Ökoware aus China Geschäft ohne Seele

China exportiert Ökoware im Wert von 500 Millionen Dollar im Jahr. Auf dem Binnenmarkt macht Bio nicht mal ein Prozent aus. Die großen Gewinnspannen für die Erzeuger verführen zu Schmu.

REUTERS

Hu Zhenqiang, 58, ist "Modellarbeiter" und "Exzellenter Parteigenosse". In seinem Büro hängen die Plakate von Mao Zedong und dem ehemaligen Premier Zhou Enlai, im Schrank steht eine Mao-Büste. Draußen im Hof parkt ein metallicblauer VW Bora, Mao-Verehrer Hu ist ein wohlhabender Mann.

Der "Alte Hu", wie er sich nennt, hat einen seltenen Beruf in China: Er ist Biobauer. Auf 100 Mu (66.667 Quadratmeter) im Dorf Beizang im Süden von Peking pflanzt er seit 2005 Biobirnen, -kürbisse, -gurken, -erdnüsse an.

Der Boden, versichert Hu, wird natürlich gedüngt: "Jeder Kubikzentimeter muss mindestens 0,5 Milliarden nützliche Bakterien enthalten." Pestizide gegen Insekten und Käfer setzt er nicht ein. Seine Ernte schützt er unter anderem mit Pflanzen, deren Geruch Schädlinge vertreibt. Im Frühling klauben Arbeiter Käferlarven aus der Baumrinde.

Hus Hof ist einer von Chinas rund 3000 Biofarmen. Ihre Anbaufläche von rund zwei Millionen Hektar (Bundesrepublik: 0,9 Millionen) macht nicht einmal ein Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus. Auch der Bioprodukt-Anteil an Chinas Nahrungsmittelwirtschaft erreicht nicht einmal ein Prozent.

Der wachsende Wohlstand einer neuen Mittelschicht, etliche Lebensmittel- und Umweltskandale lassen die Nachfrage allerdings steigen. Immer häufiger verlangen Kunden Biokartoffeln, Bioäpfel, Bioeier. In Peking und Shanghai bieten Läden wie "Vanilla Garden", "LohaoCity" oder der "Gesundheits-Supermarkt" ökologisch erzeugte Produkte an, Restaurants wie "The Orchard" oder "Pure Lotus" servieren grüne Gerichte.

"Sie sprühen auf den Feldern sogar DDT. Wie kann man das Kindern vorsetzen?", sagt eine Frau im Pekinger Ito-Yokado-Supermarkt und stopft Bioobst in den Einkaufswagen. "Es sieht besser aus, ist frischer und schmeckt besser."

Kundinnen wie sie müssen tief in die Tasche greifen. Ein Kilo gewöhnliche Kartoffeln kostet umgerechnet 14 Cent, ein Kilo Biokartoffeln aber fast zwei Euro. Für ein Kilo Öko-Zwiebeln müssen Pekinger zehnmal so viel wie für konventionelle Zwiebeln zahlen: zwei Euro.

"In Peking leben eine Menge wohlhabender Menschen", sagt Bauer Hu. Etliche davon machten sich regelmäßig auf den weiten Weg an den Rand der Stadt, um bei ihm frisches Obst und Gemüse einzukaufen und es zum Teil sogar selbst zu ernten. Jüngst hat der geschäftstüchtige Hu sogar ein Restaurant für 150 Gäste eröffnet.

Das ABC des Ökolandbaus hat er in von der Kreisverwaltung organisierten Kursen gelernt. Als Hu sich entschloss, auf Bio umzustellen, halfen ihm die Ämter mit Subventionen. Im ersten Jahr zahlten sie zum Beispiel 10.000 Yuan (etwa 1000 Euro) für die Kosten der Kontrolleure, die prüfen, ob seine Bioprodukte den Vorschriften entsprechen.

China ist auch auf dem Weltmarkt mit seinen ökologisch produzierten Pilzen, Bohnen und Tomaten nicht mehr wegzudenken. Im vorigen Jahr exportierte die Volksrepublik für rund 500 Millionen Dollar Bioprodukte. Nach Deutschland verkauft sie vor allem Grundstoffe wie Sonnenblumenkerne, Sesam und Sojabohnen.

