Wege zum Wissen Hühnerleichen im Hörsaal

Vorlesungen für Kinder sind ein Riesenerfolg: An mehr als 200 Universitäten weltweit halten Professoren Vorträge für Schüler - Wissenschaft kann unterhaltsam sein.

Professor trifft Kind: An der Universität Tübingen wurde die Kinder-Uni erfunden - Philosophen reden über "Pu der Bär", und Physiker erklären, warum der Himmel blau ist
Juliane Werner

Professor trifft Kind: An der Universität Tübingen wurde die Kinder-Uni erfunden - Philosophen reden über "Pu der Bär", und Physiker erklären, warum der Himmel blau ist

Von Ulla Hanselmann


Diana stürmt die Treppen hoch, ihre Kumpel Jason, Brian und Marius im Schlepptau. Kurzer Stopp vor der Hörsaaltür, dort gibt's, zack, den Stempel für ihr "Kinder-Uni-Studienbuch". Schnell noch die flachen Holzstufen hinab, und sie sind am Ziel: erste Reihe links im größten Hörsaal, den die Universität Tübingen zu bieten hat.

Es ist halb fünf an einem Dienstag. In null Komma nichts füllen sich die Sitzreihen mit rund 400 Kindern und zwei, drei Dutzend Eltern.

Vorn am Pult signiert ein Herr mit weißen Haaren die Studienhefte, die Schülerschlange vor ihm wird immer länger. "Warum ist der Himmel blau?" Diana schreibt in tadelloser Neunjährigenschrift das heutige Thema in ihr Vorlesungsheft. Sie malt flink ein Bild, Himmel, Wolken, Sonne, und flitzt vor zum Professor. Von Professorenunterschriften kann Diana nicht genug bekommen. "Ich finde die Kinder-Uni toll", sagt die Drittklässlerin mit den Sommersprossen unter der Brille, "die Themen sind immer klasse." Das findet auch ihr Freund Jason: "Da bekommt man alles viel ausführlicher erklärt als in der Schule."

Als ihr Star sich endlich an sein auf den Klappsitzen herumzappelndes Publikum richtet, bricht wildes Geklopfe und Fußgetrampel los. Es ist ein bisschen wie bei einem Popkonzert. Aber nicht Pink tritt auf, sondern ein Professor für Theoretische Physik.

"Professor trifft Kind" - auf diese simple Formel bringen Ulrich Janßen und Ulla Steuernagel das Phänomen "Kinder-Uni", das seit acht Jahren die ernst-ehrwürdige Wissenschaftswelt mit Kinderprusten und Gejohle aufheitert. Mit ihrer Idee, die an der Eberhard-Karls-Universität reichlich vorhandenen Professoren den Wissensdurst von Sieben- bis Zwölfjährigen stillen zu lassen, haben die beiden Redakteure des "Schwäbischen Tagblatts" Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Sie haben, mit dem Pressesprecher der Tübinger Hochschule, Michael Seifert, Philosophen dazu gebracht, aus "Pu der Bär" zu zitieren, und Pathologen dazu angestiftet, Hühnerleichen im Hörsaal zu sezieren - alles zum Zwecke der kindlichen Erkenntnis.

"Wir waren richtige Chirurgen!"

Wissenschaft und Spaß, das passt zusammen. Die Alma Mater ist kein Elfenbeinturm, sondern ganz nah dran am Leben, Professoren sind keine Aliens in Talaren, sondern tragen Jeans und haben echt was auf dem Kasten.

Von Tübingen aus ist die Idee der Kinderuniversität zu einer Bewegung geworden, die sich zuerst in Deutschland und Europa, dann in der ganzen Welt ausgebreitet hat - sogar in Kolumbien gibt es mittlerweile einen Ableger. Über 200 Kinder-Unis in mehr als 20 Ländern, schätzt Seifert, haben ein Studium generale für Schüler im Programm. Inzwischen gibt es das Netzwerk eucu.net (European Children's Universities Network), das den Erfahrungsaustausch unterstützen soll. Die aus dem Tübinger Original entstandene Buchreihe wurde mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt.

