Schatzkammern des Wissens Künstliches Gedächtnis

Bibliotheken entwickeln sich zu weltweit vernetzten, multimedialen Informationszentren und erleben einen Boom als Lernorte. Sorgt der Wandel auch für mehr Erkenntnis?

Stefan Müller / Berlin Verlag

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Die Idee war so einfach wie gewaltig: Das Wissen der ganzen Welt sollte an einem einzigen Ort versammelt werden. Im dritten Jahrhundert vor Christus gründete der ägyptische König Ptolemaios I. die Bibliothek von Alexandria.

Resolut baute der Herrscher seinen Wissensspeicher aus: Er schickte Späher durch sein gesamtes Reich, ordnete an, jedes Schiff im Hafen von Alexandria zu durchsuchen. Spannendes Schriftgut ließ er einfach konfiszieren - die Eigentümer bekamen, wenn überhaupt, eine Abschrift zurück.

So lagerten in der ägyptischen Hafenstadt bald bis zu 700.000 Schriftrollen, was aus heutiger Sicht mehreren zehntausend Büchern entspricht - die größte Schriftensammlung der Antike.

In der mit der Bibliothek verbundenen Forschungsstätte, dem " Museion ", fanden sich die besten Wissenschaftler der Zeit ein: Euklid, der die Geometrie entwickelte, Archimedes, der die Hebelgesetze formulierte, und Aristarch, der 1800 Jahre vor Kopernikus erkannte, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

Die Bibliothek entwickelte sich zu einer einzigartigen geistigen Schatzkammer - bis im Jahr 48 vor Christus Julius Caesar nach Alexandria kam.

Der römische Konsul, auf der Suche nach seinem Widersacher Pompeius, ließ bei Kämpfen in der Stadt alle Schiffe im Hafen niederbrennen. Dabei fing wohl auch die Bibliothek Feuer, und Hunderttausende Schriftrollen wurden ein Raub der Flammen.

Aufzeichnungen der hellenistischen und der ägyptischen Kultur, Zeugnisse römischer und asiatischer Herkunft zerfielen unwiederbringlich zu Asche, das gesammelte Wissen löste sich in Rauch auf. Die Bibliothek verlor ihren sagenumwobenen Ruf, vermutlich Ende des dritten Jahrhunderts nach Christus wurde sie vollständig zerstört.

Über den Traum, alles Wissen an einem Platz zusammenzufassen

Seit dem Jahr 2002 gibt es eine neue Bibliotheca Alexandrina - und wieder ist es eine Bibliothek der Superlative: Wie ein riesiges scheibenförmiges Ufo steckt der moderne Informationspalast in der Uferpromenade, mit rund 200 Millionen Euro Baukosten eine der teuersten Bücherkammern der Geschichte.

Außen in die Granitwände sind meterhohe Buchstaben aus allen Sprachen gemeißelt. Innen ist Raum für acht Millionen Bücher, gut 500.000 sind schon da. Arbeitsplätze für 2000 Wissbegierigen bietet der lichtdurchflutete Lesesaal - der größte der Welt.

Und überall Hightech: Touchscreen-Bildschirme, kabellose Datenanschlüsse. "Wir sind digital geboren", verkündet Ismail Serageldin, Direktor der Bibliothek, voller Stolz. "Wir sind die erste Bibliothek, die im 21. Jahrhundert für das 21. Jahrhundert gebaut wurde."

Der Menschheitstraum, alles Wissen an einem Platz zusammenzufassen, der vor fast 2500 Jahren schon seine Vorgänger begeisterte, hat auch für Serageldin nichts von seiner Leuchtkraft verloren. Vielmehr ist er überzeugt, dieses phantastische Ziel mit Hilfe der Computertechnik endlich verwirklichen zu können. Die alte Bibliothek von Alexandria würde heute auf einem Chip von der Größe eines Fingernagels Platz finden. "Wir haben zum ersten Mal die Möglichkeit, das gesamte Wissen allen Menschen jederzeit zur Verfügung zu stellen", verkündet Serageldin.

