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Hausfrauen-Burn-Out: Nie Feierabend, nie Urlaub

Foto: Odile Hain

Burn-out bei Hausfrauen Alles frisch

Warum sind so viele Hausfrauen unter den Menschen, die sich ausgebrannt in Kliniken kurieren? Ilona aus Norddeutschland brauchte 20 Jahre, um es zu verstehen.

Es passierte in der Stadt, mitten im Handyladen, ihr wurde schwindelig, dann brach sie zusammen. Ein Notarztwagen holte sie ab, ein Arzt untersuchte sie. Er stellte nichts fest, nichts Organisches.

Später sagte ihr eine Ärztin, dass es Burn-out sei, Hausfrauen-Burn-out. Ilona, 54 Jahre alt, aus einer Kleinstadt in Norddeutschland, wusste nicht mal, dass es so etwas gab.

Sie dachte immer, Manager hätten so etwas, Gestresste aus großen Unternehmen. Dabei leiden unter Erschöpfung, prozentual gesehen, doppelt so viele Hausfrauen und junge Mütter. Menschen, die zum Arbeiten nicht aus dem Haus gehen.

Ilona sitzt an einem großen Tisch in einer Spezialklinik in Bad Bramstedt. Sie sieht gut aus, die Nägel und Lippen sind perfekt, die Figur, die gesträhnten Haare.

Wann hat es angefangen?

"2007? Ich weiß es nicht", sagt sie. Sie überlegt und sagt: "Aber eigentlich, als die Kinder noch klein waren." Vor 20 Jahren also. So lange ging es.

Und heute?

"Der Große ist Designer, der Jüngere in Thailand, meine Tochter wird Ergotherapeutin, und ich sitze in der Klinik", sagt sie. Sie hat mit ihrem Zusammenbruch gewartet, bis die Kinder aus dem Haus waren. "Tja", sagt sie, fast andächtig. In die Klinik fuhr sie allein, mit ihrem großen Koffer. Sie stieg dreimal um, und vom Zug aus sah sie lange aus dem Fenster.

Bandscheibenvorfall mit 32

Schon als Kind war Ilona fleißig, ehrgeizig. Sie spielte Cello, sang im Chor, schwamm um die Wette. Sie wollte gewinnen, sie wollte gesehen werden.

Sie wollte nach der Realschule und der Höheren Handelsschule nach Paris als Au-pair-Mädchen. Sie trug die Unterlagen unter dem Arm, als sie eines Abends ins Bistro kam und diesen Mann kennenlernte, einen Krankenpfleger, den sie dann heiratete, anstatt nach Paris zu gehen.

Sie zogen in ein kleines Haus mit Garten, Kamin, Seen in der Nähe. Sie bekamen ein Kind, ein Sonntagskind. Ilona war 25 und endlich angekommen, dachte sie. Sie arbeitete wieder in der Bank. Sie bekam noch zwei Kinder, Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Sie mieteten ein noch größeres Haus mit einem noch größeren Garten.

Die Zwillinge waren früh auf die Welt gekommen, der Junge war oft krank, Lungenentzündung, Mittelohrentzündung. Er brauchte außerdem viel Aufmerksamkeit, und Ilona gab sie ihm. Ihr Mann arbeitete im Schichtdienst, auch an den Wochenenden.

Ilona machte den Haushalt. Sie putzte, kochte, jätete Unkraut, mähte den Rasen, kaufte ein, stellte zwei Waschmaschinen am Tag an, wischte Joghurt vom Boden, wischte Kinderpopos. Mit 32 hatte sie ihren ersten Bandscheibenvorfall. Sie machte weiter wie zuvor. Andere Mütter schafften das ja auch. Sie war schließlich nur Hausfrau.

Phase fünf von zehn

Sie lag jetzt nachts wach. Lag es an ihr? War sie zu schwach? Zu dumm? Sie war es nicht gewohnt, an Grenzen zu stoßen. Sie malte sich die Lippen roter. Putzte, kochte, immer frisch.

