Sex-Dienste im Pflegeheim Die Pionierin

Sexuelle Bedürfnisse flammen bei Dementen oft heftig auf. Frauen wie Nina de Vries helfen mit professioneller Zärtlichkeit.
Von Jörg Böckem

Das Treffen mit Josef K. beginnt jedes Mal wieder auf ähnliche Weise. "Hallo, ich bin Nina, ich mache Massage" stellt sich die Endvierzigerin vor, auch bei ihrem zehnten Besuch. "O ja, schön", antwortet der Mann. Josef K. ist Mitte sechzig und lebt in einem Berliner Pflegeheim. Nina de Vries besucht ihn etwa alle sechs Wochen, jedes Mal lernt er sie neu kennen.

Josef K. ist dement. Obwohl die Begegnungen mit Nina de Vries wohl zu den besonderen Momenten seines Alltags gehören, vermag sein Gedächtnis die Erinnerung an die Frau mit dem herzlichen Lächeln nicht zu bewahren.

Die beiden ziehen sich für eine Stunde in das Zimmer des Mannes zurück. Im Verlauf dieser Stunde werden sie Tee trinken, Musik hören, reden, lachen. Die Frau wird den Mann massieren, irgendwann werden beide nackt sein, sie werden sich umarmen, anfassen, und Josef K. wird einen Orgasmus haben.

Nina de Vries ist Sexualassistentin, sie bietet Gespräche an, Beratung, aber eben auch Zärtlichkeit und Massagen. Geschlechtsverkehr, Oralsex und Küssen gehören nicht zu ihrem Angebot, das ist eine unumstößliche Grenze. Ihre Klienten sind Menschen mit schweren physischen und psychischen Beeinträchtigungen, Schwerst- und Mehrfachbehinderte, in aller Regel sind es Männer.

Noch stellen Demenzkranke eine relativ neue Klientel für Sexualassistentinnen dar. Aber das ändert sich gerade. Denn ihre Lust zeigen Demente völlig ungeniert; die Krankheit spült alle Hemmungen aus dem Gehirn. Angehörige und Pflegepersonal kann das vor Probleme stellen.

Nicht selten entflammt im Zuge der Erkrankung die Sexualität neu, und bisher verschüttete Bedürfnisse drängen an die Oberfläche. Für den jeweiligen Partner oft eine schwierige Situation. Wie für die 80-jährige Frau aus Süddeutschland, die bei Nina de Vries telefonisch Rat suchte - ihr Mann verlangte seit Ausbruch seiner Demenz jede Nacht nach Sex. "Die Frau war damit völlig überfordert", sagt de Vries. "Für sie war das Kapitel Sexualität eigentlich abgeschlossen."

Die Generation der 80-Jährigen, vermutet sie, sei in ihrem Leben häufig sexuell eher unterversorgt gewesen, möglicherweise auch ein Grund dafür, dass sich diese Bedürfnisse im Alter mit Macht zurückmeldeten. "In der Demenz versagen die Kontrollmechanismen", sagt sie, "das sexuelle Verlangen wird nicht mehr von Konventionen oder Moralvorstellungen kanalisiert und drängt ungefiltert heraus." Ein Verlangen, das meist nicht ausgelebt werden kann. Und da neben der Impulskontrolle oft auch die Mitteilungsfähigkeit stark vermindert ist, kann es zu Masturbation in der Öffentlichkeit oder sexualisierten, manchmal nötigenden Handlungen kommen.

Trotzdem zögern Pflegeeinrichtungen und Familien häufig, die Hilfe einer Fachkraft in Anspruch zu nehmen. "Vor allem Angehörige wollen sich oft nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass der 80-jährige Vater oder Großvater noch sexuelle Wünsche hat", sagt de Vries - und das, obwohl die Erfahrung zeige, dass regelmäßige Besuche einer Sexualassistentin sexualisiertes Verhalten meist deutlich reduziere und das Wohlbefinden des Klienten verbessere.

