlieben? Schönheit und Wohlstand wirken fraglos verführerisch. Und doch ist es das erotische Werben Cyrano de Bergeracs, des Dichtkünstlers mit der grausig-großen Nase, dessen Worten die liebliche Roxane in Edmond Rostands Theaterstück erliegt. Verguckt hat sich die Schöne zwar in den hübschen Christian, erhören aber will sie ihn nicht, weil er nichts zu sagen hat. Eine tröstliche Botschaft für alle Durchschnittstypen, die dem Mysterium Liebe eine weitere Facette hinzufügt.

Lange Zeit war die Psychologie überzeugt, dass es sich in der Kindheit entscheide, ob jemand mit einem anderen gut leben könne oder nicht. Scheidungswaisen und Sprösslinge Alleinerziehender hätten danach grundsätzlich schlechtere Lose gezogen als die Söhne und Töchter aus ehelich unverbrüchlichen Elternhäusern - eine These, die empirisch nicht bewiesen werden konnte. Sicher leben Mutter und Vater ein Beispiel für Gemeinschaft vor, das in das unbewusste Reservoir an Beziehungsphantasien wandert. Aber über das Liebesleben ihrer Kinder entscheiden die Eltern nicht. Das müssen die schon selber tun.

"In was haben Sie sich verliebt?", fragt der Hamburger Familienpsychologe und Paartherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann seine Klienten oft in der ersten Sitzung. Eine gemeine Frage, wenn man gekommen ist, um sich gegenseitig zu beweisen, dass man nichts mehr voneinander wissen will.

"L'amour, ce n'est pas le problème, c'est la solution"

"Er hat mich zum Lachen gebracht." "Sie war so schön." So fangen Beziehungen an. Acht Jahre später sagt sie vielleicht: "Er gibt mir Sicherheit." Und er: "Sie ist eine tolle Mutter." Im zehnten Beziehungsjahr schlafen die Eheleute "jeden Abend Löffelchen" ein - und fallen sich tagsüber schrecklich auf die Nerven. Erst in der Therapie entdecken die beiden, dass vor allem der Wunsch nach Familiengründung sie zueinander zog, den jeder, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, mit sich herumtrug. "Das Beuteschema dieser beiden", sagt Hantel-Quitmann, um im Bild zu bleiben, "wäre also nicht Humor und Schönheit gewesen, sondern eine diffuse Sehnsucht nach Geborgenheit." Sie ist noch genauso hübsch, und er kann genauso lustig sein wie einst, aber das reicht nicht mehr, seit die Kinder größer sind.

Beuteschema oder Beziehungsphantasien hin, Scheidungsziffern her: Es gilt zu untersuchen, was den Rausch der Triebe und die Langzeitliaison verbindet - respektive, was nicht.

"Und darum wird beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt", erkannte Tucholsky vor fast 80 Jahren die Sollbruchstelle jeglichen Liebesspiels. Mittlerweile ist wissenschaftlich erwiesen, dass jedenfalls der Veitstanz der Botenstoffe nach rund anderthalb Jahren, in denen sinnenfrohe Naturen nur ungern das Lotterbett verlassen, unwiderruflich endet. Selbst bei Partnern, die sich richtig gernhaben, sinkt die Koitusfrequenz in diesem Zeitraum auf ungefähr 50 Prozent des Anfangsrauschs.

Verliebtsein, die leidenschaftliche Form sexueller Liebe, lässt sich demnach nicht mal lange genug konservieren, um ein Kleinkind aufzuziehen. Immerhin hält die Körperchemie Kuschelhormone wie Vasopressin und Oxytocin bereit, die den Nestbau begünstigen. Weibliche Präriewühlmäuse fallen über das erstbeste Männchen her, nachdem ihnen Oxytocin injiziert wurde - das also war der Zaubersaft, den Elfenkönig Oberon in Shakespeares "Sommernachtstraum" der schlummernden Titania auf die Lider träufelte, so dass die sich beim Aufwachen in den Eselskopf Zettel verknallte - ein Bund, der bekanntlich auch nicht währte, bis der Tod sie schied.

"Menschen sind nun mal nicht von Natur aus monogam wie die Tauben", bescheidet Paartherapeut Hamburger bündig. Rund 200 Jahre ist die romantische Eingebung alt, Ehe und Familie ausgerechnet auf das fragilste aller Gefühle, die Liebe, zu gründen. Seit 200 Jahren scheitern also durchaus gutwillige und familienfreundliche Männer und Frauen an der Aufgabe, Liebe, Freundschaft und Sex dauerhaft in einer Zweisamkeit zu vereinen. War das vielleicht doch keine so gute Idee?

