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Psyche und Körper: Ständig im Stress

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Psyche und Körper Wenn die Hirnmasse schrumpft

Ohne Stress kann der Mensch nicht leben - doch das biologische Stresssystem ist nicht für die moderne Welt geschaffen und gerät deshalb leicht aus der Balance. Forscher entschlüsseln, wie sich andauernde Alarmbereitschaft auswirkt.

Am Anfang war er sicher, sich geirrt zu haben. "Darwin würde sich ja im Grabe umdrehen", sagt Dirk Hellhammer, Psychobiologe an der Universität in Trier, und kichert vergnügt. "Aber unsere Daten waren eindeutig: Ausgerechnet die aktiven, dominanten Männer, die nix anbrennen ließen, hatten eine niedrige Spermienzahl und niedrige Testosteronwerte." Etwas überspitzt, so der Wissenschaftler, könne man es so formulieren: Machos neigten zur Unfruchtbarkeit.

Und mittlerweile, nachdem Hellhammer männliche Ratten im Labor aktiv und passiv mit Stress umgehen ließ und anschließend - nach ihrem Ableben - ihre Gehirne, Hoden und Hormone untersuchte, glaubt der Forscher auch eine biologische Erklärung für die Unfruchtbarkeit von Alpha-Männern gefunden zu haben: "Bei diesen Aktivlingen, die sich in einem ständigen Arbeitsmodus mit hohem Stresspegel befinden, verteilt sich das Blut so, dass sich die Gefäße überall dort, wo es nicht lebenswichtig ist, zusammenziehen - auch in den Fortpflanzungsorganen", sagt Hellhammer. "So wird der Hoden weniger durchblutet, und dadurch wird die Produktion von Testosteron gedrosselt."

Hellhammer ist ein wuchtiger Mann mit grauem Haar, Schnauzbart und eckiger Drahtbrille. Er ist seit rund einem Vierteljahrhundert Professor, und er doziert immer noch mit Begeisterung. Nun kommt die eigentliche Pointe seiner Erzählung: "Wenn Sie jetzt nur psychotherapeutisch mit diesen Männern arbeiten und sie fragen, ob sie unter dem unerfüllten Kinderwunsch leiden, werden sie hören, dass dem so sei", sagt er. "Vielleicht würde die Psychotherapie ihr Befinden verbessern." Aber wenn man das Problem lösen wolle, so Hellhammer, müsse man auch die biologischen Mechanismen kennen, die dahintersteckten.

Eigentlich ist Stress etwas Nützliches

Die Lösung entpuppte sich dann als recht simpel: Jenen Männern in seiner Studie, die selbstbewusst, konkurrenzfreudig und hochgradig gestresst waren, eine gesunde Frau hatten und seit mindestens fünf Jahren vergebens auf Nachwuchs hofften, verordnete der Wissenschaftler ein viermonatiges, standardisiertes Programm zur Stressreduktion. In einer Paartherapie wurden zudem private Spannungen abgebaut. "In diesen vier Monaten", berichtet Hellhammer stolz, "sind bei 7 von 15 Paaren Schwangerschaften eingetreten."

Eigentlich ist Stress etwas Nützliches. Wir müssen uns körperlich anstrengen, um Muskeln aufzubauen und stark und ausdauernd zu werden. Und genauso brauchen wir psychische Herausforderungen, um unseren Geist zu entwickeln und Neues zu lernen. Stress schärft zunächst das Denkvermögen und die Konzentration. Er stellt Körper und Geist darauf ein, unmittelbar zu reagieren - damit wir akute Gefahren und Herausforderungen meistern können.

Das Problem ist nur: Unser biologisches Stresssystem ist ein Erbe der Vorzeit. Es ist vor allem für Situationen ausgelegt, in denen es unmittelbar um Leben oder Tod geht - also eher für den Angriff eines Raubtiers als für einen Sorgerechtsstreit, eine drohende Entlassung oder ständigen Termin- und Leistungsdruck. "Evolution ist ja ein ständiger Anpassungsprozess zwischen Mensch und Umwelt", sagt Erich Seifritz, Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. "Aber derzeit verändert sich die Umwelt so rasant, dass unsere evolutionäre Entwicklung keine Chance hat mitzuhalten."

Kampf oder Flucht

Bei einer akuten Gefahr haben sich über Jahrtausende hinweg zwei Ur-Reaktionen bewährt: Kampf oder Flucht. Und darauf ist das menschliche Gehirn bis heute programmiert: Mit einer Kaskade von Botenstoffen vermag es den Körper sekundenschnell in Handlungsbereitschaft zu versetzen.

Die biologische Stressreaktion beginnt im Hypothalamus, einer Region des Zwischenhirns, mit der Ausschüttung von Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) und Vasopressin; diese Alarmstoffe bewirken in der Hirnanhangsdrüse die Freisetzung eines weiteren, ACTH. Der gelangt nun über den Blutkreislauf in die Nebennierenrinde und stimuliert dort die Produktion des Stresshormons Kortisol. Im Nebennierenmark werden derweil zwei weitere Stresshormone gebildet, Adrenalin und Noradrenalin.

