Allergiepflanze Ambrosia Biologische Bombe
Ambrosia: Die invasive Pflanze hat stark allergieauslösende Pollen
Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ ZBIhren ersten bekannten Auftritt in Deutschland hatte die seltsame Pflanze auf einem Kartoffelacker südöstlich von Hamburg. Im September 1860 untersuchte ein Pflanzensammler ihren haarigen Stängel und ihre feinfiedrigen Blätter, die an Gewöhnlichen Beifuß erinnerten.
Doch dieses Gewächs war anders. Der Sammler identifizierte sie schließlich als Ambrosia artemisiifolia, als Beifußblättriges Traubenkraut. Das stammte ursprünglich aus Nordamerika und schien ein harmloses exotisches Unkraut zu sein, das wohl auf einem Schiff als Samenkorn in einer Ladung verunreinigten Saatguts eingeschleppt worden war. Das kühle deutsche Klima würde ihr auf Dauer nicht bekommen - dachte man damals.
Heute ist Ambrosia in Deutschland stellenweise so stark verbreitet, dass viele Allergiker sie fürchten. Denn wenn sie zu blühen beginnt, kann sie bis zu einer Milliarde Pollen pro Exemplar freisetzen. Diese Pollen, so Mediziner, zählen zu den stärksten Allergieauslösern der Pflanzenwelt. Es sind winzige, Tausendstel Millimeter kleine biologische Bomben, die bis in die hintersten Verästelungen der Bronchien gelangen.
Nach US-Studien können Ambrosien doppelt so häufig Asthma verursachen wie andere Gewächse. In Deutschland blühen sie von August mitunter bis in den Dezember, wodurch sie die Leidenszeit vieler Allergiker empfindlich verlängern. Das Gewächs sei weiter auf dem Vormarsch, warnte kürzlich ein Team des Klima-Forschungszentrums und der Universität Frankfurt am Main.
Bis zu acht Millionen Menschen potenziell betroffen
Ambrosia profitiere vom zunehmend milden Klima in Mitteleuropa, aber auch von einer gelungenen Anpassung an das Wetter. So seien europäische Jungpflanzen bereits frostbeständiger als ihre amerikanischen Urahnen. Zudem keime die europäische Variante häufiger und schneller und breite sich so immer weiter nach Norden und Nordosten aus. "Wir müssen so schnell wie möglich dagegen aktiv werden", fordert die Frankfurter Biologin Marion Leiblein-Wild.
Die Gesundheitsfolgen sind beträchtlich. Nach einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung könnten Therapien und Arbeitsausfälle durch Ambrosia in Deutschland Hunderte Millionen Euro pro Jahr kosten. Bis zu acht Millionen Menschen seien potenziell betroffen.
Einige Bundesländer und Städte bekämpfen die Ambrosia bereits systematisch. In Berlin etwa streifen alljährlich im Auftrag des Senats "Ambrosia-Scouts" durch die Stadt. Ihre Aufgabe: Die Pflanzen auszurupfen, wo immer sie welche finden. Im Städtchen Drebkau in Brandenburg werden jedes Jahr Hunderttausende der Pflanzen gefunden, auf Äckern, in Gärten, an Straßenrändern.
Die Drebkauer versuchen es mit Pflanzengiften, Mäheinsätzen und Ein-Euro-Jobbern, die Ambrosia mit Mundschutz und Handschuhen an den Stängel gehen. Doch die Pflanze ist zäh, sie muss mit Wurzel aus dem Boden gerissen werden, damit sie nicht gleich wieder nachwächst, "ein Riesenaufwand", sagt Bürgermeister Dietmar Horke. Und selbst wenn es gelänge, alle Pflanzen rechtzeitig vor der Blüte auszurupfen, wäre das Problem noch lange nicht beseitigt: Ambrosia-Samen können bis zu 40 Jahre lang im Boden überleben, sagen Experten.
Auch die EU versucht nun, die Ausbreitung wenigstens zu bremsen. Sie hat die Richtlinien für Vogelfutter verschärft, es darf weniger fremde Samenkörner enthalten. Viele Gartenbesitzer hatten sich die Pollenschleudern mit verseuchten Meisenknödeln ins Blumenbeet geholt.
Schwieriger einzudämmen sind die Ambrosia-Kolonien an Straßen und Eisenbahnlinien. "Kilometerlange Bestände" gebe es etwa an der A 8 in Bayern, so die Biologin Leiblein-Wild, als Samen eingestreut etwa bei Saatgut-Transporten oder durch Mäharbeiten am Straßenrand.
Die Frankfurter Forscher fordern dringend "eine konzertierte, nationale Bekämpfungsstrategie" gegen Ambrosia. Jedes Bundesland arbeite für sich, mal sei diese, mal jene Behörde zuständig. "Da läuft wenig zusammen", klagt Leiblein-Wild. In der Schweiz dagegen müssen nicht nur Gärtner oder Landwirte Ambrosia-Bewuchs melden, sondern jeder Bürger. Dadurch habe das Nachbarland das Problem längst besser im Griff, sagt Uwe Starfinger, Ambrosia-Experte am Julius-Kühn-Institut in Braunschweig.
Eine Hoffnung richtet sich nun auf einen braun-schwarzen Käfer namens Ophraella communa, der letztes Jahr in Norditalien und der Südschweiz mehrere Ambrosia-Bestände ratzekahl abgefressen hat.
Dieser natürliche Feind könnte auf dem Weg nach Norden sein, glaubt Starfinger, und der Ambrosia auch hier den Garaus machen. Die beiden haben sogar gemeinsame Wurzeln: Ophraella stammt ebenfalls aus Nordamerika.