Schon immer sollen Bibliotheken die Menschen vor individuellem und gesellschaftlichem Vergessen schützen, Zeugnis ablegen von früheren Zeiten und der Gegenwart. Denn für den Menschen gilt: Nur was ihm bekannt ist, existiert.

Die Bibliothek als ein "ausgelagertes, künstliches Gedächtnis"

Dabei sind Bibliotheken nicht nur faszinierende Tempel der Weisheit, sondern auch Sammlungen grandiosen Unsinns. Denn nicht nur die im Rückblick sinnvollen Erkenntnisse der vergangenen Jahrtausende finden sich auf Papierrollen, zwischen Buchrücken und auf Festplatten, nein, auch all die Irrtümer und Vermessenheiten des menschlichen Geistes.

Für Milan Bulaty, den Direktor der Bibliothek der Berliner Humboldt-Universität und Herausgeber eines Essay- und Bildbandes zu ihrem Neubau im Jahr 2009, ist eine Bibliothek "eher ein ausgelagertes, künstliches Gedächtnis"(*). Erkenntnis speist sich genauso aus Richtigem wie Falschem.

Diese Speicher des Handelns der Menschen und ihrer Ideen haben in den vergangenen zweieinhalbtausend Jahren eine rasante Entwicklung erfahren. Von der Antike bis in die frühe Neuzeit wurden Schriftstücke mühsam von Hand kopiert, Bibliotheken waren exotische Einrichtungen bedeutender Herrscher. Im Mittelalter horteten dann hauptsächlich Klöster christliche Texte. Als umfangreichste Klosterbibliothek dieser Zeit gilt St. Gallen, dort sollen im 12. Jahrhundert rund 1000 Bände in den Regalen gestanden haben.

Mit der Erfindung des Buchdrucks durch den Mainzer Goldschmied Johannes Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts vollzog sich eine Revolution: Bücher wurden zu einem Massenprodukt und billig. Nun etablierten sich auch außerhalb der Klöster Bibliotheken.

Die ersten Büchersammlungen, die ihre Leseräume der Öffentlichkeit zugänglich machten, waren Anfang des 17. Jahrhunderts die Bodleian Library in Oxford und die Ambrosiana in Mailand. Die erste öffentliche Bibliothek in Deutschland gründete 1828 Karl Benjamin Preusker, Schriftsteller und Bücherei-Pionier, in Großenhain in Sachsen.



