Tatort Familie "Auf dem Stand eines Zweijährigen"

Der Bonner Jugendpsychiater und Bestseller-Autor Michael Winterhoff, 55, über seine eigene Pubertät, den Wert der Intuition in der Erziehung und Jugendliche mit dem Reifegrad von Kleinkindern.

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"
Corbis

Problemfall Kind: "Es kann zur zur totalen Verweigerung kommen"


SPIEGEL: Herr Winterhoff, Ihre eigene Pubertät muss rund vier Jahrzehnte her sein. War das damals eine schöne oder eine harte Zeit?

Winterhoff: Von allem etwas. Ich hatte in dieser Zeit viele sehr schöne Erlebnisse, Freundschaften in der Jugendarbeit, beim Malteser Hilfsdienst. Schwierig war die Auseinandersetzung mit meinen Eltern. Das war eine Zeit, in der Schläge noch als probates Erziehungsmittel galten und Eltern sehr viel Gehorsam verlangten. Da konnte schon ein anderer Musikgeschmack heftige Auseinandersetzungen auslösen.

SPIEGEL: Inzwischen haben Sie zwei Kinder, die ihre Pubertät auch schon durchlebt haben. Was ist schwieriger: Selbst in der Pubertät zu stecken oder Vater von Pubertierenden zu sein?

Winterhoff: Schwer zu sagen. Die Pubertät ist eine Zeit extremer Schwankungen: Man kann morgens rettungslos verliebt sein und abends schon wieder todunglücklich getrennt. Es gibt Phasen überschäumender Euphorie und größter Niedergeschlagenheit. Für Eltern ist es nicht einfach, mit diesen Schwankungen der Jugendlichen umzugehen. Es ist normal, dass sich Eltern mitunter völlig hilflos fühlen.

SPIEGEL: Sind die Probleme, mit denen pubertierende Jugendliche und deren Eltern heute in Ihre Praxis kommen, im Grunde noch die gleichen wie früher?

Winterhoff: Nein, das hat sich völlig verändert. Es fängt schon mit der Problemeinsicht an. Noch vor 10 oder 15 Jahren konnten Jugendliche in meiner Praxis klar ausdrücken, warum sie hierhergekommen sind. Die sagten dann etwa: Ich habe Probleme in der Schule. Oder: Meine Eltern kommen nicht mehr mit mir klar. Heute höre ich nur noch Sätze wie: Ich bin hier, weil meine Eltern oder meine Lehrer das so wollen. Für diese Jugendlichen haben nur die Erwachsenen ein Problem. Sie sehen nicht, dass ihr eigenes Verhalten sehr viel damit zu tun haben könnte.

SPIEGEL: Die Klage, dass die Jugend früher besser, einsichtsfähiger und weniger aufsässig war, ist aber doch so alt wie die Menschheit.

Winterhoff: Ich sehe da schon eine neue Qualität. In meiner Praxis habe ich es inzwischen mit Jugendlichen zu tun, die sich permanent verweigern. In einer klassisch verlaufenden Pubertät kann es immer Phasen geben, in denen Jugendliche sich auflehnen. Sie merken, dass ihre Eltern vielleicht doch nicht so toll und fehlerlos sind, wie sie als Kind immer dachten. Das ist ein ganz natürlicher Reifeschritt. Was ich aber seit einigen Jahren erlebe, ist eine dauerhafte Respektlosigkeit gegenüber Eltern und Erwachsenen. Ich erlebe Kinder ohne Sozialkompetenz, die ihr Leben nur nach eigener Lust und Laune führen wollen und ständig Forderungen stellen, ohne dafür etwas leisten zu wollen.

SPIEGEL: Dass Pubertät mit Auflehnung gegen Normen und Autoritäten einhergeht, ist doch üblich.

Winterhoff: Bei den Jugendlichen, von denen ich spreche, geht es um das Nichterkennen von Autoritäten. Im Alter bis zweieinhalb Jahre sind alle Kinder respektlos, weil sie uns Erwachsene noch nicht als ein Gegenüber erkennen können, das ihnen etwas zu sagen hat. Das Problem ist, dass immer mehr Jugendliche einen psychischen Reifegrad haben, der auf dem Stand eines Zweijährigen stehengeblieben ist.

SPIEGEL: Wie zeigt sich das im Alltag?

Winterhoff: Solange Sie den Wünschen dieser Jugendlichen nachkommen, ihnen also zum Beispiel ein Apartment zur Verfügung stellen mit vollem Kühlschrank und Internetanschluss, haben Sie Ruhe. Aber sobald Sie etwas von ihnen fordern, und wenn es nur etwas Hilfe bei der Gartenarbeit ist, oder wenn der Computer kaputtgeht und nicht sofort repariert wird, dann kann dies zu einem Aggressionsausbruch führen.

SPIEGEL: Die gehen auf ihre Eltern los?

