Der SPIEGEL

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31. August 2010, 00:00 Uhr

Schatzkammern des Wissens

Eine Weltmacht im Netz

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Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia, die von jedem Leser verändert werden kann, ist zum einflussreichsten globalen Lexikon geworden. Um einzelne Stichworte wird immer wieder erbittert gestritten.

Am Anfang war das Fleisch. Jede Menge davon, spärlich bekleidet und möglichst ansprechend für männliche Betrachter. Wikipedia, das enzyklopädische Großwerk, existiert nur, weil Männer schon immer gern nach nackter Haut suchten im Internet.

Der amerikanische Unternehmer Jimmy Wales, Jahrgang 1966, der mit Spekulationen an der Chicagoer Börse zu einigem Vermögen gekommen war, gründete 1996 die Internetfirma Bomis, eine Suchmaschine mit Autos, Prominententratsch, Sport und dem Spezialgebiet "Babes" als Schwerpunkten. Das Geld, das zu Zeiten des Dotcom-Booms mit Werbeeinnahmen bei Bomis verdient wurde, bildete den finanziellen Grundstock für Wikipedia.

Wales möchte heute nicht mehr so gern daran erinnert werden, dass das Startkapital für die 2001 von ihm ins Leben gerufene Internet-Enzyklopädie Wikipedia hauptsächlich aus der Schmuddelecke stammte. Um die Entstehungsgeschichte von Wikipedia zu kaschieren, brach Wales sogar eine der Verhaltensregeln, die er selbst mit aufgestellt hatte: Er veränderte den Lexikon-Eintrag über seine eigene Person.

Ausdrücklich gilt: Wer sich in der kollaborativen Enzyklopädie nicht fair und wahrheitsgemäß dargestellt findet, soll dies auf der angeschlossenen Diskussionsseite mitteilen und um Änderungen bitten, aber nicht selbst Hand an den Text legen, außer es handelt sich um offensichtliche und zweifelsfreie Fehler wie einen falsch geschriebenen Namen.

Denn einer der ehernen Grundsätze von Wikipedia ist das Prinzip des "neutral point of view", des neutralen Standpunkts, den die Verfasser der Beiträge zu ihrem jeweiligen Thema einnehmen sollen. Den eigenen Eintrag zu bearbeiten schickt sich daher nicht. Verstöße dagegen bleiben allerdings folgenlos, auch wenn sich die Wikipedia-Gemeinschaft noch so empört.

Jimmy Wales setzte sich souverän darüber hinweg. Dass der "Bomis Babe Report" mit dem Begriff "Softporno" zutreffend beschrieben war, mochte er nicht einsehen und änderte entsprechende Passagen im Eintrag. Außerdem versuchte Wales, den Anteil des Wikipedia-Mitbegründers Larry Sanger an der Erfolgsstory herunterzuspielen - ein Sakrileg.

"Wikipedia-Gründer redigiert sich selbst"

Ein Blogger machte die Politurbemühungen des damals von vielen Wikipedianern wie ein Halbgott verehrten Wales im Jahr 2005 publik und löste damit einen Eklat aus. Nicht nur die Internetpublikation "Wired" berichtete, auch die Online-Ausgabe der ehrwürdigen Londoner "Times" titelte: "Wikipedia-Gründer redigiert sich selbst".

Als der Streit um die wahren Anfänge der Online-Enzyklopädie öffentlich ausgetragen wurde, hatte Wikipedia längst eine Eigendynamik entwickelt, die es irrelevant machte, wer in welchem Ausmaß zum Siegeszug beigetragen hatte. Schon seit 2002, als nach dem Platzen der Dotcom-Blase auch Bomis beinahe unterging, wird Wikipedia nicht mehr von Wales' Unternehmen finanziert, sondern ausschließlich aus Spenden.

Inzwischen kann Wikipedia als eine der bedeutendsten Schöpfungen des Internet gelten - auch wenn längst nicht ausgemacht ist, ob das Modell einer freien, von jedem beliebigen Leser veränderbaren Enzyklopädie dauerhaft funktionieren wird.

Dass Wikipedia heute eine Weltmacht im Netz ist, wird bei jeder Nutzung einer Suchmaschine offenkundig. Egal ob man nach "Faust", "Forelle" oder "Federball" fahndet - der erste Treffer ist stets der entsprechende Wikipedia-Eintrag.