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Seite 1
titurel 04.09.2010
1. Mit Sicherheit
Zitat von sysopBibliotheken entwickeln sich zu weltweit vernetzten, multimedialen Informationszentren und erleben einen Boom als Lernorte. Sorgt der Wandel auch für mehr Erkenntnis? http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,715348,00.html
bietet das mutimediale Zeitalter gewaltige Chancen. Wer wissenschaftlich arbeitet kann sich durch das Internet und nie Vernetzung besser informieren. Es birgt jedoch auch die Gefahr, dass Literatur nur noch fragmentarisch wahrgenommen wird. Früher hat man einen guten Text gelesen, von der ersten zur letzten Zeile. Heute hat man ein E-Book und überfliegt es, während man MP3 hört und seine E-Mails im Auge hat. Früher hatte man eine Tageszeitung, die man einigermaßen durchgelesen hat. Heute kann ich sämtliche Zeitungen online querlesen. Was wird das werden, wenn es fertig ist? Es soll ja Wissenschaftler geben die behaupten, dass sich mittelfristig die Gehirne verändern - dahingehend, dass die Leute zwar multitaskingfähiger werden, aber auch kaum mehr dazu in der Lage sind, sich auf eine Sache wirklich zu konzentrieren.
arbol01 04.09.2010
2. Verzicht auf Rechte
Damit das ganze auch einen Sinn hat, müssen gerade die Verlage auf Rechte verzichten (und damit auf Geldeinnahmen) verzichten. Im Bereich der Immobilien gibt es den Satz "Eigentum verpflichtet". Also müssen die Verlage entweder dafür sorge tragen, das Alle ihre Erzeugnisse, möglichst Verlagsübergreifend, erhalten und für den Leser verfügbar bleiben - oder sie verlieren ihre Rechte komplett, und öffentliche Einrichtungen wie die Bibliotheken haben dan Sorge zu tragen, das das gedruckte Wissen erhalten bleibt.
avollmer 04.09.2010
3. Neues ohne den Verlust des Alten
Die Vielfalt der neuen Techniken und Möglichkeiten ist eine Bereicherung - ohne jeden Zweifel - ohne den Verlust der bisherigen Möglichkeiten. Was in Gefahr schwebt ist die Beständigkeit des Wissens. Es muss verhindert werden, dass das virtuell veröffentlichte Wissen mit der Dynamik seiner Fortentwicklung einer substantiellen Erosion unterworfen ist. Echte und vermeintliche Fehler oder vermeintlich unnötiges Wissen wird getilgt. Eine derartige virtuelle Bücherverbrennung haben wir in den letzten Monaten exemplarisch in den Webangeboten der öffentlich-rechtlichen Sender erlebt. Dagegen kann ich die Ausgabe der Berliner Kinderreime von Zille aus dem Jahr 1962 noch antiquarisch erwerben. Ein Zugriff auf die, ins Nirwana editierten, Webseiten ist nicht mehr möglich. Ein elektronisches Antiquariat existiert nur in Form dürftiger Webcaches und Abbilder, die einem Foto des Einbands des Zille-Buchs gleichkommen. Hier gilt es für Beständigkeit zu sorgen, zumindest um wissenschaftliches Arbeiten bis ins nächste Jahrtausend zu ermöglichen. Nach dem gegenwärtigen Stand hat in dieser Schatzkammer schon die Demenz eingesetzt und Amnesie überrennt die Erinnerung.
mavoe 04.09.2010
4. Zukunft
Zitat von sysopBibliotheken entwickeln sich zu weltweit vernetzten, multimedialen Informationszentren und erleben einen Boom als Lernorte. Sorgt der Wandel auch für mehr Erkenntnis? http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,715348,00.html
Ja, ich denke dass Digitalcomputer und das www zu den größten Erfindungen der Menschheit seit dem Feuer, Ackerbau, Rad und Buchdruck zählt. Und wir sind historische Zeitzeugen dieses enormen Wandels in der Menschheitsgeschichte. Natürlich kann alles auch zu "bösen" Zwecken genutzt werden, wie alles andere auch. Aber dieses Thema gehört nicht hierher. Jetzt muss das ganze für alle Menschen der Welt auch noch zugänglich werden, also billige Computer für alle. Es müssen ja nicht Gamer-Turbocomputer sein, aber irgendwelche Internetfähigen Tablets zum Lesen, Schreiben und Rechnen sollten doch heutzutage nicht teurer sein als ein mittelmäßiger Taschenrechner... Nun, wie gesagt, wir sind erst am Anfang, und das mit der neuen "Bibliothek von Alexandria" ist ja prinzipiell schon eine tolle Idee. Jetzt stellt sich natürlich die Frage der Auswahl, Zensur, etc. Aber das hat es auch schon immer gegeben. Nochmals, wir stehen erst am Anfang, und es wird wohl schon einige Generationen brauchen, bis sich das Ganze im Kollektivbewusstsein so eingebrannt hat wie heutzutage Feuer, Feldfrüchte, Technik für uns das natürlichste auf der Welt sind und eigentlich, subjektiv gesehen, schon "immer" da waren.
danduin, 04.09.2010
5. Häppchenwissen
Digitalisierung führt zwangsläufig auch zu Häppchenwissen, Halbwissen oder falsches Wissen, siehe Wikipedia. Jedoch bietet es mit fortschreitender Technik auch eine neue Zukunft. Ggf. irgndwann zur Vereinheitlichung von Gedanken und digitalem Wissenspeicher/Internet. Es hängt nur von der Verfügbarkeit der Technik ab. Der Wissenspeicher als externes, zuschaltbares Gedächtnis.
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