Die gefährdete Generation Kleine Machiavellisten

Kinder gehen durch die Hölle, wenn sie von Mitschülern gemobbt werden. Eltern können gegen die Peinigungen oft wenig ausrichten, aber vieles falsch machen. Eingreifen müssten die Lehrer.
Von Jochen Brenner
Cybermobbing: Beleidigende Kommentare auf der Internetseite iShareGossip

Cybermobbing: Beleidigende Kommentare auf der Internetseite iShareGossip

Foto: dapd

Die Räuber ließen sich auf der Terrasse vom Gendarmen hochmütig Limonade kredenzen. So waren die Rollen verteilt zwischen Frank und seinen angeblichen Freunden. "Ein Kinderspiel", dachte Franks Mutter, "endlich kamen mal Schulkameraden zu uns nach Hause."

So erzählt sie es heute, nachdem Zeit vergangen ist und die Wunden zu verheilen beginnen. Was aussah wie der perfekte Nachmittag im Leben eines neunjährigen Jungen, war für Frank die Hölle. Seine Peiniger hatten mit dem Haus der Eltern nun auch noch seinen letzten Rückzugsort vereinnahmt.

Das Räuber-und-Gendarm-Szenario war nur eines von vielen variantenreichen und harmlos scheinenden Vorspielen, in deren weiterem Verlauf mal drei, mal vier Neunjährige ihren Mitschüler Frank insgeheim quälten. So täuschten sie seine Mutter, die Lehrer und ihre eigenen Eltern. Sie prügelten auf Frank ein, wenn sie ihn allein auf dem Schulweg trafen oder auf dem Pausenhof kein Lehrer zusah. Sie schubsten ihn herum, nahmen ihm seine Sachen ab und lachten über seine Brille, seine manchmal ungelenke Art oder sein Interesse fürs Geigespielen und die Mathematik. Zusammen gingen sie in die dritte Klasse einer hessischen Grundschule.

Täter rauben Opfern das Selbstbewusstsein

An deutschen Schulen gibt es rund eine halbe Million Schüler, die angeben, einmal oder mehrmals pro Woche schikaniert zu werden, die durchmachen, was Frank erlebte. Dabei handelt es sich nicht um Zankereien unter Kindern, die ihre Grenzen testen. Was Frank erlebte, war keine Schulhofrangelei, die ein Lehrer mit strengen Worten beendet und nach der sich die Gegner mürrisch die Hände reichen. Frank wurde gemobbt.

Von Mobbing spricht man, wenn die Schikanen und Beleidigungen in einem Kräfteungleichgewicht mindestens einmal pro Woche über einen längeren Zeitraum stattfinden und das Opfer sich nicht aus eigener Kraft aus der Lage befreien kann.

Allein schon das Wort hat in den vergangenen 15 Jahren Karriere gemacht. Immer schon gab es Kinder, die andere hänselten oder piesackten. Früher fiel dann manchmal das Wort Psychoterror, oder Pädagogen bescheinigten einzelnen Kindern ein bösartiges Gemüt. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz führte 1963 in seiner Tierbeobachtung den Begriff "mobben" ein, um zu beschreiben, wenn mehrere Tiere gemeinsam einen überlegenen Feind angreifen. Gänse gegen Fuchs, das war das Prinzip.

Die Bedeutung des Wortes Mobbing heute ist eine andere. Viele Füchse hetzen jetzt eine einsame Gans. Sie erniedrigen ihr Opfer, treiben es in die Enge und rauben ihm sein Selbstbewusstsein. Sie verunsichern es so sehr, dass viele Schüler sich nicht einmal mehr trauen, den eigenen Eltern von ihrer Hatz zu erzählen - und so schaffen die Täter Opfer in der zweiten Reihe: die Mütter und Väter, die lange ahnungslos sind und dann umso entsetzter auf das Drama reagieren, dessen Protagonist ihr Kind gerade ist.

"Ich habe jeden denkbaren Fehler gemacht"

Eltern können Mobbing bei ihren Kindern nicht immer leicht erkennen. Manche Warnzeichen gehen im Alltag unter. Aufmerksam sollten Väter und Mütter werden, wenn

  • ihr Kind bedrückt nach Hause kommt oder launisch und aggressiv wirkt;
  • es sich häufig in sein Zimmer zurückzieht, nicht mehr zu Geburtstagsfesten eingeladen wird und viel Zeit vor dem Computer verbringt;
  • die Schulleistungen absacken, Hobbys ihren Reiz verlieren;
  • am Sonntagabend plötzlich Bauchschmerzen auftreten - meist ist die Angst vor der neuen Woche der Auslöser;
  • das Kind ständig Geld verliert - es wird in der Regel gebraucht, um die Mobber zu bezahlen.

