Kinder und Eltern Von null auf 100 Billionen

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3. Teil: "Das Gehirn ist eine Regelsuchmaschine"


Die Grenze zum Training sollten Eltern im Umgang mit ihren Mini-Einsteins nie überschreiten. Kinder müssen vor allem eines: spielen. So entdecken sie die Welt. "Unser Job als Eltern ist es, uns in Sachen Förderung von unserem Baby führen zu lassen", sagt der Göttinger Hirnforscher Gerald Hüther. "Es sagt uns schon, ob es gerade neugierig ist und nach Anregungen sucht, ob es einfach nur Nähe braucht oder schlicht in Ruhe gelassen werden will." Wofür das Hirn eines Kindes noch nicht ausgereift ist, das kann es gar nicht lernen.

Elterliche Förderung kann daher nur darin bestehen, altersgerechte Angebote zu machen, um die angeborene Neugier und Entdeckungsfreude des Kindes zu unterstützen. Das können Spielsachen wie Mobiles, Bauklötze oder Stifte sein, aber auch sinnliche und geistige Anregungen: Schon mancher Säugling beobachtet fasziniert Licht- und Blätterspiel in einem Baum - dafür aber muss ihn jemand darunterlegen. Und mancher Dreijährige würde gern einen Drachen basteln - dafür aber muss ihm jemand mit Schere, Leim, Pappmaché und Anleitung zur Seite stehen. "Kinder müssen Millionen Abläufe in der Welt für ihre natürliche Entwicklung kennenlernen", sagt Neurowissenschaftler Korte, "diese Chance sollten sie haben."

Kinder in den Alltag einbeziehen und spielerisch mitmachen lassen

Eltern dienen dabei ganz von selbst als Vorbild, wie jeder weiß, dessen 20 Monate alte Nachwuchs-Diva am liebsten in hochhackigen Glitzerschuhen durchs Kinderzimmer stolziert. Je mehr die Großen erzählen, vorlesen und teilen, je mehr sie vorleben und vormachen, desto mehr erweitern sie den Horizont ihrer Kleinen. Schon Säuglinge lernen unentwegt durch Nachahmung. Eltern können ihre Kinder ganz einfach fördern, indem sie diese in ihren Alltag einbeziehen und spielerisch mitmachen lassen, ob beim Kochen, beim Einkauf oder bei der Autowäsche.

"Man kann nicht erwarten, dass die Kinder alles, was man ihnen vormacht, im Kopf behalten", sagt Entwicklungspsychologin Sabina Pauen, "aber was man nicht anbietet, kann auch nicht ausprobiert werden." Auch komplexere Verhaltensweisen, etwa den Umgang mit Konflikten, eignen sich die Kleinsten durch solches "Modelllernen" an. Wie Eltern Ärger ausdrücken und Aggressionen austragen, hat darum unmittelbare Konsequenzen auf das Normalitätsverständnis ihrer Kinder: Wer immer wieder schlägt oder brüllt, der vermittelt, dass Schlagen und Brüllen angemessene Formen der Konfliktbewältigung sind, und darf sich nicht wundern, wenn seine Kinder es ihm nachtun.

Gerade weil das Hirn durch Wiederholung lernt, bilden regelmäßige, verlässliche und geordnete Abläufe und Strukturen einen wichtigen Rahmen für Kinder. Wenn jeden Tag wieder alles anders ist, können sie sich nicht orientieren - wie sollen sie lernen, wie die Welt funktioniert, wenn es keine erkennbare Ordnung darin gibt?

Klare Verhältnisse kommen Eltern wie Nachwuchs zugute

"Das Gehirn ist eine Regelsuchmaschine", sagt Korte, "und wenn es keine Regel findet, kann es keine Erkenntnis ausbilden." Darum tun Eltern gerade in den ersten Jahren gut daran, regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten vorzugeben, feste Tagesrituale - etwa Bilderbuchgucken oder Baden - einzurichten und ihren Kindern keine allzu häufigen Veränderungen zuzumuten; selbst Urlaube an fremden Orten mögen die ganz Kleinen nicht.

Klare Verhältnisse kommen Eltern wie Nachwuchs auch dann zugute, wenn mit etwa anderthalb Jahren die Trotzphase einsetzt. Dann entwickeln Kinder ein wachsendes Bedürfnis nach Unabhängigkeit - dass sie viel wollen, aber wenig wirklich können und noch weniger dürfen, ist eine verständliche Quelle der Frustration. Und weil ihr Hirn noch nicht die Fähigkeit zur Selbstkontrolle ausgebildet hat, äußert sich der Frust in den Tobsuchtsanfällen, an denen viele Eltern schier verzweifeln.

Noch ist der Erziehungsstil nicht erfunden, der die "terrible twos" verhindert, aber auch hier hilft es, wenn Kinder Sicherheit durch eine verlässliche Reaktion der Eltern finden. Wer konsequent nein sagt, wenn der kleine Liebling nach den Schokoriegeln an der Supermarktkasse grapscht, wird beim ersten und zweiten Mal vielleicht eine Schreiattacke aushalten müssen - aber danach nicht mehr. Und wenn der Trotz sich doch Bahn bricht: tief durchatmen, sich klarmachen, dass das Kind gerade wirklich existentielle Enttäuschung, Panik und Verzweiflung spürt, in seiner Nähe bleiben und Körperkontakt spenden, wenn der Anfall vorüber ist. Ein Trost: Kinder muten gerade denjenigen die schlimmsten Ausbrüche zu, bei denen sie sich am sichersten fühlen.

