Der SPIEGEL

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04. Mai 2010, 00:00 Uhr

Pubertät

"Jungen brauchen die Konfrontation"

Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl über die Defizite und Ersatzhandlungen von jungen Männern, die ohne Vater aufwachsen.

SPIEGEL: Herr Guggenbühl, in Deutschland wachsen etwa 1,6 Millionen der unter 18-Jährigen mit nur einem Elternteil auf - rund 90 Prozent von ihnen mit der Mutter. Auf welche Weise wirkt sich die Abwesenheit des Vaters in der Pubertät aus?

Guggenbühl: Das ist ein großes Problem: Wenn ein Elternteil fehlt, wird die Auseinandersetzung, die die Heranwachsenden suchen und brauchen, viel schwieriger. Vor allem bei instabilen Situationen oder egoistischen Eltern. Die Kinder haben dann das Gefühl: Ich kann eigentlich keinen Konflikt mit dem betreuenden Elternteil, meist also der Mutter, riskieren, sonst verderbe ich es mir mit der auch noch.

SPIEGEL: Betrifft das Jungen und Mädchen gleichermaßen?

Guggenbühl: Vor allem Jungen fehlt die Reibung mit einem männlichen Erwachsenen, über den sie sich aufregen und ärgern, zu dem sie eine Beziehung haben und von dem sie sich abgrenzen können. Sie brauchen das zum Aufbau einer männlichen Identität. Mädchen können sich auch mit der Mutter auseinandersetzen und finden ihre Identität leichter. Die Jungen aber vermissen etwas für sie sehr Wichtiges; sie suchen nach Ersatz.

SPIEGEL: Wo denn?

Guggenbühl: Wo sie jemanden finden, der sich zur Konfrontation eignet. Viele junge Männer, denen die Väter fehlen, suchen die Konfrontation mit der Polizei.

SPIEGEL: Die Polizei als Verkörperung der Autorität?

Guggenbühl: Der männlichen Autorität, denn die Polizei wird vom ganzen Habitus her als sehr männliche Institution wahrgenommen.

SPIEGEL: Aber der Zusammenprall ausgerechnet mit Polizisten produziert doch unvermeidlich neue Konflikte?

Guggenbühl: Allerdings. Für die Polizei geht es um Tatbestände und Strafmaßnahmen; sie ist nicht darauf vorbereitet, Defizite von Teenagern auszugleichen.

SPIEGEL: Und die Jugendrichter schicken die Delinquenten dann zu Ihnen?

Guggenbühl: So ist es. In den Therapien merke ich, dass sich hinter den Regelverstößen oft die Sehnsucht nach einem männlichen, älteren Widerpart verbirgt, der sich für sie interessiert, aber auch über sie aufregt. Beides brauchen sie für ihre Identitätsbildung.

SPIEGEL: Wie wirkt sich das Fehlen des Vaters sonst noch aus?

Guggenbühl: Häufig in der übertriebenen Betonung männlicher Klischees: Sie wollen alle Gangster sein, um überhaupt ihre Männlichkeit zu finden.

SPIEGEL: Es geht ja nicht nur um die Situation in den Familien. Experten bemängeln zunehmend das Fehlen männlicher Identifikationsfiguren in Kindergärten und Grundschulen. Die deutsche Familienministerin Kristina Schröder hat gerade erst ein eigenes Jungen-Referat in ihrem Haus eingerichtet.

Guggenbühl: Zum Manko, dass viele Jungen ohne Väter aufwachsen, kommt hinzu, dass die öffentliche Erziehung und die Schule weiblich ausgerichtet sind. Nicht in erster Linie, weil dort überwiegend Frauen arbeiten, sondern weil das vorherrschende Pädagogik-Verständnis weiblich geprägt ist.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Guggenbühl: Konsens, das Gespräch, individuelle Förderungen und Beziehungen stehen im Vordergrund. Die männliche Neigung zur Konfrontation, die Freude an Risiken und Gruppen-Orientierung werden vernachlässigt. Interessant ist, dass vor allem Lehrer sich von männlichen Klischees abgrenzen, weil sie nicht als Machos gelten wollen. Lehrerinnen haben oft ein besseres Sensorium für die Probleme der Knaben.

SPIEGEL: Brauchen die Jungen nicht ebenfalls die "weibliche" Fähigkeit zum Konsens und zum Gefühlsausdruck?

