SPIEGEL TV

Applaus aus dem Smartphone Wettlauf mit Zombies

Mit pfiffigen Apps kann man alles: Kalorien zählen, Lesezeit berechnen, mit virtuellen Rivalen rennen. Aber will man das? Ein Selbstversuch.

Was für ein eigenartiger Gegner, immer nur wenige Schritte voraus, aber kaum einzuholen. "Achtung, du fällst zurück", mahnt die Frauenstimme im Kopfhörer, "gib alles." Wenn die wüsste. Verbissen sprinte ich durch die Nacht. Ich hechle einem unsichtbaren Gegner hinterher: mir selbst.

Runtastic heißt die Software, die auf meinem Smartphone läuft. Sie zeichnet über einen Brustgurt meinen Puls und über die eingebaute Satellitenortung mein Tempo beim Joggen auf. Dann starte ich in sogenannte Ghost Runs: Wettläufe gegen virtuelle Konkurrenten, deren Strecken und Zeiten meine App gespeichert hat. Oder ich trete an gegen einen Lauf, den ich selbst gemacht habe. Dabei kann nur einer gewinnen: ich (damals) oder ich (heute). Das ist wahre Selbstüberwindung.

Digitale Trainingsprogramme sind derzeit schwer in Mode. Sport-Apps wie Runkeeper oder Runtastic wurden schon weit über zehn Millionen Mal heruntergeladen. Große Sportartikelhersteller bieten eigene Programme an.

Das Nike FuelBand zum Beispiel kostet 150 Dollar und zeichnet jeden Spaziergang auf wie eine olympische Disziplin. Wer sich bewegt, bekommt zur Belohnung NikeFuel Punkte gutgeschrieben, eine Art Fitness-Währung, um sich mit anderen vergleichen zu können. In der postmaterialistischen Gesellschaft zählen schlanke Körper mehr als dicke Limousinen.

Das neue Ideal ist der Glaube an die Selbstperfektionierung

Zu Uni-Zeiten lief ich noch einfach so, ich schnappte mir meine Laufschuhe, trabte los, und kam glücklich nach Hause. Eine Stoppuhr brauchte ich nicht.

Vor etwa zehn Jahren aber schlich sich in mein einfaches Laufen langsam, fast unmerklich, ein neues Ideal ein: der Glaube an die Selbstperfektionierung. Zur Marathonvorbereitung studierte ich Trainingspläne und begann, das Laufen als fast wissenschaftliches Optimierungsprogramm zu betreiben. Zuerst besorgte ich mir einen Schrittmesser, dann eine GPS-Uhr, dann Apps für mein Smartphone. Die Selbstvermessung übt einen eigenartigen Sog auf mich aus. Automatisch lädt die App meine Bewegungsprofile ins Netz auf eine Art Fitness-Facebook, wo meine Sportfreunde genau verfolgen können, wo und wie schnell ich laufe, oder ob ich mal wieder eine Woche geschwänzt habe. Social Running wird das genannt.

Besonders schnell laufe ich, wenn ich über Live Tracking meine Strecke direkt zur Website funke, wo meine Freunde mich als kleinen blauen Punkt auf einer Karte verfolgen können, ein bisschen wie Agenten in einem Spionagefilm.

Hawthorne-Effekt wird dieser Ansporn genannt: Sobald mich jemand beobachtet, strenge ich mich mehr an. Arbeitswissenschaftler entdeckten das Phänomen um 1920 in den amerikanischen Hawthorne-Werken, als sie versuchten, die Leistung von Arbeitern zu messen. Überrascht stellten sie fest, dass die Messung das Ergebnis verfälschte, weil die Beobachteten fleißiger waren als sonst.

Mitten im Berliner Mauerpark brandet plötzlich Applaus auf

Mit meiner Runtastic-App bin ich inzwischen im Berliner Mauerpark unterwegs, als plötzlich Applaus aufbrandet, Vuvuzela-Tröten kreischen. Ich sehe mich um, aber da ist niemand. Ein Freund hat mich per Internet auf der Karte verfolgt und mir das Geräusch per Mausklick übers Funknetz als Ansporn geschickt. Nun werde ich allerdings langsamer, weil ich lachen muss.

"Fitness für Geeks" heißt eine Neuerscheinung im O'Reilly Verlag, der bislang eher bekannt war für trockene Standardwerke zu Computersprachen wie C++. Das Buch, geschrieben vom Programmierer Bruce Perry, verspricht "Fitness-Hacks" mit dem Ziel: "Reboote dein System". Vorbei die cartesianische Zweiteilung der Welt in Körper und Geist. Nerds, die früher als lichtscheue Hänflinge galten, entdecken nach Hardware und Software nun die "Wetware": den Körper als Maschine aus Fleisch und Blut.

"Quantified Self" nennt sich die neue Subkultur der Hightech-Hypochonder, die jede Lebensregung mit Sensoren überwachen: Wenn meine Pasta vor mir dampft, schieße ich ein Foto mit dem Handy, schon verrät mir das Programm Meal Snap, wie viele Kalorien das Gericht hat - allerdings mit rund zehn Minuten Zeitverzögerung und erheblicher Ungenauigkeit.