Winterhoff: Unterschiedlich. Es kann zu erheblichen Beschimpfungen kommen, aber auch zur totalen Verweigerung. Manche Jugendliche reden dann einfach kein Wort mehr mit ihren Eltern und ignorieren sie.

insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
Allegorius 13.05.2010
1.
Aus meiner praktischen Arbeit als Logopäde bleibt dem nichts hinzuzufügen. Herr Winterhoff hat uneingeschränkt Recht!
WernerS 13.05.2010
2. Verunsicherte Elternn
sind die Käufer der Bücher der Autoren die die Eltern verunsichern.
Boandlgraber 13.05.2010
3. Der Winterhoff...
Was mich stört am Winterhoff, auch wenn ich ihm inhaltlich in vielerlei Hinsicht folgen kann, sind seine extrem präzisen Angaben zu seinen Beobachtungen. Man meint gar das Jahr 1995 als kollektives Abkippen in die Beziehungsstörung zu Kindern dingfest machen zu können. Problematisch finde ich auch, dass er sich überhaupt nicht abgrenzt - wie stellt er beispielsweise sicher, dass sich nicht die Millieus seiner Patienten gravierend geändert haben? Wäre das nicht für eine so weit ausgreifende Beobachtung ein wichtiger Punkt? Winterhoff erklärt eine gesellschaftliche Veränderung mitsamt mehrstufigen Wirkmechanismus durch die Familie durch - der auch noch mit Schuld der nicht reflektierenden Eltern angefettet wird. Vielleicht können die Eltern gar nicht viel dafür? Vielleicht fehlt die natürliche Autorität nur deswegen, weil schon Kindern durchschauen, was für arme Würstchen wir sind? Solche Überlegungen tauchen bei Winterhoff praktisch nicht auf, deswegen glaube ich, dass er am Ende doch nur ein Schwätzer ist, dem ein paar zutreffende Beschreibungen der Realität gelungen sind.
tystie, 13.05.2010
4. Hans im Glück
Ein Ratgeber-Autor muss sich geradezu totfreuen, wenn er nicht nur einen zweiseitigen Artikel im SPIEGEL als Werbegeklingel eingeräumt bekommt, sondern gleichzeitig die Vermarktung "Einfach und bequem direkt im SPIEGEL-Shop" besorgt bekommt. (Klingt verdächtig nach Angebotsbefriedigung von 'Ich will sofort!') Was ist das verbindende Merkmal aller Ratgeber-Literatur? Dass sie von Leuten gekauft wird, die der absurden Idee anhängen, dass ein/e mit ihrer Situation völlig unvertraute/r Fremde/r irgendwelche Erkenntnisse von sich geben könnte, die auf sie zutreffen. Möglich in einer Kultur, die von der absurden Vorstellung geprägt ist, aus einem antiken Textsammelsurium namens Bibel (Buch!) relevante Informationen für das Leben gewinnen zu können. Ihnen allen ist gemeinsam: Alle mussen sich bitteschön GLEICH verhalten. Wer diesem totalitären Anspruch, bzw. Diktat nicht folgt, wird als Feind und Problem angesehen. "Winterhoff: Es geht nicht um Strenge, es geht um Intuition. Eltern MÜSSEN sich bewusst machen, dass sie nicht die besten Freunde ihrer Kinder sein können." "Winterhoff: Das kann gut funktionieren. Wichtig wäre, dass der Lehrer immer wieder den einzelnen Jugendlichen auf sich bezieht. Der Jugendliche MÜSSTE die Erfahrung machen, dass er sich am Lehrer orientieren MUSS, dass er vielleicht sogar auf ihn angewiesen ist." (Wenn ich mir vorstelle, wie DurchschnittslehrerInnen mit Jugendlichen "wochenlang zu Fuß durch die Alpen marschieren" sollen, überfällt mich das blanke Grauen.) Winterhoff verbreitet nicht nur Blödsinn über vergangene Zeiten, "das war eine Zeit, in der Schläge noch als probates Erziehungsmittel galten und Eltern sehr viel Gehorsam verlangten", sondern mogelt sich darum herum, seine Ergüsse einfach als seine persönlichen Erfahrungen (Geschlagener) und Ansichten (zur Verteidigung der Schläger?) zu outen. Eltern kann man nur davor warnen, sich auf solche Ratgeber einzulassen. PS: "Ein Internetblogger verkündet unter vollem Namen sein Konzept für die Bestrafung eines Brandstifters: "Ich würde ihn in eins dieser Autos setzen, die er gerade angezündet hat." Ein Porsche-Besitzer, dessen neuer Sportwagen vergangene Woche verbrannte, würde die Täter am liebsten "häuten und durch die Stadt ziehen"." http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,694099-2,00.html Erwachsene auf dem Stand von Zweijährigen? Sicher nicht, denn Zweijährige kennen solche psychopathischen Grausamkeitsfantasien nicht.
spiegelmaus 13.05.2010
5. Auf dem Stand des Zweijährigen
Auf dem Stand des Zweijährigen heißt, keine Erfahrungen, die typisch für das Alter jenseits von 2 Jahren, gemacht zu haben. Nur Fernsehen und Computer führen zu Verkümmerung. Zum Leben gehört die Erfahrung von Einfühlung, von Gegenüber, von Auseinandersetzung, von Frustriertwerden, von Grenzen erfahren, und mit all dem Erfahrenen umgehen zu lernen. Kinder, die wie Kaspar Hauser aufwachsen, haben dann halt später gravierende Defizite.
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