Gefängnisalltag Das Paradox der Langeweile

Die Monotonie des Gefängnisalltags lässt die Zeit unendlich gedehnt erscheinen. Aber in der Rückschau schrumpft sie umso mehr zusammen.
Von Jörg Böckem

Die schlimmste Zeit sei der frühe Nachmittag, sagt Andreas R. "Die Stunden zwischen 12.30 und 15 Uhr waren quälend lang", erinnert sich der hagere 50-Jährige an seine Zeit im normalen Strafvollzug. "Ich habe nur gewartet und versucht, die Zeit totzuschlagen." Darauf gewartet, dass sich um 15 Uhr die Tür zu seiner Zelle für einige Stunden öffnet, auf den 30-minütigen Hofgang, darauf, mit den Kameraden in den Nachbarzellen zu reden. Diese zweieinhalb Stunden erschienen ihm meist länger als der gesamte übrige Tag.

Die Möglichkeiten, die Zeit herumzukriegen, waren in der Einzelzelle sehr begrenzt - der Gefangene konnte nur putzen, Musik hören, lesen, mit dem Schachcomputer spielen. Tag für Tag, Woche für Woche, 15 Jahre lang.

Andreas R. sitzt in der Sozialtherapeutischen Anstalt Baden-Württemberg auf dem Hohenasperg, rund 20 Kilometer nördlich von Stuttgart. Dies sei der höchste Berg des Landes, so geht ein Bonmot: Man brauche nur fünf Minuten, um hochzukommen - aber Jahre, um wieder hinunterzugelangen.

In den alten Festungsmauern leben heute 61 Straftäter wie Andreas R. Die umgebaute Burg, umgeben von Weinbergen, ist eine besondere Vollzugsanstalt, hier steht die sozial- und psychotherapeutische Arbeit mit Schwerkriminellen im Vordergrund. Andreas R. ist seit drei Jahren hier. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er im Gefängnis gesessen, wegen versuchten Totschlags und versuchten Raubmords. 27 Jahre sind es bisher, in drei Etappen. Die längste dauerte 15 Jahre. "Eine tote Zeit", erinnert er sich.

Sinnlos, Tage zu zählen

Die Tage im normalen Strafvollzug, der eigentlich auch resozialisieren soll, waren leer und gleichförmig: Um 6 Uhr Wecken, das Neonlicht flutet an, Frühstück in der Zelle. Um 12 Uhr Mittagessen, bis 12.30 Uhr. Um 15 Uhr eine halbe Stunde Hofgang. Um 17 Uhr Sport, dann Umschluss, bis 21.30 Uhr. Danach zurück in die eigene Zelle. Der Tag war durch Mahlzeiten getaktet, durch Auf- und Einschluss. Die Geräusche im Zellentrakt wurden zur Orientierung im Tag. "Wenn ich die Schlüssel der Beamten gehört habe, wusste ich, gleich geht die Tür auf."

Zeit, in der modernen Gesellschaft für viele ein Luxusgut, war im Überfluss vorhanden und wurde für Andreas R. zum Feind. "Ich hatte keine Perspektive, kein Ziel. Ich habe die Zeit abgesessen." Einen Kalender hat er nicht geführt, 15 Jahre, es schien ihm sinnlos, Tage zu zählen.

"Damit der Tag nicht zu lang wurde, habe ich versucht, den Vormittag komplett zu verschlafen." Nach dem Wecken schraubte er die Neonröhre an der Decke los, die einzige Möglichkeit, das morgendliche Flutlicht zu löschen. Bis spät in die Nacht hörte er Musik. "Ich habe mich wach gehalten, damit ich am Tag schlafen kann", sagt er. Tagsüber sei es noch qualvoller gewesen, die Zeit totzuschlagen. "Wenn draußen die Sonne scheint und das Leben pulsiert, ist Eingeschlossensein schlimmer, wie das Gefühl, lebendig begraben zu sein. Die Zeit vergeht langsamer. Nachts hatte ich weniger das Gefühl, etwas zu verpassen."

