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Jobsharing: Auf keinen Fall ein Fulltime-Job

Foto: Jan Philip Welchering

Downshifting Ein bisschen Südsee

Weniger arbeiten! Weniger Stress! Fast alle träumen davon. "Downshifter" tun es wirklich: Sie wagen das Leben mit weniger Geld - und haben mehr Zeit für sich.
Von Silvia Dahlkamp

Der Tag, an dem Michael Martin (*) mit seinem alten Leben brach, war sein 50. Geburtstag. Er hatte seine Freunde in einen Traditionsruderklub an der Alster eingeladen, maritime Note, Licht, Wasser, ein Tag in Blau-Weiß und mit den schönsten Aussichten. Eben auch ein Statement, so schien es, wie man das so macht, als erfolgreicher Geschäftsmann, Chef von 1500 Angestellten. Doch dann, nach dem Aperitif, stand der Gastgeber auf und begann seine Rede: "Heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens."

Michael Martin faltete einen Zwei-Meter-Zollstock auseinander und brach 117 Zentimeter ab. 83 blieben, jeder Zentimeter stand für ein Jahr seines Lebens. 83 Jahre alt wolle er werden, erklärte er den verblüfften Gästen. Und dann knickte er noch einmal 50 Zentimeter ab. Ein halbes Jahrhundert, sein bisheriges Leben: Kindheit, Jugend, Studium, eine steile Karriere, eine gescheiterte Ehe. Vorbei, nur noch ein Stück Holz für den Müll.

33 Zentimeter blieben jetzt noch übrig. 33 Jahre. Martin hielt die schmale Leiste mit den ausgefransten Enden in die Höhe. Der Rest seines Lebens. 330 kostbare Millimeter, die er auf keinen Fall einfach wegwerfen wollte. "Ich habe mich mit meiner Firma im besten Einvernehmen auf die Auflösung meines Vertrags geeinigt."

"Ich wünsche mir weniger"

Der Himmel war immer noch blau, die Sonne schien weiter, sie schien jetzt nur noch für ihn; 50 Gäste waren sprachlos. Als Geschäftsführer einer Firma, die jedes Jahr mehrere Hundert Millionen Umsatz machte, hatte der Gastgeber alles, was sich alle wünschten: eine Villa in einem teuren Hamburger Vorort, ein sehr sechsstelliges Gehalt, einen Porsche vor der Tür. Mehr gibt es doch nicht. Sie glaubten es kaum, als Michael Martin sagte: "Ich wünsche mir weniger."

Weniger Geld? Weniger Erfolg? Und auf alle Annehmlichkeiten verzichten: den Platz in der VIP-Lounge des Hamburger SV, die Skiurlaube in der Schweiz, Golftrips in die Toskana, Wellnesswochenenden, Essen mit Kochmützen. Einige Gäste klopften Michael Martin nach der Rede auf die Schultern: "Chapeau, wir beneiden dich." Ehrlich?

Aus SPIEGEL WISSEN 5/2015
Foto: DER SPIEGEL

Weniger ist mehr
Wege aus Überfluss und Überforderung

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Lebenskrise oder die Chance seines Lebens? Tatsächlich sehnen sich laut einer Umfrage 72 Prozent aller deutschen Arbeitnehmer nach einer Auszeit vom Job. Meist der Typ Martin, der immer Vollgas gab: Studium mit 24 Jahren beendet, mit 30 Geschäftsführer, mit 34 Vorstand. Höher, schneller, weiter: Als er schließlich oben war, merkte Martin, dass die Arbeit sein Leben abgehängt hatte. Allein. Einsam.

Er hatte keine Kollegen mehr, die er um Rat fragen konnte. Zu Hause war keine Familie, die auf ihn wartete, weil die Frau lieber gehen als das Tempo mitgehen wollte. Vor fünf Jahren starb ein Schulfreund. Er stand im knitterfreien 130er-Zwirn am Grab, grübelte: "Gehörst du wirklich zu den Rolex-Typen, oder verschwendest du vielleicht dein Leben?"

Wenn Berufstätige den Fuß vom Gas nehmen, weil Stress das Leben erstickt, sprechen Psychologen von Downshifting. Viele sind im Job zu hoch gestiegen, deshalb immer am Limit oder darüber.

Was die Eltern vorleben, muss nicht glücklich machen

Die Frankfurter Karriereberaterin Wiebke Sponagel coacht Arbeitnehmer, die ihre Arbeit weniger wichtig nehmen wollen. Vor zehn Jahren kamen vor allem Männer zwischen 40 und 50 Jahren, die eine, vielleicht zwei Stufen in der Hierarchie hinuntersteigen wollten. Mittlerweile kommen auch Berufsanfänger der Generation Y. Die suchen früh Wege, damit sie gar nicht erst in die Stressfalle tappen: Sie wechseln den Arbeitgeber, wenn die Chemie nicht stimmt, sagen Nein zu einer Beförderung, wenn das Jobprofil nicht passt oder das Privatleben unter zu viel Arbeit leidet.