Als Franks Mutter dahinterkommt, dass ihr Sohn seit Monaten Opfer eines wachsenden Schüler-Mobs ist, kocht ungeheure Wut in ihr hoch. Sie ist eine kleine, energische Frau, die gut reden kann. Die Täter sollen bestraft, die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden.

Das sagt sie Frank, das fordert sie ein und ruft an. Bei den Eltern der Täter, bei der Klassenlehrerin. "Wir kannten uns doch vom Elternabend, vom Sehen aus der Stadt, vom Schulfest", sagt sie heute. Und es schaudert sie immer noch, wenn sie an die Telefonate mit den Täter-Eltern denkt. "Nichts. Kein Wort der Entschuldigung. Ich bin auf Mauern gestoßen." So einfach sei das nicht, entgegnen ihr die Eltern, Frank verhalte sich seltsam, und zum Streit gehörten schließlich immer zwei. Sogar Franks Vater sagt: Jungs sind so.

Frank selbst trägt schwer an der neuen Situation. Er ist zwar froh, dass ausgesprochen ist, was ihm Bauch- und Kopfschmerzen bereitete. Aber seit seine Mutter eines Vormittags für alle sichtbar in der Schule bei der Rektorin war, rufen ihn die Räuber aus seiner Klasse "Muttersöhnchen". Und verhauen ihn weiter, nur ein bisschen besser getarnt.

"Ich habe damals ungefähr jeden denkbaren Fehler gemacht", sagt Franks Mutter heute. Ihre Selbsterkenntnis wird von Experten bestätigt, die sich mit dem Phänomen Mobbing auskennen.

Stolz auf die Täter: "Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind"

"Das eigentliche Drama bei Mobbing ist, dass Kinder zum Teil aus kalter Berechnung über Monate oder sogar Jahre hinweg Mitschüler schikanieren, ohne dass die Schule reagiert", sagt Mustafa Jannan. "Was in den Kindern vorgeht, die Opfer von Mobbing sind, können sich die wenigsten von uns auch nur annähernd vorstellen."

Jannan war 19 Jahre lang Lehrer und Vertrauensmann an einem Gymnasium, jetzt ist er Mitarbeiter im Regionalen Bildungsbüro Olpe. Er bietet Schulen Aufklärung an, und oft muss er aufgeregten Eltern von Mobbing-Opfern aus ihrer ersten Schockstarre helfen.

Franks Mutter handelte instinktiv mit den Mitteln einer Frau, die sich zu wehren weiß. Und machte damit zunächst alles schlimmer. "Ich rate Eltern, sich in ihrer Emotionalität so weit wie möglich zurückzunehmen", sagt Jannan. "Ein wutschnaubender Vater kann ein Kind durchaus verstören, wenn es ihn noch nie so erlebt hat. Man sollte versuchen, ruhig zu bleiben und aufmerksam zuzuhören. Manchmal hilft ein Spaziergang, um die Dinge zu lösen." Unbedingt vermeiden solle man einen überstürzten Anruf bei den Eltern der Täter. Diese seien mit der Situation häufig selbst überfordert und stellten sich dann reflexartig vor ihr Kind. "Eine Lösung des Problems wird damit meist unmöglich, da die Situation eskaliert", berichtet Jannan aus der Praxis.

Jannan rät Eltern,

  • nicht mit den Eltern der Täter zu sprechen;
  • nicht mit den Tätern zu sprechen - die hören nur heraus: Mein Kind kann sich selbst nicht wehren;
  • Gespräche mit dem Lehrer ohne das Kind zu führen;
  • dem eigenen Kind keine Schuld zuzuweisen und ihm nicht zu Gegengewalt zu raten - der Konflikt könnte sich noch ausweiten;
  • eine Strafanzeige bei der Polizei nur als letztes Mittel ins Kalkül zu ziehen - meist verlässt der Täter die Schule nicht, dann belastet eine Anzeige das gemeinsame Weiterleben.

"Vielen Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind"

Mechthild Schäfer geht in ihrer wissenschaftlichen Analyse des Mobbings nüchterner vor, und sie spricht aus, was dessen Hochkonjunktur erklären könnte: "Vielen Eltern imponiert ihr durchsetzungsfreudiges Kind." Darauf müssten sich die Eltern von Opfern einstellen.

