Der SPIEGEL

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20. August 2013, 00:00 Uhr

Das Ich

Das Seelenorchester

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Optimismus lässt sich trainieren. Mit positivem Denken allein ist es aber nicht getan.

Die erstaunliche Erfolgsgeschichte geht so: Ein junger Amerikaner schlägt sich als Vertreter für Speck, Seife und Lastwagen durch. Eigentlich will er Abendkurse geben, doch zwei Universitäten lehnen seine Bewerbungen ab. Schließlich bietet er in New York im Christlichen Verein Junger Menschen Seminare in freier Rede an und versucht dabei auch, den Teilnehmern eine positive Lebenseinstellung zu vermitteln.

Der Mann nennt sich Dale Carnegie, und sein Unterricht kommt an. Carnegies Lehrgänge sind außerordentlich populär. Er schreibt Bücher, die weltweit riesige Auflagen erzielen, darunter die Titel "Wie man Freunde gewinnt" und "Sorge dich nicht, lebe!" Noch heute, fast sechs Jahrzehnte nach seinem Tod, werden Trainings nach seiner Methode angeboten.

"Jeder ist seines Glückes Schmied", lautet sinngemäß eine von Carnegies zentralen Aussagen - schlicht, aber verheißungsvoll. Seinen Lesern versprach er ein erfolgreiches, glückliches Leben durch positives Denken. Doch wie genau soll das funktionieren? Kann aus einem Trauerkloß ein Optimist werden - wie der lebensfrohe Bär Balu aus dem "Dschungelbuch"?

Tatsächlich belegen wissenschaftliche Studien, dass man die Gute-Laune-Fähigkeit trainieren kann. "Don't Worry, Be Happy", singt Bobby McFerrin in seinem Hit. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Die Mannheimer Psychologin Doris Wolf wirbt für Realismus: "Gesundes Denken bedeutet nicht einfach positives Denken." Bei Scheidung, Jobverlust oder einer ernsten Krankheitsdiagnose sei es angemessen, traurig oder beunruhigt zu sein. Wer allerdings alles schwarz sieht, so Wolf, "hat Angst, Trauer und Wut als Begleiter".

In ihrem Buch "Gefühle verstehen, Probleme bewältigen" beschreibt Wolf, wie sich negative Gefühle durch Veränderung tief verwurzelter Glaubenssätze überwinden lassen.

"Grübeln ist ungesund"

Die erfahrene Therapeutin empfiehlt, bei übertrieben trüber Sichtweise bewusst gegenzusteuern. "Grübeln ist ungesund. Man bleibt dabei stehen, sich zum Teil unrealistische Gefahren auszumalen." Die Folge: Sorgen, quälende Selbstgespräche und die Fixierung auf Misserfolg und Mangel verengen den Blick und lähmen die Tatkraft.

Wolf und ihr Mann Rolf Merkle, ebenfalls Psychologe, verwenden in ihren Beratungen Übungen und Vorstellungsbilder, die auf Gedanken und Gefühle wirken und schließlich zu einer veränderten inneren Haltung führen können. Etwa bei ihrem Klienten Matthias, einem Versicherungsmakler, der lernen wollte, mit Desinteresse und Absagen von Kunden besser umzugehen.

In den Therapiesitzungen übte er, sei-ne negativen Selbstgespräche ("Bestimmt wird der nächste Kunde mir auch eine Abfuhr erteilen") durch realistische Gedanken zu ersetzen: "Ich weiß, dass nur ein gewisser Prozentsatz von Kunden eine Versicherung abschließt. Das heißt nicht, dass ich ein schlechter Verkäufer bin. Ich werde jetzt den nächsten Kunden anrufen. Ich werde weitere Abschlüsse tätigen, wenn nicht heute, dann morgen."

Natürlich kontrolliere man auch dadurch nicht, was einem im Leben widerfährt, sagt Wolf, "aber ich bestimme, wie ich auf andere und auf die Umstände reagiere und wie ich mit ihnen umgehe". Die passenden Übungen und Bilder müssen von Klient zu Klient individuell gefunden werden. Außerdem gehört dazu, sich seinen Ängsten zu stellen, Passivität zu überwinden und neues Denken und Handeln einzuüben.