Öl wilder Walnüsse, heilendes Speiseöl und beste Qualitätsbirnen

In den Messehallen im Shanghaier Bezirk Hongqiao treffen sich jedes Jahr Öko-Händler aus aller Welt. Organisiert von der NürnbergMesse GmbH verkaufen auf der "BioFach China" buddhistische Nonnen Kochbücher, aus Tibet gibt es "Öl wilder Walnüsse" und "Heilendes Speiseöl", ein Betrieb aus der Provinz Hebei bietet die "besten Qualitätsbirnen".

Die Deutschen sind in Shanghai stark vertreten. Die Honig-Bracker GmbH aus Bordesholm ist angereist, die Töpfer GmbH aus Dietmannsried wirbt für Baby-Nahrungsmittel, die Bremer Intertek prüft Biowaren und stellt in China Zertifikate für Exportprodukte aus.

Biologische Landwirtschaft in China? Kommt da nicht zusammen, was nicht zusammenpasst? Kann ein Land, das für Milchskandale, dreckige Luft, schmutzige Böden, trübes Wasser berüchtigt ist, überhaupt organische Lebensmittel produzieren? Jedes Jahr erkranken hier zwischen 20.000 und 40.000 Menschen an vergifteten Lebensmitteln.

Doch die Lage ist besser, als die Hiobsbotschaften vermuten lassen, versichern Experten. Die meisten chinesischen Bioprodukte erfüllen chinesische wie europäische Normen - nicht zuletzt, weil sie besonders streng überwacht werden. "Von allen Lebensmitteln werden die organischen am meisten geprüft", sagt Udo Censkowsky von der Münchner Beratungsfirma Organic Services, auch er regelmäßiger Gast in Shanghai.

Zuständig sind etwa 30 Kontrollbehörden. Im Westen Pekings sitzt zum Beispiel das Zertifizierungsamt für organische Lebensmittel. "Wir prüfen bei Biobauern die Erde, das Wasser, den Produktionsprozess und die Endprodukte", beteuert Vizedirektor Li Xianjun.

