Hilfe für Helden Sportpsychologe Jens Kleinert über gesunde Hochleistung

Spätestens seit dem Selbstmord des Nationaltorwarts Robert Enke ist klar, dass es auch im Hochleistungssport psychische Leiden gibt. Der Kölner Sportpsychologe Jens Kleinert fordert einen besseren Umgang der Trainer mit dem Stress der Athleten.

Getty Images

SPIEGEL: Herr Kleinert, 2003 hat der Fußballprofi Sebastian Deisler seine Depression öffentlich gemacht, 2005 beendete der Skispringer Sven Hannawald seine Karriere wegen eines Burnouts. Aber erst seit dem Tod Robert Enkes setzen sich Sportfunktionäre wie DFB-Präsident Theo Zwanziger dafür ein, dass Sportler mit psychischen Problemen Hilfe und Anlaufstellen bekommen. Hat man Depressionen im Spitzensport vorher nicht ernst genommen?

Kleinert: Es hat zumindest niemand näher hingeschaut. Auch in der Wissenschaft hatten Depressionen im Sport keinen besonderen Stellenwert. Kaum jemand ist auf die Idee gekommen, nach psychischen Störungen unter Athleten zu fragen.

SPIEGEL: Weil der Spitzensportler ein Held ist, bei dem Schwäche nicht ins Bild passt?

Kleinert: Diese Haltung war im Leistungssport sehr stark verbreitet. Aber auch in der Öffentlichkeit, bei den Fans, in den Medien. Natürlich geht es im Spitzensport um Leistung, es geht um Stärke und Erfolg. Und psychische Probleme schienen mit Hochleistung lange nicht vereinbar zu sein. Das führt dazu, dass die Sportler selbst den Eindruck bekommen, sie müssten der Öffentlichkeit ein bestimmtes Image von sich präsentieren.

SPIEGEL: Wie häufig sind denn Depressionen unter Hochleistungssportlern?

Kleinert: Auf keinen Fall häufiger als in der Normalbevölkerung - aber vermutlich auch nicht seltener.

SPIEGEL: Sogar Oliver Kahn, der Inbegriff des mental starken Sportlers, hat gesagt, dass er den Druck, ständig übermenschliche Leistungen bringen zu müssen, zeitweise kaum ausgehalten habe. Erhöht der Dauerstress, unter dem Leistungssportler stehen, nicht automatisch das Risiko für psychische Probleme?

Kleinert: Man muss erst mal grundsätzlich unterscheiden zwischen psychischen Problemen, bei denen jemand belastet, müde und körperlich fertig ist, und der echten Depression und dem Burnout. Nicht jede Erschöpfungsphase ist ja gleich eine psychische Erkrankung. Aber es stimmt schon: Stress spielt im Leistungssport ständig eine Rolle, und zwar in hohem Ausmaß. Das ist jedoch nicht per se etwas Negatives. Der Normalfall im Hochleistungssport ist, dass man Stress als eine Herausforderung bewältigt und dadurch mental gestärkt wird.

SPIEGEL: Aber es gibt eben auch die anderen Fälle.

Kleinert: Ja, wenn der Sportler das Gefühl hat, Anforderungen nicht gerecht werden zu können, und das vielleicht sogar über Monate, entsteht negativer Stress. Dann können sich auch psychosomatische Belastungssymptome entwickeln, wie wir sie in einzelnen Studien schon bei bis zu 15 Prozent der jugendlichen Hochleistungssportler beobachten: Kopfschmerzen, Energiemangel, Konzentrationsprobleme. Wenn man dem Sportler dann keine Unterstützung anbietet, kann das tatsächlich zu einer psychischen Störung und Erkrankung führen.

SPIEGEL: Sven Hannawald hat gesagt, nicht er selbst, sondern das ganze System des Hochleistungssports sei krank gewesen und habe ihn angesteckt. Hat er recht?

Kleinert: Was heißt denn, das System ist krank? Dann müsste man auch sagen, unsere Gesellschaft ist krank. Im Leistungssport gelten keine anderen Prinzipien als in anderen Bereichen, in denen es sehr leistungsorientiert zugeht, wie beispielsweise in der Wirtschaft. Natürlich haben Spitzensportler 60 Stunden die Woche mit ihrem Sport zu tun und nur wenig Zeit für Hobbys oder Familie - aber das ist ja auch ihr Beruf.

SPIEGEL: In anderen Berufen hat man aber länger Zeit, Karriere zu machen, Geld zu verdienen. Mindert nicht das schon den Leistungsdruck?

Kleinert: Ich glaube nicht, dass sich die Karriere-Zeitfenster bei Topmanagern so sehr von denen bei Spitzensportlern unterscheiden: Die haben ebenfalls nur Zeit, bis sie 30, 35 Jahre alt sind, und wenn sie bis dahin nicht bestimmte Karrierestufen erklommen haben, haben sie keine Chance mehr. Der einzige große Unterschied ist, dass Sportler extrem abhängig sind von ihrer körperlichen Gesundheit. Wer sich verletzt, kann im schlimmsten Fall seinen Job nicht mehr machen, diese Angst ist immer da. Wenn es keinen Plan B gibt, keine Perspektive für eine Karriere nach dem Sport, dann kann das sehr verunsichern. Ich glaube aber, wir werden das System nicht ändern. Wir sollten deshalb die Fähigkeiten der Athleten verbessern, damit umzugehen und bereits früh die Voraussetzungen einer Doppelkarriere Sport und Beruf fördern.

zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL Wissen 1/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.