In Burn-out-Modellen, die in Fachblättern abgedruckt sind, sind zehn Phasen einer Burn-out-Erkrankung beschrieben. Ilona war damals schon in Phase 5. Phase 1: Freundlichkeit und Idealismus; Phase 2: Überforderung (meist nicht wahrgenommen); Phase 3: geringer werdende Freundlichkeit; Phase 4: Schuldgefühle. Phase 5: vermehrte Anstrengungen. Sie sah gut aus, war pünktlich, putzte alle Fenster, backte in der Frühe um sechs Torten.

Ihr jüngerer Sohn suchte nun auch in der Schule nach mehr Aufmerksamkeit. Ein Arzt diagnostizierte ADHS. Der Junge war unbeliebt, er war oft wütend, brutal, aggressiv. Die anderen Mütter redeten schlecht über die Familie.

Ilona ging in eine Elterninitiative und beaufsichtigte fortan auch noch Kinder in der Schule, an zwei Nachmittagen. Sie dachte, es sei eine gute Taktik, sich zu zeigen. Zu zeigen, dass sie eine nette Familie waren mit freundlichen, engagierten Eltern.

Endlich sah jemand, was sie leistete

Sie dachte auch, es sei eine gute Idee, sich besondere Mühe bei den Kindergeburtstagen zu geben. Sie besorgte eine Riesenplane und strich sie mit Seife ein zum Rutschen, sie organisierte einen Pool, sie machte ein Lagerfeuer und trat die Flammen am Ende mit den Füßen aus. Sie gab das Flamenco-Tanzen auf. Sie legte innerlich ein Sparbuch an, auf dem sie ihre eigenen Bedürfnisse verbuchte und irgendwann vergaß.

Sie freute sich, wenn Gäste sagten: "Es sind so schöne Feste bei euch!" Sie freute sich, wenn ihr Mann durch den Garten ging, die blühenden Blumen sah und sagte: "Toll!" Endlich sah jemand, was sie leistete, endlich trat ein, was sie sich wünschte, seit sie damals in der Schwimmhalle um die Wette gekrault war. Sie wurde gesehen.

Es bedeutete aber auch, dass sie so weitermachen musste. Und als ihr Mann, weil er auch einen Hefeteig zubereiten konnte und ein gutes Apfelmus, ihr Hilfe anbot, lehnte sie ab. Sie wollte ihr Revier nicht verlieren, die kurzen Momente der Anerkennung und des Glücks.

Phase 6: Erfolglosigkeit; Phase 7: Hilflosigkeit.

Irgendwann spürte sie, dass ihr Engagement in der Elterninitiative nichts half. Es war schlimmer geworden mit dem jüngeren Sohn. Die anderen redeten weiter. Ilona ließ es und rief nicht mal mehr in der Schule an. Sie hatte Angst, wenn er am Mittag nach Hause kam mit seiner Wut. Sie schämte sich für diesen Gedanken, sie behielt ihn für sich. Sie wollte den Jungen einfach nur lieben, aber es ging nicht. Er wechselte auf ein Internat, und Ilona besuchte ihn regelmäßig.

SPIEGEL WISSEN 4/2015

Sie machte mit ihrem Mann eine Radtour. Sie war erschöpft, müde, längst schon am Ende eigentlich. Sie solle schneller fahren, sagte er. Sie fuhr schneller. Sie war ja auch noch Ehefrau.

Auf dem Rückweg sah sie ihr Zuhause dann näher kommen. Ihren Arbeitsplatz, an dem sie keinen Rückzugsort hatte, keinen Feierabend, kein Gehalt, keinen Urlaub. An dem sie Projekte betreute, in denen es um die Wünsche anderer ging, an dem sie sich nicht mal für zehn Minuten an den Kopierer stellen konnte, um durchzuatmen, so wie die Menschen im Büro. Sie müsste nur den Arbeitsplatz wechseln, dachte sie irgendwann. Das denken Menschen mit Burn-out oft.

Sie fallen dann kurzzeitig zurück in Phase 1: Freundlichkeit und Idealismus. Wie im Zeitraffer geht alles von vorn los.