Die Liebe sei eine "emotionale Adaption, um Partnerwerbungsbemühungen auf ein bestimmtes Individuum zu konzentrieren", definiert der US-amerikanische Evolutionspsychologe Geoffrey Miller. Der Autor des ansonsten vor Witz und Sprachlust sprühenden Werkes "Die sexuelle Evolution"* verklausuliert in seiner Formel eine ebenso schlichte wie gesellschaftlich inakzeptable Botschaft: Wenn es nach Veranlagung und Lustprinzip ginge, würde der Mensch sich gern mehreren in Frage kommenden Kandidaten zuwenden.

Um derlei Liederlichkeit zu domestizieren, wird auf wenig berauschende, kulturelle Zuchtmittel zurückgegriffen. Treue zum Beispiel. Sie wird moralisch eingefordert, um den Nachkommen ein sicheres Biotop zu bieten. Andererseits locken Seitensprünge mit ungeahnten Fortpflanzungsmöglichkeiten. "Besonders für Männer", die ihre Gene gern verschwenderisch verstreuen, meint Evolutionspsychologe Miller mit selbstironischem Blick auf seine Geschlechtsgenossen, bedeute die Reduktion auf nur ein Weibchen argen Verzicht.

Und der muss einem selbstverliebten Schlawiner erst mal schmackhaft gemacht werden. Wer jung ist, tauscht * Geoffrey Miller: "Die sexuelle Evolution. Partnerwahl und die Entstehung des Geistes". Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg; 576 Seiten; 14,95 Euro.

einfach aus, neuer Kick, neues Glück. Wer jedoch ungern allein alt werden will, muss sich Fragen stellen, die zur Menschwerdung gehören und noch immer nicht beim Prosecco zu beantworten sind: Wer bin ich, und was suche ich?

In einer säkularen Ego-Gesellschaft, wo weder die Angstparolen religiöser Sittenwächter noch die arrangierte Ehe Schrecken verbreiten, stiften lobenswerte Familientaten, wie eine fürsorgliche Brutpflege, bestenfalls für die Mittelstrecke einer Zweierkiste Sinn. Auf die Dauer müssen stabilere und möglichst beglückendere Argumente her. Ein echter Muntermacher ist die Botschaft, dass es in der Beziehungsarbeit nicht darum gehe, einen anderen glücklich zu machen, sondern sich selbst. Wie das?

"Die Klammer zwischen der Sehnsucht nach einem Ankerplatz und der Suche nach Selbstverwirklichung ist die persönliche Entwicklung", sagt Paartherapeut Hantel-Quitmann und streitet mit den Partner-Agenturen, die suggerieren, der Richtige sei immer der mit den meisten Übereinstimmungen: "der Richtige", so Hantel-Quitmann, "um sich möglichst schnell zu langweilen". Niemand könne "in sich selbst versunken Identität entwickeln". Eine Beziehung sei "ein Versprechen auf Vervollständigung der eigenen Person". Was die Suche so kompliziert macht: "Einerseits soll es ein Seelenverwandter sein, andererseits die Herausforderung durch das andere." Beide Volksweisheiten stimmen also: Gleich und gleich gesellt sich gern, und Gegensätze ziehen sich an. "Das Gegensätzliche von Gleichen" ziehe sich an, formulierte der Schweizer Paartherapeut Jürg Willi. Oder in den Worten des Philosophen Martin Buber: "Ich werde am Du."

Wenn zwei, die wie füreinander geschaffen scheinen, irgendwann wieder auseinanderfallen, verstehen das oft weder sie selbst noch die Freunde. Unüberbrückbare Gegensätze heißt das in der Sprache der Scheidungsanwälte dann gern. Dabei müssten viele Trennungswillige erst einmal nur begreifen, dass eins plus eins nicht eins, sondern immer wieder zwei ergibt, dass sich lieben nicht bedeutet, ineinander aufzugehen, sondern es bestenfalls zwei Leben lang zu versuchen.

"L'amour", hauchte die französische Filmschauspielerin und frühere Erotikbotschafterin Brigitte Bardot, "l'amour, ce n'est pas le problème, c'est la solution." Die Liebe sei nicht das Problem, sondern die Lösung. Die heute 74-Jährige ist in vierter Ehe verheiratet. Ihre stabilste Beziehung unterhält die Tierschützerin seit über 30 Jahren zu ihren Hunden.

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