Der ganze Körper blitzschnell auf Hochspannung

Gemeinsam sorgen die Hormone dafür, dass der ganze Körper blitzschnell auf Hochspannung umschaltet: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck schnellt empor, und die Atemfrequenz beschleunigt sich, damit der Körper mit mehr Sauerstoff versorgt wird. Die Leber stellt Zucker zur Verfügung, so dass die Muskeln und das Gehirn mehr Energie umsetzen können. Das Blut strömt vermehrt in die Skelettmuskulatur. Die Schweißdrüsen werden angeregt, um den Körper vor Überhitzung zu schützen.

Alles, was im Kampf nicht unbedingt die Überlebenschancen erhöht, wird derweil unterdrückt: Sexualtrieb, Müdigkeit, Hungergefühl, Verdauung und die Immunabwehr. Blase und Darm erhalten das Signal, sich schnell zu entleeren. In Körperteilen wie den Geschlechtsorganen, die nicht fürs Kämpfen oder Flüchten benötigt werden, ziehen sich die Blutgefäße zusammen.

Gleichzeitig sorgt das Stresssystem für den Fall vor, dass etwas schiefgeht: Hormone werden ausgeschüttet, welche die Sinne schärfen und die Schmerzempfindlichkeit vermindern. Und das Blut gerinnt leichter, damit wir, falls wir verletzt werden, nicht gleich verbluten. Ab einer bestimmten Menge schließlich bremst Kortisol im Gehirn die weitere Ausschüttung von CRH und ACTH; die Stressreaktion klingt ab.

Für unsere Vorfahren waren diese biologischen Mechanismen auf der Mammutjagd oder im Kampf gegen einen angreifenden Bären lebenswichtig - und auch heute sind sie durchaus hilfreich, wenn wir zum Beispiel blitzschnell einem Auto ausweichen oder auf eine fiese Bemerkung schlagfertig reagieren müssen.

Dummerweise wird das Stresssystem aber auch allzu leicht aktiviert, wenn Kampf oder Flucht nicht in Frage kommen - beim Starren auf den leeren Bildschirm, während die Deadline näher rückt; wenn der Chef miese Laune hat; im Stau. So kann es geschehen, dass die Mühen des Alltags den Körper irgendwann in permanente Alarmbereitschaft versetzen. Das Problem ist, dass die bereitgestellte Energie nicht verbraucht wird - es sei denn, wir reagieren uns ab, indem wir zum Beispiel joggen oder tanzen. Sport hilft gegen Stress, weil er, physiologisch betrachtet, den beiden Ur-Reaktionen gleicht.

Gesellschaftliche Veränderungen, der wachsende Druck in der Arbeitswelt und private Belastungen treffen alle. Aber nicht alle Menschen reagieren unter Druck gleich, und längst nicht alle erkranken irgendwann in ihrem Leben an einer Erschöpfungsdepression. Woran also liegt es, wenn das Stresssystem dauerhaft aus der Balance gerät?

"Letztlich ist es immer eine Wechselwirkung zwischen genetischen Faktoren und der Umwelt", sagt Erich Seifritz. So reagieren schon wenige Tage alte Säuglinge unterschiedlich heftig auf Stress. Langzeitstudien des US-Psychologen Nathan Fox von der University of Maryland haben ergeben, dass jene Babys, die am längsten schreien, wenn man ihnen den Schnuller wegnimmt, auch später im Leben tendenziell empfindlicher auf Stress reagieren.

Niemand muss Opfer seines überreizten Gehirns werden

Doch die Erbanlagen können sich verändern - je nachdem, unter welchen Umständen Kinder zur Welt kommen und groß werden. Epigenetik heißt das junge Forschungsfeld, das sich mit der Frage befasst, wie Umwelteinflüsse, Lebensstil und Ernährung einzelne Gene chemisch regelrecht umprogrammieren können. Vor allem durch die sogenannte Methylierung, das Anhängen oder Entfernen von Methylgruppen, kann sich in Zellen die Aktivität bestimmter Gene auch langfristig verändern.

Der Trierer Psychobiologe Hellhammer hält die umweltbedingte Aktivierung oder Ausschaltung von Genen in den frühen Lebensjahren für den "mit Abstand wichtigsten Risikofaktor" für spätere Stresserkrankungen. Vor der Geburt und in den ersten Lebensjahren, erklärt Hellhammer, entwickle sich das Zentralnervensystem des Kindes und reagiere dabei auf Stress der Mutter oder ein negatives Umfeld in der frühen Kindheit. "So scheint es etwa eine Rolle zu spielen, ob die Schwangerschaft gewollt war oder nicht", sagt der Forscher, "ob der Partner dabei ist, ob es einen Unfall gab oder eine schwere Erkrankung. Dazu kommen weiche Faktoren wie finanzielle Belastungen und soziale Unterstützung und so weiter."

