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Zeit: Abschied vom Himmel

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Gesellschaft und Arbeit Abschied vom Himmel

Schon frühe Hochkulturen kannten den Rhythmus der Gestirne. Aber erst seit dem späten Mittelalter beherrscht die Uhr den Alltag. Sie zergliedert die Zeit - und entfremdet den Menschen so von der Natur.

Kaufen geht schneller als Denken - an den großen Börsen der Welt jedenfalls. Wenn dort Millionenkontrakte geschlossen werden, kann jede Mikrosekunde entscheiden.

Menschen können da schon lange nicht mehr mithalten. Es sind immer öfter die Computer, die bei den großen Hedgefonds entscheiden, wann welcher Kaufauftrag rausgeht.

Immer näher sind die Händler deshalb an die Handelsplätze herangerückt. In Frankfurt am Main beispielsweise haben viele einen Teil ihrer Computer inzwischen sogar schon im Rechnerzentrum der Börse selbst installiert. "Colocation" nennt sich das im Börsianerdeutsch.

Das Ziel der Händler ist es, so nah wie irgend möglich an den Zentralrechner heranzukommen. Denn mit jedem Meter, den sie weiter entfernt sind, wächst die Kabelstrecke, die ihre Kauf- und Verkaufsaufträge zurücklegen müssen. Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld, selbst wenn es sich nur um Mikrosekunden handelt.

Ohne Unterlass verfolgen die Rechner Aktienkurse, Währungsschwankungen und andere Nachrichten vom Kapitalmarkt. Und sobald ihnen die Software sagt, dass jetzt der Augenblick günstig ist, setzen sie ihre Order ab: kaufen Rohstoffe, bestellen Futures, stoßen Optionsscheine ab.

Dann kommt es auf Sekundenbruchteile an. Denn trifft der Auftrag des Konkurrenten auch nur 100 Mikrosekunden früher ein, so kommt dieser zum Zuge.

Dramatisch hat sich der Takt des Börsengeschehens in den letzten Jahren beschleunigt. "Anfang der neunziger Jahre war es schon gut, wenn wir einen Auftrag innerhalb einer halben Sekunde ausgeführt haben", berichtet Gerhard Leßmann, Vorstandsmitglied der Deutsche Börse Systems AG. Heute sei selbst eine Millisekunde dafür zu lang.

Für menschliche Händler ist in dieser Welt der Millisekunden kein Platz mehr. Menschen leben in Stunden, handeln in Minuten, denken in Sekunden. Was noch schneller geht, gehört dem Reich der Computer an. Sie rechnen, kommunizieren und entscheiden mit Geschwindigkeiten, die jenseits menschlicher Erfahrungsmöglichkeit liegen.

Diktat präzisester Uhren

Und nicht nur die Börse ist dem Diktat präzisester Uhren unterworfen. Auch Internet, Luftsicherheit und Autonavigation, auch Kreditkartengeschäft und Telekommunikation werden in Zeitdimensionen abgewickelt, die einem Menschen längst nicht mehr zugänglich sind.

Seit Jahrhunderten schon vollzieht sich die schleichende Machtergreifung der Uhren. Kaum merklich haben sie sich immer weiterer Lebensbereiche bemächtigt und Schritt um Schritt Alltag, Arbeitswelt und Wirtschaftsleben durchdrungen.

"Die Uhr, nicht die Dampfmaschine ist die wichtigste Erfindung des modernen Industriezeitalters", erklärte der große US-Historiker Lewis Mumford. Indem sie allem irdischen Geschehen ihr unbeirrbares Ticktack überstülpte, habe die Uhr "die Zeit von der Welt des menschlichen Erlebens entfremdet".

Und fast widerstandsfrei fügt sich der moderne Mensch ihrem Regime. Willig regelt er Arbeit und Schule, Reisen, Freizeit und Freundschaften nach ihrem Gebot. Seine Unterwerfung offenbart sich in seinem Verlangen, stets und überall Zugang zur genauen Uhrzeit zu haben.

Kein technisches Gerät wird auch nur annähernd so häufig gefertigt, gekauft und befragt wie die Uhr. Sie findet sich in Klassenräumen und Wartezimmern, in Schwimmbädern, Bahnhöfen, Meldeämtern und Bussen. Zudem ist sie eingebaut in Herden, Handys, Computern, Fernsehern, Autotachos oder sogar in manchen Kaffeemaschinen und Kugelschreibern - was die Mehrzahl der Menschen nicht daran hindert, sie zusätzlich noch am Arm zu tragen.