Wikipedia gehört zum Internet wie Google. Im vergangenen Jahr schlugen einer Studie von ARD und ZDF zufolge 65 Prozent der deutschen Internetnutzer zumindest gelegentlich etwas im Mitmach-Lexikon nach. Unter den 14- bis 19-Jährigen waren es 94 Prozent. Für die Kinder des digitalen Zeitalters ist die Netz-Enzyklopädie so selbstverständlich wie elektrisches Licht.

Die deutschsprachige Wikipedia ist die zweitgrößte im Weltverbund der Schwester-Enzyklopädien. Im Sommer 2010 besteht sie aus weit über einer Million Einträgen. Die englischsprachige Mutter hat etwa dreimal so viele.

Das Geschäft mit gedruckten Enzyklopädien lohnt sich kaum noch

Zum Vergleich: Die 32-bändige Ausgabe der "Encyclopædia Britannica" umfasst gut 700.000 Stichwörter. Sie kostet, in einer limitierten, ledergebundenen Luxusausgabe, umgerechnet knapp 2400 Euro. Davon werden aber ohnehin nur 500 Exemplare hergestellt. Vorrangig wird heute auch die "Encyclopædia Britannica" digital publiziert, der Zugang zur Online-Ausgabe kostet im Jahr 60 Euro. Wikipedia dagegen ist seit je gratis nutzbar. Das Geschäft mit gedruckten Enzyklopädien lohnt sich kaum noch. Die Brockhaus Enzyklopädie wurde Ende 2008 an den Mediengiganten Bertelsmann verkauft, nachdem Deutschlands bekanntestes Nachschlagewerk jahrelang Verluste gebracht hatte. Ein geplantes werbefinanziertes Online-Portal wurde vor dem Start sang- und klanglos eingestellt.

Gegen die Arbeitskraft der vielen freiwilligen Wikipedia-Helfer scheint kein kommerzielles Nachschlagewerk mehr bestehen zu können - trotz aller Fehler, die sich in Wikipedia-Einträgen nach wie vor finden. Allerdings begann der Niedergang der gedruckten Lexika schon vor der Erfindung von Wikipedia. Bereits in den neunziger Jahren gingen die Verkaufszahlen der "Britannica" zurück.

Einer der letzten schweren Schläge für die Profi-Enzyklopädisten alter Schule war eine bis heute umstrittene Vergleichsstudie, die 2005 im Wissenschaftsmagazin "Nature" erschien: Die Autoren konnten in ausgewählten Beiträgen zu wissenschaftlichen Themen in der Wikipedia auch nicht wesentlich mehr Fehler finden als in der teuren "Britannica".

Das Prinzip einer kollaborativ erstellten, jedermann zugänglichen Enzyklopädie scheint gerade im alten Europa besonders fleißige Anhänger zu finden. Auf den Plätzen drei und vier der umfangreichsten Wikipedia-Versionen liegen mit jeweils gut 700.000 Einträgen die polnische und die italienische Ausgabe.

Wikipedias gibt es inzwischen in über 260 Sprachversionen. Einige wirken eher exotisch: etwa die niedersorbische, einer westslawischen, in der Niederlausitz gesprochenen Sprache, mit knapp 900 Einträgen oder die aragonesische, die über 21.000 Einträge enthält und wohl nur von etwa 12.000 Menschen in einigen Tälern der spanischen Pyrenäen verstanden wird.

Das Wachstum seiner Schöpfung in bislang schwach repräsentierten Sprachen liegt Jimmy Wales derzeit besonders am Herzen. Beim Jahrestreffen "Wikimania" in Danzig erklärte er im Juli dieses Jahres, Ausgaben wie in Bengalisch oder Tamil müssten dringend erweitert werden. Die tamilische Ausgabe umfasse erst knapp 23.000 Artikel, dabei werde die Sprache von 66 Millionen Menschen gesprochen.

