Fotostrecke

Große Gefühle: "Liebe muss man spüren"

Foto: Corbis

Partnersuche Spiele, und du wirst finden

Theoretisch wartet die große Liebe überall: im Supermarkt, im Freibad oder im Zug. Praktisch hat Kennenlernen mit Zufall weniger zu tun, als Romantiker es gern hätten.

Nachdem sie das erste Mal telefoniert hatten, konnte sie nicht mehr schlafen. Nach dem ersten Treffen wusste sie, dass sie ihn heiraten wollte. Beim Wiedersehen machte er ihr einen Antrag.

Seit vier Jahren sind Nina Deißler und ihr Mann Claudius Mach inzwischen verheiratet, und noch immer muss Deißler lachen, wenn sie die Geschichte ihres Kennenlernens erzählt. Denn die 37-Jährige, die als Flirt-Coach in Hamburg arbeitet, traf ihren Mann ausgerechnet dort, wo sie ihren Klienten von der Suche eher abrät: im Internet.

Gemeinsame Bekannte hatten sie auf die Myspace-Seite des Musikers Claudius hingewiesen, es hieß, seine Songs könnten ihr gefallen. Sie fand ihn "herrlich bekloppt", tippte eine Nachricht, er mochte das Foto auf ihrem Profil. Sie mailten, wochenlang, erst ohne Absichten, sagt Nina Deißler, keiner von beiden wusste, ob der andere überhaupt Single war. Dann wurde es persönlicher, irgendwann telefonierten sie, trafen sich. Und heirateten.

Als Gründungsmythos einer Beziehung bezeichnet der Heidelberger Paartherapeut Arnold Retzer solche Kennenlerngeschichten. Er ist überzeugt, dass so ein Mythos einer Beziehung noch nach Jahrzehnten Schwung geben kann: Wie ein Akku speichert er die Verrücktheit, das Herzglühen und den Wahnsinn der Verliebtheit, mit denen die Zweisamkeit einst startete.

Wenn die Liebe eine Mission zu den Sternen ist, vorbei an zahllosen schwarzen Löchern, dann ist das Kennenlernen die Abschussrampe: Es ist der Moment, in dem der Mensch ins Leben getreten sein wird, der später einmal der Mensch ist. Der Augenblick, in dem das Leben eine andere Wendung genommen haben wird, in dem alles anders geworden sein wird, selbst wenn man das in der Sekunde noch gar nicht weiß.

Es ist Schicksal. Unwahrscheinliches Glück. Oder zumindest wilder Zufall.

Es ist der Zauber des Anfangs.

"Wer sich nicht trifft, wird auch kein Paar"

Doch wenn Sozialwissenschaftler darüber sprechen, klingt es, als wäre es kaum ein Unterschied, der Liebe des Lebens zu begegnen oder einen Job zu finden. Von "Gelegenheitsstrukturen" ist da die Rede, vom "Partnermarkt" und von "sozialstrukturellen Voraussetzungen". Denn auch die Liebe spielt nach Regeln. Die meisten Menschen treffen ihren künftigen Partner nicht zufällig irgendwo und bleiben auch nicht zufällig mit irgendwem zusammen.

Mit kühlem Blick entlarven Forscher die heimlichen Kuppler hinter Liebesgeschichten. Einer der wichtigsten ist die Nähe: "Wer sich nicht trifft, wird auch kein Paar", lautet die schlichte Wahrheit, die zu Beginn fast jedes wissenschaftlichen Aufsatzes über das Kennenlernen wiederholt wird. Und dass zwei sich über den Weg laufen, ist nun einmal umso wahrscheinlicher, je näher sie beieinanderleben.

1932 stellte der US-Soziologe James H. S. Bossard fest, dass 30 Prozent der Ehepaare in Philadelphia vor ihrem Kennenlernen bloß einen Block oder weniger voneinander entfernt gewohnt hatten. Nur 18 Prozent heirateten jemanden von außerhalb der Stadt.

Die zunehmende Mobilität der vergangenen Jahre hat das Bild zwar leicht verändert, doch eine Studie von Mitte der neunziger Jahre stellte fest, dass auf dem Land etwa 80 Prozent der späteren Paare maximal 20 Kilometer auseinanderwohnten, in Großstädten waren es sogar über 90 Prozent.

Räumliche Nähe macht jemanden sympathischer

Das liegt nicht nur daran, dass Fernbeziehungen vielen einfach zu anstrengend sind. Räumliche Nähe macht jemanden auch fast wie von selbst sympathischer: Bei einer Untersuchung in einem amerikanischen Studentenwohnheim zeigte sich, dass zwei Bewohner umso eher befreundet waren, je näher ihre Zimmer beieinanderlagen, obwohl die Räume ganz zufällig verteilt worden waren.

