Starke Gefühle Ich will heim!

Heimweh ist zwar keine Krankheit, ganz schön wehtun kann es trotzdem. Warum leiden wir in der Fremde - und was hilft dagegen?
Szene aus dem Film "E.T. - Der Außerirdische"

Szene aus dem Film "E.T. - Der Außerirdische"

Foto: ddp images / interTOPICS

Als der damalige Intendant der Münchner Kammerspiele, Johan Simons, vor drei Jahren seinen Rücktritt verkündete, begründete er seinen Weggang mit Heimweh. "Ich muss wieder nach Hause", sagte der Niederländer bei der Pressekonferenz. Der Kulturreferent der Stadt München fügte verständnisvoll hinzu: "Gegen Heimweh ist kein Kraut gewachsen."

Ein international bekannter Regisseur von inzwischen 70 Jahren, der aus emotionalen Gründen auf ein ziemlich prestigeträchtiges Engagement verzichtet? Das klingt nach Koketterie oder einem Vorwand, um interne Querelen zu vertuschen. Aber nein, Simons wollte einfach nur nach Hause.

Diese Sehnsucht nach "zu Hause" kann in jedem Alter, in jeder Situation auftreten: bei Kindern auf Klassenfahrt, Erstsemestern in der neuen Universitätsstadt und Senioren im Altersheim. Sogar Aliens, siehe E.T., kennen das Gefühl.

Über Extremfälle wird immer mal wieder berichtet, etwa über die Frau, die in 58 Jahren keine einzige Nacht in einem fremden Bett übernachtete. Und die nicht mit ihrem Ehemann ins Pflegeheim zog, weil sie nicht von zu Hause wegwollte - oder wahrscheinlich konnte.

Wenn Menschen unter leichteren Formen von Heimweh leiden, handelt es sich um keinen pathologischen Zustand, sondern um einen ganz normalen psychologischen Vorgang: Jeder ist erst einmal irritiert von allem, was fremd ist. Je größer die kulturellen Unterschiede sind, desto größer ist der Fremdheitseffekt. Woher kommt Heimweh, sind Eltern schuld, wenn Kinder die Fremde nicht ertragen - und was hilft dagegen?

Aus SPIEGEL Wissen 6/2016

Heimat
Annäherung an ein schwieriges GefühlSPIEGEL WISSEN 6/2016: Bei Amazon bestellen Abo SPIEGEL WISSEN

Wie schlimm das Heimweh ist, hängt davon ab, wie gut jemand damit klarkommt, fremd zu sein. Und wie schnell das Fremde vertraut wird. "Dazu braucht es innere Stärke und eine gewisse Frustrationstoleranz", sagt Iris Graef-Calliess, Leitende Ärztin im Zentrum Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Wahrendorff bei Hannover. Deshalb seien Kinder und Alte häufiger von Heimweh betroffen. "Wenn Kinder sich zum ersten Mal fremd fühlen, leiden sie natürlich", sagt Graef-Calliess. Fremdsein will eben gelernt sein. Allerdings seien auch viele ältere Menschen "nicht mehr so robust und sehnen sich nach allem Vertrauten".

Johan Simons

Johan Simons

Foto: Andreas Gebert/ dpa

Ein sonniger Freitag im September, einige Minuten zu spät hastet Johan Simons in sein Büro in Gelsenkirchen. Er kommt von zu Hause, aus Heerjansdam in den Niederlanden, und hat schon zwei Stunden hinterm Steuer gesessen. Seit 2015 ist er Intendant der Ruhrtriennale. Ein Kompromiss, jetzt kann er in seine Heimat pendeln.

Erste Frage: Herr Simons, ist Ihnen Familie so wichtig, dass Sie aus München wegwollten? Simons, im weißen Hemd und schwarzen Cardigan, antwortet prompt: "Na ja, zumindest künstlerisch war das kein Grund. Meine Frau hätte auch einfach zu mir ziehen können. Aber Heimweh nach dem Deich hinter meinem Haus hatte ich schon."

Mit seiner Frau wohnt er seit 26 Jahren in einer umgebauten Schule direkt am Wasser. Aufgewachsen ist er nur 70 Kilometer weiter. Fast sein ganzes Leben hat Simons in dieser Gegend verbracht. Was ihn hält? "Der Deich." Jeden Morgen, wenn er zurück ins Ruhrgebiet müsse, fahre er einen kleinen Umweg, fünf Kilometer über den Deich, um sich "von der Landschaft zu verabschieden". An jedem Tag, an dem er den Deich nicht mal kurz sehe, sei er "ein bisschen traurig", sagt Simons. Der Himmel, die Gerüche, alles dort sei einzigartig und erinnere ihn an seine Kindheit.

Dabei sind diese Erinnerungen überhaupt nicht positiv. Die Eltern stritten ständig, weil der Vater, ein Bäcker, sein ganzes Geld verspielte. Dass er damals nie woanders übernachten wollte, habe nicht an seiner Angst vor der Fremde gelegen, sondern am Verantwortungsgefühl seinen Eltern gegenüber. "Ich dachte, zu Hause bricht die Hölle los, wenn ich nicht mehr als Puffer da bin", sagt Simons. Das habe er verhindern wollen.

Wie viel Schuld tragen Eltern, wenn Kinder Heimweh haben? Entwicklungspsychologen sind sich einig, dass es Kindern mit gesunder Elternbindung leichter fällt, unabhängige Erfahrungen zu sammeln, weil sie nicht ständig fürchten müssen, die Zuneigung ihrer Eltern zu verlieren.