In der Burg hat sich sein Zeitempfinden gewandelt

Die erzwungene Untätigkeit passte besser in die dunklen Nachtstunden. Deshalb waren für Andreas R. die Winter in der Zelle besser zu ertragen als die Sommer, in denen die beruhigende Dunkelheit erst spät in der Nacht kam und früh am Morgen wieder ging.

Das Zeitempfinden ist nicht starr, es wird beeinflusst durch innere und äußere Einflüsse, durch Körper und Psyche. So kommt es zum Paradox der Langeweile: Die Monotonie des Gefängnisalltags lässt im Moment des Erlebens die Tage unendlich lang erscheinen, die Zeit will nicht vergehen - aber in der Rückschau schrumpft sie umso mehr zusammen. "Als die ersten zehn Jahre vorüber waren, konnte ich es kaum glauben", sagt R.: "Ich hatte das Gefühl, erst vor einigen Monaten eingesperrt worden zu sein."

Für Fachleute ist das ein vertrauter Effekt: In reizarmer Umgebung, in der wenig oder wenig Neues geschieht, die Abläufe immer gleich sind, in der Untätigkeit tröpfelt die Zeit nur zäh, zieht sich endlos. Rückblickend allerdings erscheinen diese Zeiträume klein, da unser Gehirn kaum Ereignisse und Aktionen abgespeichert hat. Rentner im Altenheim, in deren Leben kaum etwas Neues geschieht, machen oft die Erfahrung, dass die Tage nicht vergehen wollen. Und plötzlich ist wieder Weihnachten.

Andreas R. hat eine ähnliche, ungleich extremere Erfahrung gemacht. Viele Jahre lang saß er im normalen Strafvollzug, wo kaum etwas Erinnernswertes geschah. Mit seinem Wechsel in die Sozialtherapeutische Anstalt in der Burg hat sich sein Zeitempfinden gewandelt. "Hier kommen mir die Tage oft zu kurz vor", berichtet er. "Hier passiert viel Neues und Überraschendes."

Im sozialtherapeutischen Strafvollzug sind die Tage zwar auch durchgetaktet wie im normalen Vollzug, aber die Zellentüren sind meist offen und die Stunden gut gefüllt: mit Arbeit in der Anstaltsschreinerei, mit Gruppen- und Einzeltherapie, mit Wohngruppensitzungen, mit Mahlzeiten und Gesprächen im Gruppenraum. "Manchmal reicht der Tag gar nicht, alles zu verarbeiten", sagt Andreas R. Die drei Jahre hier erscheinen ihm im Rückblick länger und intensiver als die 24 Gefängnisjahre zuvor.

Die Zukunft ist völlig vage

Am quälendsten dagegen ist oft die Zeit vor dem Urteil. Die Untersuchungshaft erleben viele Gefangene als unendlich lang, sagt Christine Ermer, Psychologin und Leiterin der Anstalt Hohenasperg. "Die Zukunft ist völlig vage, die Angeklagten hängen in der Luft. Damit ist schwer umzugehen, viele sind sehr unruhig in dieser Phase", sagt sie: "Wenn dann das Urteil kommt, auch wenn es zehn Jahre sind, wird es für viele einfacher - die Zeit wird messbar."

Bis schließlich die Entlassung naht - und die viele freie Zeit draußen manch einem fast bedrohlich erscheint. Im September hatte Andreas R. seinen ersten Ausgang, in Begleitung eines Therapeuten der Anstalt. Der Begleiter ging zielstrebig durch die Stadt, R. kam kaum hinterher. Immer wieder bat er um eine Pause - kurz stehen bleiben, die Aussicht genießen, in einem Café sitzen. "Das ging alles viel zu schnell für mich", erzählt er.

Nicht seine Beine waren überfordert, sondern seine Sinne und sein Gehirn: "All die Menschen, die viele Bewegung", sagt er, "ich hatte kaum Zeit, all das einzuordnen." Noch Tage später haben ihn die Eindrücke beschäftigt. Diese vier Stunden vergingen wie im Flug - und erscheinen ihm, wenn er sie Revue passieren lässt, fast so lang wie ganze Jahre hinter Gittern.

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