Warum ist der Mensch jahrtausendelang ohne Uhr ausgekommen?

Doch woher rührt diese Besessenheit von der Uhr? Braucht der Mensch das? Und wenn ja, warum ist er dann jahrtausendelang ohne Uhr ausgekommen? Vor gut 700 Jahren setzten mittelalterliche Handwerker die erste mechanische Uhr zusammen. Historiker aber, die diesen epochalen Moment der Menschheitsgeschichte verstehen wollen, müssen sich nicht nur fragen, wie diese technische Meisterleistung möglich wurde, sondern auch, warum sich überhaupt Interesse daran regte.

Zwar besteht kein Zweifel, dass viele, wenn nicht gar alle Hochkulturen fasziniert vom natürlichen Rhythmus der Gestirne waren. Eindrucksvoll bezeugt dies schon ein mehr als 5000 Jahre altes Denkmal im irischen Newgrange, rund 50 Kilometer nördlich von Dublin. Dort erhebt sich ein mächtiger Grabhügel, in dessen Innerem ein 19 Meter langer Gang bis zu einer kreuzförmig angelegten Grabkammer führt.

Wer sich bis dorthin vorgetastet hat, sieht sich von undurchdringlicher Finsternis umfangen. Nur einmal im Jahr, am Morgen des kürzesten Tages, fällt für wenige Minuten gleißendes Sonnenlicht durch ein winziges Loch am Eingang und erleuchtet die ganze Kammer.

Wie viel Wissen und wie viel Mühen müssen die jungsteinzeitlichen Erbauer aufgewendet haben, um dieses Spektakel möglich zu machen. An jedem 21. Dezember muss der Strahl der aufgehenden Sonne für sie das Signal gewesen sein, dass der lebenspendende Zyklus der Jahreszeiten nun aufs Neue begann.

Auch Babylonier, Chinesen und Mayas kannten eine regelrechte Wissenschaft der Zeit. Mit größter Sorgfalt erkundeten sie die geheimnisvolle Regelmäßigkeit der Sonnen-, Mond- und Planetenbahnen und bemühten sich, die natürlichen, aber kaum miteinander verträglichen Maßeinheiten Tag, Monat und Jahr miteinander zu versöhnen.

Doch sosehr das Kreisen der Gestirne im Zentrum vieler Religionen und Weltsysteme stand - bedeutet dies auch, dass sich die Menschen dafür interessierten, den Tag seinerseits zu zergliedern?

Manches spricht dafür, dass die Chinesen oder Griechen des Altertums bereits das Zeug dazu gehabt hätten, mechanische Uhren zu bauen - wenn sie nur deren Nutzen erkannt hätten.

So präsentierte der große chinesische Ingenieur Su Song seinem Kaiser im Jahr 1094 ein Wunderwerk, in dem eine Vielzahl bronzener Ringe und Schalen kompliziert verschachtelt umeinander kreiste. Von einem Wasserrad angetrieben, vermochte dieses Räderwerk die Bahnen der Gestirne anzuzeigen - und dies mit einer Genauigkeit, wie sie erst von den Pendeluhren des 17. Jahrhunderts wieder erreicht werden sollte.

Bereits ein Jahrtausend zuvor hatten die Griechen ein kaum weniger erstaunliches Gerät entwickelt: In einem Wrack vor der Insel Antikythera fanden Archäologen eine Art antiken Computer. Er bestand aus mindestens 40 bronzenen Zahnrädern, die ineinandergriffen, um den Lauf von Mond, Sonne und Planeten simulieren zu können.

Wie groß wäre da noch der Schritt gewesen, eine mechanische Uhr zu bauen? Reichte das technische Genie von Griechen und Chinesen dazu wirklich nicht aus? Oder mangelte es ihnen schlicht an Interesse?

Der gleichmäßige Fluss der Zeit wurde in zählbare Einheiten zerhackt

Auf viel größeren Bedarf muss die Idee des Uhrwerks dagegen in den mittelalterlichen Klöstern gestoßen sein: Der Tagesablauf der Mönche war zeitlich strikt strukturiert. Nicht nur der Tagesbeginn und der Anbruch der Nacht wurden betend begangen. Die Regeln vieler Orden verlangten auch, sich zur 3., zur 6. und zur 9. Stunde des Tages zum Gebet zu versammeln.

Wie willkommen muss da eine Maschine gewesen sein, die den Tag in gleich lange Stunden zerteilen konnte!

