Der SPIEGEL

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08. Dezember 2017, 01:27 Uhr

Aggressive Arten

Wenn Tiere sich am Menschen rächen

Von Jörg Zittlau

Szenen wie aus einem Horrorfilm: Weil der Mensch ihren Lebensraum verändert, schlagen immer mehr Tierarten zurück, manchmal mit tödlichen Folgen.

Töten darf man sie nicht. Also hat man versucht, sie einzufangen und umzusiedeln, sie mit Lärm und Paintball-Gewehren genervt und sogar brüllende Menschen in Affenkostümen losgeschickt, um sie zu erschrecken. Doch die Rhesusaffen von Neu-Delhi beeindruckt das alles nur wenig, sie haben das Regierungsviertel der indischen Hauptstadt weiterhin unter ihrer Kontrolle. Sie krakeelen und hüpfen über die Dächer, plündern und marodieren. Die Stadtverwaltung hat ihre Niederlage eingesehen - und sie sogar als Ausrede entdeckt. Wenn nun ein Beamter eine bestimmte Akte nicht finden kann, heißt es einfach: Tut uns leid, die haben wohl die Affen gestohlen.

Einige Tausend Kilometer südwestlich, in Afrika, verlaufen die Konflikte zwischen Affen und Menschen oft weniger glimpflich. So besetzen die Paviane von Kapstadt nicht nur Gärten und Parkanlagen, sie brechen auch Autos und Häuser auf, um dort nach Essbarem zu suchen. Und die Schimpansen im Kongo haben sich sogar den Titel "Killer Chimps" erarbeitet. In einem Feld nahe dem Virunga-Nationalpark überfielen sie drei spielende Kinder: Eines wurde erschlagen, das zweite zerrissen, und das dritte überlebte nur mit schwersten Bisswunden im Gesicht. Wissenschaftler vermuten, dass die Affen gezwungenermaßen, weil der Mensch ihnen ihre natürlichen Nahrungsressourcen geraubt hat, von Vegetariern zunehmend zu Fleischfressern geworden sind und dadurch auch kleine, wehrlose Menschen auf ihren Speiseplan setzen.

"Die Schimpansen gehen bei ihnen genauso vor wie beim Vertilgen von Stummelaffen", erklärt der amerikanische Biologe Michael Gavin. "Erst beißen sie ihnen die Weichteile ab wie etwa die Lippen; und dann die Arme und Beine." Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm, aber der Mensch wird sich wohl daran gewöhnen müssen.

Denn Konflikte zwischen Menschen und Wildtieren haben in den vergangenen Jahrzehnten teilweise dramatisch zugenommen. Ob durch Jagd, Gifteinsatz, urbane Besiedlung oder Klimawandel - der Mensch macht es der Tierwelt schwerer denn je. Doch diese schlägt zurück.

Inzwischen ist der "Human-Wildlife Conflict" zu einem stehenden Begriff und zu einem eigenständigen Forschungsthema der Biowissenschaften geworden. "Konflikte entstehen, wenn Interessen aufeinanderprallen", erklärt der amerikanische Verhaltensforscher Michael Hutchins. Und der übergriffige Expansionsdrang des Menschen sorge dafür, dass dies zwischen ihm und den Tieren immer öfter passiere. Die schlechte Nachricht: Der Mensch wird den Kampf nicht gewinnen können. Denn die Tiere haben einen mächtigen Verbündeten: die Evolution.

In Afrika proben neben Affen auch die Elefanten den Aufstand. Sie verantworten in Simbabwe und Kenia 75 bis 90 Prozent aller durch Säugetiere hervorgerufenen Ernteschäden, mit der Folge, dass sich dort die ohnehin angespannte Ernährungssituation der Menschen weiter verschärft. Wenn sich die Bauern gegen die Dickhäuterüberfälle wehren, ziehen sie dabei oft den Kürzeren. "Jedes Jahr kommen dabei Hunderte von ihnen zu Tode", berichtet Hutchins. In Uganda zertrampelten und plünderten die bis zu sieben Tonnen schweren Kolosse gleich ein ganzes Dorf - und sie stellten dabei Wachposten an den Straßen auf, damit niemand Hilfe holen konnte.

Weswegen selbst Umweltschutzorganisationen wie die International Union for Conservation of Nature (IUCN) die ebenso intelligenten wie aggressiven Rüsseltiere als "Wildtierplage" einstufen, auf einer Stufe mit den Wanderheuschrecken. Die amerikanische Wissenschaftlerin Gay Bradshaw betont sogar: "Zwischen Menschen und Elefanten herrscht Krieg." Doch für die Ökologin steht auch fest, dass der eigentlich friedliebende Dickhäuter diesen Krieg nicht begonnen hat: "Er hat nur reagiert." Etwa darauf, dass man ihm die Lebensräume beschnitten hat, sodass er nach neuen Futterquellen suchen muss.