Manche ihrer Kolleginnen nennen sich Berührerin, das klingt poetischer, weniger nach Prostitution. Nina de Vries hat da keine Scheu. "Was ich tue, ist eine sexuelle Dienstleistung ebenso wie die Prostitution, auch wenn es natürlich Unterschiede gibt. Ich bin nichts Besseres", sagt sie. Die tiefe Überzeugung, nichts Besseres zu sein, ist so etwas wie der Grundpfeiler ihrer Arbeit, auch im Umgang mit ihren Klienten.

Ein Hinterhof in Potsdam-Babelsberg, Nina de Vries wohnt im Erdgeschoss eines Altbaus, die Zweizimmerwohnung ist voll mit lachenden Buddhas und bunten Skulpturen, neben dem niedrigen Couchtisch eine Schale mit Duftöl. Nina de Vries, schwarz gekleidet, sitzt auf ihrem Sofa, die Füße mit den rotlackierten Nägeln untergeschlagen. Sie lacht gern und häufig. Ihre Sprachmischung aus holländischem Akzent und Berliner Zungenschlag klingt charmant.

Immer wieder kanalisiert sie ihren Redeschwall, wägt ihre Worte. Ihr Metier, sagt sie, sei für viele ein kontroverses Thema. "Sexualassistenz ist eine Dienstleistung für Menschen mit einer Beeinträchtigung, die auch in anderen Lebensbereichen Assistenz benötigen und für die sexuelle Begegnungen sonst schwer möglich sind", sagt sie. Diese Möglichkeit zur Begegnung möchte sie bieten, in einem würdevollen Rahmen. Mit Mitleid habe das nichts zu tun. Mitleid würde nur ein Gefälle zementieren und sei eine ungeeignete Motivation für ihren Beruf. Gutmenschentum und Helfersyndrom sind ihr eher suspekt.

Wichtigste Voraussetzung für ihre Arbeit sei aufrichtiges Interesse an den Menschen, Behutsamkeit, Achtung und Respekt - dem anderen gegenüber, aber auch den eigenen Grenzen. "Wenn man Sex nicht nur als etwas rein Körperliches, auf die Genitalien Beschränktes begreift, muss man sorgfältig mit sich selbst und dem anderen umgehen." Ihre Arbeit erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Empathie, denn viele ihrer Klienten sind nicht in der Lage, verbal zu kommunizieren.

Die Holländerin ist eine Pionierin auf ihrem Gebiet. Sie hat in der Schweiz und in Potsdam Sexualassistentinnen ausgebildet, hält Vorträge in Pflegeeinrichtungen und auf Kongressen. Ihre Lebensgeschichte scheint sie für diese Arbeit zu prädestinieren.

Die Arbeit fühlt sich überraschend gut an

Nina de Vries wächst in den Niederlanden auf, ihr Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau. Die Eltern sind politisch engagiert, Anti-Vietnam-Kriegs-Demonstrationen, Dritte-Welt-Laden, Amnesty International, die Themen der Zeit spielen im Familienalltag eine große Rolle.

Sie ist 16, als ihre Mutter Selbstmord begeht, nach jahrelangen Depressionen. Der Moment, der ihren Lebensweg entscheidend geprägt hat, wird Nina de Vries 30 Jahre später sagen. Ihre Welt bricht auseinander, sie sucht Orientierung.

Nach dem Abitur studiert sie Sozialarbeit, aber an der Universität findet sie nicht, was sie sucht. Mit 22 beginnt sie eine therapeutische Ausbildung in einem buddhistisch geprägten Institut, das auf intensive Selbsterfahrung setzt. Im Anschluss absolviert sie eine Massageausbildung.