Guggenbühl: Männliche und weibliche Elemente gehören in die Schule, doch heute werden männliche Eigenschaften oft pathologisiert, die Lust an Provokation, an Grenzüberschreitung und die damit verbundene Hoffnung, Empörung, Widerstand auszulösen. Die Renitenz der Knaben hat tiefere Bedeutung.

"Wer kein Delikt verübt hat, ist für sie kein Mann!"

SPIEGEL: Eingliederung durch Konfrontation? Der Alltagsverstand neigt dazu, im Widerstand das Problem zu sehen - nicht die Lösung.

Guggenbühl: Aber so ist es. Junge Männer integrieren sich oft über Widerstand, nicht über Konsens. Das funktioniert allerdings nur mit entsprechenden Gegenfiguren.

SPIEGEL: Was genau läuft schief, wenn der Widerstand nicht da ist?

Guggenbühl: Die Jungen haben das Gefühl, von einer Leere umgeben zu sein, die sie nicht ertragen. Sie provozieren darum immer weiter und können dann auch gewalttätig werden, weil sie sich ersatzweise an den Klischees von Männlichkeit festhalten: Kämpfen können, stark sein, keine Angst haben und so weiter. Die Auseinandersetzungen, die in der Familie nicht stattfinden, werden in den öffentlichen Raum ausgelagert.

SPIEGEL: In manchen Großstädten können sich Männer tageweise und ehrenamtlich als eine Art Rollenpaten oder Sparringsväter zur Verfügung stellen. Der deutsche Psychiater und Neurobiologe Gerald Hüther hat Mentorenprogramme für Jungen vorgeschlagen. Was halten Sie von solchen Ansätzen?

Guggenbühl: Ich finde es gut, wenn man das Problem wahrnimmt und nach neuen Lösungen sucht. Aber es gibt da unter uns Psychologen zwei Tendenzen. Viele möchten den Jungen helfen, Konfrontations- und Hierarchievorstellungen abzulegen und Kämpfe durch Umarmungen zu ersetzen. Ich dagegen bin der Auffassung, dass wir bestimmte männliche Grundeigenschaften akzeptieren müssen. Dazu gehört die Neigung, Gefühle durch Themen wie Fußball, Technik oder das Reden über krasse Ereignisse auszudrücken. Beziehungen haben für viele Jungen auch ein antagonistisches Moment. Kämpfe sind für sie ein Lebenselixier, sie suchen Risiken, gefährliche Abenteuer. Deshalb meine ich, dass sie Männer brauchen, die sie in diese Eigenschaften einführen.

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Pubertät - echt ätzend" sprechen Sie davon, dass die Heranwachsenden in Schule oder Lehre zur Unmündigkeit verdammt und in eine Art Warteraum des Lebens verbannt würden. Dieses "psychosoziale Moratorium" hindere sie an eigenverantwortlichen Erfahrungen in der Außenwelt und liege vielen Pubertätskonflikten zugrunde.

Guggenbühl: In der Pubertät sollten junge Menschen hinaus in die Welt und neue Erfahrungen machen, zum Beispiel auf Reisen. Sie sollten mit wirklichen Herausforderungen konfrontiert werden, Verantwortung tragen lernen und nicht dauernd in den Schonraum von Schule und Familie verbannt werden.

SPIEGEL: Die langjährige Schulpflicht ist nun mal Teil unserer Kultur.

Guggenbühl: Ja, wir müssen pragmatisch vorgehen, wir können nicht die Gesellschaft umkrempeln. Ich versuche zumindest, gewalttätig gewordenen Jungen Aufgaben zu stellen, durch die sie sich existentiell herausgefordert fühlen.

SPIEGEL: Es gibt sicherlich Gewalttäter, denen so nicht beizukommen ist.

Guggenbühl: Unter den Jungen, mit denen ich arbeite, sind sieben bis acht von zehn auf der Suche. Sie sehnen sich nach Herausforderungen, sie wollen sich beweisen. Diesen kann man helfen.

SPIEGEL: Das klingt ein bisschen nach Verharmlosung. Die Jungs, die man zu Ihnen schickt, sind doch alle verhaltensauffällig oder delinquent geworden?

Guggenbühl: Alle haben ein Delikt begangen, waren gewalttätig, doch nur bei 20 bis 30 Prozent lässt sich nach meiner Erfahrung eine tiefere Persönlichkeitsstörung diagnostizieren. Wir sollen nicht alle pathologisieren - das Delikt gehört für viele zur Initiation in die Gesellschaft. Wer kein Delikt verübt hat, ist für sie kein Mann!

Das Interview führte Rainer Traub

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