Die gefährdete Generation "Fasziniert und abgestoßen"

Corbis

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2. Teil: "Da entstehen diffuse Ängste."


Als sie herausfindet, dass ihr Sohn in seinem Zimmer heimlich im Internet surft, bleibt der große Ärger aus. "Carl hat mir erklärt, warum das so wichtig sei für ihn", sagt Rückert. "Am Ende haben wir uns auf bestimmte Zeiten geeinigt. Wenn er sich nicht daran hält, schalte ich den Router ab."

Corinna Rückert gehört zu der Elterngeneration, die in den siebziger Jahren groß geworden ist, "mit Drogen und Hippie-Musik". Sie hat in einer Kommune auf dem Land gewohnt, bevor sie nach Lüneburg zog, in ein Reihenhaus mit Garten.

Was sie bei Elternabenden erlebt, findet sie zum Teil "haarsträubend". Da gibt es Mütter und Väter, die um jeden Preis verhindern wollen, dass ihre Kinder mit Pornografie in Kontakt kommen, die nach Schutzmaßnahmen und Verboten rufen. "Das wäre doch, als würden wir Messer und Gabel abschaffen, nur weil wir nicht in der Lage sind, unseren Kindern Tischmanieren beizubringen", meint Rückert. "Ich frage mich, ob diese Eltern ihre eigene Jugend vergessen haben."

Eltern haben Angst vor "sexueller Verwahrlosung" und "Verrohung"

Pornos könnten sogar einen pädagogischen Effekt haben. "Ich muss Jugendlichen heute nicht mehr erzählen, wie Sex technisch funktioniert." Im digitalen Zeitalter gehe es weniger um klassische Aufklärung als um die "Vermittlung sexueller Werte", wie Menschen in Beziehungen miteinander umgehen.

Viele Eltern hätten schlicht keine Vorstellung von dem, was ihre Kinder im Netz beschäftigt. "Da entstehen dann diffuse Ängste." Solche Ängste werden noch geschürt, wenn in den Medien von einer "Generation Porno" die Rede ist, von "sexueller Verwahrlosung" und "Verrohung".

Für den Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt sind solche Diagnosen "Phantasmen der Alten" und "moralische Panikmache". Es sei ganz normal, dass Jugendliche sich für alles Sexuelle interessierten, also auch für Pornos. Was hingegen Liebe ist und wie Beziehungen funktionieren, lernten Kinder an den Modellen ihrer Umgebung. Das Vorbild der Eltern sei entscheidend, wie diese mit sich und ihrem Körper umgehen, wie sie als Paar interagieren.

"Sicherlich gibt es sexuell verwahrloste Jugendliche", weiß auch Pornospezialistin Rückert. "Das Problem ist aber nicht primär Pornografie, sondern beruht auf sozialen Schwierigkeiten."

Wenn Jugendliche keine echten Liebesbeziehungen aufbauen könnten oder sich Anerkennung über Sex holen müssten, dann sei schon vor der Pubertät etwas schiefgelaufen. "Dann sind sie als Kinder vernachlässigt worden, haben ein geringes Selbstwertgefühl." In solchen Fällen könnten Pornos dazu beitragen, ein falsches Bild von der Realität zu verfestigen. "Bei sozial isolierten Männern kann Pornografie vielleicht der Auslöser für Gewalthandlungen sein - niemals aber die Ursache."

In der Sexualforschung sind sich Wissenschaftler heute weitgehend darüber einig, dass sich die Struktur des sexuellen Begehrens bereits in der Kindheit und der Vorpubertät ausbildet. Mitbestimmend sind Erfahrungen auch in nichtsexuellen Bereichen: die Entwicklung früher Beziehungen, der Umgang mit den Bedürfnissen des Kindes, das erlernte Verhältnis zum eigenen Körper. Schon im Kindesalter prägen sich individuelle "Lovemaps", Liebesprofile, die steuern, in welche Menschen man sich später verliebt, welche sexuellen Praktiken man bevorzugt.

"Total ekelhaft, wie die die Frau behandelt haben"

"Ein Teenager, der sich einen Porno ansieht, ist keine leere Tafel, in die ein pornotypisches Script eingraviert wird", erklärt Sexualforscher Schmidt. Vielmehr interessiere sich der Teenager vor allem für die Art Pornografie, die ohnehin seinen Vorlieben entspreche. Wenn Jugendliche Videos sehen, die sexuelle Gewalt zeigen, werden sie demnach weder zu Sado-Masochisten noch zu Vergewaltigern. Die meisten fühlen sich von solchen Darstellungen schlicht abgestoßen.

So erging es auch Carl, der im Netz aus Neugier auf ein Video klickte, das eine Szene zeigte, in der mehrere Männer eine Frau gewaltsam zum Sex zwangen. "Total ekelhaft, wie die die Frau behandelt haben", meint Carl, "das habe ich gleich ausgemacht."

Wie sich früher Pornokonsum tatsächlich auf die Sexualität von Jugendlichen, auf ihre Vorstellungen und Phantasien auswirkt, ist indes wenig erforscht. Eine kroatische Studie fand heraus, dass der Konsum expliziter Filme in der Pubertät weder die spätere sexuelle Zufriedenheit noch die Bereitschaft zur Nähe in einer Partnerschaft stört. Allerdings bewiesen niederländische Forschungen einen Zusammenhang zwischen jugendlichem Pornokonsum und der Wahrnehmung der Frau als Sexobjekt.

