Fotografie Die zertrümmerte Sekunde

Es begann mit dem Galopp eines Pferdes, eingefroren wie im Flug. Seither jagen Forscher den kleinsten Sekundenbruchteilen hinterher. Das Wettrennen beflügelte die Entwicklung von Kino, Flugzeugen, Kunst und Kernwaffen. Und es geht ungebremst weiter ins Reich der Atome.

AP/ George Eastman House

Von SPIEGEL-WISSEN-Autor


Pferde können fliegen - zumindest scheint es so für den Bruchteil einer Sekunde, wenn alle vier Hufe vom Erdboden gelöst sind. Mit einem Foto des Rennpferdes "Occident" elektrisierte Eadweard Muybridge 1872 in Kalifornien die Öffentlichkeit. Und entschied gleichzeitig einen jahrzehntelang schwelenden Streit, ob immer mindestens ein Huf am Boden bleibe, selbst im Galopp.

"Der Mann, der die Sekunde spaltete", so beschreibt die Kunsthistorikerin Rebecca Solnit den Experimentalfotografen Muybridge und stellt ihn damit in eine Reihe mit den Vätern der Atomspaltung: die Fotografie als Treibsatz der Beschleunigung, der Altes zertrümmert, Neues erschafft, Industrien umkrempelt, Gesellschaften prägt. Ein Treibsatz, der noch lange nicht ausgebrannt ist, bis heute, wo die Sekundenspalter mit ihren Blitzen das Reich der Atome erkunden.

Um 1870 lechzte die Welt nach neuen Bildern, die Schritt halten könnten mit der Mobilmachung der Gesellschaft. Telegrafen verbanden die Börsen von London und New York, Eisenbahnen stampften von Ostküste zu Westküste, Erntemaschinen unterwarfen das Land, automatische Webstühle verknüpften den Weltmarkt. Doch die Kunstakademien schwelgten weiterhin im trägen Pinselstrich auf riesigen Ölgemälden.

Die Sehnsucht nach einer neuen "instantaneous photography" wurde im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur Manie, Fotozeitschriften überschlugen sich mit Meldungen zu neuartigen "Sofortbildern" - womit gemeint war: Bilder von einer Sekunde Belichtungszeit.

Eadweard Muybridge war nicht gerade der aussichtsreichste Kandidat als Sekundenspalter. Der Buchhändler aus San Francisco war zunächst nicht Herr der Beschleunigung, sondern ihr Opfer: Bei einem Postkutschenunfall gingen die Mustangs durch, er schlug mit dem Kopf gegen einen Baum und erlitt eine schwere Hirnverletzung am präfrontalen Kortex. Neun Tage lag er im Koma, danach litt er an Wahrnehmungsstörungen, er sah doppelt. Zwei seiner Mitreisenden kamen um.

Der Meister der visuellen Muße verschreibt sich der Beschleunigung

Muybridge verklagte die Postkutschenfirma - und investierte das Geld in seine Neuerfindung. Der bärtige Eigenbrötler nannte sich nun Helios, nach dem griechischen Sonnengott, und machte sich als Landschaftsfotograf einen Namen. Er reiste mit seinem "Flying Studio" durch Alaska und das Yosemite Valley, begleitet von einem Tross an Helfern, der ihm an steilen Hängen im Zelt eine mobile Dunkelkammer installierte. Die Belichtung einer einzelnen Aufnahme auf einer großen Glasplatte dauerte oft eine halbe Stunde - mit dem Effekt, dass Meereswogen wirkten wie Nebel, Wasserfälle wie Flüsse aus Milch, Passanten wie transparente Schemen. Diese Langzeitbelichtungen waren der unempfindlichen Fotochemie geschuldet, unbeabsichtigte Experimente der Entschleunigung: Nur wer saß oder lag, wurde abgelichtet, der rasende Rhythmus des Lebens blieb im Dunkeln.

Mit Anfang vierzig heiratete Helios eine über 20 Jahre jüngere Frau, bald kam ein Kind: Florado Helios. Als Muybridge herausfand, dass ihn seine Frau betrog, erschoss er den Nebenbuhler kaltblütig. Seine Verteidigung verwies auf seinen Hirnschaden. Er wurde freigesprochen. Er reiste nach Südamerika. Als bald darauf seine Frau starb, gab Helios seinen Sohn Florado Helios in ein Waisenhaus.