In der Neckarstadt strömten in diesem Sommersemester an acht Dienstagnachmittagen jeweils Hunderte Kinder auf den Campus, um zu erfahren, warum es Kriege gibt oder warum auch Schnecken Stress haben; in Lübeck erklärten Professoren, weshalb Bakterien krank machen, und in Rostock, warum Mädchen Röcke und Jungs Hosen tragen.

Mindestens so gefragt wie die Massenvorlesungen sind inzwischen Kinderforschertage in Kleingruppen, die viele Universitäten ebenfalls anbieten. So durften sich Schüler wie die achtjährige Alissa in Tübingen in dem Kurs "Gipsen, Bohren, Schrauben - was Unfallchirurgen machen" gegenseitig einen Gipsverband anlegen und mit Hilfe einer nadelförmigen Lichtkamera in das Innere eines Kniemodells gucken. "Wir konnten ganz viel selber machen und waren richtige Chirurgen!", schwärmt Alissa.

Kinder spielen Studenten und fühlen sich riesig

Die Universität als Showbühne - das ist das Geheimnis des Erfolgs. Kinder spielen Studenten, und die Zwerge fühlen sich dabei riesig, weil alles so echt und ernst ist wie bei den Großen: Hochschule live mit Studentenausweis und Scheinen, mit Klopfen statt Klatschen, mit Mensa-Berechtigung und echten Professoren, die ihre Vorlesung selbstverständlich cum tempore beginnen. Erwachsene sind in den Hörsälen übrigens nur zugelassen, wenn der Platz für sie reicht.

"Frequenz = Berge pro Sekunde" hat Diana in ihr Heft geschrieben. Uff. Physikprofessor Herbert Müther holt aus, um das Himmelsblau zu erklären. Mit den Bergen sind die Wellen gemeint, in denen das Licht durch die Gegend rauscht. Und Licht, das weiß die Grundschülerin inzwischen, ist eine von mehreren Zutaten, die für einen blauen Himmel nötig sind.

Aber was genau ist Licht, wie wird es gemessen? Eine Grafik nach der anderen beamt der Physiker an die Wand, hangelt sich durch lange Zahlenreihen mit vielen Nullen. Er konfrontiert seine jungen Zuhörer mit so komplizierten Begriffen wie Hertz und Terahertz und spricht von "verschiedenen Antennen", die es für die unterschiedlichen Wellenlängen gibt. Diana spitzt die Ohren, der siebenjährige Brian neben ihr schreibt alles ab und bringt hochkonzentriert eine Null nach der anderen aufs Papier. Doch als der Professor fragt, ob Dauerwellen auch elektromagnetisch sind, kreischt die ganze Horde.

Zehn Minuten später. Ein Blondschopf hinter Marius gähnt, ein paar Reihen weiter oben turnt ein Mädchen mit einem Kopftuch auf ihrem Stuhl herum, zwei Jungs stecken die Köpfe zusammen und tuscheln. Der Lärmpegel steigt, ein sicheres Zeichen dafür, dass Hochschullehrer Müther mit seinem Parforce-Ritt durch die Optik drauf und dran ist, seine Zuhörerschaft abzuhängen.

Er rettet sich mit einem Experiment, schickt weißes Licht durch ein Prisma und zaubert die Farben des Regenbogens herbei: Stille im Saal.

Eine Kinder-Uni-Vorlesung ist für jeden Wissenschaftler eine Herausforderung, nicht jeder wird ihr gerecht. "Das war für mich der aufregendste Vortrag, den ich je gehalten habe", erinnert sich die Germanistin Claudia Maienborn, die angetreten war, die "eigentlich dröge klingende" Grundsatzfrage "Warum brauchen wir Grammatik?" zu beantworten. Sie brachte Paul mit, eine freche Handpuppe, die die Professorin in einen Dialog verwickelte und, stellvertretend für die Kinder, mit Fragen bombardierte. Am Schluss bekamen Paul und die Kinder einen Grammatik-Sheriff-Stern.