Ihre Eltern haben ihnen vorgelebt, dass man spurt und nur der Beste gewinnt. Doch sie haben auch gesehen: glücklich macht das nicht. Laut "Stressreport Deutschland 2012", herausgegeben von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, klagen zwei von drei Beschäftigten, deren Gehalt auch am Erfolg hängt, über starken Termin- und Leistungsdruck. Die Hälfte fühlt sich erschöpft, ein Drittel kann nachts nicht schlafen.

Stress ist eine gesellschaftliche Erblast seit Jahrhunderten: Schon Martin Luther predigte: "Müßiggang ist Sünde gegen Gottes Gebot." Von Benjamin Franklin stammt der Satz: "Time is money." Das war im 18. Jahrhundert. Bis heute gilt: Bist du busy, bist du wer. Und deshalb kommt es einer Revolution gleich, dass jetzt die Generation Y nicht mehr mitmachen möchte.

Besuch in der Digital Eatery in Berlins Mitte. Vor zwei Jahren hat Microsoft hier ein mondänes Start-up-Café eröffnet: Silicon-Valley-Flair. Viel Licht, kräftige Farben, gekringelte Tapeten. Freelancer hängen über Laptops, schlürfen frisch gepressten Orangensaft, mittags gibt es vegetarische Gerichte. In einer Sofalounge spielen Kinder X-Box, ein Ehepaar hat eine Hologrammbrille aufgesetzt, fährt virtuell Achterbahn. Hier hat der Wirtschaftsinformatiker Hannes Stelzer im Mai eine Stelle angetreten.

Er steht da, wo Manager Michael Martin vor 25 Jahren stand: am Anfang seiner Karriere. Auch er ist ehrgeizig, hat viele Ideen im Kopf. Und packt sein Leben doch ganz anders an. Stelzer ist für die Technik im Showroom verantwortlich: Computer, Tablets, Smartphones, das E-Mail-System. Wenn der US-Konzern ein neues Produkt auf den Markt bringt, weiß der 25-Jährige, wie es funktioniert. Über 500 IT-ler sollen sich auf die Stelle im einzigen Microsoft-Store Deutschlands beworben haben. Ein Traumjob. Stelzer hat ihn bekommen - aber nicht, weil er ständig da sein wollte. Nein, im Gegenteil: weil er auf gar keinen Fall Fulltime arbeiten wollte.

Warum nicht einfach eine Stelle teilen?

Teilzeit als Karriereoption? Das ist neu. Aber Hannes Stelzer arbeitet auch nicht im klassischen Muttimodell - halber Lohn, viele Überstunden, keine Chance auf Karriere. Er ist ein Jobsharer. Einer von zwei hoch qualifizierten Angestellten, die sich eine Stelle teilen. Vor allem große Unternehmen suchen zurzeit gezielt solche Tandemteams, weil sie als hochmotiviert, extrem effizient und viel zufriedener als andere Arbeitnehmer gelten.

Es ist Mittwoch, 12 Uhr. Hannes Stelzer hinkt mit seiner Arbeit hinterher. Die Schulung am Morgen dauerte länger als geplant, und dann hatte er auch noch ein kompliziertes Kundengespräch. Jetzt ist er nicht zufrieden, sondern genervt. In fünf Stunden ist seine Woche rum, und er hat die Server noch nicht umgestellt. Auch die To-do-Liste an Patrick muss noch raus. Informatiker Patrick Schillinger, 34, ist von Donnerstag bis Samstag sein Gegenpart. Und weil im Store kein Tag wie der andere ist, klappt ohne eine penible Übergabe nichts: spontane Aufträge, Schulungen, externe Anfragen. "'Ich erledige das' heißt immer 'wir erledigen das'", sagt Hannes Stelzer.

Seit sechs Monaten sind die beiden jetzt ein Team, zwei Mann auf einer Stelle. Das Unternehmen hat den jungen, quirligen Berufsanfänger Hannes mit dem ruhigen, erfahrenen Informatiker Patrick verkuppelt. "Ein perfekter Mitarbeiter in zwei Personen", sagt Christoph Seitz, Leiter Innovation und Marketing von Microsoft Berlin. Unterschiedlich genug, um nicht zu konkurrieren, ähnlich genug, um sich gegenseitig zu pushen. Bisher klappt das Konzept: Der eine kommt, wenn der andere geht, auch im Urlaub haben sie sich vertreten. Und weil beide 24 Wochenstunden arbeiten, fallen keine Überstunden an.

Jobsharing

Donnerstag: Heute sitzt Patrick Schillinger da, wo gestern Hannes Stelzer saß. Rotes Eatery-Shirt, Jeans, Sneakers: Das Outfit ist ähnlich, privat kennen sich die beiden nicht. Egal. Wichtig ist nur, dass jeder weiß: Wenn einer einen Fehler macht, machen ihn beide. Wenn einer Erfolg hat, profitieren beide. Zur Belohnung gibt es freie Zeit.

Aber auch dann faulenzen sie nicht. Hannes bastelt mit Studienfreunden an einem Start-up, schreibt gerade einen Businessplan für ein Stipendium des Wirtschaftsministeriums. Patrick hat nebenbei eine IT-Firma, betreut Unternehmen. Manchmal nimmt er sich in seiner "Freizeit" auch frei, um mit Tochter Mia, 2, zu spielen.

