Experteninterview zu Kinderkrankheiten Ist es Privatsache, ob man sein Kind impfen lässt oder nicht?

Der Düsseldorfer Kinderarzt Hermann Josef Kahl hat häufig mit Eltern zu tun, die Impfungen gegen Kinderkrankheiten aus Angst vor Nebenwirkungen ablehnen. Wie geht er damit um?

Kleiner Junge mit Windpocken
Linda oBrien / Getty Images

Kleiner Junge mit Windpocken

Ein Interview von


Hermann Josef Kahl, 59, hat in Düsseldorf eine Kinderarztpraxis und ist Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

SPIEGEL: Herr Kahl, es ist Montagmorgen, 10 Uhr. Wie viele Kinder haben Sie heute schon geimpft?

Kahl: Zwei. Einmal habe ich eine Grundimmunisierung gemacht gegen Keuchhusten, Tetanus, Polio, Diphtherie, Hepatitis B, Pneumokokken und Rotavirus. Und dann noch eine gegen Masern, Mumps, Röteln.

SPIEGEL: Mussten Sie die Eltern der beiden Kinder dazu überreden?

Kahl: Nein, das war ihr eigener Wunsch.

SPIEGEL: Haben Sie in Ihrer Praxis Fälle von Kinderkrankheiten gehabt, weil die Kinder nicht geimpft waren?

Kahl: Im vorletzten Jahr kam ein Patient mit Windpocken, aber das war der einzige Fall, zum Glück.

SPIEGEL: Das klingt, als gäbe es gar kein Problem mit der Impfung von Kindern.

Kahl: Oh doch, es gibt durchaus Eltern, die eine Immunisierung ihrer Kinder verweigern. In der Regel haben diese Menschen Angst vor Impfungen, und sie suchen sich dann Informationen zusammen, die rationale Gründe für diese Angst liefern sollen. Für uns Ärzte ist es dann sehr schwierig, diese Ängste zu überwinden. Genauer gesagt: Das gelingt fast nie. Ich habe in meiner Praxis manchmal eine halbe Stunde lang mit intelligenten Eltern diskutiert, ohne Erfolg.

SPIEGEL: Was befürchten die Eltern denn?

Kahl: Dass die Impfung massive Nebenwirkungen hat, welche die körperliche und geistige Entwicklung ihres Kindes gefährden, und sie als Eltern die Verantwortung tragen, weil sie der Impfung zugestimmt haben.

SPIEGEL: Und was antworten Sie?

Kahl: Ich erkläre, dass das Gegenteil wahr ist: Die Impfungen sind sicher, und sie schützen vor Leid. Das zeigt die Statistik: Zwischen 2005 und 2009 gab es laut Robert Koch-Institut nur einen einzigen anerkannten Fall eines Impfschadens durch eine Immunisierung gegen Masern, und es ist weltweit kein einziger Todesfall durch eine Masernimpfung bekannt.

SPIEGEL: Auf der anderen Seite gibt es tödliche Verläufe: 2011, 2015 und 2017 starb in Deutschland jeweils ein Mensch an Masern.

Kahl: Leider. Und nun stellen Sie sich mal vor, wir würden nicht impfen. Dann würden jedes Jahr viele Kinder an Masern, Polio oder anderen ansteckenden Krankheiten sterben! Hunderttausende würden krank, manche wären schwer krank oder für ihr ganzes Leben beeinträchtigt. Denken Sie daran, wie viele Menschen früher der Diphtherie zum Opfer fielen oder durch eine Polio-Erkrankung irreversible Lähmungen erlitten. Umgekehrt sieht man, dass nach vielen Jahren der Meningokokken-Impfung die Zahl der Hirnhautentzündungen drastisch zurückgegangen ist.

SPIEGEL: Ist es nicht dennoch Privatsache, ob man sein Kind impfen lässt oder nicht?

Kahl: Das könnte man denken. Die Antwort lautet trotzdem Nein. Es gibt zum Beispiel Kinder, die einen angeborenen Immundefekt haben oder eine Chemotherapie durchlaufen und daher nicht geimpft werden dürfen. Sie sind nur geschützt durch die Immunität der anderen, gesunden Kinder.