Schäfer ist Privatdozentin am Fachbereich für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München und hat das Thema Mobbing zum Hauptberuf gemacht. "Aggression", sagt sie, "ist oft das Ergebnis früher Sozialisation." Im Klartext: Die Eltern sind am mobbenden Kind keinesfalls unbeteiligt. "Wir beobachten eine strategische Blindheit gegenüber dem eigenen Kind, wenn es sich unmöglich verhält." Auch sie rät deshalb vom Kontakt zu den Täter-Eltern ab: "Den Frust kann man sich sparen."

Schäfer zeichnet ein Bild vom jugendlichen Mobber, der "bi-strategisch" vorgehe: prosozial im öffentlichen Schulleben und zu Hause und aggressiv, wenn es in der Klasse um seine Interessen geht. "Diese Schüler sind oft kognitiv und emotional sehr kompetent, so dass sie von Eltern und Lehrern schlicht unterschätzt werden. Niemand traut ihnen dieses Doppelspiel zu."

Die Psychologin Schäfer und der Ex-Lehrer Jannan haben in ihrer Arbeit mit Mobbern ein Täterbild entwickelt, das Außenstehenden bisweilen radikal erscheint. Es zeigt Täter, die mit soziopathischen Zügen ihre Umwelt um den Finger wickeln und gleichzeitig ihre Machtgelüste ausleben. "Es ist mitunter verstörend, wie die Täter mit kaltem Herzen nach ihren Opfern suchen", sagt Jannan, und Mechthild Schäfer nennt sie "die kleinen Machiavellisten": "Es geht beim Mobbing um Macht und Überlegenheit. Die Degradierung eines geeigneten Opfers ist ein Weg dorthin."

Richie schreibt: Verlang nicht, dass ich mich gegen die Klasse stelle

Als Sylvia spürt, was Degradierung bedeutet, ist sie 14, ein fröhliches Kind mit vielen Freundinnen in der achten Klasse eines Recklinghäuser Gymnasiums. Dann beginnen eineinhalb Jahre, an deren Ende ihr eine Mitschülerin beim Basketballspielen im Sportunterricht einen so harten Schlag in die Nieren versetzt, dass sie umfällt. Die Klasse schaut weg, der Lehrer auch. So erzählt es Sylvia heute, fünf Jahre später. Sie muss drei Tage ins Krankenhaus, die Ärzte diagnostizieren ein Schleudertrauma. Die Eltern gehen zur Polizei, Sylvia betritt die Schule nie wieder.

Es fing banal an, wie so viele Mobbing-Fälle. 14 Mädchen hat Sylvias Klasse, aber nur 10 lädt sie zu ihrem Geburtstag ein, die Eltern wollen es so. Als sie zu einer Halloween-Party wieder nur 10 Karten verteilt, sagen alle zu. Zufällig erfährt Sylvia, dass die Mädchen aus ihrer Klasse eine Gegenveranstaltung geplant haben, ohne ihr davon zu erzählen. Von da an steht es 13 zu 1. Die Mädchen gegen Sylvia.

"Am Anfang habe ich das alles überhaupt nicht verstanden, hielt das für eine Laune, für ein Spiel", sagt Sylvia heute. Je mehr sie sich gegen die schweigende Mehrheit wehrt, desto verschlossener werden ihre ehemaligen Freundinnen. Nur heimlich über den ICQ-Chat im Internet reden manche noch mit ihr, stets in Angst, von den anderen als Verräterinnen ertappt zu werden, so eng haben sich die Reihen gegen Sylvia geschlossen. Sie druckt diese Unterhaltungen aus, nur die Namen sind verändert.

"Ich fänds schön, wenn mal jemand bei mir stünde"

Richie 21.02 Uhr: warum willste wissen was die über dich reden? Warum willste jetzt noch extra verletzt werden?

Sylvie 21.05 Uhr: ich bin nicht scharf drauf verletzt zu werden, aber ich fänds schön wenn in den pausen auch mal jemand bei mir stünde und einfach mal flagge bekennen würde für mich!! Ich fänds echt toll wenn ma wer sagen würde "märchenstunde ist vorbei" und nicht partei für den täter statt für das opfer ergreift.

Richie 21.08 Uhr: ich kann dich wirklich gut verstehen und du hast mein volles mitgefühl aber du kannst nicht verlangen dass ich mich gegen die klasse stelle um gefahr zu laufen dass ich genauso behandelt werde und davon kann ich ausgehen. Und ich kann dir sagen dass viele partei für dich ergreifen würden. Ich glaube dass da auch ein stück gruppenzwang mit drinsteckt.

