Helfen und heilen Computer statt Couch

Selbsthilfegruppen tauschen sich in Online-Foren aus, Ärzte behandeln Patienten per E-Mail - die Psychotherapie ist im Internet angekommen. Wie gut ist die Hilfe aus dem Netz?
Beratung im Internet: Wie gut ist die psychologische Hilfe aus dem Netz?

Beratung im Internet: Wie gut ist die psychologische Hilfe aus dem Netz?

Foto: Corbis

Sie wollte ihr Geheimnis mit ins Grab nehmen. Sie hatte es niemandem erzählt. Ihrem Mann nicht, keinem Arzt und auch keiner Freundin. "Ich bin als Kind sexuell missbraucht worden" - es wäre ihr nicht im Traum eingefallen, sich jemandem anzuvertrauen. Doch als sie diesen Satz auf dem Bildschirm ihres Computers flimmern sah, spürte sie, dass es richtig war, sich zu outen. Es war ihr peinlich, aber sie fühlte sich erleichtert. Und der Missbrauch war längst nicht alles. Also tippte Christa K. weiter.

Sie schilderte, wie schwach und antriebslos sie sich fühlte, wie faul sie sich vorkam, weil sie ihren Job als Krankenschwester kaum noch schaffte. Was sie jahrzehntelang nicht hatte wahrhaben wollen, landete nun mit nur einem Klick auf einer Internetseite.

Es war eine Befreiung, all das zu erzählen. Irgendjemandem. Und irgendwie niemandem. Die Anonymität des Internets war ihre Rettung.

Heute, neun Jahre später, weiß Christa K., dass ihre schwere Depression auch mit den traumatischen Erlebnissen ihrer Kindheit zusammenhängt. "Ich wusste, dass ich reden musste", sagt die 48-Jährige. Doch dabei jemandem in die Augen sehen, das konnte sie nicht.

Im Internet war Christa K. auf ein Selbsthilfeforum gestoßen, eingerichtet vom "Kompetenznetz Depression". Zunächst las K. nur die Beiträge anderer Nutzer. Sie merkte, dass es vielen so ging wie ihr, fasste Mut und fing an zu schreiben. 34 Jahre hatte es gedauert, bis sie aussprechen konnte, was ihr als kleines Mädchen angetan worden war. Es vergingen keine zwei Stunden, bis der erste User auf ihren Beitrag antwortete. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Christa K. das Gefühl, verstanden zu werden.

Depressionen

"Ohne das Forum hätte ich meine Depression nicht überlebt", sagt sie mit fester Stimme. Erst die virtuellen Kontakte flößten ihr das nötige Selbstvertrauen ein, um eine Therapie zu beginnen. "Wer sich einmal outet, schafft es auch ein zweites Mal."

So wie Christa K. geht es vielen Betroffenen. In Deutschland leben rund vier Millionen behandlungsbedürftige Depressive. Nur sechs bis neun Prozent von ihnen werden ausreichend therapiert. "Ein Online-Forum kann zwar den Kontakt zum Therapeuten nicht ersetzen", sagt Nico Niedermeier, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Mitbegründer der Plattform. Es sei jedoch in vielen Fällen die erste Anlaufstelle. "Die Hemmschwelle ist niedrig, das Fachwissen im Forum immens."

Der große Vorteil gegenüber einer konventionellen Selbsthilfegruppe: Die Betroffenen sind weder an Zeit oder Ort gebunden. Selbst in der Nacht sind Nutzer online. Speziell für Depressive in akuten Krankheitsphasen ist das eine große Erleichterung, denn ein Zusammenbruch kennt keine Sprechzeiten.

An die 150 neue Beiträge erscheinen täglich im Forum. Die Betroffenen tauschen sich über die Krankheit aus, geben Tipps zu Therapien und helfen bei Problemen mit der Krankenkasse. Doch die Flut an Beiträgen birgt auch Gefahren. Fehlinformationen oder flapsige Kommentare können die Nutzer stark verunsichern. Gerade bei seelisch angeschlagenen Menschen kann ein falsches oder auch missverstandenes Wort fatale Folgen haben. Das Forum wird deshalb von zwei Fachleuten begleitet, die stets einen Blick auf die Dialoge haben.

