Arbeit und Familie Schreie, die keiner hört

Rückzug in sich selbst: Depressive Jugendliche verkriechen sich oft tagelang zu Hause und sprechen mit niemandem mehr
Corbis

Rückzug in sich selbst: Depressive Jugendliche verkriechen sich oft tagelang zu Hause und sprechen mit niemandem mehr

2. Teil: Ein starkes Ich - das beste Gegengift gegen Depression


Die ungenauen Diagnosekriterien für Kinder und Jugendliche führen bei Ärzten und Eltern zu einer Ratlosigkeit, die in Überreaktion oder Verharmlosung münden kann. Es ist ähnlich wie bei der Verunsicherung, mit der sich Eltern über ein Baby beugen, das nicht aufhört zu schreien: Hat es nur Hunger, ist es müde, sind es nur Blähungen oder Angst oder eben doch richtige körperliche Schmerzen irgendwo, aber keiner kann herausfinden wo?

Nur dass die Schreie depressiver Jugendlicher oft nicht zu hören sind. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin identifizierten Fachärzte kürzlich die ungenauen Diagnosemöglichkeiten als größtes Hindernis für Mediziner und Eltern beim Erkennen depressiver Störungen. Einig waren sich die Experten auch in einem Punkt, den Lehrer schon lange beobachten: Schulstress und Mobbing werden in Deutschland immer öfter als Ursache erkannt, wenn Jugendliche in ein tiefes Loch fallen.

Bildung, Bildung, Bildung

Für Lars, 13, fing alles damit an, dass seine Eltern ihn unbedingt auf ein Gymnasium schicken wollten, obwohl seine Noten nicht unbedingt nach Abitur rochen. Sein Vater hatte früher bei Siemens gearbeitet und gerade seinen Job verloren, in Lars sollte nun alles investiert werden: Bildung, Bildung, Bildung - als Risikoversicherung gegen eine ungewisse Zukunft und die Ängste der Eltern.

Lars war der Einzige aus seinem alten Freundeskreis, der auf das Gymnasium im Prenzlauer Berg geschickt wurde, dort traf er auf lauter "Schnösel", wie er heute sagt. Die hatten andere Sprachkodizes, sie trugen andere Klamotten als er und ließen ihn das spüren: Beim Fußball gehörte er eigentlich zu den Besten, wurde aber immer als Letzter in eine Mannschaft gewählt.

Bei seinen alten Kumpels galt er nun als der Elitäre, den neuen Mitschülern war er nicht gut genug. Lars fand keinen Platz mehr, sich selbst nicht mehr. Seine Noten verschlechterten sich, er wurde immer stiller, und die Wut des Vaters wuchs.

Es war sein alter Fußballtrainer, der es zuerst bemerkte und die Notbremse zog, in einem Gespräch mit den Eltern: Aus dem normalen Jungen war ein düsterer Grübler geworden, der immer häufiger beim Training fehlte, der talentierte Stürmer wollte nur noch Abwehr spielen. Und sich möglichst nicht bewegen. Nichts falsch machen. Keine Kritik provozieren. Manchmal wechselte er sich selbst aus. Lars' Rettungsanker war eine Therapie, die nicht nur seine inneren Nöte zum Thema machte, sondern auch die des Vaters.

Gründe für eine Depression sind meist vielschichtig

Fest steht: Die Gründe für eine Depression sind meist vielschichtig, selten gibt es nur den einen alles erklärenden Faktor. Die Gene spielen eine Rolle, doch ebenso neurobiologische Faktoren und Umwelteinflüsse. Auch können Fehlfunktionen von Botenstoffen im Gehirn, besonders von Serotonin, zu Störungen der Stimmung führen.

Erkranken die Eltern beispielsweise selbst an einer Depression, bedeutet das für ihren Nachwuchs ein doppeltes Risiko: einerseits eben durch ihr Erbgut und andererseits, weil sie ihren Kindern oft keine emotionale Stabilität geben können.

Darüber hinaus können die Weichen für eine Depression bereits vor der Geburt gestellt werden: Steht die Mutter unter chronischer seelischer Anspannung, werden bei ihr verstärkt Stresshormone ausgeschüttet, die im Fötus die Reifung bestimmter Hirnregionen fehlsteuern. Das junge Gehirn kann somit auf Stress und Angst programmiert werden.

Bei der Behandlung junger Depressiver sind Psychotherapien wie die kognitive Verhaltenstherapie eine sehr beliebte Wahl. Dabei lernen die jungen Patienten, an ihrer oftmals verzerrten Wahrnehmung zu arbeiten und auch Verhaltensmuster zu ändern. Das Klima, in dem Jugendliche aufwachsen, wird zum größten Teil von Familie und Schule bestimmt, wo, wie die Fachärzte auf ihrem Kongress in Berlin festgestellt haben, sich die negativen Faktoren verstärken.

