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Erziehungsfrage: Gut getadelt, schlecht gelobt

Foto: Illustration Maren Amini/ SPIEGEL WISSEN

Bilden und fördern Toll ist nicht toll

Kinder brauchen Anerkennung. Doch motivierendes Lob ist eine Kunst, genau wie aufbauende Kritik.

Ronja ist elf Jahre alt und geht aufs Gymnasium im Münchner Umland. Loben ist wichtig, sagt sie, "sonst weiß man ja nicht, wo man steht". In Deutsch und Latein werde sie oft gelobt, im Kunstunterricht leider nicht. Der Kunstlehrer, sagt sie, habe immer was zu mäkeln, "es ist nie gut genug, entweder zu wenig Farbe oder zu viel oder zu wenig Schatten oder zu viel. Und manchmal lacht er Schüler aus". Ronja findet das überhaupt nicht gut. Das Lob, über das sie sich am meisten gefreut hat, kam von ihrer Religionslehrerin. "Sie hat gesagt, mein Heft wäre wie ein schönes Bilderbuch. Das war ein tolles Kompliment."

Lob freut große wie kleine Menschen, es macht stolz und spornt an. Aber gerade bei Kindern kommt es darauf an, wie gelobt wird. Es gibt da feine Unterschiede.

Lob kann elterliche Freude, pädagogische Anerkennung, Wertschätzung und Stolz vermitteln - vorausgesetzt, es ist ehrlich gemeint und erfolgt nicht mechanisch. Ist Lob mühelos zu erhalten, motiviere es nicht mehr, sagt Emrah Düzel, Neurowissenschaftler an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Lob, eingesetzt wie eine Dauerbrause, stumpfe das Dopamin-Belohnungssystem im Gehirn ab.

Kinder durchschauen Schmeicheleien

Kinder brauchen Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit, erläutert Johanna Graf, Psychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Vorsitzende des Vereins "Institut zur Stärkung der Erziehungskompetenz". Wenn die Eltern viel streiten und an ihren Kindern herummeckern, verpufften lobende Aussagen, weil einfach die emotionale Grundlage nicht stimme.

Auch Lob als Technik, um "erwünschtes Verhalten zu provozieren" funktioniere auf Dauer nicht, sagt Graf, denn Schmeichelei sei leicht durchschaubar. Sie ist selbst Mutter von drei Kindern im Alter von zehn und sieben Jahren und einem Jahr und hat das Training "FamilienTeam" entwickelt, das bislang vor allem im Süden Deutschlands gelehrt wird (siehe Buchkasten). Die Kunst des richtigen Lobens spielt in diesem Training eine wichtige Rolle.

Gerade pädagogisch bemühte Eltern, sagt Graf, wollten alles richtig machen und lobten deshalb ohne Unterlass. Sie hebt die Stimme: "Oh, mein Kleiner, du malst ja wie ein kleiner Picasso!" Graf lacht. Diese Verzückung wirkt künstlich und übertrieben. Lob sollte aber aufrichtig und realistisch sein, beschreibend und differenziert; Tonfall und Körpersprache sind dabei wesentlich.

"Ich freue mich, dass mein Kind mir beim Ausräumen der Einkäufe hilft, ich freue mich über sein gemaltes Bild, das Kind bemerkt meine aufrichtige Freude, das ist eigentlich Anerkennung genug." Wolle man darüber hinaus ausdrücklich loben, sollte man es so konkret wie möglich tun, etwa die Anstrengung beim Auspacken oder die gelungene Farbauswahl des Bildes würdigen.

Pauschales Lob verunsichert

In der Wissenschaft spreche man heute von positiven und negativen Rückmeldungen, erklärt Graf. Sie erzählt von einer niederländischen Studie mit jüngeren und älteren Kindern sowie Erwachsenen, die einige Aufgaben lösen sollten. Die eine Gruppe erfuhr, was alles falsch war; die andere Gruppe, was sie gut gemacht hatte. Die Befunde ergaben: Die Kinder, denen man ihre Fehler vorgehalten hatte, verschlechterten sich bei der zweiten Aufgabe, sie arbeiteten langsamer und machten mehr Fehler, offenbar waren sie verunsichert. Die andere Gruppe widmete sich zuversichtlich der nächsten Übung und erzielte ein gutes Ergebnis. Den Erwachsenen erging es genauso.

Graf findet dieses Resultat "immens wichtig für Schulen", man solle Kinder ermutigen und konkrete Vorschläge machen, wenn es um Verbesserungen geht, etwa im Deutschunterricht: Graf: "Beginnt ein Kind jeden Satz mit 'Und dann', könnte die Lehrerin sagen: Dein Text ist anschaulich geschrieben. Als Variante könntest du am Satzanfang mal ein 'Daraufhin' oder ein 'Schließlich' verwenden." Mit diesem Vorschlag, so Graf, könne ein Kind etwas anfangen, und es fühle sich gewürdigt.

