Der SPIEGEL

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22. Februar 2011, 00:00 Uhr

Arbeit und Familie

Schreie, die keiner hört

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Leistungsdruck, Familienkonflikte, Mobbing: Depression ist eine Krankheit, die auch Kinder und Jugendliche trifft. Häufig wird sie zu spät erkannt.

Es war ein lichtdurchfluteter, warmer Sommertag, als es für Laura nicht mehr hell wurde. Die Sommerferien hatten gerade erst begonnen, eigentlich die schönste Zeit für Jugendliche, Zeit für Freunde und Freiheit, den ersten Flirt.

Aber Laura, 14, die immer sportlich gewesen war, schaffte es kaum noch aufzustehen. Ihre Eltern und Freunde glaubten an eine Laune, eine Phase, wer hat die denn nicht, in der Pubertät? Warum auch sollten sie sich sorgen? Das Mädchen lebte in einer intakten Familie im gut situierten Berliner Westen, keine Geldsorgen, keine größeren Schulprobleme, kein Liebeskummer. Und doch wollte es für Laura nicht mehr hell werden. Das Licht wurde fast ihr Feind.

Laura verdunkelte ihr Zimmer, schaltete das Handy ab, löschte ihr Foto auf der Facebook-Seite, als wollte sie verschwinden, und blieb tagelang einfach zu Hause, meist im Bett. Sie lebte innerlich und äußerlich in einer Dunkelkammer, zu der niemand Zutritt hatte und aus der sie selbst nicht herausfand. Worte findet sie dafür immer noch nicht, auch jetzt nicht, obwohl es ihr wieder besser geht, seitdem sie und ihre Eltern wenigstens wissen, welchen Feind sie da zu bekämpfen haben, seitdem Lauras Dunkelheit einen Namen hat: Depression.

"Das Schlimmste war diese Stille"

Für Laura war die Diagnose der erste Schritt zur Genesung, für ihre Eltern war sie ein Schock. Ihre Mutter Martina hatte eine Ahnung, "aber wer will das schon glauben, wer will das schön hören: Ihr Kind ist depressiv!" Also ließen sie die Tochter anfangs in Ruhe, doch als Laura nach den Ferien auch in der Schule abrutschte, ihren früher so geliebten Tanzkurs schwänzte und am liebsten nur noch schwarze T-Shirts tragen wollte, griffen die Eltern ein. Erst versuchten sie es selbst, mit Motivation, mit Druck, aber je stärker sie auf Laura zugingen, umso weiter zog sie sich zurück. "Wenn sie wenigstens geschrien, geklaut oder auf mich eingeprügelt hätte", sagt ihre Mutter. Das Schlimmste, erinnert sie sich, "war diese Stille".

Depressionen bei Jugendlichen sind eine "leise" Krankheit, werden sie doch in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen häufig als Pubertätswirren missdeutet. Das macht sie so gefährlich, so unheimlich, so unfassbar. Lange war die Diagnose Depression für Erwachsene reserviert. Inzwischen finden Fachärzte depressive Störungen sogar schon bei Vierjährigen, Schätzungen zufolge werden bis zu 20 Prozent der Jugendlichen im Lauf des Heranwachsens mindestens einmal von der Finsternis verfolgt, die ihr Gemüt verklebt. Ohne Behandlung laufen sie Gefahr, dass ihre Krankheit chronisch wird.

Erhöht ist das Risiko für Mädchen und für Kinder, deren Eltern an einer depressiven Störung erkrankt waren; Armut gilt neuerdings ebenfalls als wichtiger Faktor. Ausgelöst werden kann eine Depression von einem starken Stresserlebnis, etwa einem Todesfall oder massiven Familienkonflikten. Doch auch Gewalt und chronische Vernachlässigung können eine Rolle spielen, ebenso Mobbing und anhaltender Druck in der Schule. Und manchmal ist die Ursache, wie bei Laura, einfach unbekannt.

Bleibt eine Depression bei Kindern und Jugendlichen unentdeckt, wächst die Gefahr, dass sich andere psychische Erkrankungen einschleichen, eine Sucht zum Beispiel oder eine Essstörung.

Das Problem bei Depressionen im Kindheits- und Jugendalter: Die Symptome sind oft sehr unspezifisch. Wenn ein Kind traurig ist, häufig über Bauchschmerzen klagt, sich zurückzieht oder Angst hat, kann das auf alle möglichen psychischen Störungen hindeuten. Es kann aber auch völlig normal sein und wieder vergehen, nur eine dieser berühmten Phasen sein, über die Eltern so gern stöhnen.