Zudem erlegen Wilderer vor allem die Tiere mit den größten Stoßzähnen, und das sind in der Regel die Führungselefanten. Die Folge: Aus den Herden spalten sich Jungbullenbanden ab, die randalierend durch die Lande ziehen. Ganz zu schweigen davon, dass sie oft miterleben mussten, wie ihre Eltern oder andere Herdengenossen getötet wurden. "Die Gehirne dieser Elefanten weisen im Kernspintomografen die gleichen Veränderungen auf, wie man sie bei menschlichen Opfern von posttraumatischen Belastungsstörungen findet", erläutert Bradshaw. Man dürfe sich deshalb auch nicht über die entsprechenden Verhaltensweisen wundern: Schreckhaftigkeit, Bindungslosigkeit, Hyperaktivität und Aggressivität. Und Sexualstörungen. In Südafrika vergewaltigen Elefantenbullen immer wieder Rhinozerosse, was selbst unter hartgesottenen Wildhütern für Entsetzen sorgte.

Doch meistens kollidieren die Tierpopulationen mit denjenigen, die sie in die Enge treiben: den Menschen. So attackieren weiße Haie mittlerweile doppelt so viele Schwimmer wie vor fünfzig Jahren. Wo früher an den Küsten Australiens ein Haiangriff alle 30 bis 40 Jahre stattfand, passiert dies mittlerweile mindestens einmal pro Jahr. Der Grund: Die Raubfische finden wegen der Fangflotten und Treibnetze weniger Beute als früher, sodass sie verstärkt nach Ausgleichsfutter suchen müssen. Außerdem beschleunigt der Klimawandel ihren Stoffwechsel, sodass ihnen stärker der Magen knurrt. Und wer Hunger hat, ist weniger wählerisch bei der Speisenwahl.

In der indischen Millionenmetropole Mumbai sind es hingegen Leoparden, die den Menschen als Nahrungsquelle für sich entdeckt haben. Sie stammen aus dem Sanjay-Gandhi-Nationalpark, der nicht irgendwo auf dem Land, sondern mitten in der Stadt liegt. Ohne Zäune, was jedoch lange Zeit kein sonderliches Problem war, da die Raubkatzen genug Nahrung in den dichten Wäldern des mehr als hundert Quadratkilometer großen Schutzareals fanden. Doch seit etwa einem Jahrzehnt ist es mit dem Frieden vorbei, weil die ärmere Bevölkerung keinen Wohnraum mehr in Mumbai findet, wo man nicht selten Mietpreise wie in New York zahlen muss.

"In der Folge entstanden neben und teilweise auch in dem Nationalpark viele illegale Wellblechhütten", berichtet Krishna Tiwari von der City-Forest-Initiative in Mumbai. Darin leben rund 250.000 Menschen. Die Leoparden haben dadurch zunehmend Haustiere wie Hühner und Ziegen, aber auch Kinder als leichte Beute-Alternative entdeckt. Wobei auch ein Erwachsener als Mahlzeit infrage kommt, sofern er sich zum Verrichten seiner Notdurft in die Hocke begibt - denn dann befindet er sich mit der Raubkatze auf Augenhöhe.

Galten Leopardenangriffe in Mumbai noch Mitte der 1990er als Ausnahme, lag ihre Zahl zehn Jahre später bei über 20 pro Jahr, mehr als die Hälfte von ihnen endete tödlich. Danach gingen die Angriffe zurück, weil es gelang, die Zahl der gefleckten Raubkatzen in Mumbai zu kontrollieren. Doch in jüngster Zeit steigt ihr Bestand wieder. Bis zum Juli dieses Jahres wurden fünf Kinder attackiert, eines starb an seinen Verletzungen.

In Europa muss man zwar nicht befürchten, in tierischen Mägen zu landen - doch Konflikte mit Tieren treten hier wegen der dichten Besiedlung nicht seltener auf als in Indien oder Australien. Deutlich spürbar wird dies beispielsweise an den Krähen. "Sie rücken immer weiter in die Städte vor", erklärt Rüdiger Albrecht, Artenschutzreferent beim Landesamt im Kreis Rendsburg-Eckernförde. Denn auf dem Land hätten sie keine Heimat und Perspektiven mehr, weil ihnen die industrielle Agrarwirtschaft die Lebensgrundlagen genommen hat. In der Stadt treffen sie dann allerdings auf Menschen, die sich von den lauten schwarzen Vögeln überfordert fühlen.