Helios senior, einst ein Meister der visuellen Muße, verschrieb sich nun der Beschleunigung. Von Leland Stanford, einem Eisenbahnmogul, bekam er den Auftrag, das technisch Unmögliche zu leisten: das legendäre Rennpferd Occident im vollen Lauf zu bannen. In Palo Alto, einem Dorf bei San Francisco, baute Muybridge eine Batterie aus 12 Kameras entlang der privaten Stallungen des Eisenbahnmoguls auf. Von den Dampflok-Ingenieuren ließ er sich neuartige Kameraverschlüsse bauen und spannte elektrische Drähte über die Bahn, mit denen das Pferd die Kameras auslöste; eine Art Selbstporträt. Den Hintergrund drapierte Helios mit weißen Bettlaken, um das Motiv aufzuhellen.

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insgesamt 7 Beiträge
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eikfier 07.11.2010
1. ...schwarzer Daumen
Zitat von sysopEs begann mit dem Galopp eines Pferdes, eingefroren wie im Flug. Seither jagen Forscher den kleinsten Sekundenbruchteilen hinterher. Das Wettrennen beflügelte die Entwicklung von Kino, Flugzeugen, Kunst und Kernwaffen. Und es geht ungebremst weiter ins Reich der Atome. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,726231,00.html
...also Mut haben sie ja für mich beide oder sogar alle drei, SPON und Autor Hilmar Schmundt via SYSOP, SOWAS noch mit Photographie überzutiteln, das lesen doch nur ganz wenige, aber mir hat´s gefallen und deswegen bleibe ich ja auch schon seit den Anfängen mit "schwarzem Daumen" dem SPIEGEL treu...und habe mir jetzt mit leiser Wehmut meine Jugend betrachtet und wieder hervorgekramt: Leica, Rolleicord und -flex von Vatern und das Prachtstück aus Dresden: EXAKTA VAREX IIa , die Exakta konnte aber kein Sterblicher in der DDR selber kaufen, ging in den Export für harte Devisen...
Schlossenteiser 07.11.2010
2. Wo?
Und warum sind die Attosekundenbilder nicht in der Fotostrecke? Bischen wenig Bilder für einen Bericht über Bilder.
eikfier 07.11.2010
3. ...lahme Krücke
Zitat von SchlossenteiserUnd warum sind die Attosekundenbilder nicht in der Fotostrecke? Bischen wenig Bilder für einen Bericht über Bilder.
...stimmt! habe ich ehrlich auch gleich vermißt! Aber ich dachte so bei mir: lahme Krücke, dein alter Laptop, neuen kaufen! ;-);-)
Friedrich Hattendorf 07.11.2010
4. Eadweard Muybridge at TATE Britain
zu erwähnen wäre noch, dass es z.Zt. (bis 16.Jan. 11) eine umfangreiche Ausstellung in der Tate-Gallery London gibt: http://www.tate.org.uk/britain/exhibitions/eadweardmuybridge/default.shtm
Michael KaiRo 07.11.2010
5. high-speed Filmaufnahmen
Zitat von SchlossenteiserUnd warum sind die Attosekundenbilder nicht in der Fotostrecke? Bischen wenig Bilder für einen Bericht über Bilder.
Vor allem diese uralten Kamellen :-( Allerdings wurde ich in den 80ern schon mit jeder Menge high-speed Filmaufnahmen entschädigt. Wir benutzten diese, um Funktionsabläufe sowie Getriebeanalysen von Verpackungsmaschinen besser zu verstehen und zu analysieren. Ich hatte mich damals immer drauf gefreut, wenn nach stundenlangen Vorarbeiten (der Film selbst rauschte dann in weniger als einer Sekunde durch; mit bis zu 10.000 Bilder je Sekunde) endlich die kleinen Filmchen zu sehen waren. Je nach Kurvengesetz wackelten die Stößel zum Transport der Waren wie ein Lämmerschwanz oder standen absolut ruhig da. Wie gesagt, jedesmal absolut faszinierend.
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