Die technische Neuerung, die dabei den Ausschlag gab, ist geradezu verblüffend unspektakulär: Die Uhr besteht aus einem komplizierten Räderwerk, das von einem Gewicht angetrieben wird. Zum eigentlichen Zeitmesser aber macht sie erst ein kleiner Bügel, der in die Zähne eines der Zahnräder greift und es so nach jedem Vorrucken kurz verharren lässt. "Hemmung" wird diese unscheinbare und doch so epochale Erfindung genannt, die den gleichmäßigen Fluss der Zeit in einzelne, zählbare Einheiten zerhackte.

Fortan war das monotone Ticken dieser Hemmung zur Stimme der Zeit geworden. "Der Geist hat sich der Schwerkraft mit einem Zauberspruch genaht. Es ist, als ob er sie mit listigen Strichen zu melken begänne", formulierte Ernst Jünger.

Von den Klöstern aus breitete sich die neue Erfindung rasch in die Städte und Dörfer aus, wo sie schon bald, am Kirchturm für jedermann sichtbar, ihre Herrschaft über den Alltag der Menschen antrat. Für den US-Historiker Daniel Boorstin war die Uhr "ein weiterer Beweis der Macht des Menschen über sich selbst und seine Umgebung". Mit ihr habe der Mensch gleichsam seine "Unabhängigkeit von der Sonne erklärt".

Nicht die Sonne, die Uhr bestimmte die Länge der Stunden

Denn bisher hatte ein Tag vom Sonnenauf- bis zum -untergang gedauert; die Stunden, die ihn teilten, waren entsprechend im Sommer länger als im Winter gewesen. Doch fortan bestimmte nicht mehr die Sonne, sondern die Uhr die Länge der Stunden.

Bis heute gilt: Die Schule beginnt um 8 Uhr morgens, ganz gleich, ob die Sonne schon vor Stunden aufgegangen ist oder ob noch Dunkelheit herrscht. So sehr ist der heutige Großstädter vom natürlichen Lauf der Sonne entfremdet, dass er oftmals nicht einmal ungefähr zu sagen vermag, wann eigentlich derzeit die Sonne aufgeht.

Die nach der Hemmung wohl bedeutsamste Erfindung in der Geschichte der Zeitmessung meldete dann der niederländische Physiker Christiaan Huygens im Jahr 1657 zum Patent an: Er nutzte ein Pendel als Taktgeber und konnte so die Genauigkeit der Uhr verzehn-, wenn nicht gar verhundertfachen. Eindrucksvoll zeugt davon der zweite Zeiger, der seither auf dem Zifferblatt dem Stundenzeiger vorauseilt: Die Minute war auf den Plan getreten und gliederte nun alle Verrichtungen des Menschen in nie zuvor gekanntem Detail.

So wäre es ohne die Pendeluhr wohl kaum möglich gewesen, die Etikette des Hofes zu wahren, wie sie etwa im französischen Königssitz in Versailles galt. Morgentoilette, Mahlzeiten, Empfänge und Audienzen waren dort in ein striktes Zeitkorsett gepresst. Typisch für den Wandel des Zeitverständnisses ist die Bedeutungsverschiebung, die das Adjektiv "pünktlich" erfuhr. Hatte es zuvor für gutes Benehmen gestanden, bedeutete es nun, dass sich jemand gehorsam dem Diktat der Uhr zu beugen verstand.

Die präzise Zeitmessung durch die Pendeluhr offenbarte, dass die Sonnenuhr ungenau war: Im Laufe des Jahres hinkt sie zunächst einige Monate lang Tag für Tag einige Sekunden hinterher, um dann der präzisen Zeit pro Tag um einige Sekunden vorzulaufen. Diese Gangunterschiede, die auf die Ellipsenbahn der Erde zurückzuführen sind, können sich auf bis zu eine Viertelstunde summieren.

Die Diskrepanz, die zuvor gar nicht wahrgenommen wurde, galt nun als inakzeptabel. Die goldene Regel, dass Uhren stets nach der Sonne zu justieren seien, konnte nicht länger gelten. Hatte bisher immer die Sonne die Uhr korrigiert, so korrigierte nun umgekehrt die Uhr die Sonne - der Mensch hatte sich einen Schritt weiter vom Rhythmus der Natur entfernt.

Ohnehin stieß das alte System der Sonnenjustierung zunehmend an Grenzen. Denn es bedeutete, dass die Uhren an jedem Ort anders gingen. In einer zusammenwachsenden Welt erwies sich das zunehmend als Hindernis.

Erfahrene Reisende brachen nie ohne ihre Umrechnungstabellen auf. Die berühmte astronomische Uhr am Markusplatz in Venedig etwa zeugt noch heute davon, dass Uhren in Italien einst 24 Stunden zählten - wobei, was die Umrechnung erheblich erschwerte, die Zählung stets mit Sonnenuntergang begann.