Mit 29 zieht sie nach Berlin, dort arbeitet sie zunächst als Grafikerin und freie Künstlerin, wenn das Geld nicht reicht, kellnert sie. Ein Jahr lang arbeitet sie in einem Reha-Zentrum für Menschen mit Behinderungen. Als ihr dort eine Festanstellung angeboten wird, lehnt sie ab. Die Rolle des Pflegers, spürt sie, liegt ihr nicht.

Mitte der neunziger Jahre sucht ein Massagestudio, in dem eine ihrer Freundinnen arbeitet, Frauen. Kurz entschlossen sagt Nina de Vries zu. Sie massiert Männer, nackt, bis zum Orgasmus, Verkehr findet nicht statt. Die Arbeit fühlt sich überraschend gut an. "Ich habe damals viel gelernt", sagt sie. "Über Kommunikation, darüber, Grenzen zu setzen und einzuhalten, und über mich selbst." Sie macht auch Hausbesuche, erlebt die ersten sexuellen Kontakte mit behinderten Kunden. Berührungsängste hat sie keine, im Gegenteil. "Das waren spannende Erfahrungen - wie gehe ich mit jemandem um, der keine Beine hat? Oder inkontinent ist und Windeln trägt?" Die Besuche bei behinderten Klienten gehören für sie oft zu den angenehmsten Kundenbegegnungen.

Nach einem halben Jahr macht sie sich selbständig. Zufällig ist ihre Wohnung rollstuhlgerecht. Sie beschließt, schwerpunktmäßig mit Behinderten zu arbeiten. Kontaktiert die Prostituiertenorganisation Hydra, die Mitarbeiterin dort ist zunächst skeptisch - hat da jemand eine vermeintliche Marktlücke entdeckt und ist nur auf das schnelle Geld aus? Nina de Vries gelingt es, die Zweifel zu zerstreuen.

Mit Demenz macht sie auch jenseits der Arbeit Erfahrungen: Ihr Vater erkrankt früh an Alzheimer, bis zu seinem Tod besucht sie ihn regelmäßig. Die Geräusche, die sie heute bei ihren Besuchen in Pflegeheimen aus den Patientenzimmern hört, die Echolalie eines ihrer Klienten, der wie eine Schallplatte mit Sprung ständig die gleichen Worte wiederholt, das alles kennt sie von ihrem Vater.

Bevor sie einen Termin vereinbart, informiert sich Nina de Vries genau über demente Klienten. "Ich muss wissen, wie der Mann auf Verbote reagiert, ob er zu verbalen oder körperlichen Aggressionen neigt", sagt sie. "Ob er versteht, dass es sich um eine bezahlte Dienstleistung handelt, oder ob er denkt, ich sei seine Freundin." In ihrer Arbeit sei es unerlässlich, dass ihr Gegenüber die Grenzen respektiere. Deshalb ist es ihr wichtig, die Vorstellungen und Erwartungen des Klienten zu kennen. "Gerade in der älteren Generation ist es oft so, dass Männer Sex mit Geschlechtsverkehr gleichsetzen", sagt sie. Sollte das der Fall sein, könne sie nur den Besuch eines Bordells empfehlen. Auch die in der Kriegsgeneration nicht seltenen sexuellen Traumata, die der Klient meist nicht thematisieren kann, erschweren manchmal den Kontakt.

In den meisten Fällen allerdings empfindet Nina de Vries ihre Arbeit als beglückende Erfahrung. Einer ihrer Klienten, Ende sechzig, am Korsakow-Syndrom erkrankt, dement und sprachlich sehr stark eingeschränkt, sei bei ihrem ersten Treffen hochgradig depressiv und verschlossen gewesen. "Zuerst hat er gar nicht auf mich reagiert, dann irgendwann war er wie verwandelt, leidenschaftlich, lebendig, hat mich angelacht", erinnert sie sich. "So etwas erleben zu dürfen ist toll, ich bin dankbar, wenn jemand mir sein Vertrauen schenkt und so eine Erfahrung ermöglicht."

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