Neue Heilmethoden Schlaflos in Neukölln

SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder kann nicht schlafen. In einem Berliner Schlaflabor lässt er seine Nachtruhe analysieren. Ein Überwachungsbericht.


Du schnarchst schon wieder", sagt Hanna und hält mir die Nase zu. "Wenn du damit nicht aufhörst, fahr ich nie wieder mit dir in die Ferien."

Illustration: Olaf Hajek
Ich weiß, dass ich schnarche. Ich kann mich nicht erinnern, jemals nicht geschnarcht zu haben. Manchmal schnarche ich so laut, dass ich vom eigenen Schnarchen wach werde. Neulich habe ich in der "Apotheken-Umschau" einen Artikel über das Schnarchen gelesen und darin ein Wort gefunden, das ich noch nicht kannte: Apnoe. Ich habe es sofort gegoogelt und im Internet-Lexikon Wikipedia gefunden.

Seitdem ich weiß, dass Apnoe Atemstillstand bedeutet, schlafe ich noch schlechter. Ich höre mir sozusagen beim Schlafen zu. Das führt dazu, dass ich morgens noch müder bin, als ich es schon immer nach dem Aufwachen war, und mich sofort wieder hinlegen muss, um noch ein, zwei Stunden zu schlafen. Damit ich mein Verhalten nicht rechtfertigen muss, sage ich nur: "Meine Religion verbietet mir das Aufstehen vor zehn Uhr." Das akzeptiert jeder Frühaufsteher, der noch vor dem Zähneputzen zehn Kilometer joggt.

Aber Apnoe ist kein Witz, Atemstillstand im Schlaf verursacht nicht nur Müdigkeit am Tag, es kann auch sehr ernste Folgen haben, bis zum vorzeitigen Ableben. Das ist keine angenehme Perspektive. Einerseits erspart man sich vieles, wenn man jung und gesund stirbt, andererseits verpasst man doch eine Menge, und sei es nur der 24-Stunden-Tag am Polarkreis.

"Du musst ins Schlaflabor", sagt Dirk, "ich habe es gemacht und bin wie ausgewechselt." Seit er nachts eine Maske trägt, die ihm das Atmen erleichtert, schnarcht er nicht mehr und ist nach dem Aufwachen putzmunter. "Ich wette, du hast auch Apnoe."

"Ich vermute, Sie haben Apnoe", sagt mein Arzt, nachdem ich ihm meine Symptome geschildert habe, und schreibt mir eine Überweisung ins Schlaflabor. Drei Tage später mache ich mich auf den Weg in eine Klinik im Süden Berlins. Ich möchte mein Auto in der Tiefgarage parken. "Dat jeht nur, wenn der Chefarzt für Sie seinen Platz räumt", sagt der Pförtner, der gleich gemerkt hat, dass ich Privatpatient bin, "parken Se auf der Straße, auf dem Parkplatz wird einjebrochen."

Die Klinik liegt im Grünen und mitten in einer Gegend, in der Kampfhunde ihre durchtätowierten Herrchen Gassi führen. Da ich tagsüber frei habe, mache ich mich mit der Umgebung vertraut.

Da ist ein großer, wenn auch nicht sehr eleganter Supermarkt, der bis 22 Uhr geöffnet ist, und gleich daneben ein Erotik-Discountmarkt mit vielen Sonderangeboten. Im Ristorante Villa Fellini wird jeden Donnerstag ein "kaltes und warmes italienisches Buffet" angeboten, "p. Pers. 9,50 Euro", im Grillhaus 2000 gegenüber gibt es Buletten und Currywurst zu Preisen wie vor der Wende. Zur Rundumversorgung gehört auch ein Bestattungsinstitut, das im Schaufenster drei Urnen zur Auswahl anbietet: "Tag & Nacht für Sie bereit".

Ich gehe wieder in die Klinik zurück, vorbei an einem Schild "Letzter Aschenbecher vor dem rauchfreien Krankenhaus", hinter dem ich gleich zwei Raucher in Trainingsanzug und Flipflops treffe. Das Krankenhaus mag rauchfrei sein, die Patienten sind es nicht.

Der Chefarzt ist sehr freundlich, er sieht viel jünger aus, als er ist, und will gleich wissen, ob ich beim "taz"-Kongress dabei war. "Man muss zu seiner Vergangenheit stehen", sagt er. Ich verschweige meine Jugendsünden, meine Zeit bei den "St. Pauli Nachrichten", und sage nicht einmal, dass ich mich vor Jahren in die Hände von Homöopathen begeben habe und daran fast verreckt wäre. Jetzt vertraue ich der Apparatemedizin, voll und ganz.

"Herr Broder, es ist so weit!", sagt die Ärztin. Sie sieht gut aus, was mir nicht recht ist, weil ich mich bis auf die Unterhose ausziehen muss. Dann beginnt sie, mich zu verkabeln. Über zwei Dutzend Elektroden werde ich mit einem Computer verbunden, der alles aufzeichnet: Atemfrequenz und Atemvolumen, Blutdruck, Pulsschlag und die Sauerstoffsättigung im Blut, Augenbewegungen und Körperhaltung. Ich sehe aus wie eines der Dummies, die bei simulierten Autounfällen eingesetzt werden. Wenn ich so auf die Straße gehen würde, würden die Kampfhunde Reißaus vor mir nehmen.

Die ganze Prozedur dauert etwa eine halbe Stunde, ich merke, wie ich den Rücken straffe und den Bauch anziehe. Dann muss ich mich nur noch hinlegen, was nicht einfach ist, denn zwischen mir und dem Bett schweben die Kabel, an denen ich hänge. Irgendwie schaffe ich es trotzdem. Ich liege auf dem Rücken, die Kabel bilden einen Baldachin. Da ich nachts nicht aufstehen kann, bringt mir die Ärztin eine "Ente", wie sie die Flasche nennt; ich bin sicher, dass ich sie nicht benutzen werde. Dann geht das Licht aus, und der Versuch beginnt.

