Social Design Award Übergang in eine bessere Welt

Mit Hand, Herz und Verstand: Gemeinschaftsgärtner und andere Aktivisten verwurzeln in Berlin die Transition-Bewegung. Sie fordern eine nachhaltige Gesellschaft. Ein Besuch im "Baumhaus".

"Baumhaus" Berlin
Hannes Jung/DER SPIEGEL

"Baumhaus" Berlin

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Maike Majewski macht Mittag. Sie verzehrt türkisches Backwerk an einem Holztisch in einer großen, lichtdurchfluteten Ladenwohnung in Berlin-Wedding. Der Laden heißt "Baumhaus", im Hintergrund tönt aus der Musikanlage ein alter Song von Bob Marley: "Get up, stand up, stand up for your rights."

Genau das - aufstehen, sich erheben, für ihre Rechte einstehen - tut Majewski schon seit etlichen Jahren, als lokale Aktivistin in der weltweiten Transition-Bewegung. "Ich hatte es satt, immer nur gegen etwas zu sein", erinnert sie sich. Es sei offensichtlich, dass der Raubbau der Menschen an der Natur keine Zukunft habe. Daraus hätten sich für sie existenzielle Fragen ergeben: "Wie kann weniger mehr sein? Wie sieht ein wirklich gutes Leben aus?"

Der Übergang

Transition kommt aus dem Englischen und heißt Übergang, so viel ist klar. Aber worum genau geht es dieser ursprünglich britischen Bewegung, die in den vergangenen Jahren auch in Deutschland Fuß gefasst hat? Welcher Übergang ist gemeint?

Wenn Maike Majewski es simpel ausdrücken will, sagt sie, dass sie und ihre Mitstreiter den Übergang von einer Gesellschaft, die vollständig von fossiler Energie abhängig ist, zu einer Welt vorantreiben wollen, die über eine nachhaltige Energieverwendung und Wirtschaft verfügt.

Wenn sie etwas pathetisch werden will, sagt die 44 Jahre alte Aktivistin es so: "Hand, Herz und Verstand müssen zusammenwirken. Es geht darum, zu verstehen, zu handeln und zueinanderzukommen."

Aus SPIEGEL WISSEN 2/2017

Konkret sieht das dann so aus: Ein paar Straßen vom "Baumhaus" entfernt, ebenfalls im Berliner Wedding, steht Felix Lodes unter freiem Himmel an einer Kreissäge und schneidet Bretter für Hochbeete. "Himmelbeet" heißt der 2012 gegründete interkulturelle Gemeinschaftsgarten auf dem landeseigenen Grundstück, dessen Geschäftsführer Lodes ist. Rund 300 Hochbeete, jedes etwa so groß wie ein Einzelbett, sind im Garten aufgestellt, 120 sind Gemeinschaftsbeete, 170 Pachtbeete. Pro Saison kostet ein Beet 60 Euro Pacht, inklusive Wasser und gärtnerischer Beratung. Die Pächter verpflichten sich allerdings auch, zehn Stunden Arbeit für die Gemeinschaft zu leisten. Da es dreimal mehr Bewerber gibt als verfügbare Beete, werden diese verlost.

"Das Soziale ist hier fast wichtiger als das Ökologische", sagt Felix Lodes. Mit dem Inter- und Multikulturellen könnte es allerdings noch deutlich besser werden, biodeutsche Akademiker in ihren Dreißigern mit Kindern sind deutlich überproportional vertreten. Davon unbenommen gilt "Himmelbeet" als Erfolgsprojekt und Beispiel.

Die "Himmelbeet"-Aktivisten

Mit dem aus hölzernen Europaletten gebauten Caféhaus haben die "Himmelbeet"-Aktivisten einen Architekturpreis gewonnen. Für eine große Wohnungsbaugesellschaft haben sie Gemeinschaftsgärten eingerichtet. Der Bedarf nach urbanem Grün ist in Berlin groß, aber der Bauboom und die überhöhten Grundstückspreise verhindern, dass neue Gärten entstehen.

