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Fremdsprachen lernen: Pauken und plappern

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Fremdsprachen Pauken und plappern

Mindestens zwei Fremdsprachen soll jeder EU-Bürger können, lautet das politische Ziel. Aber was ist die beste Lernmethode? Was nützt Latein? Und wie sinnvoll ist Englisch im Kindergarten?

Der Brite Daniel Tammet spricht Deutsch mit weichem Akzent, nur seine R-Laute kratzen im Hals. Der 31-Jährige hat das Asperger-Syndrom und ist ein "Savant", ein Inselbegabter. In der TV-Runde bei "Beckmann" demonstrierte er vergangenes Jahr ein Wunder: dass ein Mensch nahezu perfektes Deutsch in kaum mehr als einer Woche lernen kann.

Er liebe Sprachen, Deutsch etwa sei "poetisch, elegant, transparent", schwärmte Tammet. Und praktischerweise fingen deutsche Wörter für kleine runde Dinge gleich an: "Knopf, Knospe, Knolle". Eifrig warb er für seine intuitive Art des Lernens, ohne Grammatik, ohne Vokabelpauken und mit "viel Spaß".

Anderen Deutschlernern wird diese unorthodoxe Vorgehensweise leider wenig nützen. Schon die "Kn"-Regel ist keine: "Knecht", "Kneipe" und "Knarre" sind weder klein noch rund. Tammet kann die Wörter trotzdem. Aber wie Normalsterbliche am besten Fremdsprachen lernen, das weiß er offenbar nicht.

Genau weiß das niemand. Auch unter Sprachforschern, Lernpsychologen und Lehrern herrscht große Uneinigkeit über fast alle fundamentalen Fragen zum Fremdsprachenlernen: den besten Zeitpunkt, die beste Methode, die nötige Intensität. Sicher ist immerhin, dass eine spezielle Sprachbegabung nicht erforderlich ist - deren Existenz steht ohnehin in Zweifel. Jedes Kind erwirbt schließlich seine Muttersprache. Warum sollte ein Mensch nicht jede Fremdsprache erlernen können?

Jungs schnatterten auf Englisch flüssiger als Mädchen

Auch dass Mädchen besser Fremdsprachen beherrschen als Jungen, ist nicht bewiesen. Bei der ersten großen Untersuchung des Schülerenglisch, "Deutsch-Englisch-Schülerleistungen-International" (Desi) im Schujahr 2003/ 2004, staunten die Forscher nicht schlecht: Bei einem zehnminütigen Testtelefonat auf Englisch schnatterten die Jungen flüssiger als die Mädchen.

Gewiss, Menschen können unterschiedlich gut Laute imitieren. Abgesehen davon, so Elsbeth Stern, Professorin für Lern- und Lehrforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich, liegen die individuellen Unterschiede aber eher in der Bereitschaft, eine Sprache zu lernen, sowie in der Effizienz. "Auch die Vorstellung, es gebe unterschiedliche Lerntypen - visuelle, auditive, verbale", sagt Stern, "ist wissenschaftlich nicht zu halten." Sinnvoll sei ein methodisch vielfältiger Unterricht, der jeden Lernkanal - Ohr, Auge, Sprechapparat - bediene.

Sterns Erkenntnisse sind kein Allgemeingut. Eltern entscheiden, dass ihre Kinder Latein lernen statt einer lebenden Fremdsprache, weil sie meinen, dass es den Sprösslingen am nötigen Sprachtalent mangele. Und weil sie glauben, was Anhänger der Altphilologie predigen: dass Latein das logische Denken fördere und als romanische "Ursprache" die Sprache sei, die man als Erste lernen müsse.

"Latein lernen dient dem Latein können", stellt Stern klar, "es konnten keinerlei Transfereffekte auf mathematisches oder logisches Denken nachgewiesen werden."

Auch beim Lernen weiterer Fremdsprachen nützt Latein oft herzlich wenig. Wer etwa Spanisch lernen will, dem hilft mehr, wenn er in der Schule vorher Französisch hatte, wie Stern in einer Vergleichsuntersuchung mit zwei Spanischanfänger-Gruppen nachwies. Nach 30 Stunden Unterricht wurden beide Gruppen getestet. Ergebnis: Die Lateingruppe hinkte der Französischgruppe im Spanischen deutlich hinterher - gerade auch in der Grammatik.

Trotz allem - Eltern stehen auf Latein. Und: Viersprachig aufwachsen? Kann doch jedes Kind

Den Vorsprung der Französischsprecher erklärt die Forscherin mit der Strukturähnlichkeit von Französisch und Spanisch. Diese romanischen Sprachen sind untereinander verwandter als mit ihrer gemeinsamen Wurzel Latein.

Darüber hinaus trainiert Lateinlernen nicht die Sprechfähigkeit - und schon gar nicht den Mut zum Fehler. Beim Erlernen einer modernen Fremdsprache ist dieser Mut Teil des Erfolgs: "Goed" als Vergangenheit von "to go" (gehen) ist im Englischen zwar nicht korrekt. Einem guten Lehrer beweist der Versuch aber Fortschritt: Der Schüler hat die reguläre "ed"-Endung der Vergangenheitsform ("laughed", "helped") verinnerlicht. Nun muss er nur noch die Ausnahmen ("went" statt "goed") lernen.

Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass in einem Europa, das die Mehrsprachigkeit seiner Bürger als Ziel definiert hat, immer mehr deutsche Eltern ihren Nachwuchs den a.c.i. (accusativus cum infinitivo) pauken lassen. So wuchs der Anteil der Lateinlerner an Gymnasien von 26 Prozent im Schuljahr 2000/2001 auf 32 Prozent 2008/2009.

Dabei muss die Empfehlung der EU-Kommission, dass jeder EU-Bürger neben der Muttersprache zwei weitere europäische Sprachen beherrschen soll, kein frommer Wunsch bleiben. Jedes Kind kann sogar viersprachig sein, behauptet zumindest der Neurobiologe Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig.

Klare Pluspunkte für mehrsprachige Kinder

Französische Mutter, deutscher Vater, US-Kindergarten und das alles in Madrid - wenn dann jedes Elternteil konsequent in seiner Muttersprache mit dem Kind parliere, beherrsche es schon als Abc-Schütze "flüssig und akzentfrei" vier Sprachen. Wichtig sei nur, dass der Zugang zu den Sprachen in keiner künstlichen Umgebung stattfinde.

Mehr als eine Muttersprache zu haben ist ein Vorteil für weitere Sprachen. Die Desi-Studie 2006 zeigte, dass mehrsprachige Schüler der Klasse 9 etwas besser Englisch konnten als ihre monolingualen Mitschüler. "Bei Bilingualen", erklärt Heiner Böttger, Englischdidaktiker an der Katholischen Universität Eichstätt, "konnten wir nachweisen, dass jede neue Sprache im selben Hirnareal andockt wie die Erstsprachen." Bei Monolingualen hingegen wandert jede neue Fremdsprache in eine neue Hirnregion.

Böttger wirbt deshalb für bilinguale Kindergärten und Grundschulen. Aber auch Wochenkurse für Kleinkinder oder das übliche Zwei-Stunden-pro-Woche-Englisch-Programm der Grundschulen befürwortet der Experte: "Alle Studien an Kindern in weiterführenden Schulen zeigen, dass sich jeder Sprachkontakt in frühen Jahren später auszahlt." Andere Experten sind da skeptischer. Elsbeth Stern hält Englischkurse im Kindergartenalter sogar für "hinausgeschmissenes Geld": "Die bringen viel zu wenig." Je kleiner das Kind, so die Faustregel, desto länger braucht es für das Lernen einer neuen Sprache.

Einig sind sich die Experten, dass die Verzahnung zwischen dem Grundschulunterricht in Englisch und dem weiterführender Schulen besser werden muss. Der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller, der die jüngste Bundesländer-Vergleichsstudie zum Fremdsprachenstand leitete, hat beobachtet, wie Kinder aus englischsprachigen Grundschulklassen die neue Sprache sogar verlernen. "Am Ende der vierten Klasse können die Schüler mühelos Englisch plappern", so Köller. "Nach einem Jahr Unterricht in der weiterführenden Schule trauen die sich nicht mehr, Englisch zu sprechen."

Erwachsene haben im ersten Lernjahr gute Erfolge

Ein Erfolgsmodell sind die bilingualen Zweige, die immer mehr Realschulen und Gymnasien anbieten. Dienstagmittag am Helene-Lange-Gymnasium in Hamburg, in Klasse 7 findet "History"-Unterricht statt. 28 Jungen und Mädchen blicken auf eine schaurige Zeichnung, die die Lehrerin an die Wand gebeamt hat: in der Mitte ein Rad, auf das ein Mensch gebunden ist, daneben zwei Kapuzenmänner, der eine dreht das Rad, der andere schürt ein Feuer darunter.

"The men are ... drehing the wheel?", versucht es ein Schüler. "Turning the wheel", hilft die Lehrerin. "Turning the wheel", wiederholt er, "I think it's the inquisition." "Correct", hier werde ein Ketzer gebraten, "they are roasting him", erklärt Frauke Ibe, die Lehrerin. Ob die Inquisitoren erfolgreich waren, "were they successful?", fragt sie. Knut meldet sich: "No. I am not a Catholic." "Right", sagt Ibe, "and you are alive."

In der Desi-Studie schnitt der bilinguale Unterricht sogar besser ab als von den Forschern erwartet: Viele "Bili"-Schüler mit Erstsprache Englisch waren in Klasse 9 in Englisch auf dem Stand der Oberstufe.

Wer nicht bilingual aufwuchs und noch als Erwachsener Fremdsprachen lernen will, dem kann der Dortmunder Professor Günter Nold, Mitherausgeber der Desi-Studie, indes Hoffnung machen: "Im Durchschnitt haben Erwachsene im ersten Lernjahr sogar schnellere Erfolge als Kinder. Erst bei längerem Lernen überholen die Kleinen."

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