Ilona fand eine gute Arbeit als Bereichsleiterin eines Nachhilfeinstituts, Dienstwagen, Laptop, und das mit Ende vierzig. Es dauerte zwei Monate, bis sie in einer Besprechung saß, nicht mehr folgen konnte und glaubte zu kollabieren. War sie also doch zu schwach? Zu dumm?

Sie nahm die Erschöpfung an wie ein Schicksal

Im Haus putzte sie, kochte, immer frisch. Sie kündigte den Job als Bereichsleiterin nach eineinhalb Jahren. Sie hatte versagt. So dachte sie.

Phase 8: Hoffnungslosigkeit; Phase 9: Erschöpfung, Abneigung, Apathie; Phase 10: Burn-out = Selbstbeschuldigung, Zynismus, psychosomatische Reaktionen, Fehlzeiten, Unfälle etc.

Ilona hatte in all den Jahren nie daran gedacht, dass sie krank sein könnte. Sie nahm die Erschöpfung an wie ein Schicksal, das zu ihrem Leben gehörte. Aber nun endlich hatte sich was verändert. Die Kinder waren aus dem Haus, sie lag auf dem Sofa und stand nicht mehr auf. Sie wurde traurig, lakonisch, depressiv. Ihr Mann sagte: "Tu was dagegen!" Sie tat nichts dagegen. Ihr Mann verließ sie nach 30 Jahren. Sie hatte es geahnt. Ilona glaubte immer schon, dass er sie am meisten liebte, wenn sie funktionierte.

Ilona ging erst für eine Weile zum jüngeren Sohn nach Köln, bezog eine Mietwohnung und Hartz IV. Ihr Herz raste, sie nahm ab, Zähne fielen aus.

Aber krank? Sie? Nein. Es war alles nur ihre Schuld.

Sie ging zurück in den Norden. Das Scheidungsverfahren lief, sie fand Arbeit in einem Callcenter. An ihrem ersten Urlaubstag ging sie durch die Stadt in den Handyladen, aus dem die Sanitäter sie dann wieder rausholten. Das war vor einem Jahr.

Sie lernt, ihre Bedürfnisse wieder zu spüren

Seit fünf Wochen ist Ilona jetzt in der Klinik, in Zimmer A 240. Sie hat am Morgen ein Bild gemalt mit einer großen pinkfarbenen Kugel, die gehalten wird. Die Kugel ist sie. Sie hat ein Plakat bemalt. Es heißt "Selbstfürsorge". Sie lernt, ihre Bedürfnisse wieder zu spüren, ihren Körper, ihren Bauch. Sie macht Psychotherapie, Achtsamkeitstraining, Muskeltraining, sie geht in den Wald, sieht in die Wipfel der hohen Bäume im Wind und sucht nach Ruhe.

Sie versteht einiges schon besser. "Ich habe das nie zusammengekriegt, auf mich zu achten und trotzdem Mutter zu sein, denn als Mutter gibt man ja alles", sagt sie.

Sie war einsam in den Jahren, sie fühlte sich fremd in ihrem eigenen Haus, ihr schmeckte das Essen nicht. Sie tat ja alles und blieb doch nur Hausfrau. Sie fühlte sich nirgendwo zugehörig, aber der Mensch muss sich zugehörig fühlen, sonst macht es ihn unglücklich. Und noch in der ersten Woche, nachdem sie den großen Koffer ausgepackt hatte und in der Burn-out-Gruppe saß, mit einem Juristen, einer Lehrerin, einem Landwirt, entschuldigte sie sich zur Begrüßung und sagte mit ihren roten Lippen, sie wisse gar nicht, ob sie überhaupt hierhergehöre.

Zur Autorin
Foto: Bernhard Riedmann/DER SPIEGEL

Barbara Hardinghaus hört Musik, wenn sie sich entspannen will, oder liest, zum Beispiel "Seide" von Alessandro Baricco.Mail: barbara_hardinghaus@spiegel.de