Irgendwie werde es trotzdem weitergehen, meint Lodes. Der optimistische Aktivist verkörpert jene Merkmale, welche die Transition-Bewegung sympathisch und attraktiv machen: Es geht nicht um technische Lösungen für Umweltprobleme, sondern immer auch um die soziale Komponente. Nur mit Kooperation, so denken die Transition-Anhänger, lassen sich die globalen Umweltprobleme angehen - und vielleicht sogar lösen.

Karen Wohlert und Scott Bolden
Hannes Jung/DER SPIEGEL

Karen Wohlert und Scott Bolden

In Deutschland arbeiten Transition-Initiativen an so unterschiedlichen Orten wie Bielefeld, Essen, Dresden, Hannover, Witzenhausen oder Emskirchen. Laut Website des Transition-Netzwerks gibt es in Deutschland 147 Initiativen in 136 Kommunen.

Als Maike Majewski im Jahr 2009 aus England nach Berlin kam, hatten sich in der deutschen Hauptstadt schon ein paar Transition-Initiativen zusammengetan. Sie schloss sich einer Gruppe in Friedrichshain-Kreuzberg an, aber da es ihr auf die Dauer zu lästig war, immer 40 Minuten zu den Treffen zu radeln, gründete sie eine eigene Initiative in ihrem Heimatbezirk Pankow.

Ihr gefiel von Anfang an die pragmatische Tatkraft der Transition-Bewegung. "Es geht nicht nur um die Kraft der Ideen", meint sie, "sondern auch um die Ausstrahlung des Tuns." Majewski lebt in einem Mietshaus, mit normalen Ostberlinern in Pankow. Sie hat dort die Idee des Foodsharing propagiert, inzwischen geben die Hausbewohner Lebensmittel weiter, bevor sie schlecht werden. Und sie laden sich gegenseitig zum Essen ein.

Es gibt, so viel ist für Maike Majewski klar, kein gutes Leben ohne Gemeinschaft. Karen Wohlert, 32, hat sich zu Maike gesellt. Sie hat die große "Baumhaus"-Ladenwohnung gemietet, die zu einem wichtigen Treffpunkt für Transition-Aktivisten im Norden Berlins geworden ist. Wohlert wuchs in Lüneburg auf, stieß dort zur Anti-Atom-Bewegung und war bei den Blockaden der Castor-Atommüll-Transporte nach Gorleben dabei. In Berlin zog sie in eine Wohngemeinschaft, und nachdem die sich mehr und mehr zu einem Treffpunkt für Ökoaktivisten entwickelt hatte, wurde der Laden angemietet.

An dem "Ort für Weltverbesser(*)innen" treffen sich verschiedene Gruppen: Klimaaktivisten, aber auch Lyriker. Etwa die Hälfte der Besucher kommt aus der Nachbarschaft, die andere Hälfte aus dem Rest der Stadt. Bei Veranstaltungen sprechen bis zu 40 Prozent der Besucher kein Deutsch. Also wird viel Englisch geredet.

Auch Scott Bolden, 49, der Lebensgefährte von Karen Wohlert, spricht nur ungern Deutsch, obwohl er schon 2010 von New York nach Berlin gekommen ist. Nicht ohne Stolz gibt er eine kleine Führung durch das "Baumhaus". Die Küche mit der Bar davor ist fast fertig. Im Badezimmer hat ein syrischer Flüchtling Fliesen verlegt - die aus dem Stadtbad gegenüber stammen, das abgerissen wurde. Ganz hinten liegt eine Tischlerwerkstatt, die in einen Seminarraum umgebaut werden soll.

Bauen im "Baumhaus" Berlin
Hannes Jung/DER SPIEGEL

Bauen im "Baumhaus" Berlin

Die Transition-Bewegung zeigt auch, dass die deutsche Ökoszene zunehmend unter anglo-amerikanischem Einfluss steht. Jungen Leuten, die etwas für die Rettung des Planeten tun wollen, erschließt sich der Charme des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland und anderer etablierter deutscher Ökogruppen offenbar nur bedingt. Sie wenden sich gern Initiativen und Ideen zu, die aus England oder den USA importiert wurden, auch wenn diese Länder in vielen Fragen des Umweltschutzes um Jahre hinter Deutschland herhinken.

