Rätsel Pubertät Off limits am Mississippi

So rebellisch die eigene Jugend gewesen sein mag: Wenn Väter ihre halbstarken Söhne ins Abenteuer Leben entlassen, stellen sich Ohnmachtsgefühle und Wehmut ein.

Jugendliche: Mit den Flegeljahren kommen die Sorgen
Corbis

Jugendliche: Mit den Flegeljahren kommen die Sorgen

Von Matthias Matussek


Ich kenn mich nicht aus in der Pubertät. Wie sollte ich auch? Keiner kennt sich da aus, vor allem der Pubertierende nicht. Das ist ja gerade das Kennzeichen von Pubertät. So weit ich mich erinnere, ist der Kopf da eine Art Raumkapsel, in der völlig bizarre Gegenstände und Bilder zusammenhanglos vorüberschweben und durcheinanderwirbeln, Stimmungen zwischen Euphorie und Schwermut wechseln, oft ohne Koppelung an die Wirklichkeit oder an das, was man als Auslöser bezeichnen könnte.

Ein anderer Planet. Schwerelosigkeit.
Kaum Funkkontakt.

Der berühmteste Jugendbuch-Klassiker fängt so an:
"Tom!"
Keine Antwort.
"Tom!"
Keine Antwort.
"Was ist los mit dem Jungen? Hey Tom!"

Man kann den Namen auswechseln, aber nicht den Vorgang, den Mark Twain in seinem "Tom Sawyer" für alle Ewigkeit gültig auf Papier gebracht hat. Bei uns heißt Tom "Markus", und die gute alte Tante Polly, die da ruft, bin ich.

Natürlich kann Markus mich gar nicht hören, denn sein Zimmer ist für mich off limits, und er trägt Kopfhörer. Er ist also so weit weg wie der Mississippi, auf dem Tom mit seinem Floß unterwegs ist. Der Mississippi in seinem Falle heißt "Aion" oder irgendeine andere Fantasy-Welt, die er auf seinem Monitor durchstreift.

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre wie mein Vater

Er übt für eine feindliche Welt. Sollten wir eines Tages vor dem Supermarkt mal von einer Horde übler, schuppiger, drachenköpfiger Schläger mit Keulen und Sicheln angefallen werden, bin ich mir sicher, dass Markus uns und unsere Einkäufe verteidigen wird. Das beruhigt. Zudem betreibt er "Pa-Kua", einen chinesischen Kampfsport, der unter anderem mit Bambusschwertern ausgetragen wird. Die Welt in den Augen eines 15-Jährigen ist offenbar eine bedrohliche Angelegenheit.

Pubertät ist die Phase, in der die Taue gelockert werden. Man bleibt als Vater merkwürdig ohnmächtig zurück und kann nur hoffen, dass das Floß, auf dem der Junge unterwegs ist, nicht an irgendwelchen Stromschnellen zerschellt. Mein Vater muss die gleiche Ohnmacht gespürt haben. Sein Trost vielleicht: Er wusste mich eingebettet in eine ganze Kohorte, die unterwegs war. Er verstand sie zwar nicht, mochte aber ihre Leidenschaft.

Ich wollte nie werden wie mein Vater. Ich wollte ausbrechen. Jetzt wünsche ich mir manchmal, ich wäre wie er. Ich könnte mit klaren Ansagen und Verboten durchdringen. Allerdings ist die Zeit keine, die es noch erlauben würde. Wir modernen Väter haben Verständnis, unglaublich viel davon, und wenn es alles ist, was wir haben.

Des Sohnes größte Sorge: Sei bloß nicht "peinlich" oder "uncool"

Als ich 14 war, 1968, trennte mich ein tiefer Abgrund von der Jugend meines Vaters. Er war mit Krieg und Entbehrungen und Elend aufgewachsen, ich dagegen im Luxus einer Wohlstandsgesellschaft. Die tiefste Kluft war die in unserem Plattenschrank - so nannte man das damals: auf der Seite der Eltern Klassik, auf meiner Seite "Sgt. Pepper's", Jefferson Airplane, The Doors.