"In der Regel helfen sich die User gegenseitig"

Niedermeier ist einer der Moderatoren. Der Arzt liest jeden einzelnen Eintrag mit, für den Fall, dass er beratend eingreifen muss. "In der Regel helfen sich die User aber gegenseitig", sagt Niedermeier - das sei auch der Sinn des Forums.

Die Unterscheidung zwischen realer und virtueller Welt hält der Arzt sowieso für überflüssig. "Heute wissen die User, dass Äußerungen im Netz nicht folgenlos sind." Allen Forumsbesuchern sei bewusst, dass hinter Namen wie "Armageddon", "depri47" und "Hoffnung2010" echte Menschen stecken.

Auch Christiane Eichenberg, Privatdozentin für Psychologie an der Universität Köln, ist überzeugt davon, dass Online-Selbsthilfeforen eine nützliche Ergänzung zur Therapie sein können. Sie erforscht seit mehr als zehn Jahren, welche Möglichkeiten das Internet für Patienten mit psychischen Störungen bietet. Eichenberg geht davon aus, dass webbasierte Behandlungsangebote in Zukunft an Bedeutung gewinnen werden. 43,7 Prozent der deutschen Internetnutzer seien bereit, das Netz bei psychischen Belastungen in Anspruch zu nehmen, ergab eine ihrer Studien.

Nicht nur Selbsthilfegruppen, auch die professionelle Psychotherapie ist im World Wide Web angekommen. International gibt es bereits eine Reihe von Programmen, die auf purem E-Mail-Kontakt beruhen. Anders als bei der Behandlung unter vier Augen lernen sich Patient und Therapeut nicht persönlich kennen, sondern kommunizieren schriftlich.

Therapie via Internet

Wissenschaftler an der Universität Amsterdam entwickelten schon 2001 eine standardisierte Therapie via Internet. Sie heißt Interapy und wird bereits seit einigen Jahren erfolgreich praktiziert (www.interapy.nl) . Es handelt sich um eine stark strukturierte Schreibtherapie, in der ein Therapeut dem Patienten per E-Mail quasi Hausaufgaben aufgibt, etwa: Schreibe ein Erlebnis aus deiner Kindheit auf, verfasse einen Brief an deine Mutter. Innerhalb eines bestimmten Zeitraums erhält der Patient Rückmeldung und eine neue Aufgabe. Der Umfang der Mails, die Zeit zum Antworten sowie die Anzahl der Kontakte sind bereits vor Therapiebeginn festgelegt.

"Psychologische Beratung per Mail ist sicherlich nicht für jeden das Richtige", sagt Therapieforscherin Eichenberg. Man wisse zwar, dass der Austausch über das Internet vielen Betroffenen nütze. Aber es gebe noch viele ungeklärte Fragen: Bei welchen Problemen eignet sich die Hilfe im Netz? In welchen Krankheitsphasen ist sie sinnvoll?

In Deutschland zählt Therapie per Internet nicht zu den anerkannten Behandlungsformen, daher wird sie von den Krankenkassen auch nicht bezahlt.

An der Universität Zürich wurde kürzlich untersucht, ob bei Depressionen eine auf das Internet gestützte Psychotherapie mit einer Therapie von Angesicht zu Angesicht mithalten kann. Das Ergebnis verblüffte sogar die am Projekt beteiligten Wissenschaftler: In der Wirkung waren keinerlei Unterschiede feststellbar.

Die Nachteile der Online-Therapie, etwa die mangelnde persönliche Nähe, würden durch große Vorteile kompensiert, erklärt Studienleiterin Birgit Wagner: "Für Depressive, die es kaum aus dem Bett schaffen, ist die Suche nach einem passenden Therapeuten oft eine unüberwindbare Hürde."

Internettherapie hält sie auch aus einem ganz anderen Grund für zeitgemäß: "Die Menschen ziehen heute oft um und sind dienstlich viel unterwegs. Da ist es für sie beruhigend, wenn sie ihren Therapeuten von jedem Ort der Welt aus erreichen können."