Spätestens mit Einführung der Eisenbahn wurde das Chaos offensichtlich. Die Züge ratterten durch einen kaum durchschaubaren Zeit-Wirrwarr, die Kursbücher ähnelten Formelwerken. Allein wer den Bodensee einmal umrunden wollte, musste unterwegs sechsmal die Uhr umstellen; ein Land wie die USA war gar in mehr als 70 Zeitzonen zergliedert.

Im Jahr 1884 schuf eine Weltkonferenz in Washington schließlich Abhilfe: Der Globus wurde in die weitgehend bis heute gültigen Zeitzonen aufgeteilt. Zwar sperrten sich anfangs vor allem die Franzosen, das britische Greenwich als Bezugspunkt der Weltzeit zu akzeptieren. 1911 jedoch trat auch in Frankreich ein Gesetz in Kraft, in dem die Uhrzeit des Landes auf "die mittlere Pariser Zeit, verzögert um 9 Minuten und 21 Sekunden", festgesetzt wurde - dass diese Zeit mit derjenigen eines gewissen Londoner Vororts übereinstimmte, verschwieg man lieber.

Im Alltag spielen Zehntel- oder Hundertstelsekunden keine Rolle mehr

Die Genauigkeit der Uhren begann unterdessen über menschliche Dimensionen hinauszuwachsen. Im Alltag spielen Zehntel- oder gar Hundertstelsekunden keine Rolle mehr. Nur im Sport kommt es mitunter darauf an. Und auch hier ließen sich die Funktionäre nur widerstrebend auf die Messung von Sekundenbruchteilen ein. Erst ab 1932 wurden die olympischen Rekorde automatisch gemessen und offiziell in Zehnteln angegeben; seit 1972 schließlich werden sogar Hundertstel gestoppt.

Prompt zeigte sich, wie wenig dies der Menschennatur gemäß ist: Bei den Spielen in Lake Placid 1980 musste der Finne Juha Mieto auf die Goldmedaille im 15-Kilometer-Skirennen verzichten, weil sein schwedischer Rivale Thomas Wassberg Stunden später mit einer um exakt 0,01 Sekunden besseren Zeit durchs Ziel ging; die Hundertstel-Messung wurde daraufhin im Skilanglauf eingestellt.

Die Uhren waren da schon viel weiter: Längst waren sie ins Reich der Milli-, Mikro- und Nanosekunden vorgedrungen. Der enorme Sprung in der Genauigkeit war möglich geworden, nachdem die Uhrenbauer das Pendel erst durch einen Schwingquarz, später durch Cäsiumatome ersetzt hatten.

Und diesmal bedeutete die neue Technik der Zeitmessung den endgültigen Abschied von der alten astronomischen Uhr. Denn als die Forscher die immer präziseren Quarz- und Atomuhren in Betrieb nahmen, stellten sie verblüfft fest, dass sich die Tageslänge von Tag zu Tag um einige Millisekunden zu ändern schien - ohne jede erkennbare Ursache.

Anfangs konnten sich die Forscher dieses eigenartige Phänomen nicht erklären. Dann aber begriffen sie: Magmaströme im Erdinnern, aber auch Erdbeben, Winde und die Verschiebung von Wasser durch Schneefall oder durch das Abschmelzen von Gletschern können die Rotation der Erde merklich stören.

Um das Fließen der Zeit unabhängig zu machen von diesem Gestotter der Erddrehung, wurde die Zeitmessung 1967 endgültig von der Astronomie entkoppelt. Eine Sekunde galt fortan als jene Zeitspanne, in der das von einem bestimmten Cäsiumisotop abgestrahlte Licht 9.192.631.770-mal vibriert. Nicht mehr der Himmel, sondern das Atom gibt seither den genauen Takt allen Geschehens vor.

Der Alltag des Menschen blieb davon scheinbar unberührt. Nur im Innern der Computer tickte nun eben eine andere Zeit. Offen tritt die Diskrepanz zur alten Sonnenzeit nur selten zutage - immer dann, wenn zur Anpassung eine Schaltsekunde in den Lauf der Zeit gezwängt wird. Das letzte Mal war das in der Silvesternacht des Jahres 2008 der Fall.

Seither ist die Erde weiter hinter der Atomzeit zurückgeblieben. Die Physiker werden nun entscheiden müssen, ob zum Ausgleich auch die letzte Sekunde dieses Jahres zweimal geschlagen wird.