Kinder dürfen traurig sein. Wenn ein Haustier gestorben ist, ist es völlig normal, wenn ein Kind mal zwei Wochen lang trauert. Wenn aber aus den Wochen Monate werden oder keine klare Ursache für die Düsternis erkennbar ist, dann sollten sich die Eltern Hilfe holen und das erste große Hindernis überwinden: ihre Scheu vor einem Besuch beim Psychologen.

Die Kinderpsychiaterin Laura Prager vom Massachusetts General Hospital in Boston empfiehlt in der Fachzeitschrift "Pediatrics in Review", bei der Diagnose vor allem die jeweilige Entwicklungsphase zu beachten. Was für ein Kind eines bestimmten Alters einen akuten Stressauslöser darstelle, könne sich bei einem älteren Kind weniger stark auswirken. Zudem sollten Kinderpsychiater den sozialen Hintergrund der Familie und die medizinische Geschichte der Betroffenen berücksichtigen. Wichtig sei auch, das Selbstmordrisiko der jungen Patienten einzuschätzen. Gedanken an einen Suizid sollten Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen in jedem Fall ernst nehmen: Bei jungen Menschen ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen.

Ein starkes Ich - das beste Gegengift gegen Depression

Die ungenauen Diagnosekriterien für Kinder und Jugendliche führen bei Ärzten und Eltern zu einer Ratlosigkeit, die in Überreaktion oder Verharmlosung münden kann. Es ist ähnlich wie bei der Verunsicherung, mit der sich Eltern über ein Baby beugen, das nicht aufhört zu schreien: Hat es nur Hunger, ist es müde, sind es nur Blähungen oder Angst oder eben doch richtige körperliche Schmerzen irgendwo, aber keiner kann herausfinden wo?

Nur dass die Schreie depressiver Jugendlicher oft nicht zu hören sind. Auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde in Berlin identifizierten Fachärzte kürzlich die ungenauen Diagnosemöglichkeiten als größtes Hindernis für Mediziner und Eltern beim Erkennen depressiver Störungen. Einig waren sich die Experten auch in einem Punkt, den Lehrer schon lange beobachten: Schulstress und Mobbing werden in Deutschland immer öfter als Ursache erkannt, wenn Jugendliche in ein tiefes Loch fallen.

Bildung, Bildung, Bildung

Für Lars, 13, fing alles damit an, dass seine Eltern ihn unbedingt auf ein Gymnasium schicken wollten, obwohl seine Noten nicht unbedingt nach Abitur rochen. Sein Vater hatte früher bei Siemens gearbeitet und gerade seinen Job verloren, in Lars sollte nun alles investiert werden: Bildung, Bildung, Bildung - als Risikoversicherung gegen eine ungewisse Zukunft und die Ängste der Eltern.

Lars war der Einzige aus seinem alten Freundeskreis, der auf das Gymnasium im Prenzlauer Berg geschickt wurde, dort traf er auf lauter "Schnösel", wie er heute sagt. Die hatten andere Sprachkodizes, sie trugen andere Klamotten als er und ließen ihn das spüren: Beim Fußball gehörte er eigentlich zu den Besten, wurde aber immer als Letzter in eine Mannschaft gewählt.

Bei seinen alten Kumpels galt er nun als der Elitäre, den neuen Mitschülern war er nicht gut genug. Lars fand keinen Platz mehr, sich selbst nicht mehr. Seine Noten verschlechterten sich, er wurde immer stiller, und die Wut des Vaters wuchs.

Es war sein alter Fußballtrainer, der es zuerst bemerkte und die Notbremse zog, in einem Gespräch mit den Eltern: Aus dem normalen Jungen war ein düsterer Grübler geworden, der immer häufiger beim Training fehlte, der talentierte Stürmer wollte nur noch Abwehr spielen. Und sich möglichst nicht bewegen. Nichts falsch machen. Keine Kritik provozieren. Manchmal wechselte er sich selbst aus. Lars' Rettungsanker war eine Therapie, die nicht nur seine inneren Nöte zum Thema machte, sondern auch die des Vaters.