"Der Schule macht die Kinder-Uni keine Konkurrenz"

Wer zu abstrakt und abgehoben wird, bekommt sofort die Quittung: "Die Kinder dösen nicht etwa weg wie Erwachsene, sondern fangen an zu quatschen und Papierbällchen zu schmeißen", erzählt Initiator Janßen.

Für die Universität entpuppte sich die Öffnung für Pennäler als perfektes Marketing-Instrument, das eine "spürbare Imageveränderung" in Gang brachte - so Öffentlichkeitsarbeiter Michael Seifert. Die Kinder-Uni präsentiere "Appetithäppchen, die zeigen, was in der Wissenschaft alles möglich ist". Sind die Mini-Studenten aber schlauer als ihre Mitschüler, die lieber ein Eis essen gehen, anstatt Professoren zu lauschen? Das bezweifelt Seifert, schließlich werde kein zusammenhängendes Wissen vermittelt. "Lernen sollen die Kinder in der Schule, der macht die Kinder-Uni keine Konkurrenz."

Viele Eltern sehen das anders. In einer Studie über die Kinder-Uni Braunschweig-Wolfsburg hat die Medienwissenschaftlerin Claudia Richardt herausgefunden, dass 83 Prozent der Mütter und Väter überzeugt sind, bei den Vorlesungen werde "Bildung und Wissen" vermittelt; 14 Prozent gaben sogar an, ihr Nachwuchs habe deswegen bessere Schulnoten. Auch die Mutter von Jason und Brian glaubt, dass bei ihren Söhnen etwas hängenbleibt; sie würden sich hinterher oft Bücher ausleihen und manche Experimente nachmachen.

Es ist 17.51 Uhr, neun Minuten vor Schluss. Diana sitzt immer noch wie angeklebt auf ihrem Klappstuhl, doch in den hinteren Reihen packen die ersten ihre Sachen. Endlich lässt Herbert Müther die Katze aus dem Sack: "Die Luftmoleküle in einem wolkenfreien Himmel streuen blaues Licht besser als rotes, das heißt, der Himmel ist blau, weil blaues Licht stärker reflektiert wird."

Er wird mit einem kurzen Getrappel und Klopfen entlohnt, schon stürmen die Ersten zur Tür. "Das eine Experiment habe ich nicht richtig verstanden", gibt Jason zu, "aber den Professor fand ich nett." "Er hat's gut erklärt, obwohl es ein schwieriges Thema war", zeigt sich Diana zufrieden. "Aber das mit den komischen Hertz-Dingern habe ich nicht kapiert."

Ja, ziemlich kompliziert sei der Vortrag gewesen, sagt Marius, der zum ersten Mal dabei war. Trotzdem will er unbedingt wiederkommen. "Mich interessiert eigentlich jedes Thema. Außer wenn es um Barbies geht."