Der Zeo Sleep Manager ersetzt die gute alte Schlafmütze durch ein futuristisch anmutendes Elektronik-Stirnband, das die nächtlichen Tiefschlafphasen kartiert. Durch aufwendige Tabellen sollen Schlafstörer wie Koffein oder Stress identifiziert werden. Die einfühlsame Maschine verspricht, genau dann den Wecker klingeln zu lassen, wenn ich ohnehin fast wach bin.

Nicht einmal Romane lesen kann man noch ungestört, das elektronische Lesegerät Kobo aus Kanada kontrolliert meine Lesegewohnheiten. Der Kobo, ein Wortspiel mit "book", sagt mir, wie viele Stunden ich noch bis zum Ende des Buches brauchen werde - und lobt mich, wenn ich durch bin.

Das klingt lustig, aber die Messmaschinen können den Alltag in eine Pädagogikhölle verwandeln. Wie viele Kalorien habe ich heute gegessen, wie viele Schritte gemacht, wie viele Stunden geschlafen, wie viele Seiten gelesen? Vordenker der Bewegung ist der Kalifornier Kevin Kelly, einst Herausgeber der Aussteigerbibel "Whole Earth Review", die die Rückkehr zum guten Leben auf dem Lande predigte. Später gründete er "Wired", das Zentralorgan für Technikeuphoriker. Sein Ziel: Selbsterkenntnis durch Zahlen.

Die digitale Selbsterziehung erinnert an die Methoden des Harvard-Psychologen B. F. Skinner, der um 1930 in seiner "Skinner-Box" Tiere durch gezielte Belohnungen darauf "konditionierte", ihr Verhalten zu ändern. Der freie Wille sei eine Fiktion, meinte Skinner, und wurde in erbitterten Debatten beschuldigt, totalitäre Machtphantasien zu rechtfertigen.

Nun kommt die Skinner-Box zurück in Form von Apps, die uns zu unseren eigenen Versuchskaninchen machen. Die digitalen Selbstdressurkäfige sollen den Willen im Kampf gegen die Trägheitskräfte der Gewohnheit stärken. Und tatsächlich, die Trainingspläne funktionieren, schon nach wenigen Monaten stellen sich messbare Erfolge des Hightech-Laufens ein.

Inzwischen sind auf meiner Lauf-App die Zombies hinter mir her, kurz hinter dem Mauerpark haben sie mich fast eingeholt, ich kann sie röcheln hören: Oargh, aaarrgh. Zombies, Run! heißt die britische Software, eine Art begehbares Hörspiel, dessen Hauptdarsteller mich immer wieder dazu animieren, Zwischensprints einzulegen. Absurd, aber wirkungsvoll.

Meine Bewegungsmelder liefern mir interessante Erkenntnisse: Morgens bin ich schneller als abends, das ist mir neu, und fühlt sich vor allem gar nicht so an. Und als besonders effektiv erweist sich das sogenannte Tapering: das gezielte Pausieren nach ein paar Trainingswochen, um danach um so schneller zu sein. Auch das hätte ich ohne meine Bewegungsapparate nicht bemerkt.

Manchmal fühle ich mich beim Losrennen ohne Handy wie auf Drogenentzug

Mein Körper als Testlabor. Der Vermessungswut sind dabei kaum Grenzen gesetzt - und der unfreiwilligen Komik auch nicht. Meine neueste Runtastic-App zählt nicht nur Laufrunden, sondern sogar Liegestütze - vorausgesetzt, ich berühre bei jeder Übung den Touchscreen mit der Nase. Das Programm Love Vibes gibt sogar vor, über einen Beschleunigungssensor die Hüftbewegung beim Sex zu messen (auf den Test habe ich verzichtet). Und japanische Hundebesitzer erstellen Bewegungsprofile und Fitnesspläne für ihre vierbeinigen Freunde mit Hilfe elektronischer Hundehalsbänder namens Wandant.

Eines Abends, ich habe bereits die Sportschuhe angezogen, bemerke ich: Die Batterie des Pulsmessers ist leer. Ich will den Lauf deswegen verschieben. Doch dann erwacht Widerstand in mir gegen diese neue, selbstverschuldete Unmündigkeit.

Trotzig laufe ich los, ausnahmsweise nicht behängt wie ein Weihnachtsbaum mit Kopfhörer, Smartphone, Pulsmesser. Sondern einfach so, nur ich. Ein großartiges Gefühl. Wie das erste Mal planschen ohne Schwimmflügel. Wie die erste Spritztour ohne Fahrlehrer. Im Humboldthain sehe ich einen Fuchs, später komme ich mit zwei anderen Läufern ins Plaudern, wir laufen ein Stück zusammen - das ist noch motivierender als die Flucht vor Zombies.

Fazit: Ich will meine Bewegungsmelder nicht mehr missen, aber ich setze sie heute selektiver ein als früher - nur noch stichprobenartig alle paar Wochen. Ich gestehe: Manchmal fühle ich mich beim Losrennen ohne Handy wie auf Drogenentzug und irgendwie nackt. Aber vielleicht gibt es ja auch für dieses Problem bald eine App.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.