Kaum ist die Ärztin weg, scheint es an der Tür zu klopfen. Ich sage "Herein!", und Barbara Schöneberger betritt das Zimmer. "Was machen Sie denn hier?", frage ich, "müssen Sie heute nicht die Bambi-Gala moderieren?" - "Ich wollte nur mal sehen, wie es Ihnen geht", sagt Barbara Schöneberger. Ich ziehe die Decke höher, sie setzt sich an die Bettkante, nimmt ein Buch aus der Tasche, schlägt es auf und fängt an vorzulesen. Es ist die "Kritik der reinen Toleranz". "Von wem ist das?", frage ich. "Von einem Autor, den ich schon immer treffen wollte", sagt Barbara Schöneberger. Dann liest sie mir vor, bis es draußen hell wird.

Der nächste Tag fängt extrem früh an, kurz vor sieben. Die Schwester will wissen, wie ich geschlafen habe. "Ich glaub, ich hab kein Auge zugetan", sage ich und bitte um Gnade. "Lassen Sie mich noch ein, zwei Stunden schlafen." Kein Problem, der Oberarzt kommt erst gegen elf.

Er schaut sich die vielen Diagramme an, die der Computer aufgezeichnet hat. "Erstaunlich", sagt er, "wirklich erstaunlich." Ich rechne mit dem Schlimmsten, Apnoe im fortgeschrittenen Stadium. "Sie haben die ganze Nacht fest und ruhig geschlafen", wundert sich der Oberarzt, "das erleben wir im Schlaflabor nur selten, vor allem in der ersten Nacht sind die Patienten oft nervös." Jede Minute ist festgehalten, flacher Schlaf, tiefer Schlaf, Rapid Eye Movement, dazwischen einige kurze Aussetzer. "Das ist ganz normal, das hat jeder." Um sicherzugehen, möchte er mich noch eine Nacht behalten.

Ich fahre heim und bin um acht wieder in der Klinik. Das Abendessen wurde schon ausgegeben, die Patienten bereiten sich für die Nacht vor. Ich komme mir wie Prinz Orlofsky in der "Fledermaus" vor, während ich als Einziger im Aufenthaltsraum sitze und darauf warte, dass es endlich dunkel wird.

Kurz nach elf kommt die Ärztin und verkabelt mich. Gestern war es mir ein wenig peinlich, heute finde ich es eher albern. Ich lege mich hin und warte, dass es wieder an der Tür klopft. Schlaflos in Neukölln.

Wenn ich nicht verkabelt wäre, würde ich jetzt aufstehen und mir im Grillhaus 2000 eine Bulette holen. Oder eine DVD im Erotik-Discountmarkt. Oder beides. Durch das offene Fenster breitet sich der Geruch frischer Pizza aus. Wieso hab ich es nicht schon eher gemerkt? Es könnte eine Quattro Stagioni sein.

Am nächsten Morgen schaue ich mir wieder meine Schlafkurven an. "Sie haben etwa eine halbe Stunde wach gelegen", sagt der Oberarzt, "dann haben Sie wieder fest geschlafen." Die zweite Nacht im Schlaflabor verlief wie die erste.

Eine Stunde später werde ich entlassen. Jetzt, da ich weiß, dass ich keine Apnoe habe, fühle ich mich viel besser, nicht ganz so müde wie sonst. Ich fahre heim, halte unterwegs bei meiner Apotheke, hole mir eine Packung Hustenbonbons und die neueste Ausgabe der "Apotheken-Umschau" - mit einem Artikel über das "Chronische Erschöpfungssyndrom (CFS)". Es ist eine wenig erforschte und ziemlich exklusive Krankheit. Jetzt müsste ich nur ein Labor finden, in dem ich mich durchchecken lassen könnte.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Dr. Allesklar 06.07.2009
1. tja
Zitat von sysopSPIEGEL-Autor Henryk M. Broder kann nicht schlafen. In einem Berliner Schlaflabor lässt er seine Nachtruhe analysieren. Ein Überwachungsbericht. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,633421,00.html
Es wäre angesichts des grausig verzerrten und bewusst falschen Unsinns, den Herr Broder in zyklischen Abständen verfasst, ja auch schlimm, wenn er nachts ruhig schlafen könnte.
bedenkenträger2 06.07.2009
2. ...
... versucht er jetzt, einen auf "kaminer" zu machen?
Bala Clava 06.07.2009
3. Insomnia Broderiensis
Wie jetzt, Broder kennt "Apnoe" nicht? Gab's kein Graecum am Kölner Gymnasium? Und nie von diesen seltsamen Tauchern gehört? Wundert mit außerordentlich bei diesem Mann. Aber Insomnia kennt er?! Und dann noch eine Enthüllung: Broder benutzt Wikipedia! Ich bin geplättet.
Pablo alto, 06.07.2009
4. Henryk C. Roche
Zitat von bedenkenträger2... versucht er jetzt, einen auf "kaminer" zu machen?
Das wäre ja okay. Schlimm wird's erst, wenn er auf Charlotte Roche macht. Aber bitte, für den Fall der Fälle: Das Wort mit dem "rrhoi" (auch griechisch) in der klassischen Schreibweise vorher unbedingt bei Wikipedia nachschlagen.
EdenIsLost, 06.07.2009
5. Der erste Artikel...
...von Herrn Broder, den ich wirklich mag. Vielleicht, weil tatsächlich mal in keinster weise pupertär provokativ ist.
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