"Warum dürfen Menschen nicht mal das Tempo drosseln?"

Es sind Geschichten wie die von Patrick und Hannes, von denen Jana Tepe, 28, auf Zukunftskongressen gern erzählt. Vor knapp drei Jahren gründete die Berliner Unternehmerin mit ihrer Kollegin Anna Kaiser die Jobsharing-Plattform Tandemploy . Das Onlineportal funktioniert ähnlich wie die Partnerschaftsbörse Parship - nur dass Menschen nicht die große Liebe fürs Leben suchen, sondern passende Partner für einen Job. Bisher haben sich nach Auskunft der Agentur mehr als 40 Unternehmen und 25.000 Arbeitnehmer angemeldet. 40 Prozent seien Männer.

Inzwischen gilt Tepe als die Jobsharing-Expertin in Deutschland. Allein 18 Vorträge wollen sie und ihre Kolleginnen noch bis Weihnachten halten. "Warum dürfen Menschen gerade in der stressigsten Zeit ihres Lebens nicht mal das Tempo drosseln?", fragt sie. "Wenn das Haus gebaut wird, die Kinder kommen, vielleicht die Eltern krank werden?"

Die Gründerin verweist auf Onlineumfragen. "Es gibt mehr Menschen, als man denkt, die Teilzeit wünschen." Und betont: "Auf qualifizierten Stellen." 33 Prozent wünschten sich mehr Zeit für die Familie, 30 Prozent für eigene Projekte. Der Ehrgeiz wird durch Teilzeit keineswegs gebremst, sagen Wissenschaftler des Instituts für Employment Studies in Brighton. Im Gegenteil: Viele Jobsharer sind erfolgreiche Leistungsträger, 71 Prozent werden sogar zusammen befördert.

Wie bindet man talentierte Freigeister?

Personaler hören interessiert zu. Vielleicht ist das eine Lösung ihrer Probleme? Bis 2030 soll die Zahl der Deutschen im erwerbsfähigen Alter um bis zu acht Millionen sinken, schon heute klagen Branchen über Fachkräftemangel. Sie brauchen neue Konzepte, mit denen sie talentierte Freigeister binden können.

Teilzeit, Gleitzeit, Sabbaticals. Vor allem große Konzerne entdecken zurzeit solche Arbeitsmodelle neu: Vor einem Jahr schaffte Microsoft die Kernarbeitszeit ab, Bosch lockerte die "Anwesenheitspflicht", Daimler überdenkt Produktionsabläufe, damit Mitarbeiter Beruf und Freizeit besser vereinbaren können. Und Führungskräfte der Deutschen Bahn AG dürfen sogar eine Auszeit nehmen.

Noch trauen sich nur wenige Pioniere. Kann ich mir das leisten? Was denken die anderen? Wer sitzt auf meinem Stuhl, wenn ich wiederkomme? Das dachte auch Mario Theis, 42, Chef im Bereich Preise und Produkte bei der Deutschen Bahn. Vor zwei Jahren hat er geheiratet. Weil er keine pauschalen Flitterwochen buchen wollte, ging er zum Chef, sagte: "Ich brauche Zeit." Fünf Monate war er mit seiner Frau auf drei Kontinenten unterwegs: Kambodscha, Vietnam, Hongkong, Neuseeland, Chile, Argentinien, Peru. Wenn es heute im Büro chaotisch wird, denkt er: "Wir brauchen ein bisschen Fidschi." Die Menschen in der Südsee haben ihn beeindruckt: so ruhig, so freundlich, so zufrieden.

Theis hat fünf Monate lang gelebt, wovon viele nur träumen: eine Existenz ohne Handy, E-Mails, Kleinkriege mit Kollegen. Viele Freunde sagen, sie wollen auch aussteigen - irgendwann. Doch im Konflikt Traum gegen Trott gewinnt meist die Angst. Mehr als die Hälfte aller Führungskräfte sagt, sie würden gern fünf Stunden weniger arbeiten und dafür auf Gehalt verzichten.

Das Problem mit dem Geld hat Mario Theis zusammen mit seiner Firma gelöst: Die zahlte sein Gehalt weiter aus, behielt dafür anschließend drei Jahre lang Weihnachtsgeld und Bonuszahlungen. Hannes Stelzer legt von seinem Microsoft-Teilzeitgehalt sogar noch etwas für die Rente zurück: "Dafür verzichte ich auf ein Auto, trage keine Marken, reise per Rucksack."

Manager Michael Martin hat dem Gärtner gekündigt, seinen Porsche verkauft und lebt vom Ersparten, gönnt sich rund 2400 Euro im Monat. Neulich hat er mittags an einem See gesessen. Er sagt: "Es war so schön, das tat fast schon weh."

* Name von der Redaktion geändert

Silvia Dahlkamp hat für ihre drei Töchter auf eine Vollzeitstelle verzichtet und hofft, dass diese später nicht mehr vor der Entscheidung stehen: Job oder Kinder?