Typische Optimismus-Killer erkennen und meiden

Zudem gilt es, typische Optimismus-Killer zu erkennen und zu meiden: Perfektionsansprüche, Angst vor Scheitern, dauerndes Konkurrenzverhalten. Positiver und gelassener sind Menschen, die ihre Gefühle bewusst wahrnehmen, sich und anderen vergeben können, nach außen und nach innen freundlich bleiben und sich regelmäßig Muße gönnen.

Das erfordert einiges an Aufmerksamkeit, Selbstbeobachtung und Ausdauer. Unser durch Urteile und Überzeugungen geprägtes Denken beeinflusst unsere Gefühle. Und dabei wirkt ganz entscheidend unser Unbewusstes mit. Die destruktiven, manchmal regelrecht selbstzerstörerischen Programme, die dort ablaufen, sind häufig in der Kindheit entstanden und haben negatives, starres Denken und Verhalten im Erwachsenenalter zur Folge.

Doch das Gehirn lernt immer, es kann sich sogar selbst neu programmieren. Schlechte Erfahrungen und Defizite aus der Kindheit können quasi überschrieben und so ausgeglichen werden. Im geschützten Rahmen einer Therapie oder Beratung sind Erwachsene durchaus fähig, sich positiv zu justieren und eine "stabile Selbstkompetenz zu entwickeln", sagt der Motivations- und Persönlichkeitsforscher Julius Kuhl von der Universität Osnabrück. Dabei muss aber das Unbewusste mit angesprochen werden.

Für Kuhl ist der Charakter eines Menschen wie ein Orchester. "Ich interessiere mich nicht für einzelne Streicher, sondern für das Zusammenspiel. Nur darüber kann ich die Selbststeuerung eines Menschen optimieren." Kuhl, der mit der Psychologin Maja Storch das Buch "Die Kraft aus dem Selbst" verfasst hat, bezieht sich darin auf den Neurowissenschaftler António Damásio, der zwischen dem Ich und dem Selbst unterscheidet.

Im Gegensatz zum Alltags-Ich, das Dinge wie Tanzen oder Zähneputzen steuert, verfügt das Kern-Selbst über ein enormes Erfahrungsnetzwerk, einen unverwechselbaren "Grundton" und tritt in dynamische Beziehung zu Dingen und Menschen. Will jemand sein Denken dauerhaft positiv umlenken, so Kuhl, muss dieses Kern-Selbst miteinbezogen werden.

Die bewusste Charakterbildung ist ein komplexer Prozess

In dem Osnabrücker Institut für Motivations- und Persönlichkeitsentwicklung bietet Kuhl Seminare an, in denen Menschen lernen, positiver und optimistischer zu leben - ohne schmerzhafte Erfahrungen beschönigen oder leugnen zu müssen, wie Kuhl betont.

So wird auch vermieden, dass ein verengtes Streben nach Glück, Erfolg und Gesundheit zu lieblosem Verhalten gegenüber anderen Menschen führt, die von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurden.

Kuhl erklärt, warum die bewusste Charakterbildung ein komplexer Prozess ist: Ein gut differenziertes Selbst sei sich seiner Bedürfnisse bewusst, sei nicht Sklave seiner Emotionen, sondern reagiere mit wachsamer Aufmerksamkeit. Zu den Werkzeugen, die das Unbewusste trainieren, gehören Methoden des "Zürcher Ressourcen Modells". Dieses Selbstmanagement-Training beruht auf neurowissenschaftlichen Erkenntnissen und arbeitet mit inneren Bildern sowie Techniken der Hypnotherapie, bei der Trance und Suggestionen eine wichtige Rolle spielen.

Bilder, so Kuhl, koordinieren Verstand, Gefühl und Unbewusstes. Eine bildhafte Zielvision kann lauten: "Ich bin vergnügt wie der Bär Balu und genieße das Leben in vollen Zügen." Natürlich geht das nicht im Handumdrehen - doch Wissenschaftler bestätigen, dass Bilder und Vorstellungen das Gehirn nahezu in demselben Maße formen wie Ereignisse. Und so ist es gut möglich, dass man schon bald gutgelaunt singt: "Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und Gemütlichkeit ..."

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