Lohnfortzahlung, Reha und Co. Hilfe für ein Leben mit Krebs

Eine Krebserkrankung ist ein tiefer Einschnitt in den Alltag der Betroffenen: Wer versorgt den Patienten daheim? Wer kümmert sich um die Kinder? Welche Kosten werden übernommen? Die wichtigsten Antworten.
Von Martin Skoeries
Krebspatientin: Kassen übernehmen meist ambulante Pflege

Krebspatientin: Kassen übernehmen meist ambulante Pflege

Foto: Corbis

Wozu dient ein Schwerbehindertenausweis?

Fast jeder Krebspatient hat Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis. Womöglich kostet es Überwindung, sich ein zeitweiliges Handicap einzugestehen. Für viele Hilfen ist der Ausweis aber unerlässlich. Bei Brustkrebspatientinnen etwa reicht ein Ersttumor ohne Metastasen für die Anerkennung eines Behinderungsgrads von 50 - ab diesem Grad wird der Ausweis ausgestellt. Er soll den Inhabern sogenannte Nachteilsausgleiche verschaffen, die den gesamten Alltag betreffen. So erhöht sich der Kündigungsschutz und auch der Anspruch auf Urlaub. Daneben gibt es einen Katalog von Hilfen wie Steuererleichterungen, Preisnachlässe oder Bauförderung. Allerdings sind neben dem Grad der Behinderung bestimmte "Merkzeichen" entscheidend, also etwa ob jemand blind, gehbehindert oder hilflos ist. Dies muss individuell entschieden werden. Für einen Lungenkrebspatienten empfiehlt es sich beispielsweise, das Merkzeichen G (gehbehindert) zu beantragen, um mehr Nachteilsausgleiche zu erhalten.

Wer versorgt den Patienten daheim?

Die Erkrankung und ihre medizinische Behandlung ziehen häufig eine gewisse Pflegebedürftigkeit nach sich. Eine ambulante Pflege kann bis zu vier Wochen von der Krankenkasse übernommen werden. Dauert die Bedürftigkeit an, greifen die Pflegestufen. Sie orientieren sich am täglichen Hilfebedarf, der durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung geprüft wird. Das kann für Krebspatienten problematisch sein, weil der Bedarf häufig schwankt. Wer eine Pflegestufe beantragt, sollte unbedingt einen Tag beschreiben, an dem alles besonders schwerfällt. Sollte keine oder eine zu niedrige Pflegestufe bewilligt werden, lohnt sich oft ein Widerspruch. Die Pflege übernimmt entweder ein ambulanter Pflegedienst oder eine Privatperson. Die Höhe der Sach- oder Geldleistungen orientiert sich dabei an der Pflegestufe (bis zu 1918 Euro monatlich bei Pflegedienstleistungen). Ist eine stationäre Pflege erforderlich, übernimmt die Pflegekasse alle Kosten bis auf Verpflegung und Unterkunft.

Wer kümmert sich um Kinder von Krebskranken?

Es handelt sich um ein Leiden, das ganze Familien betreffen kann. Jedes Jahr erleben rund 200.000 Minderjährige, dass ein Elternteil an Krebs erkrankt. Wer versorgt sie, wenn Mama arbeitet und Papa operiert wird? Jeder gesetzlich Versicherte mit Kindern unter zwölf Jahren hat Anspruch auf eine Haushaltshilfe, die auch die Kinder betreut. Ein arbeitender Ehepartner muss sich nicht beurlauben lassen, um Haushalt und Kinder zu versorgen. Über Art und Umfang der Hilfe bestimmen allerdings die Krankenkassen. So gilt die Unterstützung nicht für Wochenenden, was etwa alleinerziehende Mütter, die mit Krebs im Krankenhaus liegen, vor große Probleme stellt. Sie müssen sich an Notmütterdienste oder an das Jugendamt wenden, die beide ebenfalls Haushaltshilfen stellen. Bei einer Reha-Behandlung dürfen Kinder unter zwölf oft mit in die Klinik. Auch die Selbsthilfegruppen werden allmählich familienfreundlicher, da die psychischen Probleme von Kindern krebskranker Eltern stärker ins Blickfeld geraten.