Manchmal dient Wikipedia als Werkzeug für einen Rufmord

Bemerkenswert unklar ist bis heute, wer all die fleißigen Helfer sind, die Wachstum und Vielfalt der Internet-Enzyklopädie ermöglichen. Zwar gibt es diverse Studien zum Thema, etwa "Wikipedia: Das Rätsel der Kooperation" von dem Soziologen Christian Stegbauer aus Frankfurt am Main. Aber was die vielen zehntausend Mit-Schreiber antreibt, ist rätselhaft. Schließlich winkt dem Wikipedianer, von außen betrachtet, nicht einmal Ruhm: Wer einen Eintrag bearbeitet, darf seinen Namen nicht unter den Artikel schreiben, sein Beitrag wird womöglich vom nächsten Bearbeiter gelöscht oder doch bis zur Unkenntlichkeit verändert.

Registriert wird der Autor nur in der Bearbeitungshistorie. Innerhalb der Wikipedia-Gemeinschaft wird aber durchaus wahrgenommen, wer wie viel Arbeit investiert. Stegbauer kommt zu dem Schluss, dass "Positionierung" innerhalb der Wikipedia-Hierarchie ein entscheidender Faktor sei. Denn die ehrenamtlichen Helfer haben auch Aufstiegsmöglichkeiten.

In der deutschsprachigen Wikipedia gilt: Wer mindestens 200 Artikel bearbeitet hat und länger als zwei Monate aktiv dabei ist, wird stimmberechtigtes Mitglied, das unter anderem "Administratoren" vorschlagen und an Wahlen teilnehmen darf.

Administratoren haben mehr Rechte als gewöhnliche Mitglieder. Sie können beispielsweise Artikel löschen oder Benutzer sperren. Über den Administratoren rangieren die "Bürokraten"; die deutschsprachige Wikipedia-Gemeinde hat derzeit nur fünf Mitarbeiter in dieser Kategorie. Über diesen wiederum wachen die "Stewards", von denen es auch international nur einige wenige gibt - und sie allein können einen Administrator auch wieder seines Amtes entheben.

Die deutsche Wikipedia umfasst ungefähr 8000 Mitglieder

Gigantisch sind die Mitarbeiterzahlen dennoch nicht. Kurt Jansson, einer der Gründerväter der deutschsprachigen Wikipedia, schätzt, dass die hiesige Gemeinschaft ungefähr 8000 aktive Mitglieder umfasst, mit einem harten Kern von etwa 1000. "Die kennen sich dann oft auch persönlich, gehen zu Stammtischen oder anderen Treffen", sagt Jansson.

In diesen inneren Kreis vorzudringen ist Stegbauer zufolge allerdings nicht einfach. Wer als Neuling bei einem Wikipedia-Stammtisch mit lauter alten Hasen zusammensitze, fühle sich durch Themen, Jargon und die Vertrautheit der anderen oft ausgegrenzt.

Stegbauer glaubt, dass die Position innerhalb des sozialen Gefüges der Community die Motivation der Teilnehmer beeinflusst: Mit dem Aufstieg wandele sich die Einstellung. Während Wiki-Anfänger sich häufig für das Projekt einer freien Enzyklopädie an sich, für das Ideal einer Wissensquelle für jedermann begeisterten, verschrieben sich erfahrene, oft auch mit mehr Verantwortung ausgestattete Wikipedianer zunehmend einer "Produktideologie" - für sie zähle die Qualität der Enzyklopädie und der einzelnen Einträge.

Der polnische Organisationswissenschaftler Dariusz Jemielniak begründet Wikipedias Anziehungskraft mit einer anderen Metapher. Die Gemeinschaft hinter der Enzyklopädie verhalte sich wie im Online-Rollenspiel "World of Warcraft", erklärte Jemielniak in Danzig einem schmunzelnden Fachpublikum: Es gehe den Teilnehmern darum, Erfahrungspunkte zu sammeln, auf neue Spielstufen aufzusteigen, eine Rolle als Experte zu spielen.

Wie in einem Online-Rollenspiel, in dem die Mitwirkenden sich in virtuelle Orks, Elfen oder Zauberer verwandeln können, erleben Wikipedianer eigene Leistung, Belohnung und einen für andere sichtbaren Aufstieg. Statt Punkten sammeln sie editierte Artikel - die Nachweise sind zwar nicht öffentlich, aber im Bearbeitungsarchiv festgehalten.

Stegbauer stellte zudem fest, dass viele Wikipedianer auf ihren persönlichen Profilseiten stolz Listen der Artikel präsentieren, an denen sie mitgearbeitet oder die sie gegen Vandalen verteidigen geholfen haben.