Unsere Seite war mächtig in Bewegung, wir hatten die Welt neu erfunden und steuerten einen neuen Planeten an. Soweit ich mich erinnere, sah es da bunt aus, aufregend, und es war ständig Frühling. Wenn ich morgens zur Schule rannte, einen Hang hinunter zur Straßenbahnhaltestelle, mit einem langen Hippiemantel, der hinter mir herflatterte, sah ich wahrscheinlich aus wie ein Vogel, der sich in die erste Flugstunde stürzt in einen goldenen, glänzenden Morgen.

Mein Sohn hört gelegentlich auch noch Beatles, aber ansonsten 50 Cent und Eminem, also HipHop von durchaus musikalischen Schwerkriminellen und Drogensüchtigen auf Rehab, düsteres Zeug, das einer geldbesessenen Welt ihre Kampfansage entgegenschleudert: Geld und noch mehr Geld. Schade eigentlich, aber diese Welt, sage ich mir dann, verdient es nicht anders. Einmal interviewte ich den Rap-Superstar 50 Cent gemeinsam mit meinem Sohn. Markus hatte mir eingeschärft, "nicht peinlich" oder "uncool" zu sein. Das war seine größte Sorge.

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Nothing is irreversible 04.05.2010
1. haha, stimmt genau
exakt dasselbe hier… ich habe heute Geburtstag, bin jetzt 45 und plötzlich unendlich weit weg von meinem 14jährigen Sohn, der mit den Kopfhörern am Macbook klebt, in seinem Zimmer. Welches natürlich off limits ist ;))
Methusalixchen 04.05.2010
2. Da fehlt ein "h"
Der Beach-Boys-Titel heißt "Help me Rhonda" (war die zweite Nummer-1-Single).
blowup 04.05.2010
3. so what?
Probleme mit meinem 16-jährigen Sohn? Keine besonderen. Sein Zimmer "off limits"? Nicht mit mir. Er weiß: ich bin hier das Gesetz. Und auch mit über 50 kein Weichei, wie offensichtlich andere Väter. Hip Hop finde ich einfach Mist und vor allen Dingen total verlogen. Aber mit dem Internet und Bit Torrent kenne ich mich besser aus als er. Ich denke, wir haben ein gutes Verhältnis, was vor allen Dingen daran liegt, dass ich als Freischaffender immer erreichbar war und wir viel Zeit miteinander verbracht haben. Klar, in der Pubertät ist er ein bisschen eintönig geworden aber er weiß, dass auf seinen Alten immer Verlass ist. Vor allen Dingen weiß er, dass ich nicht Teil des Systems bin sondern einfach ich. Das verbindet schon mal. Natürlich ist es ein mulmiges Gefühl, die "Taue los zu machen". Aber ich bin ein freiheitsliebender Mensch und gestehe ihm das auch zu. Die Gesellschaft, in der ich es zu einer gewissen "Expertise" gebracht habe, geht ohnehin gerade den Bach runter. Geld, Geld, Korruption, Banken, Wirtschafts- und Staatskrisen und eine Zukunft, die sich wohl vor allem im pazifischen Raum abspielt. Da muss er selber durch. Aber wir sprechen immer noch viel miteinander. Er weiß, dass ich ihn nicht dem "Medienwahnsinn zum Fraß vorwerfe", und dass ich endloses Computer spielen nicht dulde, weil ich selbst den Sog der Multiplayer Games kenne. Im Zweifel sperre ich den Computerzugang per Passwort oder Check den Verbindungsaufbau im Router. Aufmerksamkeit ist eine Währung und ein Milliardenbusiness. Ich lass meinen Sohn nicht ausplündern. Schluss. Aus. Wahrscheinlich hält er mich wie jeder Sohn für etwas strange. Mir egal, sofern ich mich für authentisch hält.
Earendil77 04.05.2010
4. ---