Wie unterschiedlich Kinder mit Heimweh umgehen, kann Markus Panning immer wieder aufs Neue beobachten. Seit zehn Jahren ist er Schulpsychologe am Internat Marienau-Dahlem in Niedersachsen. Etwa 120 Schülerinnen und Schüler wohnen auf dem Gelände des Internats, 120 weitere kommen aus der Umgebung und schlafen zu Hause. Nach den Sommerferien hat Panning, 38, immer ein besonderes Auge auf die Neuzugänge. Die Umstellung auf den strukturierten Internatsalltag ohne Eltern sei "objektiv schwierig", viele Kinder fühlten sich "ihrer Handlungsmöglichkeiten beraubt".

Es sei entscheidend, wie Eltern mit der Umstellung umgehen, sagt Panning. "Bestimmte Elterntypen verschlimmern das Heimweh ihrer Kinder eher, als dass sie es verbessern." Da gebe es diejenigen, die sich zu wenige Gedanken um ihr Kind machen, es nicht in die Entscheidung fürs Internat einbinden und vor vollendete Tatsachen stellen. Diejenigen, die ihr Kind abliefern und sofort in Urlaub fahren. "Da fühlen Kinder sich schnell abgeschoben", sagt Panning.

Das andere Extrem seien diejenigen, die nicht loslassen können. Die jedes Mal beim Abschied weinen. Und dann täglich anrufen, um stundenlang zu telefonieren. "In solchen Fällen machen sich die Kinder Sorgen um Mama und Papa und können sich nicht auf ihr neues eigenes Leben einlassen", so Panning. Die Folgen seien dieselben: Die Kinder sehnen sich nach Hause.

Die Gegenmittel des Psychologen Panning sind simpel und seiner Erfahrung nach meist wirksam: mit den Mentoren sprechen, die Pferde des Internats pflegen und viel Eis essen. Es gebe aber auch Grenzen: "Wenn so ein Zwerg dauerhaft leidet, müssen er und seine Eltern irgendwann einsehen, dass das Internat einfach nicht das Richtige ist."

Als die Austauschorganisation vor Heimweh warnte, hörte Nele von Bomhard gar nicht richtig zu. Schließlich wollte die damals 15-Jährige unbedingt weg von zu Hause, weg aus dem Städtchen Landau in Rheinland-Pfalz. In der Schule hatte sie ein Plakat gesehen, "Ein Jahr USA", und sich beworben. Ihre Eltern hatten sie nicht gedrängt, ihre älteren Geschwister waren in der Schulzeit nicht weg gewesen, schwärmten aber von ihren Auslandsaufenthalten nach dem Abi. Warum darauf warten?

Den Platz in den USA bekam sie nicht, dafür ein Angebot für Argentinien. Nele akzeptierte. Als sie im Sommer 2015 ankam, lief nicht alles perfekt. Die Gastfamilie schien nett und veranstaltete eine Willkommensparty, aber in der Schule war sie allein und verstand kein Wort. Vorhersehbare Anfangsschwierigkeiten, könnte man sagen.

Doch eine Woche nach ihrer Ankunft sperrte Nele sich im Badezimmer ein, rief ihre Mutter an und heulte Rotz und Wasser. "Von jenem Moment an habe ich mich in mein Heimweh hineingesteigert", erzählt sie im Nachhinein. Jeden Tag chattete sie mit ihrer Mutter auf WhatsApp, jede Nacht skypte sie mit ihrem Freund. Um ihn trotz Zeitverschiebung zu erreichen, blieb sie einfach bis vier Uhr morgens wach. Bis dahin lag sie stundenlang im Bett, schaute deutsche Serien und fragte sich immer wieder, warum sie sich das antat. Tagsüber aß sie aus Frust und nahm in drei Monaten zehn Kilo zu.

Dass ihr Gastbruder sie piesackte und ihre Gasteltern ihr irgendwann eröffneten, sie sei offenbar nicht reif genug für den Austausch, machte alles noch schlimmer. "Den meisten Menschen ist Heimweh peinlich, aber man muss mehr darüber reden", findet Nele. "Ich hätte nie gedacht, wie schrecklich dieses Gefühl sein kann."

Nach einem halben Jahr war sie bereit, aufzugeben und nach Hause zu fliegen. Doch es sollte anders kommen. Jemand aus der Austauschorganisation überredete sie, nur die Familie zu wechseln und einen zweiten Start zu wagen.

Tatsächlich fand Nele die neue Gastfamilie netter und fühlte sich zum ersten Mal zu Hause. Außerdem hatte sie sich gerade von ihrem Freund in Deutschland getrennt. "Darüber war ich zwar traurig, aber jetzt war da eine Person weniger, zu der ich Kontakt halten musste", sagt Nele. Und plötzlich war alles gut. Ihre Mutter rief sie nur noch alle zwei Wochen an, sie schlief normal, sie aß normal.

Im Juli 2016 landete Nele wieder in Frankfurt. Im Gepäck hatte sie das Wissen, dass sie sich in einem vollkommen fremden Land durchschlagen kann. Auch wenn es manchmal schmerzhaft sein kann. Nach dem Abitur will Nele "etwas mit Sprachen" studieren. Sie plant jetzt schon ihr Auslandssemester.

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