Auch die Prüfer vom Chinesischen Entwicklungs- und Zertifizierungszentrum für Organische Nahrungsmittel (OFDC) in der Yangtze-Metropole Nanjing versichern, das Gros der Bioprodukte sei in Ordnung: "Das Risiko zu schummeln ist zu groß, die Strafen zu hoch", sagt Direktor Xiao Xingji.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Onsager 18.10.2009
1. So so
Zitat von sysopChina exportiert Ökoware im Wert von 500 Millionen Dollar im Jahr. Auf dem Binnenmarkt macht Bio nicht mal ein Prozent aus. Die großen Gewinnspannen für die Erzeuger verführen zu Schmu. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,654887,00.html
Ich liebe diese tendenzioesen Ueberschriften. In Deutschland ist das alles also ganz anders, will man mir suggerieren. Baumumarmer und Bastschuhtraeger ueberall, die taeglich ihre Aepfelchen streicheln...
lalito 18.10.2009
2. Kba ist tot! Nachruf auf die "guten" Seelen.
Nachfrage liegt über dem Angebot. Das ist die Situation. Bio ist ein ernstgenommener Wirtschaftsfaktor geworden, sechseckig mit grün-schwarzem Rand. Das war das Ende für kba. Wer die Geschichte und die Protagonisten der Geschichte der jetzigen Nürnberger Bio-Fach kennt, weiß, dass die Frage nach der Seele zu spät gestellt wird. Wer zu spät kommt den bestraft das Leben. Hagen und Hubert haben die Seele nach Nürnberg verkauft, der damals so hoch gehaltene Anspruch, nur "kba", konnte nicht aufrecht erhalten werden. Nun ist die Seele vom Markt aufgesaugt worden und fristet allenfalls noch ihr Nischendasein auf inhabergeführten Biohöfen mit idealistisch geführten angehängtem Hofladen. Der Rest lässt sich von Banken und Großkapital die aufgeweichten Vorgaben diktieren. Hab es seit meinen ersten Kontakten mit den Märkten und Messen "Öko/Bio" usw., also seit 89, immer mit dem milden Fatalismus gehalten: Wenn es Bio ist und auch noch besser schmeckt darf es auch ruhig ein bisschen teurer sein. Das Massengeschäft von heut war damit jedoch nicht gemeint. Die überwiegende Zahl der Idealisten der ersten Stunden sind wirschaftlich tot, ihre Seelen auch. Selbst Britta - und da war Cash - konnte den eigenen Anspruch nicht stemmen. Nun, das was heute daraus entstanden ist müsste die Grundlage für den Anbau Pflanzen zur Herstellung von Nahrungs-, Bekleidungs- und Körperpflegeprodukten grundsätzlich und weltweit werden, dann wäre auch tatsächlich etwas gewonnen. Das lassen die Verkäufer von "Pflanzenschutzmitteln" und "genetisch optimiertem Saatgut" nicht zu. Die Lobby ist wirtschaftlich einfach zu potent. So macht eine Nische mit ihren eckigen und bunten Vertrauens-Labeln gerade mal bisschen Extra-Profit auf niedrigstem gemeinsamen Bio-Nenner. We feed the world, eine Doku. Mal googlen.
SchneiderG 18.10.2009
3. Einkommen?
Zitat von sysopChina exportiert Ökoware im Wert von 500 Millionen Dollar im Jahr. Auf dem Binnenmarkt macht Bio nicht mal ein Prozent aus. Die großen Gewinnspannen für die Erzeuger verführen zu Schmu. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,654887,00.html
100 Euro Lohn pro Woche? Das dürfte der Monatslohn sein.
Reissack 18.10.2009
4. die Pioniere mit Überzeugung waren es
welche mit viel Geduld und Entbehrungen die KbA Produkte an den Verbraucher brachten. Kaum die richtige Nachfragegröße, schon gibt es das auch beim Discounter um die Ecke, mit dem bekannten Druck auf die Preise. Eine der größten Inhabergeführten deutschen Bio-Bäckereien legt zwar großen Wert auf den KbA der Rohstoffe, behandelt aber das Personal menschlich wie Sklaven, von vernünftiger Bezahlung ganz zu schweigen. Kapital zerstört jede gutgemeinte Entwicklung. z. B. ist Lehm seit mehreren tausend Jahren als Baustoff bekannt und war als gewöhnlicher Dreck wertlos. Erst seit man ihn in Säcke füllt und "verbraucherfreundlich" vermarkten kann kann man ihn fast nicht mehr bezahlen. Die Firma Kreidezeit Naturfarben führte lange Zeit ein von der Branche belächeltes Nischendasein. Nunmehr verwässern Markenhersteller ihre Baumarkt-Giftpampen mit Ökobegriffen und schon wird der Totenkopf ein bischen grüner.
cucco 18.10.2009
5. Warum Öko nach China geht
Zitat von SchneiderG100 Euro Lohn pro Woche? Das dürfte der Monatslohn sein.
Richtig, das kann nur der Monatslohn sein. Ein durchschnittliches Einkommen in Nanjing ist etwa 80 Euro pro Monat. Die Öko Freaks aus Deutschland gehen nach China, nicht, um die Chinesen zu beglücken, sondern um Kohle zu machen möglichst mit dem Export. Die China- und Asien-Gänger ( neben anderen 3.Welt Ländern) haben die kommerzielle Profit-Mentalität, die die WTO und die EWG - als sie noch so hiess - korrumpiert hat. Wenn ich deutsches oder italienisches Bio kaufe, weiss ich, dass ich jemanden in Europa für seine Arbeit bezahle, der davon lebt. In China werden die Menschen - wie auch in allen Tigerstaaten und meisten Staaten von Afrika - gnadenlos und unmenschlich von uns Westlichen ausgenutzt. Jeder Kauf eines China- Vietnam- oder Philippinen Produkts erzeugt Armut und Elend in jenen Ländern und gigantischen Reichtum von Unternehmern und Politikern. Die Gewinne steigen in unvorstellbare Höhen und sind dann der Anlass für die Finanzbranche zum globalisierten und unkontrollierbaren Zocken. Der sogenannte freie Welthandel in der modernen Globalisierung ist der Grund für: Massenarbeitslosigkeit in der westlichen Welt bei gleichzeitigen Mega Gewinnen der Finanzwelt und Sozialisierung der Verluste eines Teils der materiellen Oberschicht. Auch die korrupten britischen Politiker wissen, warum sie ihren Bänkern nicht die Flügel stutzen und den Menschen in der EU damit sträflich schaden.
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