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Lady Wanda, 28.12.2010
1. Ich finde es schön...
... wenn die Neugierde und Lernbereitschaft der Kinder auf diese Weise gefördert wird. Natürlich geht es den Unis auch ums Überleben - und der Kinderuni-Besucher von heute ist der Student von morgen. Aber letzten Endes haben ja auch die Dozenten was davon: Kinder sind noch unmittelbarer, noch nicht so abgehoben - und sie lassen sich durch den branchenüblichen Wissenschafts-Slang nicht imponieren...!
pirx64 28.12.2010
2. Fake
Der Artikel muss ein Fake sein, wenn die Foristen an der anderen Stelle (Krankenkasse + Komasaufen) recht haben (Die Jugend hat keine Perspektive und muss sich dem Suff ergeben).
FTAASO 28.12.2010
3. -
Wenn ich die Grundfragen meines Fachgebiets Kindern erklären kann, dann habe ich es vermutlich erst wirklich verstanden. Natürlich sind es die Details, dies es wirklich spannend machen, die es komplex und für Kinder nicht zugänglich werden lassen. Aber es ist ein gutes Training, einmal Kindern zu erklären, was man da eigentlich so ungefähr macht. Dass offenbar viele Eltern eher auf vermitteltes Wissen denn auf angeregte Neugier hoffen, stimmt mich dann allerdings wieder nachdenklich. Mal sehen, ob bald die ersten Evaluationen durch Consultants folgen, die zeigen, dass diese Veranstaltungen bei PISA keinen unmittelbaren Nutzen bringen und folglich eingespart werden sollten.
bombjack, 28.12.2010
4. Fein....
und spätestens wenn die Kinder/Jugendliche dann selber Chemie oder andere Naturwissenschaften als Hobby entdecken, gibt es was mit der großen Keule auf die Nüsse.... Denn es gingen und gehen mehrere HD-Wellen (Hausdurchsuchungswellen) durchs Land wo bei Bestellern von Chemikalien dann das LKA und Co. mit so einem vom Richter unterschriebenen Wisch vorm Haus stand, was für den Familienfrieden immer recht zuträglich ist..... Suchbegriffe: "Terrorfahndung in Kinderzimmern" "Von Chemikalien, Aquarianern, Sprengstoffen und Drogen" Ganz zu schweigen, dass im Sinne von REACH und der Neuregelung so Substanzen wie Phenolphthalein (was als Abführmittel verwendet wurde) nun auf einmal als möglicherweise karzinogen eingestuft wurden oder Borax als reproduktionstoxisch und damit die Abgabe an Privatpersonen verboten ist.... Salpetersäure soll sofern sie höher konzentriert ist, als 3% für die breite Allgemeinheit (laut einem EU-Vorschlag) nur noch mit behördlicher Genehmigung) zugänglich sein und sogar der Besitz (ohne Genehmigung) wird strafbar. Für die Genehmigung soll die "Zulässigkeit der geplanten Verwendung des Stoffes" von den Behörden geprüft werden...da kann ich mir die Gutachter-Streits schon direkt vorstellen.... usw. Sprich es wird massivst in letztendlich die persönliche Freiheit eingegriffen und jede Menge Kindern/Jugendlichen und auch Erwachsenen der Spaß an ihrem Hobby verdorben.... bombjack
Kanzleramt 28.12.2010
5. ...
Insgesamt eine gute Idee. Aber ich habe trotzdem ein bisschen Probleme damit. In meiner Kindheit und Jugend gab es sog. Kinderunis ja noch nicht, aber Tag der offenen Tür etc. Und da wurde auch schon vermittelt wie "spaßig" die Wissenschaft ist und wie lustig und interessant es vermeintlicherweise im Hörsaal zugeht. Als ich dann Student war traf mich (überspitzt gesagt) der Schlag: Bürokratie, stundenlangen Anstehen im Studienbüro, lange Wartelisten für Kurse, sich zeitlich überschneidende Veranstaltungen, verschlampte Klausuren, Professoren ohne Lust und Spaß an der Arbeit, viele frustrierte "anonyme" Dozenten, ein Leben als ebenso "anonyme" (Matrikel)nummer, trockene, lustlose und uninspirierte Seminare und Übungskurse, und letztendlich sind die fachlichen Grundlagen natürlicherweise oft knochentrocken und wenig "spaßig". Wie gesagt, solange die Kinderunis den Forschergeist wecken und nicht nur zur Eigenwerbung da sind, ist das eine gute Sache. Ich hoffe aber, dass man den Kindern ein nicht zu sehr ein falsches Bild von der Universität vermittelt.
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