Wenn die hormonellen Alarmsysteme zu früh auf Dauerstress geeicht werden, reagieren sie im weiteren Leben offenbar besonders empfindlich auf Belastungen. "Pränataler Stress in allen drei Trimestern beeinflusst zum Beispiel die Menge der Cortisolrezeptoren im Hippocampus", erläutert Hellhammer, "und damit auch die spätere Stressanfälligkeit."

Volumen des Gehirns nimmt ab

In einer stressgeplagten Gesellschaft, in der auch werdende Mütter oft unter starkem Druck stehen, werden folglich zunehmend Kinder geboren, die von Natur aus besonders sensibel auf Stress reagieren. Und später, wenn es im Leben anstrengend wird, kommt ein derart vorbelastetes Kind schneller an seine Belastungsgrenze. Das kann fatale Folgen haben: "Je länger das Stresssystem aus dem Lot ist, desto schwerer lässt es sich wieder ins Gleichgewicht bringen", warnt Mazda Adli, Stressforscher an der Berliner Charité. So drosseln anhaltend hohe Stresshormonpegel die Produktion des "Glückshormons" Dopamin, eines zentralen Botenstoffes im körpereigenen Belohnungssystem. Das Risiko einer depressiven Störung wächst.

Auch die Ausschüttung von Noradrenalin wird gebremst, was sich negativ auf Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit auswirkt. Zudem reduziert anhaltender Stress die Freisetzung des Botenstoffes Serotonin, der ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Gefühlsregulation und bei der Entstehung von Depressionen spielt.

Neuronale Aktivitätsmuster verändern sich mit der Zeit; die Amygdala, das Angstzentrum des Gehirns, wird überstimuliert. Im Laufe der Jahre kann es sogar zu strukturellen Veränderungen im Gehirn kommen: "Bestimmte Hirnregionen wie der Hippocampus und der mediale orbitofrontale Cortex, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind, schrumpfen", erklärt Adli, "und das Volumen des Gehirns nimmt insgesamt ab."

Der israelische Mediziner Samuel Melamed und sein Team von der Universität in Tel Aviv untersuchen, wie sich chronischer Stress auf den Körper auswirkt. In ihrer Probandengruppe - über 10.000 Berufstätige aus verschiedenen Branchen - wiesen sie bei rund 20 Prozent klinisch auffällige Erschöpfungssymptome nach.

"Bei den betroffenen Menschen finden wir mehr Entzündungsbiomarker im Blut und erhöhte Lipid- und Cholesterinwerte", berichtet Melamed. "Das sind klassische Risikofaktoren für Herzerkrankungen, Schlaganfall und Diabetes." Zu den Leiden der Erschöpften gehörten zudem Schlafprobleme, häufige Infekte, Magen-Darm-Probleme und Erkrankungen der Muskeln, Knochen und Gelenke. Und auch Melamed hat Hinweise darauf gefunden, dass die Zeugungsfähigkeit von Männern unter Dauerbelastung abnimmt.

Besonders stressgefährdet, sagt der israelische Forscher, seien junge Menschen. "Viele haben ein chronisches Schlafdefizit, und sie haben oft noch keine guten Strategien entwickelt, um mit Belastungen umzugehen."

Schädliche Wirkungen von Stress sind umkehrbar

Doch die Wissenschaftler haben auch eine hoffnungsfrohe Botschaft zu verkünden: Niemand muss Opfer seines überreizten Gehirns werden. Die schädlichen Wirkungen von Stress auf das Nervensystem scheinen weitgehend reversibel zu sein.

Was sind nun also die guten Strategien? "Zunächst einmal das Übliche", sagt Melamed und zählt auf: "Körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Pausen. Und, ganz wichtig: Urlaube." Die Berliner Stressforscherin Isabella Heuser, Direktorin an der Charité, ergänzt: "Wir alle können mehr aushalten, wenn wir Arbeit haben, eine gute Bezahlung, Wertschätzung und ein stabiles, emotionales Netzwerk. All dies sind protektive Faktoren."

Eine gefährliche Kombination, sagt Heuser, seien hohe Anforderungen und viel Fremdbestimmung. "Man sollte versuchen, sich nicht in eine submissive Haltung zu fügen", rät sie, "sondern seine Stimme erheben und etwas gestalten."

Auf dem schmalen Grat zwischen Ansporn und Überforderung scheint das Entscheidende zu sein, wie viel Kontrolle wir über unser Leben haben. Und ob es uns gelingt, ihm einen Sinn zu geben. "Wer auch negative Ereignisse irgendwie einordnen kann", sagt der Zürcher Psychiater Seifritz, "der entwickelt nur selten eine Stresserkrankung."