Die "Permant Culture"

Initiator der Transition-Bewegung ist Rob Hopkins, ein ausgesprochen humorvoller Sozialwissenschaftler, der in Südengland lebt und lehrt. "Er ist unser Aushängeschild", sagt Maike Majewski, "er bringt unsere Ideen gut rüber." Den Begriff Nachhaltigkeit findet Hopkins schon lange abgedroschen. Er spricht gern von "resilience". Resilienz heißt so viel wie Widerstandskraft und die Fähigkeit, Krisen unbeschadet zu überstehen.

Der 1968 in London geborene Hopkins beschäftigte sich mit den Ideen und Konzepten der Permakultur, naturnaher Bewirtschaftung in der Landwirtschaft, die australische Ökovordenker als "permanent culture" schon seit den Siebzigerjahren propagierten. Und Hopkins konnte nicht nachvollziehen, wie Politiker und Wirtschaftsmanager die Tatsache, dass die Erdölvorräte über kurz oder lang versiegen werden, ignorieren und das Risiko eines wirtschaftlichen und sozialen Kollapses in Kauf nehmen konnten.

Als Hopkins in Kinsale, einer Kommune in der Grafschaft Cork im Südwesten Irlands, am örtlichen College "Ökologisches Bauen" lehrte, entwickelte er 2005 zusammen mit seinen Studenten den ersten Transition-Plan für das Städtchen. Zunächst ging es ums Energiesparen, um eine gründliche Energie- und Kulturwende. Der Stadtrat machte sich das Konzept zu eigen, und nachdem Hopkins 2006 ins englische Totnes gezogen war, gab er keine Ruhe, bis auch dort ein Transition-Town-Plan aufgestellt war.

Totnes - ein idyllisches 8000-Seelenstädtchen - ist heute so etwas wie die heimliche Hauptstadt der Transition-Bewegung. Zumindest residiert in Totnes das Transition Network, dessen Mitarbeiter versuchen, einen Überblick darüber zu behalten, wo in aller Welt Gruppen agieren, die sich Transition-Initiativen nennen, und was sie so treiben. Inzwischen gibt es in über 40 Ländern Transition-Initiativen, zwischen 3000 und 4000 Gruppen sollen aktiv sein, doch genau weiß das niemand.

Produktive Diversität ohne Hierarchien

Die Stärke der Transition-Gruppen und ihrer Projekte liegt genau in dieser Kleinteiligkeit und in ihrer dezentralen Struktur; ihre Mitglieder finden Lösungen, die auf die Bedingungen vor Ort zugeschnitten sind. Diese fallen naturgemäß sehr unterschiedlich aus, je nachdem, ob ein Projekt in Brasilien entwickelt wird, in Berlin oder in Frankreich.

Die produktive Diversität eines Netzwerks ohne Hierarchien und Führungsfiguren ist gleichzeitig die Schwäche der Transition-Bewegung. Sie begrenzt die Möglichkeiten, große Kampagnen zu lancieren, sie beschränkt den politischen Einfluss und die Möglichkeiten, ökologisch notwendige Reformen auf staatlicher Ebene durchzusetzen.

Von den drei Sphären ökologischer Intervention - global, national, lokal - haben sich die Transition-Initiativen konsequent für die lokale entschieden. Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat die Transition-Bewegung als "stark praxisorientierte Bewegung" charakterisiert, "die nicht diskursiv zu Änderungen kommen will, sondern danach sucht, wo der eigene Handlungsrahmen ist". Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler pries Transition-Projekte "als wunderbare Kombination aus lokalem bürgerschaftlichem Engagement und einem weltumspannenden Netzwerk".

Im "Baumhaus" sind mittlerweile an die 15 Menschen versammelt; die meisten sind Aktivistinnen des "Real Junk Food Project Berlin". Sie haben Kisten mit Lebensmitteln hereingetragen, Vollkornbrote und Gemüse. Es handelt sich um Waren, die von einem nahe gelegenen Bioladen nicht mehr verkauft werden können. Die Aktivistinnen kochen heute Abend im "Baumhaus" - ihr sehr praxisorientiertes Motto lautet "feed bellies, not bins" (füllt Bäuche, nicht Mülltonnen).

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