Gründe für eine Depression sind meist vielschichtig

Fest steht: Die Gründe für eine Depression sind meist vielschichtig, selten gibt es nur den einen alles erklärenden Faktor. Die Gene spielen eine Rolle, doch ebenso neurobiologische Faktoren und Umwelteinflüsse. Auch können Fehlfunktionen von Botenstoffen im Gehirn, besonders von Serotonin, zu Störungen der Stimmung führen.

Erkranken die Eltern beispielsweise selbst an einer Depression, bedeutet das für ihren Nachwuchs ein doppeltes Risiko: einerseits eben durch ihr Erbgut und andererseits, weil sie ihren Kindern oft keine emotionale Stabilität geben können.

Darüber hinaus können die Weichen für eine Depression bereits vor der Geburt gestellt werden: Steht die Mutter unter chronischer seelischer Anspannung, werden bei ihr verstärkt Stresshormone ausgeschüttet, die im Fötus die Reifung bestimmter Hirnregionen fehlsteuern. Das junge Gehirn kann somit auf Stress und Angst programmiert werden.

Bei der Behandlung junger Depressiver sind Psychotherapien wie die kognitive Verhaltenstherapie eine sehr beliebte Wahl. Dabei lernen die jungen Patienten, an ihrer oftmals verzerrten Wahrnehmung zu arbeiten und auch Verhaltensmuster zu ändern. Das Klima, in dem Jugendliche aufwachsen, wird zum größten Teil von Familie und Schule bestimmt, wo, wie die Fachärzte auf ihrem Kongress in Berlin festgestellt haben, sich die negativen Faktoren verstärken.

Zu wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung

Dass Kinder oft schon im Kindergarten auf Leistung getrimmt werden, macht sie zu Konkurrenten statt zu Freunden. Der Bildungsdruck des Elternhauses sowie immer neue Schulreformen lassen zu wenig Raum für Persönlichkeitsentwicklung, für eine Entwicklung, in der Ausschläge nach oben und unten als normal gelten, aufgefangen werden und sich nicht krankhaft verfestigen in Verweigerung oder übertriebenem Ehrgeiz.

Erschwert wird das seelische Wachstum durch die mediale Überhöhung glamouröser "Vorbilder", die fragwürdige Werte propagieren und das Selbstwertgefühl von Jugendlichen mindern können. Auch die tägliche intensive Beschäftigung mit Computerspielen kann Jugendliche vereinsamen lassen und sowohl ihr Ich-Gefühl als auch ihre Weltwahrnehmung nachteilig verändern.

Und dann ist da noch das Internet. Mobbing, unter Kindern und Jugendlichen durchaus verbreitet, stört die Entwicklung nachhaltig. Mobbing kann Ausdruck von Konkurrenzdenken sein und vollzieht sich vielfach unbekümmert in Gruppen. Doch Gemobbt werden gilt als einer der stärksten Auslöser für Depressionen bei Heranwachsenden. "Wenn wir uns nicht um den Geist kümmern, kommt der Ungeist, und der ist schon in unsere Gesellschaft und unsere Schulen eingezogen", klagt die Berliner Schulleiterin Margret Rasfeld, die auf reichlich Erfahrung mit Mobbing, Burnout und Depression unter jungen Menschen zurückblickt.

Nach dem Studium war sie 15 Jahre lang Lehrerin an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen. 1992 wechselte sie zur Gesamtschule und baute als Didaktische Leiterin zunächst die Gesamtschule Essen-Borbeck auf, dann war sie von 1997 bis 2007 Schulleiterin in der vielfach ausgezeichnete Gesamtschule Essen-Holsterhausen.

Seit 2007 entwickelt sie an der neu gegründeten Evangelischen Schule Berlin Zentrum ein anspruchsvolles bundesweit beachtetes und prämiertes Reformschulprogramm. "Es geht um den kleinen großen Mut im Alltag, der täglich eingesetzt werden kann", sagt sie. An ihrer Schule gibt es nicht nur die Fächer Mathe und Deutsch, sondern auch die Fächer Verantwortung und Herausforderung, die zu einem starken Ich führen - dem besten Gegengift gegen Depression.

Für Lars jedenfalls ebnete ein Schulwechsel und ein entspannteres Verhältnis zu seinem Vater den Weg aus der Dunkelheit. Er spielt wieder im Sturm. Er setzt auf Sieg. Und: Niederlagen hauen ihn nicht mehr um.

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