Steckt dahinter Bequemlichkeit? Oder könnte es sein, dass das geteilte Schicksal dazu führt, dass man sich einander verbundener fühlt - und obendrein gleich einen Anknüpfungspunkt zum Plaudern hat? Wahrscheinlich zieht ein zweiter heimlicher Kuppler die Strippen: Je häufiger man Menschen sieht, desto sympathischer werden sie einem.

In einem Experiment wählten Probanden aus einer Reihe von Porträts eher diejenigen als potentielle Partner aus, die ihnen häufiger vorgeführt worden waren. Und bittet man zwei einander unbekannte Menschen, sich zwei Minuten lang tief in die Augen zu blicken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich beide attraktiver finden.

"Wir haben ein eingebautes Unbehagen vor Fremdem und Unbekanntem", erklärt die Psychologin Ayala Malach Pines von der israelischen Ben Gurion Universität den Effekt in ihrem Buch "Falling in Love - Why we choose the lovers we choose": Jemand, den man schon öfter gesehen hat, ist allein deshalb attraktiver, weil er viel vertrauter scheint.

Jedes dritte Paar trifft sich im Freundes- und Bekanntenkreis

Da wundert es wenig, dass Liebe auf den ersten Blick zumindest bei längeren Beziehungen gar nicht so häufig ist, wie das Klischee suggeriert. In Pines' eigenen Untersuchungen hatten sich nur 11 Prozent der Befragten gleich beim ersten Treffen verliebt. Und auch eine britische Online-Umfrage ergab, dass lediglich 20 Prozent der Männer sofort und schlagartig von der Liebe getroffen wurden und nur 13 Prozent der Frauen.

Sicher, es gibt diese beiläufigen Begegnungen, bei denen der Atem stockt, wo der Funke in null Komma nichts zu einem Wildfremden überspringt. Eugenie Wulfert traf ihren Freund Peter auf einem Flug von Wien nach Berlin: Sie starrte beim Start wegen ihrer Flugangst angespannt aus dem Fenster, ihr Sitznachbar fragte sie, was es da draußen Interessantes zu sehen gebe.

"Ich bin nicht der Typ, der im Flugzeug Bekanntschaften schließt, eigentlich mag ich es überhaupt nicht, so von der Seite angequatscht zu werden", erzählt die 30-jährige Berlinerin, doch etwas widerwillig ließ sie sich auf das Gespräch mit dem sieben Jahre jüngeren Mann ein, merkte, dass sie schnell gemeinsame Themen fanden.

Am Gepäckband steckte er ihr seine Visitenkarte zu, ein paar Tage später trafen sie sich zum Beachvolleyball, redeten bis drei Uhr nachts, so fing es an. Drei Jahre ist das jetzt her, vor zwei Jahren zog er von Österreich zu ihr nach Berlin.

Statistisch gesehen sind Zufallstreffer eher selten

Statistisch gesehen sind solche Zufallstreffer allerdings eher selten. Denn zwei Drittel der Paare lernen sich in ihrem direkten sozialen Umfeld kennen, ergaben Auswertungen der Pairfam-Studie. "Paare treffen sich am ehesten dort, wo sie sich eine Weile beobachten und herausfinden können, ob es überhaupt passen würde", sagt die Psychologin Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut in München, die mit den Pairfam-Daten Paarbeziehungen untersucht.

Es ist die größte und aktuellste Langzeiterhebung über Beziehungen und Familien in Deutschland - und sie dauert noch an. Seit 2008 befragt ein interdisziplinäres Team jährlich in einer repräsentativen Stichprobe Menschen, die bei der ersten Befragung entweder 15 bis 17, 25 bis 27 oder 35 bis 37 Jahre alt waren. Die Daten der ersten beiden Erhebungen liegen inzwischen vor. Sie zeigen, wo die 7225 Befragten, die in einer Beziehung leben, ihren Schatz fanden.

Auf Platz eins liegt unangefochten der Freundes- und Bekanntenkreis, jedes dritte Paar traf sich dort, so Walper. Mit 22 Prozent auf Platz zwei liegen Arbeit, Schule und Ausbildung; Hobby, Verein und Sport kommen mit knapp 9 Prozent auf Platz vier. Begegnungen in Kneipen und Discos machen immerhin fast 16 Prozent aus, das Internet liegt abgeschlagen bei 5,6 Prozent.

"Wir hätten erwartet, dass das Internet eine größere Rolle spielt", sagt Walper. Während bei den 15- bis 17-Jährigen immerhin fast jede zehnte Liebe online begann, war es bei den 35- bis 37-Jährigen nicht einmal jede 25.