Rund 60 Prozent aller deutschen Eltern, so schätzen die Forscher, geben ihren Kindern in den ersten Jahren das Rüstzeug mit, das sie fürs Leben brauchen. Das ist deutlich weniger als in früheren Jahrzehnten; die "Problemeltern" finden sich vor allem in sozial schwächeren Schichten. Doch wenn man Babys und Kleinkinder nicht gerade so vernachlässigt wie in einem rumänischen Waisenhaus, lassen sich Versäumnisse in der frühen Kindheit durchaus später noch ausgleichen.

Das ist zwar schwierig; unmöglich ist es nicht. Die ersten Jahre prägen, aber "prägend im Sinne von nicht wiedergutzumachend gibt es nicht", sagt Frühpädagoge Kasten. "Wir erfinden uns jeden Tag neu und verändern uns ein Leben lang."

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Steinwald 25.09.2011
1. s
nicht schon wieder, man kanns nicht lesen. solche artikel wirken verheerend auf solche pfeifen wie die prenzlbergverwüster. man kanns wirklich nicht mehr lesen.
Emmi 25.09.2011
2. Glück der Kinder vs. Glück der Eltern
Wenn die Kinder "es zu etwas bringen", "aus ihnen etwas wird", dann macht das wahrscheinlich die Eltern glücklich, nicht aber unbedingt die Kinder. Hohe Intelligenz, Wissen und späterer Erfolg im Beruf sind keine Garanten für Glück, oft sorgen sie sogar für das Gegenteil. Und eine glückliche Kindheit ohne den ständigen Leistungs- und Erwartungsdruck der Eltern kann u. U. mehr zu einem glücklichen Leben beitragen. P.S.: Habe selbst 2 "Kinder" (23, 19, beide mit Abitur), die - soweit ich weiß - glücklich sind und selbstbewusst und -bestimmt ihren Weg gehen, ohne schon als Kleinkinder (oder später) unter Leistungsdruck gesetzt worden zu sein.
Rotaermel 25.09.2011
3. Schlau gemacht...
Intelligenz beweisen hier vor allem die schlauen Leute, die sich diese Geschäftsidee haben einfallen lassen. Die Stimmung und der Förderungswahn in unserer vom Leistungsdruck geprägten Gesellschaft ist ja auch ein perfekter Nährboden für so einen Schwachsinn. Geldmacherei, weiter nichts. Ich behaupte, dass man bei der Durchführung einer Studie feststellen würde, dass das kaum einen messbaren Effekt hat, denn es ist erwiesenermaßen so, dass die Intelligenz eines Menschen überwiegend bei der Geburt biologisch bestimmt ist. Und steigern kann man sie optimalerweise dadurch, dass die Eltern von Anfang an sich viel mit dem Kind beschäftigen und mit ihm reden, aber nicht dadurch, dass man ihnen so einen Blödsinn aufbürdet.
McMacaber 25.09.2011
4. ...
.. gehöre wohl auch zur gruppe der prenzlberg-verwüster, aber lege doch eher den schwerpunkt auf "glückliche kindheit". abgesehen von der kita, wo es zweisprachig läuft - gespielt wird auch auf englisch, würde wir unserer kleenen so etwas nicht zumuten. ich sehe auch den vorteil nicht ganz - das schulsystem in B ist alles andere als elitär, zudem kann nahezu jeder seine brut später aufs gymnasium boxen. drei jahre ist für manche bereiche natürlich ein recht "wichtiges" alter - zb sollte sich eine musische begabung oä zeigen, wäre es hier an der zeit, aber jedoch spielerisch, an eine frühkindliche musikerziehung zu denken. aber das ist situativ, und nicht leicht herauszufinden, weil man als eltern natürlich immer irgendwie alles toll findet, was das kind so anstellt, und so schnell aus einem normalen kind der perspektivische klavier-virtuose wird :-). persönlich halte ich es auch für total vernachlässigbar, ob kinder ein jahr in der schule überspringen oder im worst case sitzen bleiben. erstmal im job, relativiert sich sowas recht flott. das leben wird schon früh hart genug, und dank bologna noch etliches früher als zu meiner zeit (jahrgang 75), da sollte man sich nicht gedanken über den frühzeitigen lese-/schreib-vorteil machen, sondern das "wie bespaße ich meine brut heute" :-).
Indigo76 25.09.2011
5.
Ich persönlich halte überhaupt nichts von Eltern, die ihren Kindern vor der Schulde das lesen beibringen. Diese Kinder sind dann in den so wichtigen Grundschuljahren extrem unterfordert, dabei sind sie gar nicht intelligenter als ihre Mitschüler. Die Folge sind Lengeweile, fehldiagnostizierte ADHS und verkümmerte Sozialkompetenz, da es nicht zu einem miteinander Lernen kommt. Als nächstes kommt dann der Glaube der Eltern, ihr Kind sei hochintelligent. Es kommt in besondere Schulen, evtl. werden sogar Klassen übersprungen. Die anfängliche Unterforderung verkehrt sich plötzlich in eine Überforderung. Fazit: Die gesammte Kindheit ist versaut. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, ein Kind vor der Schule zu fördern, ohne es diesen Gefahren auszusetzen. Da gibt es den musikalisch/künstlerischen Bereich. Wenn ein Elternteil eine Fremdsprache spricht bietet sich auch die zweisprachige Erziehung an. Wichtig dabei ist, dass es spielerisch und ohne Zwang geschieht. Ein Schüler kann sich nicht einfach weigern zu lernen. Wenn aber ein Vorschüler sagt, dass er jetzt keine Lust zum lernen hat, sondern lieber mit Legosteinen spielen möchte, dann sollte diesem Wunsch unbedingt nachgegeben werden. Der Ernst des Lebens beginnt früh genug.
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