Mechthild Schäfer, die Mobbing-Forscherin, hat die Dynamik solcher Machtgefüge in einer Schulklasse dutzendfach beobachtet. "Wir können den Verlauf inzwischen mit fast mathematischer Präzision vorhersagen", sagt sie. "Nach zehn Wochen ist der Isolierungsprozess des Opfers meist weit fortgeschritten." Dann sänken die Chancen auf ein Entkommen aus der Opferrolle rapide. Und je heftiger sich das ausgegrenzte Kind wehre, desto angreifbarer mache es sich.

Täter mobben im Internet weiter

Die Schmähungen setzen sich im Internet fort. "Da haben sich meine Mitschüler erst recht getraut, mich 'dumme Fotze' oder 'Missgeburt' zu nennen", sagt Sylvia. Cybermobbing verbreitet sich seit Jahren, zuletzt auch noch befeuert durch die Seite iShareGossip, die mittlerweile offline ist. "In 80 Prozent der Fälle tritt Cybermobbing nicht isoliert auf, sondern die Täter führen im Netz weiter, was sie auf dem Schulhof oder in der Klasse angefangen haben", sagt Schäfer. "Dabei müssen sie dem Opfer nicht in die Augen sehen und nehmen ihm die Möglichkeit, nach einem anstrengenden Schultag einen freundlichen Raum außerhalb der Schule zu betreten."

Sylvias Mutter wandte sich bald nach den ersten Attacken an die Direktorin des Gymnasiums, die hilflos reagierte. Mal zeigte sie Verständnis, dann wiederum musste sie eine Kollegin abmahnen, die Sylvia helfen wollte, indem sie mobbenden Mitschülern schlechte Noten in mündlichen Prüfungen erteilte. Am Ende traf die Wut wieder Sylvia.

"Eltern müssen das Problem in die Schule tragen, denn dort findet das Mobbing meistens statt, und dort muss es gelöst werden", sagt der Schulpraktiker Jannan. Allerdings gebe es noch an zu wenigen Schulen ein effektives Interventionskonzept. "Lehrer glauben oft noch, eine Standpauke oder Appelle würden ausreichen", sagt er. "Stattdessen brauchen Lehrer und Schüler eine klare Linie, was passiert, wenn Mobbing zum Problem in einer Klasse wird."

Ein praktikables Anti-Mobbing-Konzept beginnt also in den Köpfen der Schulleiter. Doch viele von ihnen sind mehr um den Ruf ihrer Schule besorgt als um das Schicksal der Opfer und leugnen das Problem.

Jeder ist ein potentielle Opfer

Psychologin Schäfer zählt Lösungsvorschläge auf. Zunächst brauche die Schule "Lehrer, die als erste Ansprechpartner ein offenes Ohr haben und, mitunter gegen ihre eigenen Hypothesen, die Augen offenhalten - und wissen, woran man Mobbing erkennen kann". Sodann müssten die Schulen für alle verständliche und verbindliche Regeln aufstellen, wie mit Mobbern umgegangen wird: einschreiten, dem Drahtzieher die rote Karte zeigen, die Klasse als Gruppe ansprechen und in die Verantwortung nehmen. Und wenn alle Sanktionsmittel versagten, müsse das Täterkind die Schule verlassen.

"Die Lehrer müssen ihren beruflichen Erfolg auch daran messen lassen, ob sie das Phänomen in den Griff kriegen", meint Schäfer.

Was Eltern tun können, um ihre Kinder nicht zu Mobbing-Tätern zu erziehen, weiß sie aus eigener Erfahrung als Mutter zweier Söhne, von denen der Jüngere mit zwölf Jahren im besten Mobbing-Alter ist. Sie empfiehlt einen Mittelweg zwischen blindem Vertrauen und gesunder Skepsis.

"Behauptet er, gehauen worden zu sein, dann frage ich: 'Ist das wirklich wahr?' Wenn Eltern alles für möglich halten, sind deren Kinder weniger gefährdet, Mobbing zu versuchen."

Bei Veranstaltungen mit Schülern oder Lehrern bittet Schäfer oft, sich selbst zu mustern: die Brille, die Haarfarbe, die Art zu sprechen, zu lachen, die Form der Nase oder das bisschen Speck an der falschen Stelle, besondere Stärken, besondere Schwächen. Oft werde es dann ganz still, berichtet die Psychologin, den Kindern oder Erwachsenen werde plötzlich klar, was der Kern ihrer Botschaft sei: "Es kann jeden treffen."

Hilfe, mein Kind wird gemobbt

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