Vandalen sind ein zentrales Problem. Es gibt immer jemand, der einen kompletten Text einfach mal löscht, nur so zum Spaß, oder der irgendwelchen Unsinn in die Texte schmuggelt. Andere Missetäter gehen gezielt vor, sind bestrebt, ihre persönlichen Ansichten etwa zu politischen Fragen der Enzyklopädie aufzudrücken - auch deutsche und amerikanische Politiker oder deren Helfer sind dabei schon erwischt worden.

Wenn es um einen Eintrag Streit gibt, wird darüber innerhalb der Gemeinschaft diskutiert. Am Ende aber entscheidet einer der Administratoren, nicht die Mehrheit. Wikipedia ist keine Basisdemokratie, sondern eine Meritokratie.

Manchmal versucht auch jemand, Wikipedia als Werkzeug für einen Rufmord einzusetzen. Berühmt-berüchtigt ist der Fall des amerikanischen Journalisten und Politikers John Seigenthaler.

Im Frühjahr 2005 verfasste jemand einen Eintrag über ihn, in dem Seigenthaler mit den Morden an John F. Kennedy und dessen Bruder Robert in Verbindung gebracht wurde. Erst Monate später entdeckte ein Bekannter Seigenthalers die ehrverletzenden Behauptungen. Der Betroffene wandte sich unter anderem an Jimmy Wales.

Die Behauptungen wurden beseitigt, und zwar - für Wikipedia unüblich - nicht nur aus dem Artikel selbst, sondern auch aus der zu jedem Eintrag gespeicherten Bearbeitungshistorie. Seigenthaler war damit jedoch noch nicht zufrieden: Er schrieb einen Gastkommentar für die Zeitung "USA Today", in dem er die "ehrenamtlichen Vandalen" im Netz anprangerte.

Anonyme Nutzer dürfen keine neuen Beiträge anlegen

Als Reaktion auf den Fall wurden die Wikipedia-Richtlinien geändert: Anonyme, bei Wikipedia nicht registrierte Internetnutzer dürfen seither keine neuen Beiträge mehr anlegen. Bearbeiten darf man Artikel weiterhin auch ohne Anmeldung, gespeichert wird nur die IP-Adresse des jeweiligen Rechners. Doch auch wer sich anmeldet, muss seinen echten Namen nicht verraten.

Einige spektakuläre Fälle von Wikipedia-interner Hochstapelei hat es schon gegeben, etwa den eines 23-jährigen Studenten, der sich lange Zeit erfolgreich als Professor für Theologie ausgab und als solcher großes Ansehen in der Community genoss.

In der deutschsprachigen Ausgabe folgte dem Fall Seigenthaler eine noch weitergehende Änderung: Nutzer bekommen nur noch sogenannte gesichtete Versionen zu sehen. Erst wenn ein erfahrener Wikipedianer eine Artikeländerung genehmigt hat, wird sie auch für andere Nutzer sichtbar. Der Mechanismus stellt sicher, dass die Auswirkungen von Vandalismus sich begrenzen lassen, führt aber auch dazu, dass die Artikel-Sichter eine echte Herkules-Aufgabe bewältigen müssen.

Immer wieder gibt es deshalb Streit: Neue Einträge werden nicht freigeschaltet oder direkt gelöscht, oft mit der Begründung, der Gegenstand sei "irrelevant" für eine Enzyklopädie. Tatsächlich soll dieses konfliktträchtige Vorgehen vor allem verhindern, dass die Flut der neuen und geänderten Artikeln die ehrenamtlichen Kontrolleure überfordert. Soziologe Stegbauer warnt, dass dieser Mechanismus so manchem hoffnungsvollen Nachwuchs-Wikipedianer den Einstieg schwer machen oder ganz vergällen könnte.

Dennoch macht das Beispiel der deutschsprachigen Ausgabe inzwischen Schule: "In den USA wird diese Regel in diesen Tagen eingeführt, allerdings zunächst nicht für alle Artikel und nur testweise", sagt Kurt Jansson. Sie wird fürs Erste nur auf Artikel angewendet, die besonders häufig Vandalenangriffen ausgesetzt sind. Darunter fallen viele Artikel über lebende Personen.

Bislang allerdings nicht auf der Liste: der Eintrag über Jimmy Wales.

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