SPIEGEL: Ihr Berufsverband fordert darum eine Impfpflicht.

Kahl: Ja, richtig, gegen alle ansteckenden Krankheiten, gegen die man impfen kann: Mumps, Masern, Röteln, Polio, Diphtherie, Keuchhusten, Hepatitis B, Hämophilus influenza b und Windpocken.

SPIEGEL: Wie möchten Sie die Impfpflicht durchsetzen? Mit Geldstrafen? Oder mit der Koppelung von staatlichen finanziellen Leistungen an eine Impfung? Oder soll notfalls die Polizei die Kinder zur Impfung bringen?

Kahl: Nein, wir meinen ja keine generelle Impfpflicht. Impfungen müssen freiwillig bleiben, alles andere verstärkt nur negative Emotionen. Der Vorschlag unseres Berufsverbands ist einfach: Wer eine öffentliche Bildungseinrichtung - wie Kita oder Schule - besucht, muss vollständig geimpft sein. Aus Steuergeldern finanzierte Institutionen müssen Sorge tragen, dass Kinder, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden dürfen, nicht durch andere gefährdet werden.

SPIEGEL: Halten Sie diese Idee für vereinbar mit der Schulpflicht?

Kahl: Ja. Impfgegnern steht es doch frei, eine Privatschule aufzumachen, in denen ihre Kinder unterrichtet werden.

SPIEGEL: Seit Juli müssen Eltern den staatlichen Kitas schon nachweisen, dass ihre Kinder geimpft sind. Andernfalls müssen sie belegen, dass sie bei der Impfberatung waren. Und wenn sie nicht zur Impfberatung gehen, kann ihnen eine Geldbuße auferlegt werden. Das reicht Ihnen offensichtlich nicht aus.

Kahl: Nein, eine Impfberatung kann man auch bei einem Arzt machen, der selbst ein Impfgegner ist. Das erhöht die Impfrate nicht und bringt uns deshalb nicht weiter.

SPIEGEL: Wie sollen Schulen denn praktisch Kindern den Besuch verweigern, für die sie zuständig sind? Sie täglich wieder nach Hause schicken?

Kahl: Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es gibt eine Schulpflicht, und die Eltern müssen dafür sorgen, dass die Kinder dieser nachkommen, sonst drohen Sanktionen. In Italien wurde in diesem Sommer so ein Gesetz in Kraft gesetzt, es sieht für Kita- und Schulkinder eine Impfung gegen zehn Krankheiten vor. Halten die Eltern sich nicht daran, wird eine Geldstrafe verhängt.

SPIEGEL: Exakte Zahlen über die Impfrate in der Bevölkerung existieren in Deutschland nicht. Warum wird nicht, wie in anderen Ländern, ein Impfregister geführt?

Kahl: Gute Frage! Seit Jahren fordern wir als Berufsverband, im Rahmen einer jährlichen repräsentativen Studie die Vorsorgeuntersuchungen der Kinder mit einer Impferhebung zu kombinieren. Im ersten Lebensjahr gibt es sechs Vorsorgeuntersuchungen, in den folgenden Jahren jeweils eine. Wir wären also sehr gut in der Lage, aussagekräftige Daten zu erheben über die Durchimpfungsrate. Aber wir haben weder bei den Krankenkassen noch im Ministerium die notwendigen Gelder bekommen.

SPIEGEL: Für die Immunisierung gegen Masern sind zwei Impfungen nötig. Laut Robert Koch-Institut hatten 2013 aber nur 73,3 Prozent der Kinder eine Zweitimpfung erhalten. Von einer ausreichenden sogenannten Herdenimmunität spricht man erst ab einer Quote von 95 Prozent.

Kahl: Die Zahl der Erstimpfungen ist wesentlich höher. Insofern geht diese Differenz nicht auf das Konto der Impfgegner. Nein, Zweitimpfungen werden manchmal von den Eltern vergessen. Und zu viele Ärzte kontrollieren bei den nächsten Praxisbesuchen leider nicht, ob der Impfschutz vollständig ist. Mit einer Impfpflicht bekämen wir auch das gut in den Griff.



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