Bei den über 40-Jährigen jedoch scheint sich das Bild wieder etwas zu ändern, darauf deutet eine 2011 veröffentlichte Studie des Internetinstituts der University of Oxford in 17 Ländern hin: Im Freundeskreis wird man nun weniger häufig fündig, dafür jedoch eher im Internet, und zwar nicht nur in Partnerschaftsbörsen, sondern auch in Chats, Foren, sozialen Netzwerken und bei Online-Spielen.

Grenzen zwischen Job und Privatleben verschwinden

Noch deutlich wichtiger für die Partnersuche als die virtuelle Welt ist in den vergangenen Jahren das Arbeitsleben geworden. Was vor allem daran liegt, dass mehr Frauen berufstätig sind als noch vor ein paar Jahrzehnten. Zudem kommen sich Kollegen durch flachere Hierarchien und verschwindende Grenzen zwischen Job und Privatleben viel schneller näher als früher.

Eigentlich hatte sich Jörg Fudickar fest vorgenommen, niemals in der Firma etwas anzufangen, zu groß schien ihm das Risiko, dass die Arbeit darunter leiden könnte, erzählt der 47-jährige Werbefilmproduzent. Doch bei einem Besuch in der Hamburger Niederlassung seines Unternehmens traf er Frauke.

Für die heute 35-Jährige war es Liebe auf den ersten Blick: Jedes Mal, wenn sie im Büro nur seine Stimme hörte, wurde sie rot, und ihr Herz hämmerte. Irgendwann bemerkte auch Jörg ihr Interesse, doch seine Skepsis blieb - er wollte wirklich sicher sein, dass sie seinen Lebensstil mittragen würde, bevor er sich auf eine feste Beziehung einließ. Zwei Jahre lang verband die beiden eine On-off-Affäre inklusive intensiver Freundschaft. Bis sie ihm sagte, dass sie so nicht weitermachen wolle.

Seither sind sie offiziell ein Paar, vergangenen Oktober haben sie geheiratet. "Dass wir den gleichen Beruf haben, sorgt oft für mehr Verständnis - man weiß, wie der andere sich fühlt, wenn er nach einem anstrengenden Job nach Hause kommt, platt ist, weil so viele an ihm herumgezerrt haben und er einfach nicht mehr reden kann", sagt er. "Hinzu kommt, dass wir eine ähnliche Lebensplanung haben - ich könnte beispielsweise nie mit jemandem zusammen sein, der nicht ähnlich ambitioniert ist wie ich", ergänzt sie.

Ähnlichkeit ist eine weitere heimliche Kupplerin, die besonders im Job, unter Freunden oder Vereinskameraden am Werke ist. Sie sorgt für Vertrautheit, dafür, dass man sich gleich verstanden fühlt.

Spricht es nicht für Seelenverwandtschaft, wenn der andere vom selben Lieblingsfilm schwärmt wie man selbst? Derselben Fußballmannschaft anhängt? Oder den Einrichtungsgeschmack teilt? Sogar ein übereinstimmender Sprachstil führt dazu, dass sich zwei beim Speeddating attraktiver finden, zeigte ein Versuch in Texas.

"Liebe muss man spüren, man kann sie nicht finden"

Insbesondere für langfristige Beziehungen wählen die meisten Menschen jemanden, dessen sozialer und kultureller Hintergrund sich vom eigenen kaum unterscheidet. Das gilt heute mehr als früher. Der Anwalt heiratet eher nicht seine Gehilfin, sondern die Kanzleikollegin oder die Ärztin. Die Managerin tut sich selten mit dem Hausmeister zusammen, und der Klempner bändelt kaum mit der Kunsthistorikerin an.

Während vor drei Jahrzehnten 70 Prozent der Ehen in Deutschland zwischen zwei Menschen aus der gleichen sozialen Schicht geschlossen wurden, sind es heute schon 90 Prozent.

Die Münchner Familienforscherin Sabine Walper vermutet dahinter nicht unbedingt Strategie, sondern eher den Mangel an Gelegenheiten, anderen potentiellen Partnern überhaupt zu begegnen: "Wenn Sie an der Uni sind, hängen Sie den ganzen Tag mit anderen Studenten herum, lernen zusammen, gehen feiern - natürlich treffen Sie dort eher jemanden als zufällig in der Kneipe."

Vor allem Akademiker begegnen ihrem Partner vorzugsweise in geschlossenen Zirkeln und weniger in öffentlichen Menschenansammlungen wie in Discos oder bei Scheunenfesten, weil sie dort einfach seltener hingehen. Auch das Internet scheint am Hang zum Verpartnern unter Gleichen wenig zu ändern, durchkämmen die Algorithmen vieler Portale die Datenbank ja vor allem auf Gemeinsamkeiten.