Zitat von blowupProbleme mit meinem 16-jährigen Sohn? Keine besonderen. Sein Zimmer "off limits"? Nicht mit mir. Er weiß: ich bin hier das Gesetz. Und auch mit über 50 kein Weichei, wie offensichtlich andere Väter. Hip Hop finde ich einfach Mist und vor allen Dingen total verlogen. Aber mit dem Internet und Bit Torrent kenne ich mich besser aus als er. Ich denke, wir haben ein gutes Verhältnis, was vor allen Dingen daran liegt, dass ich als Freischaffender immer erreichbar war und wir viel Zeit miteinander verbracht haben. Klar, in der Pubertät ist er ein bisschen eintönig geworden aber er weiß, dass auf seinen Alten immer Verlass ist. Vor allen Dingen weiß er, dass ich nicht Teil des Systems bin sondern einfach ich. Das verbindet schon mal. Natürlich ist es ein mulmiges Gefühl, die "Taue los zu machen". Aber ich bin ein freiheitsliebender Mensch und gestehe ihm das auch zu. Die Gesellschaft, in der ich es zu einer gewissen "Expertise" gebracht habe, geht ohnehin gerade den Bach runter. Geld, Geld, Korruption, Banken, Wirtschafts- und Staatskrisen und eine Zukunft, die sich wohl vor allem im pazifischen Raum abspielt. Da muss er selber durch. Aber wir sprechen immer noch viel miteinander. Er weiß, dass ich ihn nicht dem "Medienwahnsinn zum Fraß vorwerfe", und dass ich endloses Computer spielen nicht dulde, weil ich selbst den Sog der Multiplayer Games kenne. Im Zweifel sperre ich den Computerzugang per Passwort oder Check den Verbindungsaufbau im Router. Aufmerksamkeit ist eine Währung und ein Milliardenbusiness. Ich lass meinen Sohn nicht ausplündern. Schluss. Aus. Wahrscheinlich hält er mich wie jeder Sohn für etwas strange. Mir egal, sofern ich mich für authentisch hält.
Ein völlig überflüssiger, ich-bezogener Text. Und darin dann so was: Nein? Also ich schon. Mal in der logischen Umkehrung formuliert: Sie sind sich nicht sicher, ob es vielleicht doch besser wäre, Ihr Sohn dürfte nicht die Poster seiner Lieblingsstars in sein Zimmer hängen, hätte keinen Fernseher, aber autoritäre Eltern, Sex wäre ein Tabuthema und seine Lehrer_innen dürften ihn prügeln? Ist das Ihr Ernst? Ich bin mir nur nicht sicher, ob man diesen kulturellen Wandel einfach so den 68er zurechnen darf... Diktator+Macho und stolz darauf? Oder nur Diktator in Einbildung?
docsoc 04.05.2010
5. Vater und Sohn
Zitat von sysopSo rebellisch die eigene Jugend gewesen sein mag: Wenn Väter ihre halbstarken Söhne ins Abenteuer Leben entlassen, stellen sich Ohnmachtsgefühle und Wehmut ein. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,692356,00.html
Ich habe den Eindruck, dass hier mal wieder mehr die midlife crisis des Vaters das Thema ist, als die Pubetaet des Sohnes. Wenn ich als Autorennamen Matussek lese, weiss ich als Spiegel-online-Leser schon im Voraus, was mich erwartet: Wehmuetige Erinnerungen eines katholischen Internatszoeglings, lauwarme Reminiszenzen an die post-68er Zeit, die gebetsmuehlenhaft fuer alles verantwortlich gemacht werden, was Herr Matussek eher ambivalent betrachtet. Diesmal hat sogar die Porno-Industrie ne Watschn gekriegt. Wow! Nun kommt Herr Matussek ja aus einer bekannten Bildungsbuerger-Familie, die wahrscheinlich seinen bekannten cholerischen Ausfaellen, die ja sogar zum Romanstoff herhalten mussten, genauso liberal gegenueberstand, wie Papa seinem Sohn heute. Mit oder ohne 68er. Mit oder ohne Mao. Ich wuensche mir, dass Herr Matussek jetzt bitte, bitte mal ne Schreibpause macht in Sachen Erinnerungen, statt dass einem daraus immer wieder dasselbe feuilletonistische Knabbergebaeck vorgesetzt wird. Vielleicht kann er ja mal den Job ein paar Monate mit seinem Bruder in New Delhi tauschen.
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