Zu wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung

Dass Kinder oft schon im Kindergarten auf Leistung getrimmt werden, macht sie zu Konkurrenten statt zu Freunden. Der Bildungsdruck des Elternhauses sowie immer neue Schulreformen lassen zu wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung, für eine Entwicklung, in der Ausschläge nach oben und unten als normal gelten, aufgefangen werden und sich nicht krankhaft verfestigen in Verweigerung oder übertriebenem Ehrgeiz.

Erschwert wird das seelische Wachstum durch die mediale Überhöhung glamouröser "Vorbilder", die fragwürdige Werte propagieren und das Selbstwertgefühl von Jugendlichen mindern können. Auch die tägliche intensive Beschäftigung mit Computerspielen kann Jugendliche vereinsamen lassen und sowohl ihr Ich-Gefühl als auch ihre Weltwahrnehmung nachteilig verändern.

Und dann ist da noch das Internet. Mobbing, unter Kindern und Jugendlichen durchaus verbreitet, stört die Entwicklung nachhaltig. Mobbing kann Ausdruck von Konkurrenzdenken sein und vollzieht sich vielfach unbekümmert in Gruppen. Doch Gemobbt werden gilt als einer der stärksten Auslöser für Depressionen bei Heranwachsenden. "Wenn wir uns nicht um den Geist kümmern, kommt der Ungeist, und der ist schon in unsere Gesellschaft und unsere Schulen eingezogen", klagt die Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld, die auf reichlich Erfahrung mit Mobbing, Burnout und Depression unter jungen Menschen zurückblickt.

Nach dem Studium war sie 15 Jahre lang Lehrerin an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen. 1992 wechselte sie zur Gesamtschule und baute als Didaktische Leiterin zunächst die Gesamtschule Essen-Borbeck auf, dann war sie von 1997 bis 2007 Schulleiterin in der vielfach ausgezeichnete Gesamtschule Essen-Holsterhausen.

Seit 2007 entwickelt sie an der neu gegründeten Evangelischen Schule Berlin Zentrum ein anspruchsvolles bundesweit beachtetes und prämiertes Reformschulprogramm. "Es geht um den kleinen großen Mut im Alltag, der täglich eingesetzt werden kann", sagt sie. An ihrer Schule gibt es nicht nur die Fächer Mathe und Deutsch, sondern auch die Fächer Verantwortung und Herausforderung, die zu einem starken Ich führen - dem besten Gegengift gegen Depression.

Für Lars jedenfalls ebnete ein Schulwechsel und ein entspannteres Verhältnis zu seinem Vater den Weg aus der Dunkelheit. Er spielt wieder im Sturm. Er setzt auf Sieg. Und: Niederlagen hauen ihn nicht mehr um.