Corinna Rückert hält auch hier die realen Vorbilder für wichtiger. Sie versucht ihrem Sohn als Mutter ein positives Bild von Frauen zu vermitteln. "Ich zeige ihm, dass Frauen taff sind und den Männern auf keinen Fall unterlegen."



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farview 10.09.2011
1. Pornos
Wie auch immer man zu Pornografie stehen mag: Das allabendliche Abschlachten von Menschen in verschiedensten Krimi- und Actionformaten ist jedenfalls so gut wie nie Gegenstand einer öffentlichen Debatte. Offenbar ist das Auslöschen von Leben gesellschaftlich anerkannter oder weniger empörenswert als Menschen beim Fortpflanzungsakt zu sehen.
neonpunk 10.09.2011
2. Verwahrlosung der Gesellschaft.
die Frau hat doch keine Ahnung von dem was sie da spricht. Sie war doch noch nie in den Pausen der Schulhöfen bei den Kindern dabei gewesen. Als ich 15 war, haben Klassenkameraden bei einer Klassenkameradin versucht, sie zu Gang Bang szenen umzustimmen. Letztendlich hat es auch geklappt! Unvorstellbar, dass sie da auch noch mitmacht. Am Ende hat der Klassenkamerad das Video jeden gezeigt um damit anzugeben. Ich finde, mit Reden löst man vielleicht die Offenheit und erweckt Vertrauen bzw erhält Zugang, aber es garantiert nicht die Dummheit der Jugendlichen. Vorallem ist man bei Jungs nicht so kritisch wie bei Mädchen. Bei Mädchen muss man sich als Elternteil viel mehr mühe geben, denn am Ende des Tages gebären sie das Kind, wenn da was schief läuft.
soylentyellow1 10.09.2011
3. @ Bildreadakteur
Das erste Bild der Klickstrecke kommt ja direkt aus dem Computermuseum. Außerdem: Wer raucht ist bestimmt schon 18 und darf sich auch ganz legal Pornographie angucken. Außer natürlich das Bild ist soo alt dass man damals noch mit 16 rauchen durfte... Gott Sei Dank schützt die amerikanische Verfassung mit seiner freien Meinungsäußerung unser Recht auf Pornographie, denn sonst wäre das natürlich bei uns (Stichwort Jugendschutz) gaanz streng verboten. Außerdem wäre sonst (keine durch die US Verfassung geschützte Free Speech => kein Porn) der technische Fortschritt (Stichwort Flatrate + dsl) nie so schnell gekommen wie er kam und das wäre schlecht für die Wirtschaft gewesen. Was ich aber etwas irritierend finde ist dieser Satz der besagt dass Pronographie nichts mit echtem Sex zu tun hätte. Es stimmt natürlich dass klassischer Porn mit drallen Wasserstoffblondinen und künstlichen Fingernägeln nichts mit der Realität zu tun hat, aber die ganze Pornographie 2.0 (Stichwort: youporn, nicht das geklaute Zeug sondern die echten Amateurvideos die nicht von Exhibitionisten sind) zeigt doch auch Heranwachsenden sehr schön die Bandbreite menschlicher Sexualität und dass eben nicht immer alles perfekt ist, ganz im Gegenteil! Deshalb jetzt alle wie im Musical Avenue Q: "The Internet is for porn!"
Barksdale 10.09.2011
4. ...
Die Heerschar von Moralpropheten hier mag das anders sehen, doch ich halte den Konsum von Pornographie in jungen Jahren für angemessen. Der Wissensbereich in Biologie und Anatomie wird erheblich verbessert, zusätzlich wird aufgeklärt, die sexuelle Selbstbestimmung gefestigt. Und wenn's dann mal ernst wird, weiß Bub und Dame was zu tun ist, um sich einander zu erfreuen.
Barksdale 10.09.2011
5. ...
Zitat von neonpunkdie Frau hat doch keine Ahnung von dem was sie da spricht. Sie war doch noch nie in den Pausen der Schulhöfen bei den Kindern dabei gewesen. Als ich 15 war, haben Klassenkameraden bei einer Klassenkameradin versucht, sie zu Gang Bang szenen umzustimmen. Letztendlich hat es auch geklappt! Unvorstellbar, dass sie da auch noch mitmacht. Am Ende hat der Klassenkamerad das Video jeden gezeigt um damit anzugeben. Ich finde, mit Reden löst man vielleicht die Offenheit und erweckt Vertrauen bzw erhält Zugang, aber es garantiert nicht die Dummheit der Jugendlichen. Vorallem ist man bei Jungs nicht so kritisch wie bei Mädchen. Bei Mädchen muss man sich als Elternteil viel mehr mühe geben, denn am Ende des Tages gebären sie das Kind, wenn da was schief läuft.
In diesem spezifischen Fall geht wohl mehr Gefahr von dem Intellekt des Mädchens aus, dass sich dabei mit der Handykamera filmen lässt. Ihrer Logik zufolge, müssten in Zukunft Küchenmesser ebenso verboten werden. Schließlich kommen dadurch Menschen gar zu Tode.
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