Zehn Jahre hat die Psychologin Carol Dweck von der US-amerikanischen Stanford University Hunderte von Fünftklässlern beobachtet. Ihr Befund: Kinder, deren Anstrengungen gelobt wurden, stellten sich schwierigeren Aufgaben als solche, deren Intelligenz pauschal gepriesen wurde. Lobe man die Mühe der Kinder, so Dweck, entwickle sich in ihnen die Gewissheit, dass sie mit jeder neuen Herausforderung geistig wachsen können. Übermäßig und pauschal gelobte Kinder hingegen fühlten sich unter Druck gesetzt und fürchteten, Eltern oder Lehrer zu enttäuschen. "Du hast dich wirklich sehr angestrengt" oder "Mir gefällt, dass du so viel Ausdauer zeigst" ist demnach ein besseres Lob als "Toll hast du das gemacht".

Auch sollten Eltern sich nicht groß aufregen, wenn etwas misslingt. Versagt ein Kind bei einer Sache, ist es noch lange kein Versager. Wenn Misserfolge erlaubt sind, begreifen Kinder, dass es nicht tragisch ist, wenn mal was danebengeht - das stärkt die Selbstwirksamkeit des Kindes, sein psychologisches Immunsystem. Beim Ausprobieren zu scheitern und es noch einmal zu versuchen, gibt dem Kind die Gewissheit, Probleme meistern zu können.

Um emotionale Kompetenz geht es in Grafs "FamilienTeam"-Kursen. Das Positive beim Kind zu sehen, falle vielen Eltern schwer. "Wir haben einen Mängelblick in unserer Gesellschaft und schauen oft nörgelnd auf das, was nicht gut läuft", so Graf. Akzeptanz, Wohlwollen und positives Lob konkret zu formulieren, müssten die meisten Eltern systematisch üben. Deshalb arbeiten die Trainer in Grafs Kursen ihrerseits nur mit wohlwollenden Rückmeldungen: Sie etablieren das, was die Eltern dann an ihre Kinder weitergeben sollen. Das ist auch wichtig für den Lernerfolg.

"Mama, du hast die Schimpfsprache verlernt", sagte ein Mädchen, deren Mutter den Kurs absolvierte. Für beide gut, so Graf, denn Strafen und Schimpfen verschlimmerten Lernprobleme nur. Schlechte Noten seien für ein Kind schon schlimm genug, es schämt sich. Wichtig sei es, eine entspannte Lernsituation zu Hause zu schaffen. "Kinder, das weiß man aus der Forschung, lernen nur gut in Geborgenheit, verängstigte Kinder können nichts aufnehmen."

Die typischen Fehler - und was sie bewirken

Überhaupt hält Graf eine emotional positive Eltern-Kind-Beziehung für ausschlaggebend. Lob sei wie Dünger, findet sie, ein schöner Zusatz, aber zum Gedeihen brauchten Pflanzen vor allem gute Erde, Sonne, Wasser. Sie sieht es so: Eltern haben bei ihren Kindern ein emotionales Bankkonto, Einzahlungen sollten überwiegen, aber Eltern machten nun mal viele Abbuchungen: die Schuhe aufräumen, die Jacke aufhängen, anständig essen, ordentlich lernen - "immer, wenn wir was wollen, zerren wir das Kind in eine bestimmte Richtung". Das Konto aufzuladen werde zwar mit zunehmendem Alter der Kinder schwerer; aber, sagt Graf, es sei immer möglich. "In Beziehung zum Kind gehen klappt, egal, ob das Kind zwei oder zehn oder 16 Jahre alt ist."

Sie verweist auf weitere typische Fehler beim Loben: "Ja, jetzt hast du ja doch noch dein Zimmer aufgeräumt" - Sätze wie dieser seien in gewisser Weise vergiftet. Das Kind höre nur "doch noch" oder - bei anderen Sätzen - "endlich mal" oder "siehst du, geht doch". Kinder erleben diese Feststellungen als Vorwurf und fühlen sich abgewertet. Besser: "Mir gefällt, wie du alle deine Bücher ins Regal gepackt hast."

Auch Vergleiche unter Geschwistern à la: "Ach, schön, bist du heute auch mal so schnell fertig wie deine Schwester" - sind laut Graf katastrophal für Kinder und könnten auch die Geschwisterbeziehung stark beeinträchtigen.

Die Aufgabe ist anspruchsvoll: genau hingucken, den Blick fürs Positive schulen, Lob konkret formulieren. Das erfordert Zeit und Energie, aber die Mühe lohne sich, sagt Graf. "Wie ich mit meinem Kind spreche, prägt sein Selbstbild und seine späteren inneren Selbstgespräche." Entweder erschaffen Eltern einen strengen inneren Kritiker und Antreiber oder einen positiven, wohlwollenden Unterstützer. Keine Frage, wen man sich lieber als Begleiter für sein Kind wünscht.

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Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance / dpa

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