insgesamt 60 Beiträge
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Arion's Voice, 18.04.2011
1. Depression ist schlimm
Zitat von sysopLeistungsdruck, Familienkonflikte, Mobbing: Depression ist eine Krankheit, die auch Kinder und Jugendliche trifft. Häufig wird sie zu spät erkannt. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,755822,00.html
Meistens hören Betroffene blöde Sprüche wie "da muss man sich halt zusammenreißen" oder "jeder ist mal schlecht drauf". Wir brauchen mehr Geisteswissenschaften, sonst geht die Gesellschaft vor die Hunde. Depression ist eine schlimmer Krankheit, wird aber oft als Einbildung/Schwäche/Drückebergerei abgetan.
tz88ww 18.04.2011
2. Thema des Monats ?
Scheint ja so eine Art Thema des Monats zu sein mit Recycling-Artikeln vom Februar. Alle haben plötzlich "Depressionen" , Hysterische (Zeta-Jones) "manische-depressive" Schübe. Werbewochen für "Antidepressiva"? Was kommt als nächstes? Ich denke, man müsste diesen Cholesterin-Humbug mal wieder ein bisschen pushen. Einen schönen Tag noch.
fußgeher 18.04.2011
3. Depression als Rückzug um Frustration grundlegender Bedürfnisse zu vermeiden
Die Depression kann als Rückzug verstanden werden, der dazu dient, die weitere Frustration grundlegender Bedürfnisse zu vermeiden. Dieser Ansatz ist von Klaus Grawe in seinem Buch "Neuropsychotherapie" (Hogrefe, 2004) sehr detailliert dargestellt worden. Grawe nennt folgende vier grundlegenden Bedürfnisse: 1. Bindung 2. Lust 3. Selbstwerterhöhung 4. Kontrolle/Orientierung Er sieht, wie z.B. auch Jeffrey Young mit seiner Schematherapie oder Rainer Sachse mit der Klärungsorientierten Psychotherapie Schemata als zentrale Einheiten der psychischen Organisation. Wichtig ist für das Verständnis der Depression die Unterscheidung zwischen Annäherungs- und Vermeidungszielen. Annäherungsziele führen zur Befriedigung der Bedürfnisse, Vermeidungsziele sollen die Frustration der Bedürfnisse (z.B. Unlust oder Zurückweisung) vermeiden. Andauernde Frustration führt zur Ausbildung von Vermeidungszielen als Teil fest verankerter Schemata. Depressives Verhalten ist also durchaus angepasst (auch wenn die Situation nicht mehr bestehen mag in der es entstanden ist). Wenn die Vermeidungsziele die Oberhand in vielen Bereichen gewonnen haben, dann ergibt sich fast zwangsläufig der im Bericht geschilderte Rückzug. Außerdem führt dieser (und die durch die Schemata strukturierte Wahrnehmung) zu weiteren Mißerfolgserlebnissen und ggf. zu einer durch diese gefilterten und gefärbten Wahrnehmung der Umwelt. Das heißt in der Folge auch, dass weder durch Psychopharmaka noch durch Veränderung der Kognition eine Heilung der Depression möglich ist. Depression scheint zuvorderst eine Beeinträchtigung des motivationalen Systems zu sein. Wenngleich z.B. kognitive Therapien gut wirken, so tun sie das vermutlich vor allem auf der Ebene der Beziehung zwischen Therapeutin und Klientin. Psychopharmaka als alleinige Therapie einer Depression reduzieren diese auf eine Fehlfunktion des Gehirns und beruhen an dieser Stelle auf einem zu einseitigen Bild der Seele.
Michael Giertz, 18.04.2011
4. Depressionen
Zitat von sysopLeistungsdruck, Familienkonflikte, Mobbing: Depression ist eine Krankheit, die auch Kinder und Jugendliche trifft. Häufig wird sie zu spät erkannt. http://www.spiegel.de/spiegelwissen/0,1518,755822,00.html
Niemand wird "einfach so" depressiv. Der ohnehin knappe Artikel gibt zu spärliche Informationen her, WIE jemand depressiv wird lässt sich zu sehr über das Einzelschicksal aus. Ich bin nun kein Psychologe. Aber da ich selbst depressive Störungen hinter mir habe, kann ich zumindest auf einen Erfahrungsschatz zurückgreifen. 1. Es ist fast NIE nur ein Einzelerlebnis, sondern es sind IMMER eine Kombination verschiedener Ereignisse, die einen Menschen dazu bringen, depressiv zu werden. 2. Leistungsdruck bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit sind zwei solche Faktoren, die für sich allein nicht unbedingt gleich in Depressionen führen, im Kombination, insbesondere bei Vernachlässigung oder fehlendem Rückhalt bei Freunen und Familie die perfekte Mischung darstellen. Also grob gesagt: wer vor nichtbewältigbaren Problemen steht und nirgendwo eine helfende Hand erwarten kann, wird totsicher depressiv, wenn der Zustand längere Zeit anhält. 3. Fehlende Emanzipation kann ebenfalls ein Depressionsgrund sein: junge Männer und Frauen, die bis 25 und länger im "Hotel Mama" wohnen, können u.U. depressiv werden, weil sie nicht die Möglichkeit haben, sich zu entfalten. Ist man einmal drin in den Depressionen ist es eigentlich unmöglich, aus eigener Kraft noch den Absprung zu schaffen, ergo auszuziehen und ein eigenes Leben zu beginnen. Notfalls müssen halt die Eltern den "Tritt" geben, sprich: mit Tochter oder Sohn auf Wohnungssuche geben und einfach "nachhelfen". 4. In Punkt 2 erwähnte ich die "Perspektivlosigkeit" im allgemeinen. Hier soll sie nochmal speziell daherkommen: Arbeitslosigkeit bzw die Furcht vorm sozialen Abstieg und die eigene Ohnmacht, etwas daran zu ändern, sei es aus finanziellen oder familiären Gründen sind auch Depressionsgründe. Auf Jugendliche umgelegt bedeutet das auch bei schlechten schulischen Leistungen und den damit verbundenen Leistungsdruck von Seiten der Eltern, dass sie schon in frühen Jahren befürchten müssen, ein Leben in Hartz-IV zu verbringen und ganz am Anfang des Lebens einen sozialen Abstieg hinnehmen zu müssen, wenn die Eltern z.B. Mittelschichtler waren. Usw usf. Ich kann's auch auf einen einfachen Satz bringen: das persönliche/soziale Umfeld, die gesellschaftliche und persönliche Entwicklung sind mächtige Einflussfaktoren auf die geistige Gesundheit eines jeden Menschen. Und unsere Gesellschaft macht krank, weil sie keinen Platz mehr hat für Leute, die nur knapp an der Norm scheitern ...
Forumkommentatorin 18.04.2011
5. ....
Der Grund für Depressionen (Niedergeschlagenheit) ist, wenn die äußeren Lebensumstände nicht mit den persönlichen Bedürfnissen übereinstimmen. Es gibt keine unerklärlichen Gründe. Die genetische Vererbbarkeit wird deshalb falsch vermutet, weil es von den Elterngenerationen nicht vermittelt wird, für seine Bedürfnisse und Sehnsüchte einzutreten und sie sich zu erfüllen. Ganz einfache Geschichte.
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