Wie geht es im Beruf weiter?

Die Diagnose trifft viele Menschen mitten im Arbeitsleben. Etwa jeder achte krankheitsbedingte Berufsaussteiger ist heute ein Krebspatient. Bis zu sechs Wochen wird ein krankheitsbedingter Ausfall mit den vollen Bezügen vergütet. Danach steht jedem gesetzlich Versicherten Krankengeld zu, sofern dieser nicht eine andere Lohnersatzleistung wie beispielsweise Elterngeld bezieht.

Krankengeld (70 Prozent des Bruttolohns) wird höchstens 78 Wochen lang während drei Jahren gezahlt. Dabei gilt der Grundsatz "Reha vor Rente". Dementsprechend wird der Wiedereinstieg in den Beruf gefördert - etwa durch Reha-Maßnahmen. Während der Kur erhalten Patienten Übergangsgeld. Allerdings wird sowohl die Reha-Zeit mit Übergangsgeld als auch die Zeit der Lohnfortzahlung von den 78 Wochen des Krankengeldanspruchs abgezogen.

Aus SPIEGEL WISSEN 3/2014

Das deutschlandweit geltende "Hamburger Modell" sieht eine stufenweise Wiedereingliederung in den Job vor, während der das Krankengeld weiter gezahlt wird. Das nimmt Druck von Arbeitnehmer wie Arbeitgeber, zumal beide die Maßnahme jederzeit abbrechen können. Wie lange ein Arbeitgeber den Arbeitsplatz frei hält oder nur vertretend besetzt, ist vor allem von der Personaldichte in einer Firma abhängig. Eine personenbedingte Kündigung wegen Krankheit muss mit erheblichen Beeinträchtigungen betrieblicher Interessen begründet werden.

Enden die Krankengeldzahlungen, ohne dass der Patient genesen ist, wird dieser (vorläufig) verrentet. Entscheidend für den Rentenanspruch ist das individuelle "Restleistungsvermögen", das der Arzt bescheinigt. Liegt es unter drei Arbeitsstunden am Tag, erhält man die volle, bei drei bis sechs Stunden die halbe Rente.

Was bezahlt der Patient selbst?

Ein Krebsleiden bringt auch für gesetzlich Versicherte erhebliche Kosten mit sich. Zu vielen Leistungen muss der Patient zuzahlen: zu den Medikamenten, zu Hilfsmitteln wie Prothesen oder Rollstühlen, zu Fahrtkosten aufgrund stationärer Behandlung, zur Krankengymnastik, zu Haushaltshilfen, zur ambulanten Pflege oder zum behindertengerechten Umbau der Wohnung. Hinzu kommen Beteiligungen an den Krankenhaus- und Reha-Kosten (zehn Euro pro Tag für maximal 28 Tage im Jahr). Solche Zuzahlungen addieren sich im Laufe einer Krebserkrankung auf einschneidende Summen, die aber jährlich auf zwei Prozent des Familienbruttoeinkommens begrenzt sind. Unbedingt Quittungen aller Behandlungen (nicht nur den Krebs betreffend) aufbewahren! Bei Krebs wird die Belastungsgrenze häufig auf ein Prozent gesenkt, wenn die Erkrankung als chronisch eingestuft wird.Privatversicherte müssen sich bei ihrer Krankenkasse erkundigen, welche Kosten übernommen werden.

Sollten die finanziellen Belastungen nicht zu stemmen sein, besteht Anspruch auf Sozialhilfe. Außerdem gewähren gemeinnützige Fonds einmalige Zuschüsse, wie etwa der Härtefonds der Deutschen Krebshilfe.

Hinweis:

Dieser Überblick ersetzt keine persönliche Beratung. Betroffene sollten sich an die Sozialdienste in den Krankenhäusern, an die Landeskrebsgesellschaften oder an die Deutsche Krebshilfe wenden. Empfehlenswert sind auch der Krebsinformationsdienst in Heidelberg  oder die "Sozialen Informationen" des Bundesverbands "Frauenselbsthilfe nach Krebs".

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