Der Zauber des Anfangs lässt sich nicht berechnen

Das mag vernünftig sein, gerade im Hinblick auf eine langfristige Bindung. Aber der Zauber des Anfangs lässt sich nicht berechnen.

Denn damit die Liebe Funken fängt, muss man verdammt unvernünftig sein. Risiken eingehen und feste Vorstellungen über Bord werfen. Sich preisgeben. Illusionen vertrauen. Sich von den eigenen Gefühlen überwältigen lassen - ohne Garantie, dass es funktionieren wird.

Gut möglich, dass deshalb so viele Paare in einer Situation füreinander entflammten, in der sie überhaupt nicht damit rechneten. Wenn sie eigentlich andere Pläne geschmiedet oder sich gerade mit dem Single-Dasein arrangiert hatten oder wenn das Leben ohnehin gerade aufregend genug war - kurz: wenn sie keine Absichten hegten und die Liebe sie eher hinterrücks überrumpelte.

Die Voraussetzungen dafür könne man schaffen, meint der Single-Coach und Diplompsychologe Holger Lendt. Er empfiehlt "Spielorientierung statt Zielorientierung" als Grundhaltung, um andere Menschen kennenzulernen: nicht krampfhaft suchen, sondern neugierig sein, sich zwanglos auf Begegnungen einlassen, ohne das Gegenüber sofort auf mögliche Passungen und Makel abzuchecken - und offen sein, wie sich die Sache entwickelt. Spiele, und du wirst finden.

Es könnte ja anders laufen, als man denkt. Und vielleicht sollte es das sogar: Die meisten Leute verliebten sich im echten Leben in Menschen, die sich von ihrem eigentlichen Ideal recht deutlich unterscheiden, hat der Psychologe Eli Finkel von der Northwestern University in Chicago experimentell herausgefunden.

Lendt sagt: "Ich weiß sogar von etlichen Paaren, die sich über anspruchsvolle Sexbörsen kennengelernt haben. Was unverbindlich-sinnlich begann, entwickelte sich von ganz allein mehr und mehr zu einer vielseitigen Beziehung."

Auch Katharine Poundstone hätte beim ersten Treffen vor drei Jahren nie gedacht, dass aus ihr und Bing einmal ein Paar werden könnte. Eine Freundin hatte der heute 38-jährigen Amerikanerin die Nummer eines Bekannten gegeben, der wie sie selbst in Peking lebte. Nach einem ziemlich verkrampften Abendessen, bei dem sie über so romantische Themen wie ethnische Minderheiten und die amerikanisch-chinesischen Beziehungen sprachen, hatte sie schon entschieden, ihn einer anderen Single-Freundin vorzustellen.

"Liebe muss man spüren, man kann sie nicht finden"

Doch dann besuchte er beruflich einen ihrer Vorträge an der Uni, sie gingen hinterher zum Essen, trafen zufällig einen guten Freund von ihr, und gleich war die Situation entspannter: Sie lachten, witzelten herum, und nach dem Essen fragte Bing sie, ob sie noch einen Kaffee mit ihm trinken gehe. "Da wusste ich, es war ,Game on'", erzählt Katharine, die inzwischen Bings Ehefrau ist.

"Liebe muss man spüren, man kann sie nicht finden", meint die Hamburger Kommunikationstrainerin Nina Deißler. Obwohl sie selbst ihrem Mann im Internet begegnete, rät sie ihren Flirtschülern von der klassischen Online-Suche ab: Zu sehr suggerierten die Dating-Dienste, dass man sich den oder die Richtige mit genügend Nachdruck und Einsatz schon angeln werde. Diese Haltung und der Druck, den sie erzeugt, seien aber so ziemlich das sicherste Mittel, das Spiel zu verlieren, sagt Deißler.

Sie empfiehlt, den Bekanntenkreis zu vergrößern, das zu tun, was man gern macht, und mit möglichst vielen Menschen absichtslos in Kontakt zu kommen, sei es mit dem Metzger, der Stewardess oder dem Gegenüber im Zug.

Erstens, weil das übt. Zweitens, weil man damit die Ergebnisse einer amerikanischen Studie überprüfen kann, der zufolge ein einfaches "Hi" für die Kontaktaufnahme deutlich erfolgversprechender ist als ein pseudoflotter Anmachspruch - viel wichtiger ist echtes Interesse am anderen. Und drittens, weil man dann vielleicht irgendwann merkt, dass da jemand ist, mit dem man ja nicht immer nur reden muss.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.