In Städten wie Berlin, Dresden, Bremen und Leer sorgen sie für Hitchcock-Atmosphäre, in München gibt es Stadtteile mit 100 Krähenpaaren pro Quadratkilometer. Sie bedienen sich aus Mülltonnen, gelben Säcken und Containern, ziehen Pommes aus der Imbissschachtel oder Mützen von Kinderschöpfen. Im Stadion von Hannover 96 zerhackten sie die teure Innendachfolie, worauf man mumifizierte Krähen zur Abschreckung aufhängen ließ. Doch das sorgte lediglich für Entsetzen unter den zweibeinigen Spaziergängern, während die hochintelligenten Vögel das Spiel durchschauten und weitermachten wie zuvor.

Noch riskanter für den Menschen sind freilich jene Tiere, die gefährliche Krankheitserreger mit sich führen. Wie etwa die Zecke, die immer weiter nach Norden vorrückt und dabei mehr als 50 Infektionserkrankungen verbreitet, von der Borreliose bis zur Meningitis. Hauptverantwortlich dafür ist der Klimawandel, der zwar insgesamt die Artenvielfalt einschränkt, andererseits aber auch einigen Tieren zugute kommt, weil sie sich durch die Erwärmung in neue Landstriche ausbreiten können. Dazu gehören neben Zecken und Malariamücken auch Quallen. Sie verwandeln hektargroße Wasserflächen in Glibberlandschaften, in Skandinavien haben sie bereits mehrere Male den Kühlwasserzufluss von Atomkraftwerken verstopft.

Weitere Profiteure des Klimawandels sind wechselwarme Kopffüßer wie Kraken, Tintenfische und Kalmare. Laut einer Studie der University of Adelaide hat ihr Bestand in den vergangenen Jahrzehnten spürbar zugenommen. Die Zahl der auf hoher See gefangenen Kalmare ist dreimal so hoch wie vor 70 Jahren. Wer früher in der Nordsee fischte, hatte nur in Ausnahmefällen einen der scheuen und vorsichtigen Kopffüßer im Netz, mittlerweile jedoch sieht man ihn dort häufiger als Kabeljau und Hering. "Das Ökosystem der Meere hat sich offenbar zu ihren Gunsten entwickelt", erklärt Studienleiterin Zoë Doubleday.

Gute Karten haben aber auch jene Tiere, die den Menschen und seine Welt gut kennen und sich den Lebensbedingungen optimal angepasst haben. Wie etwa die streunenden Hunde von Moskau. Sie fahren morgens aus den Außenbezirken mit der Metro in die City, wo sie dann die Passanten mit Dackelblick anbetteln oder ihnen durch ausgeklügelte Überfallstrategien - einer bellt und erschreckt, der andere schnappt zu - das Frühstücksbrötchen klauen.

Das weltweit milliardenstarke Heer der Ratten hat im Kanalsystem der Großstädte eine Heimat gefunden, wo die Nager reichlich Nahrung aus dem Wasser angeln und auch weitgehend unsichtbar bleiben können. Und sofern der Mensch mal wieder eine Vergiftungsaktion gegen sie startet, reagieren sie zügig mit effektiven Gegenmaßnahmen: Sie entwickeln Resistenzen und vervielfachen ihre Fortpflanzungsquote. Im Sommer 2011 verteilte man 75 Tonnen Rattengift über Henderson Island, einem nicht mal 40 Quadratkilometer großen Atoll im südöstlichen Pazifik, wo die Nager auf dem besten Wege waren, die komplette Ökologie mitsamt ihren seltenen Vogelbeständen auszumerzen.

Die Aktion erschien zunächst erfolgreich, einen Monat danach war keine Ratte mehr zu sehen. Doch als man Monate später nachschaute, war die Insel wieder in Rattenhand - und sie ist es bis heute.

Der Mensch sollte sich besser keine Illusionen über den Kampf gegen die rebellierende Tierwelt machen. Denn deren Verbündeter ist die Evolution, die nach dem Muster funktioniert, dass ein erhöhter Anpassungsdruck für erhöhte Anpassungsanstrengungen bei den Lebewesen sorgt. Je stärker also der Mensch die Umwelt verändert, umso stärker und schneller werden die Reaktionen der Tierwelt darauf sein.


Im Video: Invasion der Nandus - In Mecklenburg haben sich 130 Laufvögel aus Südamerika niedergelassen. Das ärgert die Bauern.

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